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Bewusst machen, was uns in Europa langfristig vereint#

Das Europäische Kulturerbejahr 2018 rückt die Geschichte von Europas Kultur und das materielle wie immaterielle Kulturerbe in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Freitag, 5. Jänner 2018

Von

Wolfgang Schmale


Valetta
Europas Kulturhauptstädte 2018: Valetta...
Foto: Reuters/Darrin Zammit Lupi

2018 wird noch einmal des Ersten Weltkrieges gedacht werden, vor 100 Jahren ging er zu Ende. Heute scheint nicht zuletzt dank der Europäischen Integration Krieg aus dem größten Teil Europas erfolgreich verbannt worden zu sein, Krieg findet nur noch an der Peripherie Europas - Ukraine/Russland, Naher Osten, Nordafrika - statt. Doch Krieg hat Europas Geschichte beinahe ununterbrochen von den Anfängen bis 1945 bestimmt. Trotz der unendlich vielen Kriege entwickelte sich eine blühende Kultur namens Europa, sie überdauerte alle Kriege, sie war stark genug, die Ost-West-Teilung zu überstehen, und sie trägt bis heute die Idee der Europäischen Einheit.

Obwohl Kultur in der Geschichte Europas das ist, was am ehesten Gemeinsamkeit ausmachte und sich als das Beständigste über die stürmischen Zeitläufe hinweg erwies, spielte sie für die europäischen Institutionen nach 1945 zunächst nur eine marginale Rolle. Selbst im geltenden EU-Vertrag von Lissabon aus dem Jahr 2007 zählt sie nur zu den Randgebieten der Gemeinschaftsaufgaben. Gleichwohl wirkt sich die Zusammenarbeit in der EU natürlich generell auf die Entwicklung der europäischen Kultur aus. Zudem hat die EU mit dem Programm "Kulturhauptstadt Europas" ein Instrument geschaffen, dem starkes mediales Interesse entgegengebracht wird und das viele Touristen in diese Städte lockt. Dabei geht es sowohl um das historische Kulturerbe wie aktuelle kulturelle Experimente und Darbietungen, also um geerbte wie gelebte Kultur.

Geerbte Kultur ist gelebte Kultur#

Natürlich ist auch die geerbte Kultur eine gelebte Kultur, indem Kulturdenkmäler erhalten und gepflegt, besucht und in kulturelle Veranstaltungen einbezogen werden. Kaum etwas macht die Einheit Europas so sinnfällig wie das gepflegte kulturelle Erbe. Wer vor 1989 in Ostmitteleuropa (dem einstigen "Ostblock") unterwegs war und die damalige Situation mit der heutigen vergleicht, wird das sicher sofort bestätigen. Das Kulturerbe zieht Menschen an, es stellt einen wichtigen Grund dar, in Europa unterwegs zu sein.

Mit dem "Europäischen Kulturerbejahr 2018" macht die Europäische Union einen wichtigen Schritt. Es rückt die Geschichte von Europas Kultur und das materielle wie immaterielle Kulturerbe in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Das Bewusstsein, aber auch die Tatsächlichkeit europäischer Einheit beruht in erster Linie auf der gemeinsamen Kultur, die, das sei wiederholt, die härtesten ideologischen Gegensätze und blutigsten sowie vernichtendsten Konflikte überdauert hat.

Leeuwarden in den Niederlanden
...und Leeuwarden in den Niederlanden.
Foto: CC/C. Messier

Die Politiker, die nach 1945 die Politik der Europäischen Integration ins Werk setzten, sahen in den Idealen und Werten der europäischen Aufklärung (Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit etc.) das eigentliche Europa. Für sie existierte ein kulturelles Europa, das keine der Diktaturen, die in der Zwischenkriegszeit (1918 bis 1939) entstanden waren, hatte beseitigen können. An jenes Europa knüpften sie ideell an, daraus schöpften sie Glaube und Hoffnung.

Bewusstsein für Europa als eine einzige Kultur#

Das Bewusstsein davon, dass Europa bei aller Vielfalt eine einzige Kultur sei, war vor allem seit 1750 entstanden. Mit diesem Bewusstsein entstand das Bewusstsein vom kulturellen Erbe, das zu erhalten und zu pflegen sei. Nicht, dass es diese Idee und Praxis nicht schon davor gegeben hätte, aber erst in der Aufklärung setzte sich etwa die Idee des für die allgemeine Öffentlichkeit zugänglichen Museums durch.

Die Grundlage dafür bildeten anfangs meist fürstliche Sammlungen, die historisch gewachsen waren und schon deshalb kulturgeschichtliche Dokumentationen bedeuteten. Die Französische Revolution bewerkstelligte auch eine Revolution in Hinblick auf den Umgang mit dem kulturellen Erbe: Das Volk bekam nicht nur politische Teilhaberechte, sondern sollte auch an der Kultur und ihrer historischen materiellen Dokumentation teilhaben können. Das galt freilich nicht für vermeintliche Zeugnisse des Aberglaubens und der Mächte des "Ancien Régime", weshalb viele Kirchen und Adelssitze zerstört wurden.

Zwar wurden Kultur und materielles Kulturerbe im 19. Jahrhundert zunehmend national vereinnahmt, aber das Bewusstsein der europäischen Dimension von Kultur in Europa ging niemals verloren. Krieg zwischen den Nationalstaaten, Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg hin oder her: Soldaten nutzten die Feldzüge zwischen den Schlachten auch für touristisch-kulturelle Unternehmungen (was sie nicht daran hinderte, im Krieg Kulturgüter zu vernichten).

Unser Umgang mit dem kulturellen Erbe folgt heute globalen Maßstäben und Richtlinien wie im Rahmen des Unesco-Weltkulturerbes. Es gilt der Grundsatz, den beziehungsweise die Originalzustände zu erhalten, wieder herzustellen, jedenfalls nach Möglichkeit sichtbar zu machen, ohne deshalb moderne Nutzungsmöglichkeiten und Funktionalitäten auszuschließen.

Was bedeutet ein solcher Umgang kulturpraktisch? Am kulturellen Objekt wird die fortlaufende Veränderung, die Geschichte bedeutet, sichtbar gemacht. Ein gutes Beispiel sind religiöse Orte und Bauten, die eigentlich überall in Europa oftmals auf die Antike, auf die Zeit vor der Antike, ja bis in die früheste Besiedlungsgeschichte zurückgehen. Sie wurden über Jahrtausende genutzt, verändert, umgewidmet, rückgewidmet, teilweise zerstört, wieder aufgebaut, erweitert. Jede Zeit, jede Gesellschaft mit ihren Anschauungen hat Spuren hinterlassen. Wenn es heute Ziel ist, diese Spuren im kulturellen Erbe sichtbar zu machen, so heißt das, dass auf eine einseitige Vereinnahmung für nur ein religiöses Erbe oder nur ein nationales Erbe verzichtet wird.

Sichtbare Spuren der anderen Nutzung von Heiligtümern#

Gerade auf dem Balkan etwa wurden antike Heiligtümer zu christlichen Kirchen, die unter dem Osmanischen Reich zu Moscheen wurden, dann wieder zu christlichen Kirchen, im Sozialismus zu Mausoleen oder sonst was, und nach 1989 wieder zu Kirchen. Früher bemühte man sich, die Spuren der anderen Nutzung möglichst zu tilgen oder unter Putz verschwinden zu lassen; heute bemüht man sich, die Spuren sichtbar zu machen. Es wird niemandem mehr eine einzige und einseitige Interpretation des kulturellen Erbes aufgezwungen.

Wolfgang Schmale
Wolfgang Schmale
Foto: privat

Kultur hat immer auch einen lokalen Charakter, in dem sich zugleich größere Zusammenhänge widerspiegeln. Jedenfalls sind in Europa die Zeiten der Entwicklung endemischer lokaler Kulturen, die ohne Austausch neben anderen lokalen, endemischen Kulturen standen, seit Jahrtausenden vorbei. Schon die Kelten bewerkstelligten kulturellen Austausch über weite Teile Europas, sie traten mit Griechenland und Rom in einen solchen Austausch und umgekehrt. Kultureller Austausch charakterisiert die Kultur namens Europa.

Vieles aus dem kulturellen Erbe ist lebendige Kultur. Der Umgang mit dem kulturellen Erbe ist selbst Kultur und macht in der Gegenwart einen wichtigen Teil der gemeinsamen Kultur Europa aus. Angesichts der Globalisierung von Kultur kommt dem Anteil der Kulturerbepflege an der Kultur ein großes Gewicht zu. Die kulturellen Gemeinsamkeiten, die sich im Kulturerbe zeigen, können außerdem ein Gegengewicht zu den politischen Streitigkeiten in Europa, speziell in der EU, darstellen. Kulturerbepflege findet vor Ort statt, ist vielfach Sache engagierter BürgerInnen, zugleich ist sie Teil einer europäischen kulturellen Haltung, die es genauso in Norwegen, auf Zypern, in Rumänien oder Finnland gibt.

Wolfgang Schmale ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien. Seine neueste Veröffentlichung zum Thema: "Europäisches Kulturerbejahr 2018. Unterwegs in der europäischen Kultur und Geschichte - Aneignungen" (Bochum 2017). Foto: privat

Wiener Zeitung, Freitag, 5. Jänner 2018