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Geschichten rund um die Kirche "am Limoniberg" #

Der prächtige Jugendstil-Sakralbau auf einem Hügel im Westen der Stadt hat bei den Wienern viele Namen.#


Von der Wiener Zeitung (24. April 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Paul Vécsei


Kirche am Steinhof
Kirche am Steinhof. Otto Wagners Kirche gefiel Franz Ferdinand 1907 gar nicht. Der Architekt erhielt vom Kaiserhaus keine Aufträge mehr.
© Ewald Judt, unter CC BY 4.0

Die meisten kennen die architektonische Meisterleistung unter dem Namen ihres Schöpfers, als "Otto-Wagner-Kirche". Die 1907 in Betrieb genommenen Kathedrale des Jugendstils am Gelände der damals neu geschaffenen "Landesirrenanstalt" heißt aber auch vielfach "Steinhof-Kirche". Auf dem Areal hatte es vorher einen Steinbruch für Pflastersteine zum Ausbau Wiens in der Gründerzeit gegeben. Otto Wagner, als Schöpfer zahlreicher bedeutender Bauten des Fin de siècle, hatte das Gelände dieses "Stein-Hofs" daher gut gekannt, ehe er zu seinem endgültigen architektonischen Gestalter werden sollte. Die Kirche war sein letztes Werk für die Habsburger. Denn Thronfolger Franz-Ferdinand, der auch die Eröffnung vornahm, gefiel der Bau ganz und gar nicht. Was er auch lautstark kundtun sollte.

Kaum jemand kennt den Sakralbau unter seinem offiziellen religiösen Namen: "Kirche zum Heiligen Leopold". Denn dieser ist der Landespatron von Niederösterreich. Wien war damals noch Teil davon. Viele, vor allem ältere Wiener, benützen aber einen ganz liebevollen Namen: "Kirche am Limoniberg". Die vergoldete Kuppel in Form einer geteilten Zitrone soll hier Namensgeber gewesen sein. Jedenfalls findet sich diese Bezeichnung sogar in der Literatur, nämlich in H.C. Artmanns "med ana schwoazzn dintn" aus dem Jahre 1958. Auch "Guglhupf" ist einer der gängigen Namen. Die Errichtung der ersten "Landesirrenanstalt" samt Kirche war jedenfalls notwendig geworden, weil der "Narrenturm" im Alten AKH und eine andere "Anstalt" in der Bründlgasse für alle "Irren" und was man damals in der Reichs- und Residenzhauptstadt dafür hielt zu klein geworden war. Der "Fortschritt" in Form einer eigenen, modern gestalteten großen psychiatrischen Einrichtung für die fast 3.500 Insassen war ein relativer. Denn die Methoden eines Sigmund Freud und anderer Bahnbrecher hatten sich in Wien noch lange nicht herumgesprochen. Und alle Arten unliebsamer Menschen, vom echten Kranken bis zum Obdachlosen, wurden so weit vor die Stadttore hinaus hinter eine Mauer in den Steinhofer Wienerwald verschoben. Jedenfalls rückten die Wiener nun samstags zu neuem Vergnügen aus: zum "Narren schauen". Das konnte man auf dem Gelände mithilfe einer kleinen Schmalspurbahn, die einst zwischen den Pavillons verkehrte.

Der Humanist Otto Wagner bemühte sich jedenfalls seine Bauten, wie auch den Sakralbau in jeder Weise menschengerecht zu gestalten. So verfügt die Kirche über einen eigenen Behandlungsraum. Ein Gefälle des Innenraums sorgt sowohl für optimale Reinigung per Schlauch als auch für freie Sicht von den hinteren Plätzen. Alle wunderbaren Kunstwerke wurden so überlegt und geplant, dass sie nach damaligem Wissensstand kaum von Renitenten beschädigt werden konnten.

Franz Ferdinand aber vermisste am 8. Oktober 1907 bei der Eröffnung hohe, spitze Türme und anderes Gewohnte. "Der Maria-Theresien-Stil ist doch der schönste", soll er pikiert gemeint haben. Als Otto Wagner sinngemäß replizierte, es gehe ihm um Funktion, weniger um Form, soll der Thronfolger in seinem neuen Auto der Marke Gräf & Stift erbost abgefahren sein. Otto Wagner erhielt jedenfalls fortan aus der Hofburg keine Aufträge mehr. Er wurde wegen seiner Leistungen weltberühmt. Auch Franz Ferdinand wurde weltbekannt: Er wurde 1914 im Auto in Sarajewo erschossen. Das löste den Ersten Weltkrieg aus.

Wiener Zeitung, 24. April 2021