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Klein ist das neue Groß#

"Downsizing" heißt eine ziemlich verwegene Utopie, in der Menschen bloß 12 Zentimeter hoch sind. Aber sind sie auch glücklich?#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 19. Jänner 2018

Von

Matthias Greuling und Eva Stanzl


Paul Safranek (Matt Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig) bestaunen in 'Downsizing' die geschrumpften Mitmenschen
Paul Safranek (Matt Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig) bestaunen in "Downsizing" die geschrumpften Mitmenschen.
Foto: © Paramount

In einer Welt der Zukunft, sagen wir in 50 Jahren, werden dereinst irritierende Staatsoberhäupter wie Donald Trump einmal als die wahren Visionäre gefeiert werden. Hat Trump doch schon 2017 erkannt, dass es so etwas wie den Klimawandel gar nicht gibt. Er ist ein Produkt der Lügenpresse gewesen, ganz klar. Recht behalten würde Trump, wenn Realität wäre, was der US-Regisseur Alexander Payne in seinem neuen Film "Downsizing" (derzeit im Kino) erzählt: Man hat die Menschheit geschrumpft! Und dadurch den Klimawandel verhindert, weil nur mehr ein Bruchteil der Ressourcen benötigt würde. Reduziert auf eine Körpergröße von 12,5 Zentimeter, durch einen unumkehrbaren Prozess, verheißt das Ganze zudem Glückseligkeit im sogenannten "Leisureland": Das ist eine Großstadt im Miniaturformat, geschaffen für seine geschrumpften Bewohner, die dort nach ihrer "Umwandlung" zu Minimenschen ein erfülltes Dasein haben sollen.

Kleine Menschen machen weniger Dreck#

Die Schrumpfung der Menschheit muss man im Kopf erst einmal durchspielen: Sie spart viel Platz und löst nicht nur das Problem mit dem Klimawandel, sondern auch das mit der Überbevölkerung, genauso wie jenes der Müllberge (Mini-Menschen machen weniger Dreck), der Trinkwasserversorgung (sie trinken weniger) und der Geldnöte (Luxusvillen im Puppenhausformat sind selbstredend günstiger als weitläufige Anwesen in Realgröße). Eine Welt, in der es nur Reiche gibt, denn wer als großer Menschen wenig Geld hat, ist als kleiner plötzlich Millionär, weil kleine Dinge weniger kosten. Doch es lauern auch Gefahren auf den Minimenschen. Um ihre neuen natürlichen Feinde zu bekämpfen, ist die Mini-Megacity mit Netzen überspannt, denn Insekten wären für die kleinen Menschen tödlich.

Es ist auch und vor allem die Psyche, die die Menschen nach "Leisureland" treibt: Paul Safranek (Matt Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig), die im realen Leben mit schlechten Karriereaussichten und Durchschnittslohn von einer Villa höchstens träumen können, gefällt die Idee vom sorgenfreien Leben in der Miniatur. Safranek ist der viel zitierte "kleine Mann", der gern größer wäre: Ein verhinderter Arzt, der seiner kranken Mutter zuliebe das Studium opferte und jetzt seine Rechnungen nicht mehr zahlen kann. Ein Durchschnittsamerikaner, dessen Ego ausgerechnet durch die eigene Schrumpfung emporsteigen soll. Im Leben als normal gewachsener Mann müsste Safranek sich finanziell "gesundschrumpfen", aber in Leisureland kann er richtig auftrumpfen.

All das hat freilich einen Haken: In Minimundus lebt es sich erstaunlich kleinkariert und bieder; auch dort kann nur über sich selbst hinauswachsen, wer herausragend ist, trotz seiner kleinen Körpergröße. Es zeigen sich rasch die gleichen Probleme wie in der Welt der "Großen". Neid, Missgunst, verbrecherische Machenschaften und zwielichtige Typen, in Gestalt von Christoph Waltz etwa, der als Lebemann Dusan mit serbischem Akzent auftaucht, als Paul Safranek längst in der Kleinheit seiner neuen Welt verloren scheint. Seine Frau hat einen Rückzieher gemacht, da lag er schon in der Schrumpfkammer, die ein bisschen aussieht wie eine überdimensionierte Mikrowelle. Es folgt die Trennung zwischen der Großen und dem nun Kleinen. Glück sieht anders aus.

So ist "Downsizing" also vor allem ein spannendes Gedankenexperiment. Die Schrumpfung ist gelebte Nachhaltigkeit und passt zu unserer Zeit. Die saloppe Science Fiction, die Alexander Payne serviert, hat ihren Ursprung in der gedanklichen Großwetterlage der Optimierer und Weltverbesserer. Eine wissenschaftliche Grundlage hat sie nicht. Ganz im Gegenteil: In der Realität werden die Menschen größer. Seit etwa 7000 Jahren legen wir ordentlich zu - allerdings verläuft die Entwicklung nicht gleichförmig. Anthropologen der Universität Jena haben das Größenwachstum in Deutschland untersucht und festgestellt, dass die Bevölkerung in Nordostdeutschland rund um die Mittelelbe etwa so groß waren wie 1964, jedoch im Mittelalter wieder kleiner wurden. Klar in die Höhe schossen die Menschen im Lauf des 20. Jahrhunderts: Heute sind sie in westlichen Industrieländern um 15 Zentimeter größer als noch 1880. Der Durchschnittsmann misst 1,78 Meter, doch auch 1,90 Meter für Männer und 1,80 Meter für Frauen sind keine Seltenheit. "Man kann an der Körperhöhe ablesen, wie wohlhabend eine Gesellschaft ist", sagt Kathrin Kronmeyer-Hausschild von der Universität Jena im ARD-Interview.

Bessere Nahrung lässt die Menschheit wachsen#

Mehr Eiweiß, mehr Nahrung, weniger körperliche Arbeit und weniger Krankheiten durch eine bessere Hygiene gelten als Hauptursachen dafür, warum die Menschen wachsen. "In Industriestaaten spielt auch die Ernährungssicherheit eine Rolle. Das ganze Leben lang haben wir, vom Anfang im Mutterleib bis ins hohe Alter, genug zu essen. Früher waren die Mahlzeiten eintöniger, es wurden mehr Kohlehydrate verzehrt. Heute stehen mehr Fleisch und Proteine auf dem Speiseplan, gleichzeitig müssen wir uns körperlich weniger anstrengen", erläutert Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner an der Medizinuniversität Wien.

Jedoch wachsen wir nicht nur in die Länge, sondern auch in die Breite. Einer Studie des US-Zentrums für Gesundheitsstatistik haben in den Staaten sowohl Männer als Frauen seit 1960 elf Kilo zugelegt. Im Alter senken zusätzliche Kilos die Körpergröße schneller ab als bei so manchen schlanken Vertretern des Homo sapiens. Denn mit den Lebensjahren nimmt der Körperfett-Anteil zu, die Muskelmasse ab und die Knochen verlieren an Dichte. Regelmäßiger Sport und Fitness bremsen laut Experten die natürliche Altersschrumpfung ein wenig ein.

Tatsächlich wäre es auch möglich, den Homo sapiens absichtlich zu verkleinern. Voraussetzung wäre ein höllischer Stress über lange Zeit. In Jahren von Hungersnöten, Seuchen, Krieg und einem andauernden Kampf ums blanke Überleben wird unsere Art - ähnlich wie Tiere in freier Natur, die zu wenig Nahrung finden - kleiner. Allerdings ist der Unterschied mit ein oder zwei Zentimetern eher subtil, die Hölle also keineswegs lohnenswert. Da lohnt es eher zu bedenken, dass das Wachstum Grenzen hat. "Außergewöhnlich große Menschen leben eher weniger lang als durchschnittlich Große. Das kann durchaus auch mit der Schwerkraft zu tun haben, der das Herz über weitere Strecken entgegenpumpen muss", sagt Hutter. Die unvermeidlichen Herzkreislauf-Schwierigkeiten und Gelenksprobleme lassen annehmen, dass die Evolution den Mensch nicht in den Himmel wachsen lassen wird.

Die Lust am Kleinen bleibt jedenfalls bloße Fiktion. "Downsizing" verhandelt dabei keineswegs ein neues Thema, denn das Schrumpfen zieht sich quer durch die Filmgeschichte: Einmal abgesehen von 80er-Jahre-Komödien wie "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft" und davon inspiriertem Klamauk wie der ebenfalls diese Woche anlaufende "Hilfe, ich hab die Eltern geschrumpft", ist das weite Feld bestellt mit Klassikern wie "The Incredible Shrinking Man" (1957), in dem der Protagonist aufgrund radioaktiver Strahlung zu schrumpfen beginnt; 1981 erfolgte dazu die Persiflage in "The Incredible Shrinking Woman", in dem die Hauptfigur wegen eines experimentellen Parfüms immer kleiner wurde.

Größe bringt auch Macht und scheinbare Kontrolle#

1966 brachte "Fantastic Voyage" eine U-Boot-Crew in mikroskopischer Größe in den Körper eines Verletzten, dessen Gehirn repariert werden sollte - ein bisschen wie Hirnschrittmacher, die heute gegen Parkinson ins Denkorgan eingesetzt werden. Angeblich will Guillermo del Toro im Frühjahr mit den Dreharbeiten für ein Remake beginnen. Das Schrumpfen ist auch Teil der Geschichte von "Alice im Wunderland", und "Ant-Man" ist sowieso der (Marvel-)Welt kleinster Superheld.

Vielleicht liegt es auch am Blickwinkel des Großen auf das Kleine, dass die kleine Façon der Menschheit schon lange im Sinn herumgeistert, auch, weil sie eine andere Weltsicht ermöglicht. Worin liegt der Kick, sich mit Märklin und Rocco in den feuchten Keller zurückzuziehen? Modelleisenbahner bauen sich ganze Welten en miniature, über die sie die totale Kontrolle ausüben. "Über den Dingen" zu stehen, und sei es rein wegen der körperlichen Größe, gibt ein Gefühl von Macht und scheinbarer Kontrolle über den Lauf der Dinge. Der Blick von oben herab auf eine kleine, überschaubare Welt, das hat etwas Gottgleiches. Wer will da noch geschrumpft werden?

Wiener Zeitung, 19. Jänner 2018