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Weiße Flecken, finstere Zeiten#

Die Nazis stellten die "Wiener Zeitung" bis 1940 schrittweise ein und schanzten die Pflichtveröffentlichungen dem "Völkischen Beobachter" zu.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 10. März 2018

Von

Andrea Reisner


Schuschniggs Abschiedsrede von der WZ-Titelseite
In der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 wurde Schuschniggs Abschiedsrede von der Titelseite entfernt.
Faksimile, Quelle: WZ

Es war vielleicht der schwierigste Auftrag, den er in seiner langen Laufbahn als Journalist erhielt: Unter dem Titel "Rückblick und Abschied" hatte Rudolf Holzer, seit der Jahrhundertwende beim Blatt tätig, in der vermeintlich letzten Nummer der "Wiener Zeitung" den Leserinnen und Lesern Lebewohl zu sagen - eine "schmerzliche Ehre", wie er sich später erinnern wird. Am 29. Februar 1940 erschien die Abschiedsausgabe. "Nach 237jährigem Bestande", so Holzers Text, "tritt die ,Wiener Zeitung‘ in das Schattenreich, in dem die Menschen, Geschehnisse und Begriffe, die ihre Bände einst erfüllten, bereits versammelt sind."

Es folgt ein Abriss der 1703 beginnenden Historie des Blattes, der mit der nüchternen Mitteilung endet, dass "der ,Völkische Beobachter‘ (Wiener Ausgabe) die Weiterführung der bisher in der ,Wiener Zeitung‘ erschienenen amtlichen Mitteilungen mit 1. März 1940" übernimmt.

Damit war das österreichische Traditionsblatt Geschichte, die Redaktionsräume sollten bald leerstehen und später zum Lager verkommen, die Maschinen abtransportiert oder verschrottet werden. Fünfeinhalb Jahre dauerte es, bis die Zeitung am 21. September 1945 wieder erscheinen konnte. Es war dies die einzige Epoche seit ihrer Gründung, in der sie schweigen musste.

Es gab wohl vieles, was Holzer zum Abschied gerne geschrieben hätte, aber nicht schreiben durfte. Da der redaktionelle Teil bereits im Februar 1939 eingestellt worden war, blieben nur magere acht Seiten, die bis auf den Abschiedsartikel lediglich amtliche Verlautbarungen auflisteten. Doch auch - oder gerade - diese trockenen Meldungen boten erschütternden Lesestoff. So erfuhr man gleich auf der ersten Seite, aus der ersten Meldung: Die Behörde gibt "der Jüdin Auguste Sara Schulhof auf Grund der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 (. . .) auf, ihre Liegenschaft (. . .), 3. Bezirk, Kölblgasse 31, bis zum 6. März 1940 zu veräußern."

Auch die "Firmenprotokollierungen" hatten in den vergangenen zwei Jahren den NS-Terror dokumentiert: Seitenweise konnte man offizielle "Arisierungen" schwarz auf weiß nachvollziehen. So kam dem gleichgeschalteten Blatt die traurige Rolle der Chronistin von Vertreibung und Enteignung zu.

Dem Untergang war die "WZ" schon am 11. März 1938 geweiht. Als die Hitler-Truppen die Grenze überschritten, blühte den Zeitungsredaktionen des Landes entweder Gleichschaltung oder Ausschaltung. "Passen Sie auf", wies Hermann Göring die Deutsche Gesandtschaft in Wien an jenem Freitag um 17 Uhr telefonisch an, "die ganzen Presseleute, die müssen sofort weg und unsere Leute hineinkommen". Noch in der Nacht auf den 12. März, hält der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell fest, besetzten "SA- und SS-Einheiten, teilweise unterstützt von HJ und nationalsozialistischen Journalisten", die meisten Redaktionen.

Wie dies zum Beispiel bei der "Neuen Freien Presse" ablief, schilderte der Journalist Theodor F. Meysels: Das Redaktionsgebäude war bald von Schwerbewaffneten "bewacht", zwei "fabelhaft uniformierte Herren haben ein Zimmer neben dem Chef bezogen. Sie machen einen Rundgang durch alle noch bewohnten Zimmer und proklamieren, daß (. . .) jede Nachlässigkeit im Dienste als Sabotage betrachtet wird. Prost Mahlzeit!" Wenige Wochen später nimmt sich Chefredakteur Stefan von Müller nach mehreren Gestapo-Verhören das Leben.

Nicht wenige seiner Berufsgenossen wählen diesen letzten Ausweg, um der Verhaftung zu entrinnen. Andere gehen ins Exil. Wieder andere arbeiten sogar noch eine Zeitlang unter dem neuen Regime weiter. Aufgrund der hohen Anzahl an jüdischen Journalisten war es kaum möglich, von heute auf morgen gänzlich auf sie zu verzichten.

Auch beim "Neuen Wiener Tagblatt" taucht ein uniformierter Trupp auf und wirft Emil Löbl, Chefredakteur seit 1917 und davor acht Jahre lang Leiter der "WZ", aus der Redaktion. Löbl, wie der Großteil der "Tagblatt"-Redaktion jüdisch, hatte sich getraut, noch eine Würdigung des Kanzlers Kurt Schuschnigg im Blatt vom 12. März zu bringen.

Ferdinand Reiter, 'WZ'-Chef 1933-1938 und 1945-1955
Ferdinand Reiter, "WZ"-Chef 1933-1938 und 1945-1955.
Grafik: "WZ"-Archiv

Löbl kam mit Frau und Tochter ins Gestapo-Gefängnis, man "plünderte die Wohnung und versiegelte sie bis auf ein Zimmer, in dem sie zu dritt nach ihrer Enthaftung ihr Leben einzurichten hatten", so Medienhistoriker Wolfgang Duchkowitsch. Löbl starb noch 1942 im Rothschildspital in Wien und entging so knapp der Deportation. Beim Begräbnis auf dem Schwechater Friedhof versammelte sich eine "beschämend kleine Schar", wie Rudolf Holzer in einem 1946 in der "WZ" publizierten Nachruf beklagte. Die ebenfalls schon kranke Witwe Löbls wurde nach Theresienstadt deportiert und ermordet.

Und wie verlief die Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 in der "Wiener Zeitung"? "Das Geheul der Siegestrunkenen", erinnerte sich der einstige Chefredakteur Ferdinand Reiter Jahre später, "drang auch manchmal in die stille Bäckerstraße", damals Sitz des Blattes. "Plötzlich stürmte ein externer Mitarbeiter herein, der mit anderen Redaktionen Fühlung hatte, und war verwundert, mich und die anderen noch sitzen zu sehen." Sogar die telefonische Leitung ins Ausland funktionierte noch, wie man erstaunt feststellte, als der Korrespondent aus Paris anrief. Die kleine Redaktion - sie bestand aus einer Handvoll Leute - stellte abends unbehelligt die Ausgabe für den 12. März fertig.

"Z.W.A.N.G."#

Am nächsten Tag musste man feststellen, dass es in der Nacht sehr wohl noch einen erzwungenen Eingriff in das Blatt gegeben hatte: Nachdem ein Teil der Auflage schon gedruckt war, musste das technische Personal die Schuschnigg-Rede aus der Druckplatte stemmen: An der Stelle klaffte nun ein weißer Fleck.

Die Situation der österreichischen Presse hatte sich über Nacht schlagartig geändert, wie Duchkowitsch und Hausjell in einem Artikel erläuterten: "Nach dem Schriftleitergesetz politisch und ,rassisch‘ überprüft, wurden Journalisten unter der NS-Herrschaft durch ein System von ,Presseanweisungen‘, ,Vertraulichen Informationen‘ und ,Pressekonferenzen‘ zu willfährigen, dem faschistischen Staat in beamtenähnlicher Stellung verpflichteten Propagandisten." Die Lage der "WZ" war zu diesem Zeitpunkt eine besondere, hatte sie doch schon Dollfuß zum Sprachrohr seines Regimes gemacht.

Reiter, ein Christlichsozialer, der im "Ständestaat" die Nachfolge Holzers angetreten hatte, blieb nach dem März 1938 vorerst Chef der "Wiener Zeitung". Über die Situation nach dem "Anschluss" äußerte er sich so: "Gottseidank war nichts mehr zu schreiben; denn alles wurde ins Haus geliefert." Wie jedes andere Blatt wurde auch die "WZ" von der NS-Herrschaft für ihre Hetze benutzt.

Im August wurde Reiter abgesetzt und Lambert Haiböck zum "Hauptschriftleiter" ernannt. Als solcher hatte er jedoch nur noch die Liquidierung abzuwickeln. Das prononciert österreichische Blatt war den Nazis ein Dorn im Auge. Einen willkommenen Grund für die Einstellung bot auch das Amtsblatt. Die beträchtlichen Einnahmen aus den Pflichteinschaltungen gönnte man lieber dem "Völkischen Beobachter".

Solange es den redaktionellen Teil gab, schrieb auch Holzer weiter seine Theaterkritiken. Dem Zeitgeist entsprechend, wird in den mit "R. H." gezeichneten Artikeln immer wieder das Deutschtum beschworen. Mit Hitler hatte der bürgerliche Journalist aber nichts am Hut. Einmal, so berichtete er im Nachhinein, musste er über das "jüdische Theater" schreiben - ein Auftrag, den er wohl oder übel im Sinne des NS-Regimes auszuführen hatte. Las man aber die Anfangsbuchstaben der fünf Absätze des Textes, ergab sich ein Wort: ZWANG.

Der Wiener Publizist wird von allen Seiten als grundsolider Charakter beschrieben. Sogar die politisch völlig anders gesinnte sozialdemokratische "Arbeiter-Zeitung" sang ihm 1950 zum 75. Geburtstag ein Loblied. Darin heißt es: "Wie keinen aufrechten Menschen mit anständiger Gesinnung hat auch ihn die Nazibarbarei nicht verschont, und er wie auch seine Frau haben die Marterbunker der Gestapo kennengelernt."

"Nur Piefke"#

In einem Brief an Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich schrieb Holzer im Juni 1939: "Ich lebe ein zweck- und inhaltsloses Leben. Seit (. . .) mein eigenes Blatt, die Wiener Ztg (. . .) über höchsten Befehl verschwand, habe ich nichts mehr veröffentlicht. Wo denn? Und wozu denn? Ich erhielt zwar von einem gegenwärtigen Abendblatt ein Angebot, aber ich bedankte mich . . ." Über das Volkstheater klagte der vom Geist der einstigen Donaume-tropole Beseelte: Bis auf einige Ausnahmen seien "nur Piefke" dort. Und: "Wer und was altes Wien ist, lebt in einem förmlichen Traumzustand, (. . .) und jeder wartet nur von Tag zu Tag!"

Im Frühling 1945 wurde gegen Holzer Anklage erhoben, weil er und seine jüdische Lebensgefährtin wiederholt Auslandssender gehört hatten. Ihnen hätte Übles gedroht, wäre das Hitler-Reich nicht vorher untergegangen.

In der Zweiten Republik konnte Holzer darangehen, als Präsident der "Concordia" die österreichische Presse wieder mitaufzubauen. Als "WZ"-Chef kehrte 1945 übrigens Ferdinand Reiter zurück.

Von "dunklen Jahren" oder der "Nacht über Österreich" wird oft gesprochen, wenn es um "Anschluss" und Nazizeit geht. Lange scheute man sich davor, diese Epoche näher zu beleuchten, auch in der "Wiener Zeitung". Man verwies, etwa 1953 in der Festschrift zum 250-jährigen Jubiläum, auf die Opfer aus den eigenen Reihen - zum Beispiel auf Redakteur Edwin Rollett, der ins KZ kam. Dass es auch Profiteure des Regimes gab, etwa Lambert Haiböck, haben schon Duchkowitsch und Hausjell in kritischen Beiträgen für die "Wiener Zeitung" festgestellt, 1990 im "Extra" und 2013 in einer Jubiläumsschrift.

Eines steht fest: Es gibt immer noch weiße Flecken in der Geschichte des eigenen Hauses zu erforschen - besonders in ihren dunkelsten Zeiten.

Andrea Reisner ist promovierte Germanistin und Redakteurin der "Wiener Zeitung"-Geschichtsbeilage "Zeitreisen".

Wiener Zeitung, 10. März 2018