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Siegesfeiern ohne Publikum#

Kriegsende vor 75 Jahren: Ehemalige Kriegsnationen nutzten Jahrestag für Austausch freundschaftlicher Gesten.#


Von der Wiener Zeitung (9. Mai 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt


Frankreichs Präsident Macron gedachte in Paris der Toten
Frankreichs Präsident Macron gedachte in Paris der Toten.
Foto: reuters/Charles Platiau
Fliegerstaffel über Churchill-Statue in London
Fliegerstaffel über Churchill-Statue in London.
Foto: reuters

Europa gedachte am Freitag des Endes des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Nationalsozialismus vor 75 Jahren. Der Krieg kostete je nach Berechnungen zwischen 55 und 60 Millionen Menschen das Leben.

Wegen des grassierenden Coronavirus fanden die Feiern überall ohne großes Publikum statt.

In Berlin legte die Staatsspitze einen Kranz an der Neuen Wache nieder, in Paris verneigte sich Präsident Emmanuel Macron am Triumphbogen und fachte die Ewige Flamme symbolisch neu an. Queen Elizabeth II., die das Ende des Kriegs als junge Frau miterlebt hat, wandte sich in einer Fernsehrede ans Volk. Im Anschluss waren die Briten aufgerufen, von ihren Haustüren oder Balkonen aus gemeinsam den während des Zweiten Weltkriegs populären Song „We’ll Meet Again“ von Vera Lynn anzustimmen. Straßenfeste und Veteranen-Aufmärsche fanden nicht statt.

„Freundschaft und Dankbarkeit“#

Der Jahrestag wurde von Politikern genutzt, um miteinander in Kontakt zu treten. So hat Kremlchef Wladimir Putin mit Frankreichs Staatschef Macron, der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump telefoniert. „Dieses Jubiläum ist ein gemeinsames Gut unserer Staaten“, hieß es aus dem Kreml. Macron habe in dem Telefonat den Russen die Freundschaft und Dankbarkeit des französischen Volkes ausgesprochen, wurde im Elyseepalast verkündet.

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer war hinsichtlich Russland nicht in uneingeschränkter Feierlaune. Sie zeigte sich zwar offen für eine engere Kooperation. Aber nur bei einer Kehrtwende Moskaus im Ukraine-Konflikt und bei der Massenbeeinflussung durch Fake News.

Zudem übergab Deutschland riesige Datenmengen zu sowjetischen Kriegsgefangenen an Russland. 20.000 Kopien von Unterlagen sollen als erster Teil eines gemeinsamen Projekts an Russland gehen, hieß es bei der Übergabe in Moskau. „Diese Informationen können der Klärung von menschlichen Schicksalen, der wissenschaftlichen Forschung und der Gedenkkultur neue Impulse geben“, so der deutsche Außenminister Heiko Maas. Die Übergabe sei ein sehr wichtiger Schritt in den bilateralen Beziehungen. Bis heute ist das Schicksal von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener ungeklärt.

In Österreich hat man anlässlich des Jahrestags auf Massenveranstaltungen ebenfalls verzichtet und das „Fest der Freude“ komplett ins Internet verlegt. Das Ereignis wurde zum achten Mal vom Mauthausen-Komitee Österreich veranstaltet, in den letzten Jahren ging es auf dem Wiener Heldenplatz über die Bühne.

Die Feierlichkeiten wurden von Grußbotschaften der ehemaligen vier Siegermächte begleitet. US-Präsident Trump und sein russischer Amtskollege Putin meldeten sich per Video persönlich zu Wort. Großbritanniens Außenminister Dominic Raab und Frankreichs Botschafter in Wien sandten Grußbotschaften.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe sich ein Verhältnis zu Europa entwickelt, das stärker als je zuvor sei, betonte Trump in seinem Video-Auftritt.

Der US-Präsident erinnerte an das letzte Treffen mit Bundeskanzler Sebastian Kurz und die gute Beziehung zu Österreich, insbesondere im Handel. „Unsere Völker verstehen einander, wir respektieren die Nation, und der Kanzler hat einen fantastischen Job gemacht“, so Trump.

Auch Putin wünschte dem „freundschaftlichen österreichischen Volk Wohlergehen, Frieden und Prosperität“. Man habe den Krieg weder gebraucht noch gewollt, betonte er: „Er wurde der Sowjetunion aufgezwungen.“ Der „große Sieg“ habe die Menschheit gerettet. „Er eröffnete den Weg auch zur Wiedergeburt eines unabhängigen, sich dynamisch entwickelnden, demokratischen Österreichs.“

Trauer um Millionen Tote#

Der 8. Mai 1945 sei im kollektiven Gedächtnis verankert, meinte der britische Außenminister Raab. Nationen hätten Millionen von Toten betrauert. „Wir werden uns immer an das Opfer und das Heldentum jener erinnern, die auf dem Schlachtfeld gefallen sind.“

Im Namen des französischen Präsidenten Macron sprach Botschafter Francois Saint-Paul. „In einer Zeit, wo die Gesundheitskrise, die wir durchleben, neue Trennlinien in der heutigen Welt ans Licht bringen könnte, ist es umso mehr unsere Pflicht, des 8. Mai zu gedenken, der das Ende der Nazi-Barbarei und des Zweiten Weltkriegs kennzeichnet.“

„Mit der vollständigen Kapitulation des Deutschen Reichs, konnte eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte geschlossen werden“, meinte Kanzler Sebastian Kurz.

Das Wiener „Fest der Freude“ fand dann am Abend online mit zahlreichen Ansprachen statt, unter anderem mit einer Rede der Zeitzeugin Erika Kosnar und Darbietungen der Wiener Symphoniker.

Unterdessen hat die österreichische Bundesregierung beschlossen, das frühere KZ Gusen zu kaufen. Man wolle so ein würdiges Gedenken an die Opfer sicherstellen, hieß es am Freitag seitens der Bundesregierung. Gusen war ein Außenlager des KZ Mauthausen, das am 5. Mai von US-Truppen befreit worden ist. Allein in Gusen waren zum Zeitpunkt der Befreiung rund 20.000 Häftlinge interniert.

Wiener Zeitung, 9. Mai 2020