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„Ketten der Ungerechtigkeit zersprengen“ #

In Österreichs erster Volksvertretung nach der Märzrevolution 1848 war er mit Hans Kudlich der wichtigste Sprecher der Linken. Eine Erinnerung zum 200. Geburtstag des revolutionären Demokraten und „Hochverräters“ Ernst Franz Salvator (von) Violand. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 22. Februar 2018

Von

Wolfgang Häusler


Die Reichstagskammer
Die Reichstagskammer in Wien . Farblithographie von J. F. Sandmann. Um 1850.
Foto: © IMAGNO/Austrian Archives

Revolution 1848. Im Revolutionsjahr 1848 tagte der erste Reichstag der Monarchie in der Spanischen Hofreitschule (Bild rechts). Ernst F. S. Violand wurde vom Wahlkreis Korneuburg in Österreichs erstes Parlament gewählt. Dort kämpfte er etwa gegen Adelsvorrechte und -titel und vertrat die entschädigungslose Aufhebung der Feudallasten.

Am 20. Februar 1818 wurde dem k.k. Wegmeister und Straßenbau-Inspizienten Franz von Violand in Wolkersdorf an der Brünner Straße ein Sohn geboren. Der Urgroßvater war ein Kaufmann aus Savoyen, 1766 in den erblichen Reichsritterstand erhoben, ein bürgerlicher Aufsteiger der maria-theresianischen Zeit.

Das Zeitalter der Reaktion geriet zum Vormärz, die Inkubationszeit der Revolution. Die junge Juristengeneration rebellierte gegen den Beamtenstatus als „Büroschreibmaschinen“ gegenüber „gehorsamen, katzenbuckelnden, schweigsamen Untertanen“, im Dienste feudal-bürokratischer Herrschaftsstrukturen. Der Jurist Ernst Franz Salvator (von) Violand brachte es zum unbesoldeten Praktikanten beim NÖ Landrecht, dem Sondergerichtshof der Aristokratie, und Privatdozenten. Am 13. März 1848 war er unter den Demonstranten in der Herrengasse. Es war die Stunde der „Doktoren der Revolution“ (Heinrich Heine). Mediziner standen an der Spitze der Bewegung – wie etwa Adolf Fischhof, der im Hof des Niederösterreichischen Landhauses die erste politische Rede hielt und Pressefreiheit forderte.

Teil der revolutionären Intelligenz #

Die revolutionäre Intelligenz formierte sich in der Akademischen Legion, ferner im Demokratischen Verein. Hier begegnete Violand dem 25-jährigen Philosophen Hermann Jellinek, der für seine Zeitungsartikel im Radikalen mit dem Aufruf zum Widerstand gegen die kaiserlichen Truppen im November 1848 kriegsrechtlich erschossen wurde, nicht zuletzt wegen seiner jüdischen Herkunft. Der Publizist Andreas Freiherr von Stifft d. J., dem Marx 1849 schrieb, er hoffe mit ihm noch „in einem deutschen Convent zu sitzen“, war sein Kollege. Violand war in allen politischen Körperschaften des Sturmjahrs aktiv, er gehörte dem politischen Zentralkomitee der Nationalgarde an. Die Revolution rückte vom liberalen Kompromiss der „demokratischen Monarchie“ nach links. Mit dem verfassungsgebenden Reichstag nach den Barrikadentagen des Mai standen die Bauernbefreiung von den Feudallasten und die soziale Frage der unterbürgerlichen Schichten auf der Tagesordnung. Sicherheitsausschuss und Ministerium proklamierten das Recht auf Arbeit, um die soziale Unruhe zu dämpfen. Violand wurde vom Wahlkreis Korneuburg in Österreichs erstes Parlament gewählt, wo er mit seinem Freund, dem jüngsten Abgeordneten Hans Kudlich, der wichtigste Sprecher der Linken wurde.

Im Reichstag kämpfte Violand gegen Adelsvorrechte und -titel; das „von“ in seinem Namen legte er ab. Die Reichstagslinke verweigerte das Dankesvotum an Radetzky, in der Erkenntnis der gegenrevolutionären Rolle des Militärs. Den revolutionären Prozess beschleunigte die Verbindung von Demokratie und Arbeiterbewegung – ein neuer Begriff taucht auf: „soziale Demokratie“ als politisches Mittel und Ziel. In der Grundentlastungsfrage vertrat Violand die entschädigungslose Aufhebung der Feudallasten: „Wir Kinder der Revolution müssen rasch, kühn und ohne Grübeln die Ketten der Ungerechtigkeit, des Faustrechts, der Sklaverei zersprengen. (…) Ich will bauen und aufbauen das Gebäude der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, das Gebäude der demokratischen Freiheit.“ Die Agrarfrage wurde mit einem Kompromiss gelöst; die Bauern hatten Entschädigung an die Grundherren zu leisten. Die Demokraten konnten ferner nicht verhindern, dass das ruhebedürftige Bürgertum sich gegen die protestierende Arbeiterschaft stellte, die bei Notstandsarbeiten notdürftig versorgt wurde. Die blutige Praterschlacht vom 23. August wurde so auch zu einer Niederlage der Demokratie. Im Demokratischen Verein sprach der Chefredakteur der Neuen Rheinischen Zeitung, Karl Marx, aus, dass es sich wie in Paris nun auch in Wien um den „Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat“ handle.

Die Schwächung der revolutionären Front gab dem Hof und dem Militär Gelegenheit zur Gegenrevolution, die sich im ungarisch-kroatischen Konfl ikt gegen Wien wandte. Violand suchte mit Kudlich in der „neuen Revolution“ des Oktober Beistand für Wien bei der Bauernschaft, vergeblich. Die Truppen von Windischgrätz und des Kroatenbanus Jelacˇi´c unterwarfen Wien in blutigem Kampf, die bezwungene Stadt wurde unter Kriegsrecht gestellt, von Kasernen und dem Arsenal umstellt.

Ernst Franz Salvator von Violand
Ernst Franz Salvator von Violand, Lithographie von Eduard Kaiser, 1848.
Aus: Wikicommons, unter PD

Das Nachspiel des Parlamentarismus im mährischen Städtchen Kremsier sah Violand tätig im Verfassungsausschuss – es gelang aufgrund eines Kompromisses zwischen Deutschen und Tschechen, wenn auch nicht das Prinzip der Volkssouveränität, so doch einen fortschrittlichen Grundrechtekatalog durchzusetzen. Das Staatsgrundgesetz der Dezember-Verfassung von 1867, danach die Republik 1920 rezipierten weitgehend dieses Programm – Erbe der demokratischen Revolution – bis heute.

Nachgesendete Todesurteile #

Nach der Sprengung des Reichstags mussten die Abgeordneten der Linken ihre Heimat verlassen; die politische Justiz der Reaktion sendete ihnen Todesurteile für ihren „Hochverrat“ nach: vertriebene Vernunft. Für Violand lautete 1856 die Begründung für den Tod durch den Strang: „Aufwiegelung zum Sturz der konstitutionellen Monarchie und Einführung der Republik“ – in Wahrheit war es der Neoabsolutismus, der den Konstitutionalismus über Bord geworfen hatte und autoritär regierte. Violand machte noch in Hamburg und Kiel Station, ehe er 1850 in die USA emigrierte, wo er sich als Zigarrenfabrikant durchbrachte. Er blieb politisch aktiv, auch wie so viele deutsche Achtundvierziger im Sezessionskrieg, und starb 1875 in Peoria, Illinois, „noch im kräftigen Mannesalter, an den Folgen von Überarbeitung und Nahrungssorgen“.

„Sonne der wahren Völkerfreiheit“ #

Vor seinem Abschied von Europa hatte er die „Soziale Geschichte der Revolution in Österreich“ (1850) verfasst, sein politisches Vermächtnis. Violands Analyse leitet sich von Lorenz Steins Schriften zum frühen Sozialismus und Kommunismus Frankreichs ab, mit der Londoner Emigration um Marx stand er in Verbindung.

„Das Bestreben der sogenannten sozialen Demokraten“ gehe dahin, meinte Violand mit Marx, „mittelst einer Diktatur jedes Privilegium abzuschaffen und (…) die die Arbeit beherrschende Macht des Kapitals zu brechen.“ In einer unausweichlichen neuen Revolution werde „der eiserne Reif, welcher um die österreichischen Länder geschmiedet ist, zersprungen sein, und sie werden auseinander und dorthin fallen, wohin sie das Interesse, die Sympathie, die Nationalität, die Freiheit ruft.“ Sein Porträt, das ihn auf dem Höhepunkt seines politischen Wirkens als Reichstagsabgeordneter in der Uniform der Nationalgarde zeigt, signierte Violand mit dem Satz: „Die Demokraten der Gegenwart können fallen, aber die Sonne der wahren Völkerfreiheit wird auf ihre Leichenhügel strahlen.“

Nur mit großer Mühe konnte in seinem Geburtsort Wolkersdorf 2007 gegen konservativen Widerstand die Benennung einer kleinen Gasse durchgesetzt werden. Als Vorkämpfer der Demokratie verdient Violand wie viele seiner politischen Freunde ehrenvolle Erinnerung in der demokratischen Republik Österreich.


Buchcover

Ideen können nicht erschossen werden. Revolution und Demokratie in Österreich 1789 – 1848 – 1918.

Von Wolfgang Häusler.

Molden 2017.

272 Seiten, geb.,

€29,90

DIE FURCHE, 22. Februar 2018