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Nun melde auch ich mich zu Wort#

Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 217/2017


nachdem in den letzten Ausgaben der „Gedanken“ mehrere mir wertvoll erscheinende Beiträge zum Thema des Glaubens an sich zu lesen waren. Ich schicke voraus, dass es mir nicht darum geht, irgendjemanden zu überzeugen, sondern mich bei denen einzureihen, die versucht haben, dazu Grundsätzliches zu sagen. Meine folgenden Überlegungen sind auch nicht theologischer oder philosophischer Art, sondern sollen einfach von meinem Empfinden geleitet sein – auch dieses darf und soll mitreden Die Gottesfrage ist aktueller denn je. Kirchlicherseits konnte man in letzter Zeit oft vom „Glaubensverlust“ einer säkularisierten Gesellschaft hören, was wohl viel zu kurz greift. Verloren geht der Kirchenglaube, der vielen einfach nicht mehr plausibel erscheint. Aber das bedeutet keineswegs, dass die Menschen auch unserer Zeit nicht doch bewusst oder unbewusst eine Verantwortung gegenüber einer höheren Macht empfinden würden. Natürlich lehnen nicht wenige Gott und Religion ab, aber was das wirklich bedeutet, ist immer zu hinterfragen.

Was nun mich betrifft, gehe ich zunächst von jener ganz einfachen Überlegung aus, die seit je her angestellt wird und sicher ihre Plausibilität hat. In unserer Welt hat alles seine Ursache, welcher im Zeitablauf die Wirkung folgt. Der Glaube fragt nach der Ursache der Ursachen. Nach dieser zu forschen, drängt sich für jeden denkenden Menschen auf. Natürlich könnte man meinen, damit schon ganz unmittelbar bei Gott angelangt zu sein. Aber das erscheint doch zu sehr abstrakt. Warum da noch mehr zu bedenken ist, ergibt sich aus der Frage nach dem Sinn unserer Existenz. Ich halte sie für ganz entscheidend!

Der bedeutende Physiker unserer Zeit Stephen Hawking verneint Gott und nimmt an, dass sich das Universum spontan selbst aus dem Nichts geschaffen habe. Seine Sicht der Dinge ist natürlich eine Denkmöglichkeit, vielleicht auch dadurch bedingt, dass dieser Mann von schrecklicher unheilbarer Krankheit betroffen ist. Er sieht also keinen Verursacher des Universums. Daran ist allerdings die Frage zu knüpfen, ob nicht auch dessen „spontanes“ Entstehen doch irgendeinem Anstoß folgte, denn was geschieht wirklich „spontan“, also ohne äußere Anregung? Das aus dem Lateinischen abgeleitete Wort bedeutet ja, dass etwas aus eigenem Antrieb und ohne jemandes anderen Willen erfolgt. Aber die Fähigkeit, derartiges auszulösen, müsste ja auch irgendwo herrühren. Die Frage nach Gott als Urheber verschiebt sich damit nur um einen Schritt, bleibt aber unbeantwortet.

Doch nehmen wir an, das Universum wäre wirklich aus dem Nichts und ohne einen dafür erfolgten Impuls entstanden. Das hätte auf vielfache Weise geschehen können. Es hätte sich ein formloser Brei bilden können, eine Wüste von Materie. Diese ist aber, wie wir wissen, gar nichts Festes, sondern gleicht einem wirbelnden und grenzenlosen Tanz von Energie und Information, der aber einer Choreografie folgt. Wäre bei einem „spontan“, also keiner Vorgabe folgenden Entstehungsprozess aber nicht eher anzunehmen, dass dieser chaotisch abläuft? Oder einfach irgendwann wieder ebenso verschwindet, wie er entstanden ist?

Doch – und gerade Hawkings weiß das – alles fügt sich in eine alles umfassende Ordnung. Ist diese nur Nebenerscheinung einer von selbst entstandenen Physis oder nicht vielmehr deren eigentliches Wesen? Wirken da nicht überall Gesetze, und ist nicht alles von den Naturkonstanten bestimmt, denen Raum und Zeit wie überhaupt alle physikalischen Vorgänge unterworfen sind? Findet nicht ständige Entwicklung statt, seit Milliarden Jahren, auf nachvollziehbare Weise und in der lebenden Natur als Evolution auftretend? Und das ganz offensichtlich zielgerichtet! Aber, zugegeben, auch das könnte natürlich alles „spontan“ aus dem Nichts gekrochen sein. Ein eher seltsamer Gedanke allerdings!

Doch es tritt der Mensch auf. Eigentlich wird zu wenig bedacht, was das für einen Qualitätssprung im Fortschreiten des Weltgeschehens bedeutete! Aus der Natur entwickelt sich ein Wesen, das diese betrachtet und erkennt. Das bedeutet aber Andersartigkeit! Also Abstand und Eigenständigkeit gegenüber der Natur, verbunden mit der Fähigkeit, diese zu erforschen, zu nutzen und zu beeinflussen. So erhebt sich bei jedem Experiment, das Menschen durchführen, die Frage, was diese Physis eigentlich für ein seltsames Gebilde wäre, das sich auf diese Weise mit sich selbst beschäftigen und in Frage stellen würde. Nämlich in Form einer Eigenbetrachtung mit Verstand und Urteilsvermögen, um sich dann selbst zu verstehen und zu nutzen. Abermals: Ein seltsamer Gedanke!

Aber die Fragestellung geht ja noch viel weiter. Diese vermeintliche Selbstbetrachtung der Natur geschieht aufgrund von Vorstellungen und verfolgt Ziele. Durchaus auch solche, die andere als „natürliche“ und sogar naturwidrig sind! Und das auf eine systematisch geschehende Weise, womit das Ganze in einen unauflösbaren Widerspruch zur Wesensmäßigkeit eines irgendwie entstandenen Selbstläufers gerät. Von „spontan“ kann da schon gar nicht mehr die Rede sein. Ein spontaner Beginn könnte ja nur eine ebensolche Fortsetzung nach sich ziehen, sonst wäre ja die Spontaneität von Haus aus nicht gegeben!

Damit tritt die für mich entscheidende Frage nach dem Sinn auf. Wenn man sich die Welt und unsere Existenz in dieser vor Augen führt, muss man sich ja fragen, was das Ganze für einen Sinn hat? Ein solcher wäre keinesfalls erkennbar, wenn alles nur das willkürliche Spiel eines von selbst entstandenen Universums wäre, wobei das Wort Willkür gar nicht zuträfe, denn diese setzt ja einen Willen voraus. Wo wäre der in einem – wiederum – „spontanen“ Produkt des Zufalls zu finden, also eines Geschehens ohne erkennbare Ursache?

Ich meine aber, dass der „Sinn“ unübersehbar ist. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das nicht nur über die Gaben der Vernunft und der Erkenntnis verfügt, sondern auch kreativ ist. Das meint die Bibel mit dem Wort der Gottesebenbildlichkeit und mit der von Gott erteilten Aufforderung, sich die Erde „untertan“ zu machen. Ein übrigens ganz missverständliches Wort, denn es geht da nicht um Unterdrückung und Ausbeutung, sondern um Nutzung. Untertanen zu haben, schließt immer auch die Pflicht ein, für diese zu sorgen.

Sehen wir uns also die Welt an, in der wir leben. Sie ist mittlerweile zum größten Teil vom Menschen geschaffen, wofür ihm alles dazu Benötigte auf geradezu perfekte Weise zur Verfügung gestellt wird. Unsere Wahrnehmung reicht weit über das hinaus, was uns die Sinnesorgane vermitteln. Alles, was uns heute umgibt, ist – und das weitaus überwiegend! – Frucht des menschlichen Geistes. Es ist eine Welt der Wissenschaft, der Kunst, der Ästhetik und der Ordnungsentscheidungen, die getroffen und wirksam gemacht werden. Hergestellt von einem Wesen, das sich über die ihn umgebende Natur erhoben hat und diese ständig und immer mehr gestaltet. Aber auch vielfach missbraucht!

Der Mensch ist demnach tatsächlich Gottes Ebenbild, denn ihm ist anvertraut, selbst Schöpfer zu sein, Schöpfer vor allem unzähliger Gebilde, die der Sphäre des Geistes zuzurechnen aber ebenso real sind wie die uns umgebende Natur. Und das alles ereignet sich in der Freiheit des Menschen, einem Begriff, der auf eine sich selbst gebildet habende Natur keinesfalls passen würde, aber unser ganzes Leben kennzeichnet und bestimmt.

Sinn unserer Existenz, die für mich der eigentliche Sinn der Evolution ist, ist demnach, Freiheit auszuüben, und das bedeutet Verantwortung. Uns ist die Fähigkeit gegeben, zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Das sind nicht nur Abwandlungen der Begriffe nützlich und schädlich. So sehr wir durch die Lebensbedingungen unserer Vorfahren und durch alles, was diese durchmachen mussten, geprägt sind: Der Mensch erhebt sich vielfach auch zu einem Tun, das weitab von Zweckmäßigkeit und der Befriedigung natürlicher bzw. biologischer Bedürfnisse liegt. Und das ganz Neues hervorbringt, zuvor nie Dagewesenes!

In dieser Situation zu sagen, Gott wäre nur eine Vorstellung, eine Projektion menschlichen Bewusstseins, stellt die Dinge einfach auf den Kopf. Wer das behauptet, gleicht jemandem, der nach dem Erleben einer Theateraufführung behauptet, er habe sich das Stück eigentlich nur vorgestellt. Aber ganz falsch ist die Leugnung Gottes wiederum auch nicht, denn sie bezieht sich meist auf einen Gott, den wir wie alles andere selbst geschaffen haben. Sie betrifft jene Götterbilder, welche sich die Religionen zurechtgelegt haben und die Gott verfehlen, von dem wir uns – um abermals auf die Weisheit der Bibel zurückzugreifen – „kein Bild machen“ sollen. Denn so großartig unsere geistigen Fähigkeiten sind, so sehr neigen wir dazu, Gott auf simple Weise zu vermenschlichen.

Gott ist keine Person, also kein Individuum mit bestimmten Eigenschaften, ein solches ist vielmehr von Gott geschaffen. Er ist weder allmächtig noch allwissend, denn Macht einzusetzen und über Wissen zu verfügen kennzeichnet das Wesen des Menschen. Er ist auch nicht in die Zahl drei der Trinität zu teilen. Schon gar nicht ist er in der Hostie der katholischen Messe oder überhaupt irgendwo, denn einen Ort einzunehmen ist Notwendigkeit des Menschen, aber doch nicht Gottes. All diese Vorstellungen sind hilflose Versuche einer Annäherung an eine unmögliche Erkenntnis.

Wiederum geschieht da eine Umkehr der Wirklichkeiten. Wir haben das Göttliche im Menschen zu suchen, aber nicht das Menschliche in Gott! Wir können auf Gott nur aus seinem Wirken schließen, und dieses zeigt uns eine unübersehbare Sinngebung. Wenn wir uns mit Gott auseinandersetzen, müssen wir also nach dem Sinn dieser Sinngebung seiner Schöpfung forschen. Er ist ja nur durch sein Wirken erkennbar, besser gesagt: erschließbar. Er greift auch nicht unmittelbar ins Weltgeschehen und unser Schicksal ein, sonder ist auf nicht nachvollziehbare Weise der Urheber dessen, was wir als Fügung, Schicksal oder auch als Rettung empfinden. Wir können auch durch Gebete nicht Gottes Handeln herbeiführen, aber die uns anvertraute Lebensgestaltung kann von der Beziehung zu ihm geleitet und geprägt sein. Das bleibt nicht ohne Wirkung in vieler Hinsicht.

In den von mir eingangs erwähnten Beiträgen tauchte auch das uns ja allen bekannte Wort des Evangeliums auf, dass Gott die Liebe sei. Dem hat einer der Diskutierenden heftig widersprochen („Denn wäre Er die Liebe, wäre Er nicht Gott“.) Ich finde aber diese Benennung als nicht nur zulässig, sondern als Frucht von Erkenntnis. Wenn man sich wie ich zum Christentum bekennt, ist Jesus der Anruf Gottes an uns Menschen. Wobei nach meiner Auffassung von gleichem Wert ist, ob der Christus „nur“ aus seiner begnadeten Erkenntnis, oder ob er im „Auftrag“ Gottes gehandelt hat. Jesu Rede vom Reich Gottes und dem obersten Gebot der Liebe zu Gott und zu allen Mitmenschen bedeutet die unüberbietbare Beschreibung des Sinnes der Sinngebung.

Wäre diese zweifache Liebe unser aller Richtschnur des Handelns, würde die Schöpfung der Vollkommenheit zustreben. Jede „Sünde“, jede Verfehlung ist letztlich Lieblosigkeit, also Sinnverfehlung der Schöpfung. Also ist die Liebe von Gott und kennzeichnet das, was er für uns bedeutet und damit für uns ist! Jesu schrecklicher Tod am Kreuz war auch daher keine Opferung zur Versöhnung eines beleidigten Gottes, sondern seine Auferweckung ist das großartige an uns alle gerichtete Wort Gottes über die Unzerstörbarkeit der Liebe und des Lebens.

Um beim Sinn zu bleiben: Es wäre absolut sinnlos, wäre es in der Schöpfung Gottes vorgesehen, dass wir, die wir Werkleute am Reich Gottes sein sollen, am Ende unseres Lebens ins Nichts fallen, in das Hawkingsche Nullum, das im Nirgendwo zu finden wäre. Dann hätte alles, was wir im Sinn der Liebe getan haben, zwar Wirkung für das Entstehen des Gottesreiches, aber nicht für uns selbst. Nicht für uns also, die wir an Gottes Wesen teilhaben und wahrhaft in jener Welt des Geistes leben, die sich weit über Natur und Materie erhebt, und wo es keine Endlichkeit gibt.

Wiederum und abschließend gesagt: Ein befremdlicher Gedanke. Aber auch ein unerträglicher, der jenem Empfinden widerspricht, das eingangs als eine Quelle rechten Glaubens zu bezeichnen mir wichtig war.