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Maria, prophetische Schwester#


Von

Martha Heizer

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 225/2017


Ich werde immer leicht nervös, wenn die Rede auf Maria kommt. Bestimmte Bilder von Maria sind immer wieder verwendet worden, uns Frauen zu sagen, wie wir zu sein hätten: brav, folgsam und häuslich, im Hintergrund dienend und möglichst schweigsam; wie eine Magd also, aber nicht nur die „Magd des Herrn“, sondern möglichst aller Herren im Umkreis. Diesem Bild hätten wir Frauen nachzufolgen. Zur Nachfolge Christi wären die Männer aufgerufen.

Meine Nervosität liegt auch daran, dass ein kurzer Blick auf die Kirchengeschichte zeigt, dass in den Zeiten der höchsten Marienfrömmigkeit die Verachtung der realen Frauen am größten war. Viele der wunderschönen Mariendarstellungen in unseren Kirchen sind zur Zeit der Hexenverbrennungen entstanden. Und das Bild der „reinen Jungfrau“ mit dem „unbefleckten Schoß“ eignete sich vortrefflich dafür, die Hochschätzung von Enthaltsamkeit und Zölibat zu vermitteln. Damit konnte man zugleich die Ehe empfehlen und die Sexualität abwerten. Unsere eigene Sexualität ist damit in ein eigenartiges Zwielicht geraten.

Gründe genug also, nervös zu werden, mit gespannter Aufmerksamkeit hinzuhören, in welcher Form und mit welchen Inhalten von Maria die Rede ist. Gründe genug auch für viele Frauen, mit Maria überhaupt nichts mehr zu tun haben zu wollen. Was tatsächlich über sie in der Bibel steht, ist wenig und bald erzählt. Ein junges Mädchen erwartet ein Kind unter gefährlichen und diskriminierenden Umständen (Mt 1,18 – 25). Die Bibel berichtet vom Besuch eines Engels, der bei dem Mädchen anfragt, ob sie einwilligen wolle in Gottes Plan. Sie sagt ja, und es folgt ein vermutlich recht schwieriges Leben mit einem revolutionären Sohn. Als Pädagogin frage ich mich natürlich, wie sie ihn wohl erzogen haben mag, dass er so werden konnte. Einen Hinweis darauf gibt es: am Anfang ihrer Schwangerschaft tauscht sie sich mit ihrer Cousine nicht über Babynahrung und -pflege aus, sondern besingt die Weltrevolution. Schließlich bringt sie das Kind unter armseligen Bedingungen zur Welt (Lk 2,4-7). Sie muss mit ihrem Mann und dem Kind fliehen, denn das Kind ist gefährdet durch Mächtige (Mt 2, 13-18).

Der Heranwachsende läuft ihr davon und seine Berufung nach. Kann er ja. Aber er hätte es ihr vorher sagen können. Versteht er nicht, dass Eltern Angst haben (Lk 2,41-52)? Als Erwachsener verlässt er sie. Einen solchen Außenseitersohn zu haben in einer Umwelt, die die Sippe so hochschätzt, ist mehr als schwierig. Er weist sie öffentlich zurück. Er nennt sie nie Mutter. Andere Frauen sind ihm offenbar wichtiger.

Wir wissen wenig darüber, wie sie den Tod, die Auferstehung und die Himmelfahrt ihres Sohnes erlebt haben mag. Sie stand am Kreuzweg, wird berichtet, dann unter dem Kreuz. Was für unsägliches Leid, den eigenen Sohn und alle seine Lebenspläne zerbrechen zu sehen! Sie war zu Pfingsten inmitten seiner Jünger und Jüngerinnen, sie starb in Ephesus.

Künstler haben sie immer gern dargestellt, bei dem Gespräch mit dem Engel, mit Elisabeth, aber vornehmlich gleich nach der Entbindung, ein paarmal noch mit häuslicher Idylle in Nazareth, ihr Sohn immer noch als Baby, dann weinend am Kreuz oder mit dem toten Sohn im Arm. Über das lange Leben dazwischen gibt es kaum was. Besonders anregend dürfte das Thema der Aufnahme Mariens in den Himmel sein. Da finden wir Kunstwerke aller Art. Das hat die Menschen immer angezogen: diese einfache Frau aus dem Volk wird zur Königin im Himmel.

Denn natürlich fehlt den Menschen etwas Wesentliches, wenn der Himmel nur von Männern bewohnt wird. Es ist gerade für Frauen sehr befreiend, dass der Mensch, der im Himmel zu allerhöchsten Ehren gekommen ist, eine Frau ist. Offensichtlich erfreut über diese Möglichkeit, eine Frau im Himmel anzusiedeln, haben wir dann übertrieben: Sie wurde manchmal sogar zur Göttin gemacht, zur vierten göttlichen Person, zu der nämlich, zu der man leichter und angstfreier beten kann. Die „Schutzmantelmadonna“ hält die Wut des erzürnten, Blitze schleudernden Gottvaters ab. „Die Männer“ der Dreifaltigkeit können in den Hintergrund treten.

Diese Reaktion war zwar theologisch völlig falsch – und das ist auch immer betont worden –, aber verständlich war sie allemal. Wir können uns nicht anmaßend über alle jene erheben, für die Gott, für die Jesus Christus unendlich weit weg waren. Die Einfachen, die stumm Leidenden, die ‚gekrümmten‘ Frauen haben sich an Maria gewandt – sie war verständlich und nahe. Ich bin heute noch froh um Maria und all das, was sie verdeutlicht. Ohne Maria würde mir in unseren Kirchenräumen vieles fehlen: Wärme, Lebendigkeit, Anschaulichkeit, Mütterlichkeit, Babies.

Wenn heute in allen christlichen Kirchen darüber nachgedacht wird, wie wir unser bisheriges Gottesbild aus der einseitigen männlichen Umklammerung befreien können, wenn uns immer klarer wird, dass „Gott im Mann zu kurz kommt“ , wenn wir uns immer häufiger an die weibliche Tradition der hebräischen ruach erinnern[1], dann können wir umso leichter Maria aus Nazareth wieder Mensch sein lassen. Denn die eigentliche Botschaft unserer Mariologie wirkt nur dann so befreiend, wenn Maria Mensch bleibt:

1. Maria ist der „exemplarische Mensch“, das betonte Johannes Paul II immer wieder, weil sie Gottes Anfrage mit Ja beantwortet. Maria ist somit Beispiel für die ganze Kirche und für jede/n von uns. Es ist sehr erfreulich und wohltuend, dass trotz der langen männerzentrierten Tradition im Christentum dieser beispielhafte Mensch eine Frau ist.

2. Maria hat sich für den Plan Gottes entschieden. So wird ihr Körper zur Wohnung Gottes. Die Körperlichkeit der Frau, die das Buch Genesis zur Ursache für die Erbsünde macht - womit es dem weiblichen Geschlecht einen nur schwer zu ertragenden Makel und eine erdrückende Last aufbürdet – , ist endgültig rehabilitiert. Dieser Körper wird selig gepriesen. In diesem Körper vollbringt Gott die Fülle seiner Wundertaten. Vorbei ist die Zeit, in der die heilige Gegenwart Gottes auf den Steintempel Jerusalems beschränkt war. Jetzt wird der menschliche Körper zum Tempel Gottes. Und das gilt für alle von uns, die einwilligen in den Plan Gottes: Wir alle tragen Gott in uns – wie Maria. Die Erzählung, wie Maria schwanger „über die Berge“, wie es heißt, zu Elisabeth geht, ist eine Erinnerung für uns, dass auch wir Gott durch die Welt, in die Welt hinein tragen.

3. Und schließlich darf man nicht vergessen, dass die Königin, die auf den Altären verehrt wird, eben jene arme Maria aus Nazareth ist, eine Frau aus dem Volk, völlig unbedeutend ihrer Stellung in der Gesellschaft ihrer Zeit nach. Sie trägt die Zusage der Vorliebe Gottes für die Erniedrigten, die Kleinen und Unterdrückten in sich. Sie verkörpert das „Privileg der Armen“. „Maria voll der Gnade“ – diese Gnade gehört dem ganzen Volk.

4. Und zuletzt: was kann dies alles für uns persönlich bedeuten? Es kann heißen, dass wir in Erinnerung an unsere eigene Taufe, die uns von der Erbsünde befreit hat, endlich wagen sollen, an das Beschenktsein durch Gottes Gnade zu glauben, an das Wirken des Heiligen Geistes in uns; dass wir schleunigst aufhören sollen, ständig auf die Sünde zu starren und endlich unsere Ganzheit, unsere Heiligkeit, das ganz besondere Gnadengeschenk Gottes an uns, annehmen lernen. Wenn wir uns einlassen auf den Plan Gottes, wie es Maria getan hat, werden auch wir zu Königen und Königinnen im Himmel – wie Maria, unsere prophetische Schwester.

Dr. Martha Heizer ist Vorsitzende der Reformbewegung „Plattform Wir sind Kirche“. Ihr Text gibt eine Marienpredigt wieder, die sie anstelle des verhinderten ehemaligen Bischofs der Diözese Innsbruck Reinhold Stecher zu halten ersucht wurde.

Fußnote#

[1] Das hebräische Wort weiblichen Geschlechts mit der ursprünglichen Bedeutung Atem, Wind, bezeichnet den Geist Gottes