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Adalbert Stifter 1805-1868#


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus dem Buch: Große Österreicher. Thomas Chorherr (Hg). Verlag Carl Ueberreuter, Wien. 1985.


Er selbst hat sich einmal einen »aus Goethes Verwandtschaft« genannt. Thomas Mann schrieb von ihm: »Stifter ist einer der merkwürdigsten, hintergründigsten, heimlich kühnsten und wunderlich packendsten Erzähler der Weltliteratur.« Und Hermann Hesse notiert: »So idyllisch-kleinmalerisch Stifters Dichtungen auf den ersten Blick scheinen, so fern ihre Probleme den heute aktuellen sein mögen, in etwas Grundsätzlichem und tief Wesentlichem ist dieser bescheiden alte Dichter modern, aufregend und vorbildlich: Er sucht, jenseits seiner und unsrer Zeitprobleme, stets mit glühender Seele nach dem Wesen wahrer Menschlichkeit, und er beginnt sein Suchen und endet sein Finden im Geiste der Ehrfurcht. Und eben die Ehrfurcht ist es, deren Mangel die hinsterbende Generation so arm und dürr erscheinen läßt. Eine der feingestrichelten, wohlkomponierten, ehrfurchtsvollen Erzählungen Stifters zu lesen, ist inmitten heutiger Stimmungen so fruchtbar, mahnend und klärend wie die Einkehr bei Tolstojs frühen Dichtungen oder den Gleichnissen des Dschuang Tse.«


Ein Dichter des Diminutivs also, ein Meister der Kleinmalerei, einer, dessen Wahlspruch, in die moderne Sprache der Jetztzeit übersetzt, »small is beautiful« lauten würde? Gewiss, man würde Adalbert Stifter, lebte er heute, wohl dem grünen Lager zuordnen. Er hat vor anderthalb Jahrhunderten das vorweggenommen, was jetzt als die großen Fragen der Zeit betrachtet werden, und er hat Ruhm und Ehre, aber auch beißenden Spott damit eingeheimst; Friedrich Hebbel, sein großer Widerpart, schrieb einmal nach der Lektüre des »Nachsommers«: »Was wird hier nicht alles weitläufig betrachtet und geschildert; es fehlt nur noch die Betrachtung der Wörter, womit man schildert, und die Schilderung der Hand, womit man diese Betrachtung niederschreibt, so ist der Kreis vollendet. Ein Inventar ist ebenso interessant, und wenn die Gerichtsperson, die es abfasst, ihr Signalement hinzufügt, so sind auch alle Elemente dieser sogenannten Erzählung beisammen.« Stifter hat die Landschaft geschildert und den Menschen in ihr, er hat den Wald, die Fluren, die Blumen, die Tiere besungen, er hat Liebe und Menschlichkeit in Worte und Sätze gegossen, und er hat zudem das Österreichertum, das österreichische Wesen, die österreichische Kultur zu Papier gebracht - in der Tat, er ist seiner Zeit weit, sehr weit voraus gewesen. Er war der große Zeichner, mit dem Stift und der Sprache, er war der große Schilderer, einer der größten überhaupt, er hat die Natur gemalt, nicht nur mit dem Pinsel - und er ist doch, auch dies ein tiefer aktueller Bezug, ein Widerspruch in sich selbst gewesen. Er hat sich zeit seines Lebens vereinsamt gefühlt, häufig missverstanden, er meinte sich gescheitert, er war oft entschlusslos, es mangelte ihm, dem professionellen Erzieher, an der Fähigkeit, auch im eigenen Heim pädagogisch zu wirken, und am Ende schnitt er sich die Kehle durch - ein österreichisches Schicksal?


Adalbert Stifter zählt zu jenen Großen der Kultur, die von der Nachwelt mystifiziert gesehen werden. Karl Kraus l meinte einmal, es »müsste die Armee l von Journalisten, Romansöldnern, Freibeutern der Gesinnung und des Worts vor das Grab Adalbert Stifters ziehen, das stumme Andenken dieses Heiligen für ihr lautes Dasein um Verzeihung bitten und hierauf einen solidarischen leiblichen Selbstmord auf dem angezündeten Stoß ihrer schmutzigen Papiere und Federstiele unternehmen«. Doch ein Heiliger ist Stifter nie gewesen. Er hat fast immer über seine Verhältnisse gelebt. Er hat zuviel gegessen, getrunken, geraucht, er litt im Alter an Leberzirrhose. Es ist ihm vorgeworfen worden, als Schriftsteller im Vormärz keine Schwierigkeiten gehabt zu haben, weil er sich den drängenden Fragen der Zeit entzogen habe: »Nie drängte es ihn, die melodische Stimme seiner Poesie in das Gewirr der Zeitkämpfe tönen zu lassen, darum ward ihm auch nie der Schmerz, dass ihm auch wäre Schweigen geboten worden«, schrieb ein Zeitgenosse. Die Nachwelt, die ihn der Existenz im Elfenbeinturm der Dichtkunst zeiht, ist da freilich ungerecht: Auch Stifter war ein glühender Verfechter der Freiheit, aber der Freiheit mit Maß und Ziel. Und er hing auch der persönlichen Freiheit nach - so sehr, dass er, wie es hieß, zu den »ökonomischen Realitäten« kein geordnetes Verhältnis hatte. Mit anderen Worten: er hatte fast immer Schulden.


Zu Recht ist dieser Adalbert Stifter in den Olymp der Weltliteratur erhoben worden - als einer, der die Prosadichtung deutscher Sprache in seiner Zeit zur Vollendung führte. In der kleinen Ortschaft Oberplan im Böhmerwald ist er zur Welt gekommen, als der »Stifter-Berti«, der Sohn eines Leinenwebers und Textilhändlers. Früh starb der Vater, die Mutterbindung des Buben, der im Haus helfen musste, war groß. Schon in frühesten Jahren keimte die Liebe zur Natur: »Als Knabe trug ich außer Ruten, Gesträuchen und Blüten, die mich ergötzten, auch noch andere Dinge nach Hause, die mich fast noch mehr freuten, weil sie nicht so schnell Farbe und Bestand verloren wie die Pflanzen, nämlich allerlei Steine und Erddinge. Auf Feldern, an Rainen, auf Heiden und Hutweiden, ja sogar auf Wiesen, auf denen doch nur das hohe Gras steht, liegen die mannigfaltigsten dieser Dinge herum. Da ich nun viel im Freien herumschweifen durfte, konnte es nicht fehlen, daß ich bald die Plätze entdeckte, auf denen die Dinge zu treffen waren, und daß ich die, welche ich fand, mit nach Hause nahm.«


Er nahm sie nicht nur mit, er zeichnete sie auch, malte, skizzierte - und sein Großvater meinte, ein solches Talent l sollte eigentlich studieren. Der kleine Berti wurde im Stiftsgymnasium Kremsmünster vorgestellt - und akzeptiert. Seine wissenschaftlichen, seine bildungsmäßigen Grundkenntnisse, den Unterbau gleichsam seiner Entwicklung, hat er bei den Benediktinern erworben - als Adalbertus Stifter Bohemus Oberplanensis, wie es in den Büchern verzeichnet stand.
Schon in Kremsmünster hatte er Nachhilfestunden gegeben; in den folgenden Jahren, als Studiosus in Wien, verdiente er sich gleichfalls als Hauslehrer seinen Lebensunterhalt. Denn studieren wollte er, musste er - aber die Rechtswissenschaften, die er gewählt hatte, fesselten ihn nicht. Lieber saß er in Vorlesungen über Physik, Botanik, Astronomie - und zeichnete, malte, dichtete auch. Aber wohl gefühlt hat er sich nicht - er war ein guter Hauslehrer, aber ein schlechter Student. Er kam bei den Prüfungen schlecht und recht durch, aber bisweilen vergaß er einen Termin. Er war unkonzentriert - seine Gedanken hingen zu dieser Zeit an Fanny Greipl, einem hübschen jungen Mädchen aus der Heimat, seiner großen Liebe. Und wieder war da die Entschlusslosigkeit, das Zögern: er konnte sich nicht aufraffen, um Fannys Hand anzuhalten, er liebte sie, flüchtete sich aber in Wien zu einer anderen, zur Putzmacherin Amalie Mohaupt, wechselte trotzdem innige Briefe mit Fanny -und mußte schließlich erleben, daß ihm von der Familie Greipl der Hinweis gegeben wurde, die Kontakte einzustellen. Fanny heiratete einen Herrn Fleischanderl. Sie starb bei der Geburt ihres Kindes.


Man hat immer wieder behauptet, das gestörte Verhältnis Adalbert Stifters zum anderen Geschlecht, diese Unsicherheit und Unentschlossenheit, habe ihn auch gehindert, einen klaren Berufsweg zu gehen. In Wahrheit war es umgekehrt: Die Unsicherheit dominierte sein Leben, und die Unentschlossenheit führte zu Problemen mit den Frauen. Als er noch daran dachte, Fanny Greipl zu heiraten, bewarb er sich um die Stelle eines Physikprofessors in Prag. Er erschien nicht zum mündlichen Examen, weil er den Termin vergessen hatte. Er wollte Forstmeister werden - wegen einer Hüftgelenksentzündung schien er beim Gespräch nicht auf. Es waren bis ins Alter hinauf zumeist psychogene Leiden, an denen er laborierte. Genie und Krankheit - auch dafür ist Adalbert Stifter ein Beispiel.
Die Frage, was geschehen wäre, wenn er eine durchgehende österreichische Beamtenlaufbahn ergriffen hätte, hat manche Literaturhistoriker beschäftigt. Wäre er auch dann der große Dichter geworden, der Maler der kleinen Dinge? Zu Recht wird solchen Erwägungen entgegengehalten, sie seien müßig. Adalbert Stifters Größe war nicht zuletzt durch die Kleinheit seiner Umgebung bestimmt. Amalie Mohaupt, die er heiratete, hat ihn ein Leben lang gepflegt, umsorgt, behütet - und war doch das, was man heute als »primitiv« bezeichnen würde. Ihre Briefe strotzten von Unbeholfenheit und orthographischen Fehlern. Eine Ziehtochter lief davon und ertränkte sich. Stifter hat, so könnte man meinen, daheim nie jenes stille Glück gefunden, von dem er so anschaulich zu schreiben wusste.
Man rühmt heute seine Einbildungs- und Gestaltungskraft. In der Tat ist es gerade seine erzählende Dichtung, die ihn zeitweilig zu einem Liebling der Wiener Gesellschaft gemacht hat, als Gegenbeweis der These, dass der Prophet nichts gelte im eigenen Land. Im Laufe der Jahre ist Adalbert Stifter mit allen großen Künstlern seiner Zeit in Kontakt gekommen, sie schätzten ihn, manche verehrten ihn, Robert und Clara Schumann gehörten ebenso zu seinen Freunden, wie ihn Staatskanzler Metternich in Ehren hielt: er engagierte Stifter als Hauslehrer für seinen Sohn Richard.


Sein eigentlicher Mentor aber, sein Geschäftsfreund mit Betonung der letzten Silbe, war der Pester Verleger Gustav Heckenast. In dessen Jahresalmanach »Iris« erschien die wunderschöne Erzählung »Hochwald« zum ersten Mal, für ihn übernahm Stifter die Herausgabe des Sammelwerkes »Wien und die Wiener«, für das er selbst zahlreiche Beiträge lieferte, und Heckenast ist es gewesen, der den Dichter zeit seines Lebens als Verleger begleitet hat, mahnend, fordernd, lobend und helfend - vor allem mit Vorschüssen.
In diesen Jahren entstanden nicht nur die zwei großen Sammlungen von Einzelerzählungen, die den Dichter als Meister der literarischen Idylle auswies die »Studien«, so meisterhafte Schilderungen enthaltend wie »Feldblumen«, »Die Mappe meines Urgroßvaters«, »Der Hochwald« und »Der Hagestolz« und die »Bunten Steine«. Er hat auch vom Kornhäuselturm in der Seitenstettengasse aus - die totale Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842 beobachtet, sie beschrieben - und ein Meisterwerk literarischer Naturbeobachtung zustande gebracht.


Seine Romantrilogie über Robespierre ist nie geschrieben, nur geplant worden. Seine Romane »Witiko« aber und »Der Nachsommer« weisen Stifter auch als Meister der großen literarischen Form aus. Nietzsche nennt den »Nachsommer« - gerade jenes Werk, das Hebbel so verdammt hat - die vollkommenste Prosadichtung in deutscher Sprache. Erst verhältnismäßig spät, im mittleren Mannesalter, wird der große Dichter doch noch Beamter. Er wird zum oberösterreichischen Landesinspektor für die Volksschulen ernannt, gründete eine Realschule in Linz, widmet sich auch dem Schutz der Kunstwerke in diesem Kronland; unter anderem sorgte er dafür, dass der weltberühmte Kefermarkter Altar, der vom Verfall bedroht ist, gerettet wird. Er sitzt in seinem Amtszimmer und dichtet, er wandert durch die Natur und zeichnet - und er fühlt sich trotz allem krank. Immer wieder macht er Kuren, und er, der auf Grund allzu reichlichen Essens dick war, ja aufgedunsen wirkte - wie aus einem Kübel kalten Wassers fühlte sich ein enttäuschter Verehrer übergossen, als er erstmals den berühmten Poeten von Angesicht sah -, magerte später ab, wurde nervös, unstet, depressiv.


Die Beziehung zwischen Adalbert Stifters klinischem Zustand und seinen Depressionen wird man nie mehr genau ergründen können. Seit Dezember 1867 muss der Dichter das Bett hüten, er leidet starke Schmerzen. Am 26. Januar 1868 greift er mitten in der Nacht zu einem Rasiermesser und fügt sich einen tiefen Schnitt am Hals zu. Zwei Tage später ist er tot. War es Selbstmord? War es ein Unfall? Man meint heute, Stifter habe seinem in jeder Beziehung hoffnungslosen Zustand selbst ein Ende bereiten wollen. Er ist in seinem Leben wohl kaum je wirklich glücklich gewesen. Das Glück, wie er es sah, ist in seinen Dichtungen enthalten: Menschlichkeit, Anstand, Freiheit oder in seinen eigenen Worten: »Das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, dass jeder geachtet, geehrt, ungefährdet neben dem anderen bestehe, dass er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, dass er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle Menschen ist.«


Adalbert Stifter hat den Menschen in seinem Werk ein Kleinod geschenkt. Sie sind durch ihn reicher geworden.