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Frischer Wind im Baltikum#

Litauen feiert 100 Jahre Unabhängigkeit. Das ganze Jahr über bieten Veranstaltungen die Gelegenheit, das facettenreiche Land kennen zu lernen.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 17. Februar 2018

Von

Lisa Arnold


Vilnius
Die Hauptstadt Vilnius gilt wegen ihrer vielen Kirchen auch als "Rom des Nordens"
Foto: © vilnius-tourism

Am Freitag, 16. Februar feierte Litauen den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Das kleine Land an der Ostsee hatte sich am 16. Februar 1918 nach über 120 Jahren von Russland losgemacht und wurde eine eigenständige Repu-blik. In der Hauptstadt Vilnius wurde das Jubiläum mit 100 Freiheitsfeuern im Stadtzentrum, einem Konzert und Glockenläuten im ganzen Land gefeiert. Unter den Gästen waren der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie Kronprinzessin Victoria und Prinz Daniel aus Schweden. Litauen ist das größte der drei baltischen Länder, gehört seit 2004 zu EU und NATO und hat drei Millionen Einwohner, die seit 2015 mit dem Euro zahlen.

Die Unabhängigkeit, die Litauen 1918 errang, war nicht die erste - und auch nicht die letzte. Das kleine Land an der Grenze zwischen Ost- und Westeuropa hat Jahrhunderte der Unionen, Annektierungen und Besetzungen hinter sich. Zuerst war Litauen unabhängig, als Fürst Mindaugas, erster und letzter König von Litauen, Mitte des 13. Jahrhunderts baltische Stämme zu einem Großfürstentum vereinte, das etwa die Fläche des heutigen Litauen hatte.

Dass man in Geschichtsbüchern wenig über Litauen liest, liegt daran, dass es 400 Jahre lang eng mit Polen verbunden war: zunächst durch die Personalunion von Großfürst Jogaila, der ins polnische Königshaus einheiratete, und ab 1569 in der Königlichen Republik Polen-Litauen. In dieser Konstellation dominierte immer das um ein Vielfaches größere Polen. Polnisch war neben Latein Landessprache, Litauisch dagegen nicht einmal offiziell anerkannt. Durch die Zugehörigkeit zu Polen hat Litauen außerdem den katholischen Glauben behalten, während die baltischen Länder Lettland und Estland unter deutschem Einfluss reformiert wurden.

Ende des 18. Jahrhunderts wird die durch Kriege geschwächte Staatenunion Polen-Litauen von den Nachbarländern Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt. Litauen kommt 1795 unter russische Herrschaft, so wie zu anderen Zeitpunkten auch Estland, Lettland und Finnland. Während Finnland im Russischen Kaiserreich ein politisch autonomes Großfürstentum mit eigenen Rechten bleibt, werden die baltischen Staaten gnadenlos russifiziert: Litauer müssen in kyrillischem Alphabet schreiben, in Schulen ersetzen russische die litauischen Lehrer und ein Aufstand wird 1831 mit der Schließung der Universität Vilnius bestraft.

Im Ersten Weltkrieg besetzte Deutschland das litauische Gebiet. Das ist der Grund dafür, dass die am 16. Februar 1918 überreichte Unabhängigkeitserklärung auf Deutsch übersetzt ist. Das Schriftstück galt als verschollen, bis es der litauische Historiker Liudas Mazylis im März 2017 in den Archiven des deutschen Auswärtigen Amtes in Berlin entdeckte. Pünktlich zum Jubiläum kam das Dokument nun nach Litauen, als Leihgabe für fünf Jahre.

Es braucht Mut, Hartnäckigkeit und Kreativität, unter einer dominierenden Macht seine Identität zu bewahren. Die Litauer haben es geschafft und damit zum 100. Jubiläum ihrer zweiten Unabhängigkeit allen Grund zum Feiern. Die Lieder, Tänze, Trachten und Gerichte, die etwa bei einem Liederfest im Juni/Juli zu erleben sind, haben Jahrhunderte der kulturellen Unterdrückung überstanden. Ein essenzieller Teil der litauischen Kultur ist außerdem die Sprache. Litauisch gehört, wie Lettisch und das ausgestorbene Altpreußische, zu den baltischen Sprachen. "Labas" heißt Hallo, mit "aciu" bedankt man sich. "Subtil, melodiös und konkret ist Litauisch eine Lyriksprache par excellence", sagt die Übersetzerin und Lituanistin Claudia Sinnig: "Das Litauische ist von einem sanften, unglaublich nuancierten Klang und einer archaischen Formenvielfalt, wie sie nur in den Altsprachen anzutreffen ist."

Archaisches Litauisch#

Bei der Leipziger Buchmesse 2017 war Litauen Gastland und präsentierte 26 deutschsprachige Neuerscheinungen. Die litauischen Autoren setzen sich mit der spannungsreichen Vergangenheit ihres Landes auseinander, darunter Ruta Sepetys, deren Roman "Salz für die See" es auf die Bestsellerliste der "New York Times" schaffte. Sie bieten auch witzige Beobachtungen und Assoziationen, wie Eugenijus Alianka in der Essaysammlung "Risse". Und das klassische Epos "Die Jahreszeiten" von Kristijonas Donelaitis, der als "Vater" der litauischen Literatur gilt, wurde neu aufgelegt.

Das archaische Litauisch, das der Urform des Indoeuropäischen am nächsten ist, fordert Übersetzer heraus und lehrt selbst deutschsprachigen Lesern die eine oder andere selten verwendete Vokabel ihrer Muttersprache.

Das Litauische wurde erst im 16. Jahrhundert erstmals niedergeschrieben, und zwar nicht im eigentlichen Litauen, sondern in einem Gebiet von Preußen namens Preußisch-Litauen, auch Kleinlitauen genannt. Es gehörte nie zu Litauen, doch viele Litauer wanderten in die Gegend an der Ostseeküste aus. Als diese protestantisch wurde, übersetzten evangelische Pfarrer kirchliche Schriften ins Litauische, im 17. Jahrhundert schrieb der Pastor Daniel Klein die erste Grammatik.

Hier, in Preußisch-Litauen, vermischten sich germanische und baltische Kultur. Ein berühmtes Beispiel ist der Philosoph Immanuel Kant, der 1724 in der preußischen Hauptstadt Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, als Sohn einer Deutschen und eines Litauers geboren wurde.

Die Hauptstadt Vilnius gilt mit über 40 Kirchen allein in der Altstadt, die auf der UNESCO-Welterbeliste steht, als "Rom des Nordens". An barocker Pracht wurde nicht gespart. Litauen gehört zwar zu den Ländern, die sich dem Christentum zuletzt öffneten, dafür ist der Glaube von Dauer und Tiefe. In der Union mit Polen gab es Anstrengungen der Gegenreformation, unter anderem die Gründung der Universität Vilnius 1570, die als Jesuitenschule begann. Bis heute kann man dort das altpreußische Spracherbe studieren.

Als Litauen ab 1795 unter russischer Oberhoheit stand und litauische Texte in lateinischem Alphabet verboten wurden, spielten die vielen Druckereien und Verlage in Kleinlitauen eine entscheidende Rolle für den Erhalt der Sprache, Kultur und Identität der Litauer. "Knygneiai", übersetzt "Bücherträger", nannte man die Mutigen, die jedes Jahr 30.000 in Kleinlitauen gedruckte Bücher über die Grenze schmuggelten - ein halbes Jahrhundert lang, bis das Presseverbot aufgehoben wurde. Diese Form des Widerstands war Teil der nationalen Bewegung Litauens, die 1918 in der Unabhängigkeitserklärung mündete.

Zweite Hauptstadt#

Weil die Hauptstadt Vilnius nach der Unabhängigkeitserklärung von Polen besetzt war, wurde Litauens zweitgrößte Stadt Kaunas "provisorische Hauptstadt" der jungen Republik. In den darauffolgenden 20 Jahren verwandelte sich die Stadt in eine Hauptstadt von europäischem Format. Zwischen 1918 und 1940 entstanden 12.000 neue Art-Gebäude - und zeugen von einer "Architektur des Optimismus".

Nach dem Zweiten Weltkrieg, auf den ein weiteres halbes Jahrhundert in russischer Hand folgte, diente das modernistische Stadtbild als Anker und als lebendiges Denkmal der Unabhängigkeit, als Bindeglied zu Westeuropa und Fundament der Identität von Kaunas. Deswegen wurde die Stadt 2015 in das UNESCO-Netzwerk der kreativsten Städte der Welt in der Kategorie Design aufgenommen (in die Gesellschaft von Graz und 21 weiteren Städten). Bis 18. März ist die Ausstellung "Architecture of Optimism: The Kaunas Phenomenon, 1918-1940" in der Nationalgalerie in Vilnius zu sehen.

Wer es in dieser Zeit nicht schafft, kann einen Kaunas-Besuch im Jahr 2022 einplanen: Dann wird die Stadt europäische Kulturhauptstadt. Bis dahin wird sich noch viel tun in dem Land mit den großen Ambitionen. Denn Litauen strotzt vor Gründergeist, die junge Generation will sich entfalten. Dank dem weltweit am besten ausgebauten Breitbandnetz kann sie das auch tun. Statt aus dem Osten nimmt sie die Inspiration längst aus dem Norden.

Als "Außenstelle" des Nordischen Rats pflegt Litauen enge Kontakte mit Skandinavien, politisch wie auch wirtschaftlich. Die wichtigsten Investoren kommen aus Nordeuropa: schwedische Banken haben längst nach Litauen expandiert, dänische Wohnprodukte werden gefertigt und Ryanair wartet seine Flugzeugflotte in Kaunas. Ein Jahrhundert nach der wiederhergestellten Unabhängigkeit tut sich viel in dem kleinen Land an der Ostsee.

Kulturolympiade#

Mit den Feierlichkeiten in Vilnius, das 2009 zusammen mit Linz europäische Kulturhauptstadt war, hat ein Jahr mit Veranstaltungen im ganzen Land begonnen. Trotz Sprachbarriere funktionieren die Musikfestivals. Im März lädt das Jazz Festival in den Kurort Birtonas im Memelschleifenregionalpark ein, während das Vilnius Festival im Juni klassische Musik von Symphonikern, Solisten und Ensembles aus aller Welt bietet. Vom 30. Juni bis 6. Juli findet in Vilnius das Liederfest statt, das zusammen mit dem estnischen und lettischen Liederfest auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes steht. Mit einem Chor aus 20.000 Sängern und Choreographien mit 9000 Tänzern nennt sich das Festival zu Recht "litauische Kulturolympiade". Kunstausstellungen, Folklore und kulinarische Spezialitäten gehören ebenso zum Programm und geben Besuchern die Möglichkeit, das Spektrum der litauischen Kultur an einem Ort zu erleben.

Zeitgenössische Kunst und innovatives Design bilden einen eigenen Schwerpunkt im Programm des Jubiläumsjahres. Den Anfang macht die Design Week im Mai, gefolgt von der Kunstmesse Artvilnius im Juni. Die Nationalgalerie in Vilnius, deren Sammlung moderne Kunst seit Beginn des 20. Jahrhunderts umfasst, zeigt von Juli bis September die Sonderausstellung "Tales of Things: 100 Jahre litauisches Design". Die Ausstellung skizziert die Modernisierung des Landes anhand von Produkten aus drei ganz unterschiedlichen Perioden: von der Zwischenkriegszeit durch die sowjetische Zeit in die unabhängige Gegenwart. Im Oktober eröffnet schließlich in Vilnius ein weiteres, privat gestiftetes Museum für moderne Kunst: Das MO Museum liegt in einem neuen Gebäude vom Architekten Daniel Libeskind.

Wiener Zeitung, 17. Februar 2018