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Die Wahrheit hinter dem „... und führe uns nicht in Versuchung“#

Von

Wolfgang Treitler



Vorbemerkung von Herbert Kohlmaier#

Ich erhielt von Herrn Herbert Schubert aus Langenlois folgende Zuschrift:

Sehr geehrter Herr Dr. Kohlmaier! Von guten Freunden aus Hollabrunn bekomme ich immer Ihre Ausführungen über unsere "röm.kath. Kirche" zugesandt und bin ein begeisterter Leser Ihrer kritischen Betrachtungen. Ich war 30 Jahre Pfarrgemeinderat in unserer Pfarre Langenlois und stimme durch meine persönlichen Erfahrungen mit Ihren Stellungsnahmen immer völlig überein!

Derzeit beschäftige ich mich intensiv mit der Bitte im Vaterunser-Gebet "und führe uns nicht in Versuchung"! Ich bin fest der Überzeugung, dass Gott uns nicht in Versuchung führt, bete es auch so nicht mehr und kann den Grund nicht verstehen, warum dies in den deutschen Bibelübersetzungen noch nicht geändert wurde. Angeblich haben es die spanischen und französischen Bischofskonferenzen schon korrigiert. Auf eine Anfrage an das "Linzer Bibelwerk" wurde mit der griechischen Übersetzung argumentiert, die keine Veränderung zulässt.

Der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide hat darauf hingewiesen, dass eine Rückübersetzung dieses Satzes ins Hebräische das Problem ganz einfach erklärt. Das entsprechende hebräische Wort kann nicht nur "bringen" bzw. "führen", sondern auch "kommen lassen" bedeuten. So wird es bis heute in den Synagogen verwendet. Wenn Jesus das entsprechende Wort benützt hat, konnte er nur gemeint haben: "lass uns nicht der Versuchung erliegen“! Der heutige Wortlaut "Führe uns nicht in Versuchung" könnte demnach so entstanden sein, dass der Übersetzer ins Griechische, der mit dem Anliegen Jesu nicht mehr ganz vertraut war, das betreffende Wort einfach in seiner gängigsten Bedeutung wiedergegeben hat.

Im Internet habe ich sogar eine Stellungnahme von Bibelwissenschaftler gelesen, die beweisen wollen, dass dies keine Worte Jesu waren, sondern durch die Apostel später hinzugefügt wurden, Das Wort "und" vor der Bitte könnte dafür ein Beweis sein! Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir bei diesen Überlegungen durch Ihre Meinung behilflich sein könnten und danke Ihnen für Ihr Verständnis! Mit freundlichen Grüßen

Ich bat daraufhin Professor Treitler um seine Stellungnahme dazu, die mir rasch und bereitwillig zugesendet wurde, wofür ich herzlich danke! Ich gebe sie mit seiner freundlichen Zustimmung in dieser Ausgabe der „Gedanken zu Glaube und Zeit“ wieder:


Übersetzungen, die Gott verdunkeln#

Lieber Herr Dr. Kohlmaier, ich habe nun die betreffende Stelle genau angesehen. Wir haben ja ausschließlich den griechischen Text, der eine Übertragung dessen ist, was Jesus gesprochen hat, nämlich aramäisch und hebräisch. Es wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit so sein, dass das Vaterunser ursprünglich in Hebräisch gesprochen wurde, weil das die damalige Gebetssprache war. Aramäisch war die (nicht ausschließlich, aber weithin genutzte) Alltagssprache, durch die man das Hebräische, das dem Aramäischen ja verwandter ist das Deutsche dem Niederländischen, dem Heiligen vorbehalten hat, wozu auch die Familien gehörten, in denen gebetet wurde.

Im Griechischen findet sich das Wort "peirasmos", was mit Versuchung oder Erprobung übertragen wird. Das zeigt schon, dass dieses Wort eine größere Variation hat, als die Übersetzung ins Deutsche anzeigt. - Nun habe ich auch die hebräische Übersetzung des NT vor mir, die von der Bible Society in Israel gemacht worden ist und für messianische Juden und Jüdinnen gedacht ist und erstellt wurde. Das ist nicht uninteressant, weil diese Bewegung, die mittlerweile auch theologisch und biblisch sehr profunde und kenntnisreiche Gelehrte hat, zwar nicht nach dem ursprünglichen Klang des NT sucht - was ja ohnedies eine Fiktion ist -, aber bewusst machen möchte, dass das gesamte NT mit Ausnahme des Lk eine rein jüdische Schriftsammlung ist.

Und da wird diese Stelle, im Klang ähnlich den 10 Geboten, mit einem Imperativ formuliert: Du sollst uns nicht ... - "al tevi'enu". Im Ganzen heißt es: "al tevi'enu lejadej nissajon" - entscheidend ist das Wort nissajon: Es bedeutet nicht Versuchung (wie auch das griechische peirasmos nicht nur Versuchung bedeutet), sondern schlicht Erprobung – in Zusammenhang mit jadim (jadej nissajon) wird die Erprobung als massive, kraftvolle, auch übermächtige Erprobung verständlich. Dann heißt diese Bitte also: "Bring uns keine übermächtige Erprobung" - gemeint ist eine Erprobung, die an der Grenze oder jenseits der Kräfte steht, die man zur Verfügung hat, auch im Glauben.

Gemeint ist nicht, dass Gott zum Bösen verführt (in Versuchung führen); das ist Unsinn. - Der betende Mensch gebietet Gott also mit einem Befehl im Gebet, ihm nicht Erprobungen zu bringen, die er nicht durchstehen kann. Das ist genährt von langen Erfahrungen in Israel, die manchmal fast zu schwer waren, ertragen werden zu können, und hat sich in der Hiob-Geschichte wie in einen Fokus verdichtet: Auch da versucht Gott mittels des Satan (der da nicht der Teufel ist, sondern jemand, der Menschen auf Herz und Nieren prüft - eine Wendung, die in den Psalmen nicht selten vorkommt) Hiob nicht, sondern erprobt ihn - ein biblisches Lehrmärchen, das einen solchen nissajon, eine Art Experiment vorstellt, das die Kräfte einer Figur darauf hin ausmisst, wann es ihm reicht und er Gott kündigt. Es geht also im Vaterunser wie bei Hiob nicht um Versuchung, sondern um Stellproben im Leben, die einen vor die Frage treiben: Kann ich noch an Gott glauben oder nicht? Gott nicht mehr glauben zu können, weil alle Erfahrung dagegen spricht - das ist das Böse und Üble, angesichts dessen am Schluss um Erlösung gebeten wird, und das heißt nichts anderes als dies: Gott muss sich als Gott zeigen, er darf die Erprobungen im Leben nicht vertiefen (Befehlsform dieser Bitte!) und damit die Erlösung vom Übel unglaubwürdig machen.

Die Hoffnung ist das entscheidende Grundmotiv des Vaterunsers#

Es ist diese im Gebet geforderte Erlösung vom Widergöttlichen, die am Schluss, gleichsam von hinten her, den Anfang des Vaterunsers, bedroht durch zerstörende Erfahrungen, noch einmal bestätigt: Die Heiligung des Gottesnamens ist von Gott her gebunden daran, die Lebensproben seiner Geschöpfe nicht übers Maß gehen zu lassen, sondern seine Erlösung durchzusetzen. Und daran erkennt man, dass das Vaterunser eigentlich kein Ritualgebet für Jahrhunderte ist, sondern ein messianisches Gebet, dem Messias Jesus in den Mund gelegt als eine Art Zeugnis von sich selbst, das seine messianisch überzeugten Nachfolger sprechen werden: Denn der Messias ist derjenige, der die Erlösung künden und in echten Befreiungsakten auch durchsetzen muss, weil er von Gott dazu gesandt ist.

Das ist jedenfalls messianische Überzeugung im Judentum und bildet hier exakt den Hintergrund dieses Betens. Der Messias wird die Gottesherrschaft errichten, auch wenn davor apokalyptische Untergänge (Erprobungen, die vielleicht über die Kräfte von einigen gehen werden und daher gemildert werden müssen, von Gott und seinem Messias um Gottes willen) diese Hoffnung zu zerstören scheinen. – Diese apokalyptischen und messianischen Motive gehören also in das Textverständnis dieser Bitte hinein - und machen daher auch verständlich, dass es sich eigentlich nicht um eine Bitte handelt, sondern um einen Imperativ, um einen Befehl: Für Bitten und deren Erfüllung hat man meist Zeit, Befehle springen in der Gegenwart auf, sind wesentlich drängender und zielen auf ihre Verwirklichung in allernächster Zeit, weil es sonst nicht mehr zu ertragen ist. Insofern schließen also auch der Form nach die letzten beiden Bitten, die eigentlich Befehle sind, genau das Drängende der apokalyptisch-messianischen Endzeit mit ein.

Hoffentlich ist es in der Kürze einigermaßen klar, was der Text dieser Bitte um Bewahrung vor übermächtigen Erprobungen bedeuten wird. Leider hat die neue Einheitsübersetzung hier genau den Text der seit 1975 üblichen Übersetzung belassen und keine Änderung vorgenommen. Ich zweifle, ob ich noch erleben werde, dass der offizielle Gebetstext in deutscher Sprache noch vor meinem eigenen, üblichen und üblen, aber kaum messianischen Ende so übertragen wird, dass diese durchaus ärgerliche Schiefstellung aufgehoben wird. Denn auch eine solche für unseren Sprachraum leitende und verbindliche Übertragung kann für manche, eben weil es ein Gebet zu Gott und nicht irgendein sonstiger, relativer Text ist, zu einer Erprobung werden, die ihm Gott nicht erspart, weil sie von Übersetzern bewahrt wird, die hier stärker sind als er, weil sie weniger auf den Text hören als auf Übersetzungstraditionen und so Gewohnheiten vor Umkehr stellen.

Manchmal sind die Schritte, die gesetzt werden, nicht nur zu klein und zu langsam, sondern ein echtes Ärgernis, besonders in diesem Fall, wo es um den intimsten religiösen Akt geht, ums Beten, gestört durch Übersetzungen, die Gott verdunkeln. Doch zu einem dunklen Gott kann man kaum beten; von ihm wendet man sich meist ab. Etwas von diesem Ärgernis hat vor mehr als 50 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil mit dem Dokument Gaudium et Spes klar erkannt, wenn es in GS 19 heißt: "Deshalb können an dieser Entstehung des Atheismus die Gläubigen einen erheblichen Anteil haben, insofern man sagen muss, dass sie durch Vernachlässigung der Glaubenserziehung, durch missverständliche Darstellung der Lehre oder auch durch die Mängel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllen als offenbaren."

Das kann man mühelos aufs Beten mit zweideutigen, unklaren, Gott verzerrenden Worten übertragen und gebietet aufrichtige Befragung solcher Übersetzungen und die Abkehr von ihnen, wenn sie Motiv nachvollziehbarer Abwendung von Gott sind. Der Gefährdung des Gottesglaubens durch die manchmal fast unendlich schweren Erprobungen des Lebens braucht man nicht noch solche durch schiefe Übersetzungen und deren Bestätigung hinzufügen. Denn wo das Gebet im Kern gestört wird, zerfällt die letzte Hoffnung. Die Hoffnung aber ist das entscheidende Grundmotiv des Vaterunsers und all seiner Bitten von der Heiligung des Gottesnamens bis zur drängenden Bitte um Erlösung.

a. o. Univ. Prof. Dr. Wolfgang Treitler lehrt an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien Fundamentaltheologie; er widmet dem Judentum ein besonderes Forschungsprojekt.