unbekannter Gast

Machen wir uns endlich im Namen Jesu selbständig!#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 235/2017


Unlängst war ich bei einer alljährlichen Tagung, an der vorwiegend katholische Männer und Frauen teilnehmen. Wie immer war eine Messe vorgesehen, doch kein Geistlicher verfügbar. So wurde eine Wortgottesfeier geplant, die recht schön gestaltet war, mit Texten, Liedern und Gebeten, doch ich war davon nicht wirklich befriedigt. Nachher fragte ich jene, die das vorbereitet und geleitet hatten, warum sie im Rahmen dieser Zusammenkunft des Glaubens eigentlich nicht an das Reichen von Brot und Wein gedacht hätten? Nach meiner Überzeugung wäre das in solchen Fällen angebracht und notwendig! Hatte ich ja – was ich an dieser Stelle berichtete – vor nicht langer Zeit eine sehr berührende eucharistische Feier erlebt, die von „Laien“ arrangiert und geleitet wurde.[1]

Der Priestermangel wird immer schlimmer#

Ich brauche die dramatische Situation der Seelsorge nicht weiter darzulegen, wie sie sich auch in dem eingangs geschilderten Fall zeigte. Sie wird sich weiter verschärfen, denn es gibt so gut wie keinen (geeigneten) Nachwuchs mehr. Die Gründe liegen auf der Hand. Ganz zweifellos ist die verpflichtende Ehelosigkeit ein entscheidendes Hindernis für viele, die an sich eine Berufung empfinden, aber nicht auf Partnerschaft und Familie verzichten wollen. Von ebensolcher Bedeutung ist der Umstand, dass die römisch-katholischen Weiheämter den Frauen verwehrt

sind, womit die Hälfte der Berufungen einfach abgewiesen wird. Aber sicher spielt auch eine wesentliche Rolle, dass der Dienst in der Kirche heutzutage für junge Menschen einfach nicht attraktiv ist. Wer will schon in einem Unternehmen wirken, das – zumindest in unseren Breiten – so ganz und gar nicht auf Erfolgskurs ist? Und das völlig uneinsichtig in längst überholten und nur lästigen Regelungen, Vorstellungen und Formeln verharrt!

Nichts Entscheidendes geschieht aber, um mit diesem argen Problem fertig zu werden. Die Bischöfe, die Papst Franziskus zu Vorschlägen der Abhilfe ermuntert hat, ziehen nur die mitrabedeckten Köpfe ein. Sie wurden ja schon seit langem keineswegs nach den Kriterien von Mut und Kreativität ausgewählt! Nun warten sie einmal ab, ob der nächste Papst auch fortschrittlich sein wird und sehen ihre Aufgabe im Verwalten des entstanden Mangels durch Pfarrzusammenlegungen. So zerstören sie die gewachsenen örtlichen Strukturen, aber nur in den Gemeinden kann der Glaube wirklich lebendig bleiben!

Eigentlich ist es unter diesen Umständen geradezu grotesk, dass wir zu Gott um geistliche Berufungen beten sollen, wozu wir ja immer wieder aufgefordert werden. Die bestehenden Schranken zur Abwehr von Berufungen sind ja von der Kirche selbst errichtet worden! Bekanntlich können wir, obwohl das in der Bibel oft so ist, Gott nicht menschliche Gefühle unterstellen. Aber wollten wir das, wäre anzunehmen, dass der Herr über so viel Dummheit und Verstocktheit seines „Bodenpersonals“ nur in zornige Verzweiflung verfallen könnte.

Wozu brauchen wir eigentlich Priester?#

Es ist ganz klar: Die Kirche kann nur erfolgreich wirken, wenn sie ausreichend gute professionelle Seelsorger einsetzen kann. Die Fülle der Aufgaben ist gewaltig! Neben allem, was das unentbehrliche Organisieren und die Pflege des kirchlichen Betriebes betrifft, ist jene Zuwendung ganz wesentlich, welche die Menschen im Wirkungsbereich von „ihrem“ Geistlichen erfahren sollten. Aber gerade darum ist es nun ganz schlecht bestellt. Immer mehr verlagert sich die Obsorge für das kirchliche Leben weg von total überforderten Pfarrern zu Frauen und Männern des nichtgeistlichen Standes, auf Angestellte und vor allem freiwillig Engagierte. Und das ist nötig, sonst könnte die Kirche glatt zusperren.

Aber die Eucharistiefeier darf nach dem so genannten Kirchenrecht nur von geweihten Amtsträgern geleitet werden. Sie ist, wie immer wieder betont wird, unentbehrliches Zentrum des Glaubens, aber kann überhaupt nicht mehr ausreichend angeboten werden! Das zeigt wahrlich ein totales Versagen der Hierarchie. Sollen wir uns damit abfinden und auf das sinnlose Gebet um geistliche Berufe beschränken? Nein, wir müssen etwas unternehmen, denn der Glaube ist unendlich wichtiger als das antiquierte Vorschriftenwerk der Kirche!

In der gegenwärtigen Situation unserer Religionsgemeinschaft sind wir dazu aufgerufen, ja verpflichtet, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen! „Ungehorsam“ der kirchlichen Obrigkeit gegenüber ist angesagt, wenn man auf Jesus hört. Um nochmals ganz einfach zu sagen, was ohnedies bekannt und unwiderlegbar ist: Der Herr hat uns zum Brotbrechen im Mahl zu seinem Gedächtnis aufgefordert. Aber er hat nicht hinzugefügt, dass dies nur stattfinden dürfe, wenn es geweihte katholische Priester tun! Dass Jesus zusagte, unter uns zu sein, wenn wir in seinem Namen zusammenkommen, hat er jedenfalls nicht an die Mitwirkung einer bestimmten Kategorie dazu (von wem?) ermächtigter privilegierter Kleriker geknüpft.

Er konnte das ja deswegen gar nicht tun, weil es zu seiner Zeit diesen Stand noch gar nicht gab. Der wurde erst etabliert, als sich die Kirche mit tatkräftiger Hilfe und in eifriger Nachahmung der weltlichen Herrscher zur Großinstitution entwickelte. Sehr war sie dabei von der Absicht geleitet,

Macht über die Menschen zu gewinnen, aber letztlich auch über Jesus, den man sich nach eigenem Ermessen zurechtrichtete und in alleinigen Besitz nahm.

Als Folge all dessen ist die heutige weitgehend kultisch ausgerichtete „Heilige Messe“ von untragbaren Altlasten gekennzeichnet.[2] Da sollen wir beten, dass „der Herr das Opfer annehme“. Welches Opfer eigentlich muss von Gott beim Gottesdienst angenommen werden? Das „Lamm Gottes“ sollen wir anbeten, aber können die im Tempel zu Jerusalem geschlachteten Tiere samt deren massenhaft geflossenem Blut wirklich ein Objekt frommer Betrachtung sein?

Wir müssen im Gottesdienst erklären, dass wir nicht würdig seien, Jesus in der Kommunion zu begegnen, obwohl er sich gerade den Sündern zuwandte, die an den Rand einer selbstgefälligen Gesellschaft gedrängt waren. Und dann müssen wir auch noch ein liebloses Glaubensbekenntnis aufsagen, das gar kein solches ist, denn es kommt darin überhaupt nicht vor, was Jesus im Namen Gottes lehrte. Die Liste der Ärgernisse in der Messliturgie ließe sich noch weiter fortsetzen.

Die Schlussfolgerung ist ganz einfach#

Wenn wir nicht tatenlos zusehen wollen, dass die Kirche weiterhin und immer mehr jämmerlich dahinschwindet, und der christliche Glaube mit ihr, sind wir als Glieder des Volkes Gottes wahrlich dazu berufen, eigene Initiativen zu setzen, wenn wir die Frohbotschaft ernst nehmen wollen!

Die Liturgie der gängigen und zu bestimmten Anlässen noch immer gern angenommenen kirchlichen Messfeiern muss unbedingt in Übereinstimmung mit dem Wissen, der Sprache und dem religiösen Empfinden von heute in Einklang gebracht werden. Wir sollten sie in der vorgeschriebenen Form nicht einfach stumm ertragen, sondern im Gespräch mit den Gemeindemitgliedern Bewusstsein für Verbesserungen schaffen. Ebenso sollten wir die Courage haben, den handelnden Priestern beharrlich nahezulegen, verständliche, geeignete und zeitgemäße liturgische Formen zu verwenden. Oft geschieht das ja schon, wenn vernünftige Geistliche am Werk sind. An solchen Gottesdienste sollten wir bevorzugt teilnehmen!

Wenn ein geeigneter Priester nicht verfügbar ist und Wortgottesfeiern stattfinden, ist es einfach unsinnig, das im Zentrum stehende eucharistische Hochgebet (Epiklese und Konsekration, „Wandlung“) wegzulassen und damit einen von Furchtsamkeit geprägten Rumpfgottesdienst zu veranstalten. Das Austeilen vorher konsekrierter Hostien löst das Problem nicht, sondern macht es erst recht sichtbar. In der gemeinsamen Mahlfeier muss die Anwesenheit des Herrn in der glaubenden Gemeinschaft durch Brot und Wein erlebbar werden! Selbstverständlich kann auch das Evangelium von „Laien“ beiderlei Geschlechts vorgetragen und in einer Predigt erläutert werden.

Nach meiner festen Überzeugung kann und soll jede glaubende Gemeinschaft auch ohne Priester eucharistische Feiern abhalten, wann immer es angezeigt ist und die notwendigen Voraussetzungen dafür vorhanden sowie geprüft sind. Wir sollten bedenken, was die junge Christenheit getan hat. Damals versammelte man sich in Häusern, um das Herrenmahl zu feiern, also sich an das Heilshandeln Jesu zu erinnern und sich seiner Liebe und seinen Geboten zu verpflichten. Es war das ebenso wenig unwirksam wie gar verboten, sondern der so gemeinsam bekundete und gelebte Glaube hat gerade dadurch eine großartige Verbreitung gefunden. Wäre es auch so gewesen, wenn damals schon der Vatikan in Rom die Kirche beherrscht hätte?

Selbstverständlich muss dies alles, was wir aus eigener Verantwortung tun, in gewissenhafter Verantwortung des Glaubens geschehen. Es ist sehr zu hoffen und wird auch schon angestrebt, dass dafür Regeln entwickeln werden, die sich dann bewähren. Wir sollten da nicht zögern, sondern bereit sein und mitmachen!

Ärger mit der kirchlichen „Obrigkeit“ ist natürlich zu erwarten. Er kann aber, wie immer er zum Ausdruck kommen mag, getrost ignoriert werden. (Sofern man nicht im beruflichen Dienst der Amtskirche steht, was leider hinzuzufügen ist). Die Kontrolle der Hierarchie über das tatsächliche Glaubensgeschehen ist längst verloren gegangen und nur mehr auf geduldigem Papier vorhanden. Bloß eine Minderheit des Kirchenvolkes ist gehorsamswillig, und das nicht selten im Eifer einer zu beobachtenden merkwürdigen Unterwerfungssucht. Dass es im Kirchenrecht Strafbestimmungen gibt, nach denen etwa eine „Exkommunikation“ verhängt werden kann, ist längst zum Anachronismus geworden. Niemand kann aus der Communio, also der Gemeinschaft mit Jesus und den anderen Glaubenden ins „ex“ ausgeschlossen werden, sondern nur aus einem System, das immer mehr zum Selbstzweck wurde.

Immer sollten wir an das überlieferte Wort des Petrus denken: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen! Dies gilt vor allem, wenn diese während ihrer gesamten Laufbahn durch systematische Indoktrination in eine verhängnisvolle Beschränkung des Geistes befördert wurden.

Uns wird gesagt, dass Christus wieder kommen werde, „zu richten die Lebendigen und die Toten“. Ich halte nichts davon, dem Sohn des barmherzigen Gottes und Verkünder bedingungsloser Liebe so eine Rolle im Sinne irdischen Gerechtigkeitsdenkens zuzuschreiben. Aber sehr wohl werden wir alle einmal vor Gott stehen und uns selbst fragen müssen, ob wir mutig waren oder ängstlich. Und ob wir uns an willkürliches Regelwerk statt an die unmissverständlichen Worte Jesu gehalten haben. Das wäre ja eigentlich „Sünde“...

Fußnoten#

[1] Siehe „Gedanken“ Nr. 220 v. 5. 5. 17, abzurufen unter: Wie wir Jesus begegnen sollten
[2] S. dazu den bemerkenswerten Artikel von Anneliese Hecht „Vom Brotbrechen zum Steh-Imbiss“ in Feinschwarz: http://www.feinschwarz.net/vom-brotbrechen-zum-steh-imbiss