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Das Wunder von Lake Success#

Die Teilung Palästinas und die Schaffung des Judenstaates vor 70 Jahren.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Mittwoch, 29. November 2017

Von

Fritz Rubin-Bittmann


14. Mai 1948: David Ben Gurion (M.) ruft den souveränen Staat Israel aus (im Hintergrund ein Porträt Theodor Herzls)
14. Mai 1948: David Ben Gurion (M.) ruft den souveränen Staat Israel aus (im Hintergrund ein Porträt Theodor Herzls).
Foto: © afp

Lake Success ("See des Erfolges") ist ein Ort auf Long Island bei New York und war von 1946 bis 1951 provisorischer Sitz der UNO-Vollversammlung. Vor 70 Jahren, am 29. November 1947 stand auf deren Tagesordnung der Teilungsplan für das unter britischem Mandat stehende Rest-Territorium Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Das von Palästina abgetrennte Transjordanien (heute Jordanien) war bereits seit 1922 ein arabischer Staat. Der Teilungsplan sollte den Konflikt zwischen Arabern und Juden im britischen Mandatsgebiet beenden und zu einer friedlichen und demokratischen Lösung führen.

Tage der Ungewissheit über den Ausgang des Beschlusses gingen dem 29. November 1947 voraus. Es schien, dass der massive Widerstand arabischer Staaten und auch der britischen Kolonialmacht die Zweistaatenlösung verhindern würde. Dennoch wurde die Teilung Palästinas beschlossen. 33 Staaten stimmten für die UNO-Resolution 181, darunter die USA und die UdSSR; 13 Staaten stimmten dagegen, vorwiegend die arabischen UNO-Mitgliedstaaten und Griechenland; 10 Staaten enthielten sich der Stimme, darunter Großbritannien und Äthiopien. Auf arabischer Seite wurde der Teilungsplan vehement abgelehnt, die Gesamtheit der jüdische Einwohner des damaligen Palästina stimmte zu.

Die Grundlage für den Beschluss zur Staatsgründung war die bereits vorher von 50 Staaten ratifizierte Balfour-Deklaration. Diese umfasst 67 Worte eines Briefes, den der damalige britische Außenminister Arthur James Balfour am 2. November 1917 an Lord Lionel Walter Rothschild schickte. Inhalt dieses Schreibens war die historische Erklärung, dass sich die britische Regierung für die Errichtung einer nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina einsetzen werde. Dies war auch der Auftrag an die Briten, als ihnen der Völkerbund 1920 das Mandat für die osmanische Provinz zwischen Jordan und Mittelmeerküste übergab. Die Balfour-Deklaration fußte auf dem Programm des von Theodor Herzl einberufenen Zionisten-Kongresses in Basel (1897), der bereits einen jüdischen Staat gefordert hatte. Die Balfour-Deklaration hatte also eine lange Vorgeschichte und war das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, der bereits lange vor der Entstehung der zionistischen Organisation seinen Anfang genommen hatte.

Vom "Land der Juden" zum "Land der Philister"#

Palästina bedeutet "Land der Philister". Die Philister waren ein Seefahrer-Volk, das einen schmalen Küstenstreifen südlich von Jaffa besiedelte. In der Bibel wurde das den Juden von Gott verheißene Gebiet Kanaan beziehungsweise Eretz Israel genannt. Im Buch Joshua wird ausführlich über die Besitznahme des "Gelobten Landes" durch die zwölf Stämme Israels berichtet. In der Antike war die Bezeichnung Judäa ("Land der Juden") üblich. Die Juden erhoben sich gegen das römische Imperium, Titus zerstörte Jerusalem, und nach dem Bar-Kochba-Aufstand wurde strafweise das gesamte Gebiet in Palästina umbenannt, um den Namen Judäa historisch auszulöschen. Die meisten Juden zerstreuten sich in der Diaspora, eine Minderheit blieb jedoch im "Heiligen Land".

In den Gebeten und Riten der Juden war etwa 2000 Jahre lang die Rückkehr dorthin stets lebendig. Die Osmanen-Herrscher förderten sogar die Besiedelung Galiläas durch Juden. Bedingt durch Judenhass, antisemitische Gesetze, Verfolgungen und Pogrome im zaristischen Russland kam es im 19. Jahrhundert zu mehreren Einwanderungswellen von Juden.

Die britische Regierung hatte im Ersten Weltkrieg sowohl Juden als auch Arabern große Versprechungen gemacht, um sich deren Unterstützung gegen die damaligen Mittelmächte (Deutsches Kaiserreich, Habsburger Monarchie) zu sichern. Auch den Arabern war ein unabhängiger Staat versprochen worden. Der Völkerbund hatte ebenfalls auf britischer Initiative hin der Abtrennung Transjordaniens vom eigentlichen Mandatsgebiet zugestimmt.

Während der britische Premierminister Lloyd George und Außenminister Balfour während des Ersten Weltkriegs der Ansicht waren, eine Stärkung der Juden in Palästina diene dem britischen Interesse (vor allem zur Sicherung des Suez-Kanals), änderte sich in den 1920ern die britische Politik zugunsten der Araber. Man vernachlässigte daher die vom Völkerbund geforderte Umsetzung der Balfour-Deklaration, teils wurde sie sogar von Militärs und kolonialen Bürokraten, die den Juden gegenüber negativ eingestellt waren, sabotiert.

Erst Frieden, dann Gewalt zwischen Juden und Arabern#

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war Palästina Teil des Osmanischen Reiches. Etwa 400.000 Menschen lebten in diesem Territorium. Zwischen Juden und Arabern herrschte damals Frieden. Erst in den 1920ern kam es zu schweren Konflikten. Der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, hetzte gegen die Juden, um seinen Machtanspruch über ganz Palästina auszudehnen. Die arabische Parole lautete: "Palästina ist unser Land, und die Juden sind unsere Hunde!"

Der Großmufti ließ arabische Führer, die mit den Juden zusammenarbeiteten, ermorden, er war verantwortlich für Pogrome in Haifa, Jaffa, Jerusalem und Hebron. Zahlreiche Juden wurden vom arabischen Mob abgeschlachtet. Durch den Großmufti verbreitete sich der Judenhass und führte zu zahlreichen Terroranschlägen auf jüdische Siedlungen.

Al-Husseini initiierte 1936 bis 1939 einen Aufstand gegen die Engländer, floh nach Berlin, wurde ein Freund Adolf Hitlers und Heinrich Himmlers, propagierte den Holocaust und stellte mehrere muslimische SS-Divisionen auf, die an der Ermordung von 80.000 Juden beteiligt waren. Gegen die Alliierten in der arabischen Welt intrigierte er und steuerte vom Nazi-Deutschland aus eine Terrorbewegung, die Juden und arabische Gegner in Palästina ermordete. Die britische Regierung setzte eine Kommission unter Lord Peel ein, die bereits 1936 eine Teilung des unter britischer Mandatsverwaltung stehenden Gebietes zwischen Mittelmeer und Jordanien in einen jüdischen und arabischen Staat vorschlug. Den Briten war das arabische Erdöl wichtiger als jüdische Leben.

Mit der UNO-Resolution 181 wurde die lang ersehnte Anerkennung der Rechte des jüdischen Volkes auf einen eigenen Staat bestätigt. Sechs Millionen ermordete Juden in der NS-Zeit hatten die Welt "aus dem Winterschlaf des Gewissens" gerissen, wie es ein Beobachter formulierte. Die Verbrechen der Nazis an den Juden waren für zahlreiche Staaten entscheidend für ihr Ja zum Teilungsplan der UNO trotz heftiger arabischer Gegnerschaft und britischer Hinhaltetaktik.

Für die Annahme des Teilungsbeschlusses war eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig. Die weltpolitische Lage (Kalter Krieg) schien eine solche Resolution nicht zuzulassen. Die UdSSR lehnte außerdem die Teilung ab, da sie seit jeher den Zionismus bekämpfte. Sie beeinflusste gezielt die antijüdische Einstellung der osteuropäischen Staaten.

Obwohl US-Präsident Harry S. Truman und die US-Öffentlichkeit Sympathien für die Errichtung eines jüdischen Staates hatten, war vorerst auch die offizielle Stellungnahme der USA negativ. Wichtige US-Politiker wollten die arabische Seite nicht verärgern und waren wegen des Erdöls an guten Beziehungen interessiert. Außerdem hätte eine Befürwortung der Teilung zu einem Bruch mit Großbritannien geführt, das ja dagegen war. Auch Frankreich wollte sich nicht gegen seine westlichen Verbündeten stellen. Eine Zustimmung zum Teilungsplan wäre eine Brüskierung der Alliierten gewesen. Ein weiteres Argument gegen die Teilung war, dass mit dem Rückzug der englischen Truppen aus Palästina ein Vakuum entstünde, das die Sowjets für sich nutzen könnten.

Unerwartete Kehrtwendung der Sowjets im letzten Moment#

Für die Teilung setzten sich mit vollem Engagement und diplomatischem Geschick Jan Masaryk (Tschechoslowakei), Lester Pearson (Kanada) und Repräsentanten von Australien, Südafrika, Uruguay und Brasilien ein. Knapp vor der Abstimmung revidierte dann die Sowjetunion unerwartet ihre Politik und befürwortete plötzlich mit Vehemenz die Teilung. Dieser Kehrtwendung schlossen sich auch die osteuropäischen Staaten an. Sie argumentierten nun, nach der Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis hätten die Juden einen moralischen und legitimen Anspruch auf eine eigene Heimat.

Die Sowjets warfen den Briten ein imperialistisches Doppelspiel, Heuchelei und Tyrannei vor. Die Zustimmung der UdSSR bewirkte, dass auch die USA nun die Teilung befürworteten - aus Gründen der Moral, Humanität und Gerechtigkeit. Sie wollten nicht hinter den Sowjets zurückstehen. Es war das erste Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des Kalten Krieges, dass UdSSR und USA gemeinsam vorgingen. Auch Frankreich war, dank der Mobilisierung durch Ex-Premier Leon Blum, plötzlich für die Teilung. Und so trat am 29. November 1947 in Lake Success im letzten Moment ein, was niemand für möglich gehalten hatte. Am 14. Mai 1948 proklamierte David Ben Gurion Israels Unabhängigkeit. Damit erfüllte sich das biblische Wort des Propheten Jesaja von der Rückkehr der Juden ins "Heilige Land".

Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 29. November 2017