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„Was tut Gott?“#


Von

Herbert Kohlmaier

Aus: Gedanken zu Glaube und Zeit Nr. 285/2019


Im jüdischen Milieu, das nun immer mehr der Vergangenheit angehört, stellte man die rhetori-sche Frage „Aber was tut Gott?“, wenn eine unerwartete Wendung ein entstandenes Problem beseitigte. Die Frage war eigentlich eine stehende Redensart; und die Antwort schon mitzuden-ken. Man erblickte darin Gottes Handeln, insbesondere wenn das Rechte wieder zur Geltung kam, obwohl man es nach dem wahrnehmbaren Verlauf des Geschehens eigentlich nicht erwar-ten konnte.

Diese Redensart weist uns auf etwas hin, das wahrlich zum Nachdenken anregt! Bekanntlich ist das Handeln Gottes in der Welt und mit uns Menschen keinem wirklichen Verstehen zugänglich. Sicher ist, dass er nicht „direkt“ eingreift. Gebete, er möge das doch tun, sind immer mit der Einschränkung zu verstehen, dass wir es letztlich Gott überlassen wollen, was er (alles in allem genommen) für richtig hält („Dein Wille geschehe!“).

Überdies gilt ja, dass wir vor Gott viel kostbarer sind als „das Gras auf dem Felde“ oder „ein paar Spatzen“, und dass „der himmlische Vater ja weiß, wessen wir bedürfen, noch bevor wir ihn darum bitten“. Das Wort Jesu „Bittet, und ihre werdet empfangen, klopfet an und es wird euch aufgetan werden“ bezieht sich eher auf das Reich Gottes und seine Güter („So wird auch der himmlische Vater denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten.“)

Aber das schließt sein göttliches Walten in unserer Welt keineswegs aus, es geschieht nur anders, als wir es uns vorstellen. Es scheint so, dass im „Plan“ der Schöpfung Gesetzmäßigkeiten wirken, die das herbeiführen, was man als „Gottes Wille“ bezeichnen könnte. Das geschieht oft erst nach längerer Zeit, denn „Gottes Mühlen mahlen langsam.“

Bleiben wir bei der Weisheit der Sprichwörter. „Es ist dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen“. Tatsächlich erweist die Geschichte, dass alles, was zu höchst bedeutender Größe und Macht gelangt ist, irgendwann sein Ende findet und nicht ewig währt oder gar weiterwächst. Alle zu gewaltiger Bedeutung gelangten Reiche und Kulturen erfuhren dieses Schicksal. Offenbar widerspräche ihre andauernde Existenz den Regeln der historischen Abläufe, die von einem ständigen Wandel gekennzeichnet sind und von denen wir hoffen, dass es sich um eine Fortentwicklung zum Besseren und Geeigneteren handelt.

Kehren wir nun zum eingangs erwähnten Wort zurück. Es ist ebenfalls Erfahrung, dass entscheidende Veränderungen oft nicht von dort ihren Ausgang nehmen, wo man es erwartet, sondern dass unbeachtete und scheinbar nebensächlichere Ereignisse fällige Veränderungen auslösen. Da wird alles Denkbare unternommen, aber umgekehrt auch abgewehrt, Macht zu brechen, aber dann passiert doch das Kippen des außer Gleichgewicht Geratenen. Auf einmal bricht der Krug, der mitunter sehr lange zum Brunnen gegangen ist, durch irgendeinen Anstoß.

An all das wird man bei der Lektüre eines jüngst in Feinschwarz (v. 15. 1. 19) erschienenen Beitrags des Religionssoziologen und Theologen Michael N. Ebertz erinnert. Er sieht den „Zerfall eines überkommenen Systems legitimer religiöser Ordnung. Das mag noch nicht das Ende der katholischen Kirche sein, aber ganz bestimmt das Ende ihrer herkömmlichen Kultur- und Sozialgestalt.“ Es zeigten sich, so Ebertz, allenthalben Züge der Desintegration und Degeneration „zu einer informellen Heterarchie, wenn nicht Anarchie. Und seitens der einfachen Kirchenmitglieder ist an die Stelle geistlichen Gehorsams spirituelle Selbstführung, ‚Autogestion‘ (Pierre Bourdieu), getreten.“

Wir würden nun „zu zeitgenössischen Zeugen der Desintegration“ – ich variiere: des Zerfalls – „eines überkommenden Systems.“ – Das mag überzeichnen, drückt aber aus, was zunehmend tatsächlich so empfunden wird und sich auf den gesamten Zustand der Kirche auswirkt. Bisher gehorsame Amtsträger legen den früheren Gehorsam ab, tun ihre Meinung kund und lösen bis-her nicht denkbare Diskussionen und Konflikte aus.

Besonders bemerkenswert ist aber eine Feststellung von Ebertz, obwohl sie eigentlich in einem Nebensatz zu finden ist: Der Kampf um die Kirche in der Kirche sei durch Papst Franziskus „sichtbar gemacht, nicht verursacht“. Was will damit gesagt sein?

Seit Jahrzehnten drängen Reformkräfte auf notwendige Änderungen in der Kirche, aber alles prallte bisher an den Mauern des Vatikans ab. Als dieser so unkonventionelle Papst kam, entstand Hoffnung, er würde der Motor des ersehnten Fortschritts sein. Doch nichts von dem, was man ständig einforderte, griff er wirklich auf. Weil er es nicht wollte oder nicht vermochte? Aber was bedeute dann, er habe etwas „sichtbar gemacht?“. Das kann man nur verstehen, wenn man den prüfenden Blick auf Anderes oder das Gegenteil richtet. Und das hat Franziskus tatsächlich getan, durch Wort und Tat, also sein ganzes Verhalten. Er hat der Welt seine Vorstellung einer Kirche ohne Klerikalismus vor Augen geführt.

Es ist eigentlich unerhört, dass ein Papst das tut, er, als Oberhaupt und Repräsentant eines Sys-tems, das eben klerikal ist. Wir sehen nun die Wirkung. Er hat scheinbar Unveränderliches ganz unbefangen in Frage gestellt und damit eine gewaltige Erschütterung ausgelöst. Sie könnte heil-sam sein, wenn sie zur Besinnung und zum Handeln im Sinn einer Erneuerung führt. Wir wissen nicht, ob das geschehen wird, aber die Situation hat sich – so scheint es doch – auf einmal total geändert!

Ist es da nicht ganz und gar angebracht, sich die eingangs beschriebene Frage im Hinblick auf geradezu dramatische Ereignisse zu stellen, die so nicht zu erwarten waren: „Was tut Gott?“