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Glauben ist weder ein Psychotrauma noch heiliges Theater, sondern harte Arbeit#

Ein Aufruf zum dogmatischen Ungehorsam#


Von

Alfred Gassner

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 298/2019


>Wahrheit<, >Wissen<, >Zweifel< >Glauben<, >Illusion< sind Begriffe, die sowohl weltanschaulich als auch religiös eng miteinander verknüpft sind. Wer will behaupten, er wisse beweissicher, dass es Gott gäbe, dass >Wahrheit< überhaupt gedacht werden kann, ob sie nur eine von uns erfundene Projektion von Jenseitsvorstellungen ist? Noch mehr gedrehte Säulen tauchen auf, wenn wir Religionen und deren Mystik, Pathos, Dogmatik, Institutionen und Rituale befragen. Wissenschaften, Gesellschaft, Kunst und Kultur, Recht und Gesetz spielen beim Glauben eine Rolle und schließlich wäre noch zu klären, was uns überhaupt anstachelt, nach der Wahrheit zu suchen. Viel Stoff für ein paar Blätter Papier.

1. Objektive und subjektive Wahrheit, zwei nahe Begriffe mit ganz unterschiedlichen Aussagewerten. #

„Nix Gwiss woass ma ned“ (Etwas Bestimmtes weiß man nicht) sagt ein altes bayerisches Sprichwort, und es hat Recht. Es mag ja jenseits menschlicher Erkenntnis und unseres Urverlangens nach endgültiger Gewissheit eine absolute Wahrheit geben, die unabhängig von unseren Wünschen und Vorstellungen definitiv ist; aber als Menschen jedenfalls haben wir keine Denk- und Sprechweise, uns endgültige Gewissheit zu verschaffen. Ein finales Wissen über

  • Gott< (der nach unseren Überlegungen der verantwortliche Türhüter der gesuchten Wahrheit
sein soll) würde voraussetzen, dass wir einen positiven Gottesbeweis hätten. Unser Urverlangen nach Wahrheit muss also noch einen anderen Grund haben. Es gilt m. E. nur vordergründig Gott, in Wirklichkeit zuerst unserem eigenen Schicksal. Wir können als Menschen nicht ohne eine Perspektive über unseren biologischen Tod hinaus leben, brauchen Gott und seine Wahrheit quasi als Anker, uns die Option für ein Nachtodleben offen zu halten.

Gott und die Wahrheitsfrage stehen aber in einer zweiten Version noch für etwas ganz anderes, nämlich für die Suche nach unserer individuellen geistig-seelischen Vorstellung und Beziehung von und zu Gott. Unsere Annahmen von ihm sind wegen des fehlenden Wissens ja nur fiktiv, beruhen auf persönlichen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erlebnissen und haben daher keinen echten Beweiswert. Unser Geist schafft mit seinen Interpretationen bestenfalls Annäherung und baut in seiner Beweisführung nur eine heilige Kulisse für ein Geschehen, das wir als >Glauben< bezeichnen. Wenn wir nur durch eine Nebelwand auf Gott schauen können, können wir auch nicht beweissicher sagen, es gäbe ihn; es könnte bei aller subjektiver Gewissheit ja zu viel Falschgeld unsere Überzeugung prägen.

Wenn wir nur eine Vorstellung von Gott haben, seine Existenz und sein Wesen nicht endgültig definieren können, liegt die Versuchung nahe, unseren Zweckmäßigkeitsvorstellungen von Gott den Charakter einer normativen Wahrheit zuschreiben. Insbesondere Dogmatiker neigen dazu, ihre subjektive Überzeugung als identisch mit der göttlichen Wahrheit auszugeben und übersehen dabei die vielen Fragezeichen hinter der Tatsache, dass niemand so überzeugt ist wie sie und dass sich die eigene Erkenntnis nie auf alle anderen übertragen lässt.

Warum tun wir uns aber dann die Glaubenssuche überhaupt an? Mir scheint, es hängt gar nicht von uns ab, ob wir glauben wollen oder nicht, wir folgen dem Urverlangen nach Gewissheit, weil wir sonst keine Hoffnung und Perspektive hätten, unser irdisches Leben zu meistern und nach dem Tode irgendwo fortzusetzen. Wenn das Eigentliche, wonach wir suchen, irdisch nicht befriedigt werden kann, liegt es nahe, einer inneren Stimme zu folgen und, um ein bisschen sicher zu gehen, unser Vertrauen unabhängig von einem konkreten Wissen auf den unbekannten Gott zu setzen und auch ohne Erfolgsgarantie zu >glauben<. Deswegen setzen wir Gott als existent voraus und versuchen, unser Leben Gottes Hilfe anzuvertrauen und uns auf den Tod und alles was damit zusammenhängt vorzubereiten, indem wir darin sicher werden, dass er uns zutraut, kraft unserer Intelligenz und Sensibilität adäquate Handlungsorientierungen zu entwickeln und dass er in seiner Schlussbilanz unsere Glücksstunden und unser Erleiden als gerechtes Bemühen billigt und uns den Weg zum Paradies öffnet.

2. Glauben in einer Religionsgemeinschaft, Chancen und Risiken. #

Wer sich als Gläubiger in eine Glaubensgemeinschaft begibt, um sich von dort Hilfe bei seiner Glaubenssuche zu versichern, erwirbt eine Art religiöse Staatsangehörigkeit mit bestimmten Rechten und Pflichten. Christliche Kirchen verleihen diese zeremoniell in der Kindertaufe, ohne die betroffene Person um ihre Zustimmung zu bitten und geben ihr Ewigkeitscharakter. Inwieweit solche Taufen naturrechtlich überhaupt religiöse Bindungswirkungen erzeugen, muss hier nicht erörtert werden. Die subjektive Gottes- und Wahrheitsvorstellung des Einzelnen stößt dann aber im Laufe eines Lebens immer wieder auf Einwendungen und Kampfansagen, z. B. aus der Religionsgemeinschaft.

Sie begegnet dem Hochmut, der Geringschätzung und der Verachtung der Gemeinden und deren Führungsorgane. Deswegen müssen wir uns der Aufgabe unterziehen, unsere abweichende Einstellung zu begründen und zu verteidigen. Diese Transferleistungen bleiben aber meist erfolglos, denn wir sind als Opponenten meist in der Minderheit und unsere Gegner vertreten ja auch legitime Interessen; sie sind ja zur Bestandsfestigung der Gemeinschaft auf ein möglichst einheitliches Meinungsgleichgewicht in ihrer Außendarstellung angewiesen, müssen Gegensätze, Variationen, Spannungen unterschiedlicher Gruppen durch eine funktionierende hierarchische Ordnung überwinden und setzen dazu alle ihnen zur Verfügung stehenden Machtmittel ein. Das sorgt für Spannungen, die nur durch eine Architektur der gegenseitigen Wertschätzung überwunden werden können. Will die Gemeinschaft überleben, muss sie jenseits aller Windwürfe fähig sein, glaubhaft zu machen, dass sie die Überzeugung Einzelner oder bestimmter Gruppen zwar für falsch hält, aber trotzdem der Meinung ist, es sei gut, dass sie ihre Auffassungen behalten und als Dissidenten in der Gemeinschaft bleiben dürfen. Diese Zugeständnisse bedeuten einen Verzicht auf Dominanz, Rechthaben und Dogmatik und verlangen eine Einsicht, dass es beim Glaubensakt nicht nur um eine bestimmte Theologie geht, sondern um eine harmonische Besetzung des gesamten Klangkörpers.

Als besonders Störenfriede auf diesem Gebiet gelten die Führungskader der Religionsgesellschaften, die sich zur Absicherung ihrer Vormacht darauf zurückziehen, kraft Amtes die alleinige Kompetenz zu besitzen und alles abwinken, das ihnen nicht gefällt. Ihre Arroganz stellt den Glaubensbeitrag der Einzelnen infrage und jeden Gläubigen vor das Problem, sich gegen das Dogma der Religion stellen. Wenn sich die Granden uneinsichtig zeigen, entsteht im Unterbau Unzufriedenheit und Aufruhr, der auch die Bindungskräfte in der Gemeinde infrage stellt. Aus dieser Gesetzmäßigkeit sollte vor allem die katholische Amtskirche Konsequenzen ziehen: In das Glaubenspaket eines Christen gehört mehr Jesus und weniger Kirche hinein. Die Kirche steckt in ihrer härtesten Krise seit der Reformation. Derzeit ist es aber ihren Metropoliten gleichgültig, dass sich das Kirchenschiff in Richtung Untergang bewegt. Sie stecken den Kopf in das Wasser, Hauptsache der Platz auf der Kommandobrücke bleibt unberührt. Sie verkünden, die institutionelle Kirche wisse seit mehr als 2000 Jahren, wo die Fahrrinne zum Paradies verläuft. Sie habe eine biblische Bestandsgarantie, eine Tradition und im Kreuz Christi eine sichere Seekarte und von daher sei es unangebracht, auf die Einwendungen des dummen Gottesvolkes einzugehen. Abgesehen von ihrer Weihe sind aber katholische Kleriker die gleichen Esel wie alle anderen Menschen, auch wenn sie ein theologisches Fachstudium absolviert haben.

3. Der Glaube an Gott muss sich auch in der säkularisierten Gesellschaft behaupten. #

Alle Gläubigen sind neben ihrer Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft gleichzeitig Bürger eines säkularen Staats und dessen gesellschaftlicher Weltanschauung. Manchmal liegen die religiösen Glaubensansichten mit der bürgerlichen Weltanschauung im Widerspruch, manchmal auch auf einer Linie. Beide Netzwerke haben jedoch die Neigung, sich zu perpetuieren und mit Machtmitteln zu bekämpfen. Auch dieser Widerstreit führt aus Situationen der Überforderungen heraus zu Lagerspannungen. Denn wenn in der bürgerlichen Gesellschaft etwas üblich und offiziell erlaubt ist (z. B. Ehescheidung, Abtreibung, Gleichberechtigung der Geschlechter), das religiös ein >no go< ist, müssen sich Betroffenen zwischen Weltanschauung, d.h. Anschauung der Welt, wie sie faktisch ist, und Religion, die vorgibt, wie die Welt richtig anzuschauen ist, sodass Religion und Weltanschauung ein harmonisches Bild ergeben, entscheiden und geraten dann in Versuchung, die leichtere Variante zu wählen. Oft sind es auch nur die Vorfreude, die Neugier und das Erkunden von neuen Interessen, die neue Lernprozesse auslösen und den Einzelnen von seiner Religion entfremden.

a. Meine Kurzdarstellung der mehr oder weniger technologischen Transferbewegungen zwischen Weltanschauung und Religion beginnt mit den Natur- und Geisteswissenschaften. Wissenschaftler hantieren mit messbaren Daten und versuchen intersubjektiv unwiderlegbare Ergebnisse zu erzielen. Gott und sein Wesen spielen nur bei den Theologen und Philosophen eine Rolle, alle anderen Wissenschaften liefern meist für die Allgemeinheit praktische Antworten auf brennende Alltagsfragen. Von daher ist es schon rein statistisch wahrscheinlich, dass unsere Gläubigkeit stärker durch die Wissenschaften als von dogmatisierenden Religionen her tangiert wird. Insbesondere die Naturwissenschaften (z.B. Physik, Chemie, Biologie, Medizin) können weit mehr, als die Religionen erlauben. Da wachsen mit den Bedenken, ob es Gott überhaupt gibt, auch bei den Gläubigen natürlich die Versuchungen, sich im Zweifelsfalle die wissenschaftlichen Vorteile anzueignen und die religiöse Spielart der Wahrheit hintanzustellen. Diese Neigung zum Frontenwechsel Antworten auf wichtige Lebensfragen ziemlich altbacken und wenig zeitgemäß ausfallen.

b. Weitere Knackpunkte für das religiöse Glaubensexperiment sind die persönlichen Beziehungen (Familie, nahestehende Freunde, Vereine, Arbeitskollegen). Deren Einflüsse auf religiöse Prägungen sind insbesondere bei Kindern beachtlich, sie wirken meist lebenslang und können nur selten revidiert werden. Wer sich aus solchen Netzwerken lösen will, stößt oft auf deren Widerstand. Der Clan versucht im Klartext oder versteckt mit kompromissloser Verachtung das neue Engagement des Dissidenten zu verhindern; und wer gewinnt, ist ungewiss. Auch die Medien sind ein Knackpunkt. Zum Geschäftsmodell der Medien und des Journalismus gehört die unabhängige Information. Manchmal wird Unabhängigkeit als Garantie für Objektivität angesehen, manchmal auch als Freibrief dafür, sagen und schreiben zu dürfen, was man will. Viele glauben, dass das, was Journalisten verbreiten, die reine Wahrheit ist, übernehmen deren Sicht ungeprüft in ihr Langzeitgedächtnis. Sie vergessen dabei aber die Belohnungen, die ein sorgfältiges Glaubensgeschehen auch bereithält.

c. Mehr Zutrauen beim Schnüren seines privaten Glaubenspaketes verdienen Kunst und Kultur. Jedes Kunstwerk drückt eine eigene Kompetenz in der Darstellung von geistig-seelischen Zusammenhängen aus, die verbal nicht mehr erklärbar sind. Die Kunst in all ihren Spielarten beantwortet menschliche Wesensfragen auf höchst subtile Art. Wer Mathias Grünewalds Kreuzigungsbilder oder Chagalls Weiße Kreuzigung betrachtet, wird von der Dichte ihrer Aussagekraft beindruckt sein. Gleiches gilt von Nietzsches Gedicht „Dem unbekannten Gott“ und von Kafkas Roman „Der Prozess“, dessen Albträume und Charakterisierungen der Feme der Kirche aufzeigen, wie sehr katholische Amtsträger der Versuchung unterliegen, immer wieder Ehrenmorde zu begehen. Kunst und Kultur lehnen es ab, zu indoktrinieren, sie sehen ihren Bildungsauftrag im Transfer der Freiheit der Deutung, in der Werbung für Mannigfaltigkeit im Glauben; ihre kognitiven Elemente können die Schönheit oder Hässlichkeit des Lebens besser als jede Dogmatik verdeutlichen und bereichern oft den Glaubensakt.

d. Staatskirchenrecht versus Religionen. Der säkularen Weltanschauung geht es bevorzugt um günstige, ungünstige bzw. zweckmäßige Lebensumstände; als Staatsbürger ist man mehr am Wohlstand und dem Schutz seiner Privatheit orientiert als an Gott oder an einem Weiterleben nach dem Tod. Den Religionen dagegen geht es mehr geistig-seelische Bezüge zu Gott und ums Überleben nach dem biologischen Tod. Weil sich beide Stoßrichtungen nur schwer deckungsgleich machen lassen, droht den Religionen aus der Gesellschaft die Verweltlichung ihrer Klientel, den Staatsbürgern der Gesinnungsterror der Religionen. In diesem organischen Wechselgeschehen sind daher beide Seiten auf gegenseitige Toleranz angewiesen; sie müssen sich zur Erhaltung des Status quo auf die Loyalität der jeweiligen Gegenseite verlassen, ohne eine Garantie für deren Treue zu haben. Sie können nur an ihre jeweiligen Mitglieder und die Gegenseite appellieren, sich loyal zu verhalten, haben aber keine Befehlsgewalt, leben also vom guten Willen aller, ohne den Frieden garantieren zu können. Das geht nur so lange gut, als nicht Radikale die Führungsrolle übernehmen.

Eine bestimmte Glättung und Stabilität in die Beziehungen leistet in diesem Zusammenhang das sog. >Staatskirchenrecht<. Es ist quasi ein ungeschriebenes Waffenstillstandsabkommen, das immer wieder verletzt wird, und kaum jemand weiß, wie es funktioniert: Der demokratische Rechtsstaat verspricht Religionsneutralität, zwingt also weder den Glaubensgemeinschaften noch einem Bürger eine bestimmte religiöse Gesinnung oder Weltanschauung auf. Um sich der dauerhaften Loyalität der Religionen zu versichern, gewährt er anerkannten Religionsgemeinschaften eine institutionelle Existenzgarantie; Kirchen dürfen sich dann in Form von Körperschaften des öffentlichen Rechts innerhalb des Staates frei organisieren, solange sie sich loyal zu ihm verhalten. Der Staat schützt ihr religiöses Selbstverständnis, gewährt ihnen Privilegien, fordert aber generell die gleichen Rechten und Loyalitätspflichten, wie von jedem andere Staatsbürger. Auf diese Weise kommt eine gewisse Stabilität in den Beziehungen.

Ob sich dieses hier nur grob skizzierte Distanz- und Kooperationsmodell bewährt hat, ist umstritten. Viele Staatsbürger kritisieren einen überbordenden Schutz der Religionen und deren Organisationsstrukturen, die Steuerbefreiungen, das Kirchensteuerrecht, die Erlaubnis zum Religionsunterricht, die Mitspracherechte bei der Besetzung von Universitätslehrstühlen oder das Kreuz in Behördeneingängen. Trotzdem geraten Staat und Religionen immer wieder aneinander. Das Staatskirchenrecht fordert dann sowohl den Staat und seine Bürger, aber auch die Kirchen und deren Institutionen immer wieder zu neuen Auseinandersetzungen heraus und zwingt die Partner gleichzeitig zu Distanz und Kooperation. Trotzdem kenne ich kein besseres Modell. Eine schlechte Allianz ist immer noch besser als gar keine. Je schärfer einzelne Gruppen die Anerkennung ihrer eigenen Überzeugung durch die Gegenseite fordern, umso härter wird der friedensgefährdende Widerstand. Wenn sich eine Seite nicht tolerant verhält, wird dies mit gleichem Recht auch die andere tun. Wer aber tolerant ist, bleibt auch in der Krise autonom und unabhängig; er signalisiert der anderen Seite einen Zustand von Freiheit und Kompetenz und ist weniger geneigt, ihr die Schuld für eigenes Versagen zuzuschieben. Es liegt in der Natur der Sache, dass man behutsam miteinander umgehen muss, wenn man dauerhaft zusammenbleiben muss, weil man aufeinander angewiesen ist.

4. Die bleibende Ungewissheit. #

Wenn wir ehrlich sind, bleibt, was Gewissheit anbelangt, im Glaubensgeschehen lebenslang alles in der Schwebe. Einerseits können wir ohne Perspektive über den Tod hinaus nicht leben, andererseits bleibt uns versagt, über das Wesen Gottes und der Welt Definitives zu erfahren. Wir müssen uns im Stadium der Ungewissheit ständig neu sortieren und von unerbetenen Einflüssen entkoppeln. Wir sollen uns moralisch integer verhalten, aber auch keine faulen Kompromisse eingehen, können im Kampf um vermeintliche Grenzüberschreitungen Selbstvertrauen verlieren und grenzenloses Schuldbewusstsein eintauschen. Ohne Allianzen gibt es keinen Fortschritt, es gilt immer wieder Neues auszuprobieren und gleichzeitig einzuräumen, dass in der Wurzelzone des Glaubensaktes nur bis zu einer geringen Tiefe Wasser vorhanden ist. Katholiken z. B. können sich auf legale Weise dem klerikalen Diktat des Dogmas nur entziehen, wenn sie es für ihre Person provokant missachten, gleichzeitig aber einräumen, dass der von ihnen kritisierte Leitsatz für andere eine Glaubenshilfe sein kann. Dann aber haben sie zwar einen Anspruch auf Unterlassung jeglicher Diskriminierung und einen Sonderstatus als Dissidenten in der Glaubensgemeinschaft. Wird ihnen dieser verweigert, kann nur die Aufgabe der formellen christliche Staatsbürgerschaft beim Standesamt weiterhelfen. Man wird durch den Austritt aus der Körperschaft des öffentlichen Rechts religiös nicht heimatlos, sondern darf sich als quasi >Staatenloser< weiterhin als Mitglied der Glaubensgemeinschaft zurechnen. Dieser neutralisierte Status könnte helfen, im Ringen um das Dogma keine falschen Kompromisse einzugehen und sich nicht geistlich zu exkommunizieren. Kirchliche Hierarchie ist nicht nur als Machtinstrument zu verstehen, sondern als Seelsorgeauftrag über die eigenen Grenzen hinaus.

Alfred Gassner, Regensburg, ist Dipl. Rechtspfleger a. D.




Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Freundinnen und Freunde,

In der heutigen Nummer der Gedanken zu Glaube und Zeit geht Alfred Gassner an das Phänomen „Glaube“ von verschiedenen Seiten heran. Es gilt unter anderem den Fragen >Warum wollen wir glauben?<, >Wie kommt es zum Glauben?<, >Wer oder was stützt den Glauben?< > Was sind die Anfechtungen des Glauben?< Wie kann sich der Glaube in einer säkularisierten Gesellschaft behaupten / bewähren?<. „Viel Stoff für ein paar Blätter Papier“, wie der Autor selbst im Vorspann bekennt.

Dafür wird sich aber auch fast jede/r, der im Ringen um den Glauben steht, von dem einen oder anderen Aspekt des Beitrags angesprochen fühlen. Gilt doch der Satz „Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen.“ Gassners Beitrag schließt mit einem Absatz, der mit „Die bleibende Ungewissheit“ übergetitelt ist. Aber vielleicht kann gerade sein Beitrag dazu beitragen, ein Mehr an Gewissheit zu erlangen.

Mit lieben Grüßen,

Ihr/Euer
Heribert Franz Köck