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Jesus vor dem katholischen Sanhedrin#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit, Nr. 33/2012


In aller Dringlichkeit hatte man den geistlichen Hohen Rat einberufen, denn es ging um eine Anklage gegen Jesus. Er sollte sich des schwersten Vergehens schuldig gemacht haben, das zu ahnden war, nämlich des Ungehorsams. So versammelten sich die Mitglieder, die es sich trotz der gebotenen Eile nicht hatten nehmen lassen, ihre eindrucksvolle Amtskleidung anzulegen. Die Versammlung strahlte in prächtigem Purpur, vor dessen Hintergrund goldene Kreuze blitzten. Nur der Oberpriester erschien, von einer eifrigen Gruppe gestützt, ganz in Weiss. Hob sich der Saum seines Kleides, konnte man allerdings sehen, dass auch seine Schuhe in Rot prangten.

Anders der Angeklagte, den man aus seiner Haft im Tabernakel herbeigeholt hatte, seine bescheidene Kleidung stand in einem auffallenden Gegensatz zu jener der Amtsträger. Er musste das Verhör stehend anhören, während der Oberpriester auf einem bereits etwas zerbrechlich wirkenden Sitzmöbel Platz genommen hatte, das die Aufschrift „Stuhl Petri“ trug. Vor dem Erscheinen des Angeklagten hatte man noch diskutiert, in welcher Sprache man ihn verhören sollte. An sich verhandelte man stets in Latein, doch wurde von einem der Teilnehmer darauf hingewiesen, dass der Delinquent dieser Sprache wahrscheinlich nicht mächtig sei. So entschloss man sich zum Deutschen, denn es wurde ja auch die Meinung vertreten, man könne annehmen, der Beschuldigte würde aufgrund seiner immerhin beachtlichen Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit dem Gang des Verfahrens folgen können.

Mit dem Vortrag der Anklage hatte man einen Dogmatikprofessor in Wien betraut, der sich mit dem Codex Iuris Canonici bewaffnet hatte, welchen er Jesus während seiner Rede auch immer wieder entgegenhielt. Der Vorwurf wurde scharf formuliert. Jesus habe sich ohne Erlaubnis zu Menschen begeben, die ohne Ordination durch den Bischof das Sakrament der Eucharistie simuliert hätten. Da er dabei durch seine Anwesenheit mitgemacht habe, sei er Mittäter und schuldig. Durch ein solches Vorgehen ohne Einschaltung eines Priesters werde „die sakramentale Grundstruktur der katholischen Kirche“ verletzt. „Sollten solche Früchte des Ungehorsams Schule machen, wäre die Einheit der Kirche tatsächlich in Gefahr“.

Doch Jesus schwieg. Er richtete nur immer wieder seine ruhigen und freundlichen Augen auf die einzelnen Mitglieder des Rates. Die meisten konnten allerdings seinen Blick nicht ertragen und sahen dann weg zum Oberpriester hin. Dieser wunderte sich über das Schweigen des Ungehorsamen. So erhob er sich schließlich dann doch von seinem Stuhl. „Du bist undankbar!“ begann er seine Rede. „Habe ich Dich nicht in vielen Büchern ausführlich gewürdigt und den Leuten erklärt, wer du in Wahrheit bist? Habe ich dich nicht immer wieder vor der dreisten Zudringlichkeit des gemeinen Volkes bewahrt? Und meine heiligen Diener von allem Unreinen ferngehalten?“ (An dieser Stelle hörte man verhaltenes Räuspern.) „Ganz zu schweigen vom Teufel, der jetzt listig getarnt in dieser glaubenslosen Welt sein Unwesen treibt! Was wärst Du überhaupt ohne mich?“

Man merkte, dass es dem Ankläger nicht ganz recht war, wie der Oberpriester in seine Rolle wechselte. Aber er wagte nicht, etwas zu sagen, denn er war von dessen Macht abhängig. Das galt ja für die ganze Versammlung und es war deutlich zu spüren, wie sich alle vor dem Weißgekleideten fürchteten. Sie hatten schon beim Eintreffen dessen Hand geküsst und verharrten stets in einer vor ihm gebückten Haltung. Sah man genau hin, zeigte sich allerdings Merkwürdiges. Die eigentliche Ängstlichkeit schien sich auf eine kleine Gruppe zu beziehen, die um den Oberpriester stand und ihm ständig ins Ohr flüsterte. Und an der Art, wie dieser ihnen eher ratlos zuhörte, entstand der Eindruck, dass sie eigentlich das Kommando an sich gezogen hatten.

Rundum hatte sich Volk eingefunden. Nicht wenige warfen einen Blick auf das Geschehen und gingen dann mit der Bemerkung wieder weg, dieses ganze Theater sei ihnen widerlich und interessiere sie nicht mehr. Die noch immer Verbliebenen verhielten sich unterschiedlich. Bei einer kleinen Gruppe merkte man, wie sie sich ebenfalls vor dem Oberpriester ängstigte und durch allerlei Beifallenskundgebungen versuchte, dessen Wohlwollen zu erheischen. Sie verständigte sich auch durch versteckte Zeichen mit dem engeren Kreis um den Obersten, mit dem sie offenbar in einem Vertrauensverhältnis stand.

Die Mehrzahl der Zuhörenden allerdings zeigte Distanz zum stattfindenden Verfahren, eigentlich Unmut. Teils machten sie einen besorgten Eindruck, teils ließen sie Zorn erkennen und murrten. Sie riefen Jesus zu, er solle doch endlich sagen, dass er versprochen habe, bei allen zu sein, die ihn suchten! Die versammelten Amtsträger ignorierten das, manche zeigten sich angewidert, andere wiederum doch etwas beunruhigt ob der mangelnden Zustimmung des Volkes. Man merkte, dass sie sich eigentlich dreifach ängstigten: Einerseits vor diesem, andererseits vor ihrem Chef und schließlich dem Angeklagten, dessen Anblick sie nicht loslassen wollte.

Zunehmend wurde spürbar, dass Jesus anders als der Hohe Rat die Situation souverän beherrschte. Hier breitete sich Unsicherheit aus, die man aber natürlich nicht zeigen wollte, um die eigene Würde zu wahren. Dann geschah, was das Schweigen des Beschuldigten als höchst beredt erkennen ließ. Er, dem man von der Kirche nicht erlaubten Umgang mit Unwürdigen vorwarf, wandte seinen Rücken dem Tribunal und sein Gesicht den Beobachtern des Ereignisses zu. Langsam und gelassen schritt er in deren Richtung, um dann für die Augen aller zu entschwinden.