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Tragik und Hoffnung eines Pontifikats#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 275/2018


Als Jorge Mario Bergoglio SJ im März des Jahres 2013 zum Papst berufen wurde, befand sich die Kirchenleitung nach dem Rücktritt Benedikts in einem bedrohlichen Ausnahmezustand. Die im Konklave versammelten Kardinäle wussten, dass es energischer Maßnahmen bedurfte, um das Kirchenschiff wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern. Der Erzbischof von Buenos Aires legte vor ihnen die Finger in die Wunden, indem er von kirchlicher Selbstbezogenheit und theologischem Narzissmus sprach. Er wurde gewählt, weil er gleichsam als Außenstehender unbefangen und unbelastet von den Zuständen im Vatikan ans Werk gehen konnte.

Vom ersten Moment an signalisierte der neue Papst tatsächlich beeindruckenden Veränderungswillen. Er bekannte sich zu einem ganz anderen Verständnis seines Amtes, aber auch von Kirche insgesamt! Er griff die Ideen des Vatikanums auf und es war zu erkennen, dass es ihm ganz um die Nachfolge Jesu geht. Franziskus verpflichtete sich, indem er sich als Bischof von Rom bezeichnete, notwendige Schritte nicht kraft seiner Autorität und Befugnisse, sondern in Gemeinschaft mit seinen Brüdern im Amt zu unternehmen. Ganz in diesem Sinn geht es ihm darum, das synodale Prinzip zu stärken. Das alles sind ebenso mutige wie höchst anerkennenswerte Schritte eines Kirchenoberhauptes!

Mit einer guten Portion von tatsächlicher Unbefangenheit ging Franziskus ans Werk. Seine Äußerungen zeigen Spontaneität und Bereitschaft, auf die Menschen zuzugehen und ihnen zuzuhören. Er setzt auf die Wirkung christlicher Ideale und will überzeugen, statt einfach zu entscheiden, er will bescheiden statt hochmütig sein. Mit den Enzykliken Lumen fidei und Laudato si gelingen ihm eindrucksvolle Apelle für soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.

Nichts ist naheliegender, als dass alle, die seit Langem und oft verzweifelt auf Reformen der Kirche warten, nun ihre Hoffnung in diesen außergewöhnlichen und ganz unkonventionellen Papst setzten, der so offensichtlich Bewegung statt der bisherigen und lähmenden Erstarrung signalisierte. Aber allmählich tritt nun eine bedrückende Tatsache ins Bewusstsein, an die niemand gedacht hatte und voraussehen konnte: Franziskus malt das schöne neue Bild von Kirche an die Wand von undurchdringlichen Mauern, die ein System tragen, das die Kirche und auch ihn mit bleierner Last niederdrückt.

Dieses System hat ganz anderes als das im Sinn, was Nachfolge Jesu bedeutet. Es legte der Lebendigkeit des Glaubens die Fesseln rigider und auch unmenschlicher Vorschriften an. Es hat das Geschehen in der Kirche einem Apparat überantwortet, der selbstbezogen in einer Welt entfernt von der Wirklichkeit des Lebens seine angemaßten Befugnisse ausübt. In ihm hat sich eine Mentalität entwickelt, die Franziskus vielleicht erst nach seinem Amtsantritt wirklich erkannte. Er hat die von ihm wahrgenommenen Übel in einer Weihnachtsansprache den Mitgliedern der Kurie auf eine diese schockierende Weise harsch entgegengehalten. Aber damit zeigte er, ohne es zu wollen, seine Hilflosigkeit angesichts dieser Macht.

Eine ganz schlimme Situation ist entstanden. Nach der ersten Phase verunsicherten Stillhaltens tritt die Kamarilla zum Abwehrkampf an. Sie hat eine leider wirksame und lähmende Waffe in der Hand. Sie führt dem Papst vor Augen, dass er, wollte er etwas gegen ihren Willen durchsetzen, eine Spaltung der Kirche riskiere. Denn noch immer sitzen sie an einflussreichen Stellen, die vom alten System Verkrümmten und Berufenen, die sich in ihrer Verblendung nichts anderes als dieses vorstellen können. Und es existiert ja auch die Piusbruderschaft als drohender Stachel der Trennung im Fleisch der Hierarchie, von dem man glaubte, ihn durch würdeloses Nachgeben herausziehen zu können.

Tatsächlich ist es gegenwärtig so, dass in der Kirche zwei ganz verschiedene Richtungen einander gegenüberstehen und miteinander auskommen müssen; interessanter Weise zeigt sich hier eine gewisse Parallele zum Geschehen in der Welt. Die Einen sehnen sich nach straffer Ordnung, die ein starker Mann herstellt, die Anderen nach kreativer Freiheit. Die Liberalen sind (noch?) in der Mehrheit, vor allem im Kirchenvolk, aber Vorgänger des Franziskus haben dafür gesorgt, dass die alte Garde dort ihren Fuß in der Tür haben kann, wo Entscheidungen zu treffen sind.

Der gegenwärtige Papst wird wohl wissen, dass dringende Änderungen auch im System anstehen, davon sollte man ausgehen. Stichworte viri probati und Frauen im Amt des Diakons. Es ist aber noch viel mehr, das erledigt werden müsste. Nach dem Konzil entstand der Plan einer Lex ecclesiae fundamentalis, also einer tauglichen Kirchenverfassung. Doch alles blieb und bleibt stecken. Die von Franziskus seitens der Bischöfe erhoffte Unterstützung ist eine Illusion. Teils sind sie selbst Produkte des Strukturkonservativismus, teils von der Entwicklung eher verunsichert als begeistert. Und die Tugend des Mutes ist ihnen, die bei ihrer Einsetzung unbedingtem Gehorsam geloben mussten, meist fremd. Wer weiß, was der nächste Papst anschafft, und der gegenwärtige steht immerhin schon im neunten Jahrzehnt seines Lebens.

Kann Franziskus, sofern er das anstrebt, angesichts dieser Situation maßgebliche Veränderungen durchsetzen? Um dieses Wort geht es letztlich. Durchsetzung liegt ihm nicht, er will nichts durch eigene Entscheidung herbeiführen, obwohl er nach dem Kirchenrecht dazu befugt und auch berufen wäre, denn er wünscht sich Gemeinsamkeit und Einigkeit. Er hat auch nicht die Voraussetzungen dafür hergestellt, wohlvorbereitet Entscheidungsmacht auszuüben, indem er mit einer konsequenten Personalpolitik Unterstützer um sich gesammelt hätte, die ihm zur Seite stehen. So wie es seine Vorgänger in ihrem Sinn bedenken- und rücksichtslos getan haben.

Es ist betrüblich, aber allseits weicht die Hoffnung jetzt immer mehr der Enttäuschung. Die Menschen empfinden diesen Papst als sympathisch, menschlich und aufgeschlossen. Kann das ihre oft so kritische und distanzierte Haltung zur Kirche verändern? Es sieht nicht danach aus. Nicht allein das schreckliche und nach wie vor unbewältigte, weil geflissentlich übersehene Übel so vieler sexueller Verfehlungen von Klerikern steht dem entgegen. Immer mehr wird sichtbar, dass nichts wirklich weitergeht. Auch bei Fragen, die unschwer gelöst werden könnten, wie betreffend die Kommunion für Geschiedene oder Paare mit verschiedener Konfession. Es wird gezaudert und taktiert statt Klarheit geschaffen.

Eine wirkliche Tragik zeigt sich. Ein inspirierter Mann im Petrusdienst ist nicht in der Lage, seinem guten Willen entscheidende Taten hinzuzufügen, das System ist stärker als er. Den katholisch Gläubigen wird immer mehr klar, dass sich heute niemand den Kräften entgegenzustellen vermag, die auf den Weg des Niedergangs geraten sind. Die Situation könnte nur zum Guten gewendet werden, wenn der nächste Papst das Licht, das Franziskus entzündet hat, in starke und entschlossene Hände nimmt. Aber diese Erwartung ist sehr unrealistisch.

Müssen wir also verzagen? Eine alte Weisheit sagt, dass Gott ein Übel, bevor er es beseitigt, zum Höhepunkt kommen lässt. Das könnte sehr wohl für die Kirche zutreffen. Danach würde Neues kommen, wahrscheinlich ganz anderes als es erwartet wird. Es sind Veränderungen unterschiedlicher Geschwindigkeit in verschiedenen Regionen denkbar. Der Glaube ist Wesenselement der Menschen und wo ein Vakuum entstanden ist, kann unversehens wieder Substanz einströmen. Nach jedem Stillstand kommen Bewegungen in Gang. Wer aufmerksam ist, spürt diese schon; und sie werden über das Erstarrte hinweggehen. Wiederum: Es gibt da Parallelen zum weltlichen Bereich.

So sehr das Pontifikat des Franziskus als tragisches Verfehlen des Erhofften beurteil werden könnte, so sehr ist diesem Seelsorger, der in die Armenviertel ging, etwas ganz Großartiges und Wichtiges gelungen. Er hat sichtbar gemacht, dass Kirche ganz anders verstanden und geleitet werden könnte. Das ist sehr, sehr viel. Hat man es je von einem Papst unserer Zeit erwartet? Es wird bleibendes Verdienst des Franziskus sein, einen entscheidenden Beitrag für eine Erneuerung der Kirche dadurch geleistet zu haben, dass er Alternativen sichtbar gemacht hat.

Krise bedeutet Zeit der Entscheidung. Wird sich die Dynamik neuer Sichtweisen entfalten oder werden wieder einmal jene das letzte Wort haben, die jede Bewegung unterdrücken? Die Geschichte lehrt ebenso wie die Natur, dass Stillstand tödlich ist. Kirche ist aber, was immer man darunter verstehen mag, sicher kein Fall zum Sterben, sondern eines Krankheitsbefalls, der Heilung erhoffen lässt. Hat dabei Gott die Hand im Spiel? Wir wissen es nicht. Aber es darf so gesehen und erhofft werden.