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„Herwegh, du eiserne Lerche...“ #

Dem Proletariat war er verbunden, in der Verfolgung seiner revolutionären Ideen konsequent: der Poet und Publizist Georg Herwegh, Verfechter von Demokratie und Gerechtigkeit, wurde verherrlicht und gehasst. Am 31. Mai jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Mittwoch, 24. Mai 2017)

Von

Wolfgang Häusler


Georg Herwegh
Georg Herwegh. 1842: Dem offenen Brief des sozialistisch-revolutionären Dichters (1817-1875) an König Friedrich Wilhelm folgte ein Befehl, Berlin und die preußischen Staaten umgehend zu verlassen.
Foto: imago stock&people; imago/ Leemage

Ulrich Enzensberger, Bruder von Hans Magnus Enzensberger, als 68er Mitbegründer der Berliner Kommune I, schrieb 1999 das Buch „Herwegh. Ein Heldenleben“. Er anerkannte diesen verherrlichten und gehassten politischen Poeten in innerer Verwandtschaft und ironischer Distanz: „Weltfremder Wirrkopf“, „Vaterlandsverräter“, „Preußenhasser“, „Freiheitssänger“, wohl am treffendsten „demokratischer Don Quixote“ – in enthusiastischer Revolutionserwartung, aus tiefer Niederlage trotz allem auf das Neue hoffend.

Der am 31. Mai 1817 in Stuttgart geborene Georg Herwegh, Sohn eines „Hoftraiteurs“, lernte im Seminar von Kloster Maulbronn, seit 1835 an Stift und Universität Tübingen (mit seinen berühmten Studenten Hegel, Schelling und Hölderlin in seinem Turm am Neckar). In der Umnachtung Hölderlins sah Herweghs Sonett das Licht: „Und reiner, denn ein Stern zum Schoß der Nacht, / Wirst du zurück zur großen Mutter kehren.“ Herwegh schloss weder Theologie noch Jus ab; 1839 floh er vor drohender Rekrutierung in die Schweiz. Der junge Poet und Publizist wurde Katalysator der oppositionellen Intelligenz des Vormärz – ein polarisierendes Kommunikationsgenie.

Jedes Gedicht eine Kampfparole #

Gegen den blasierten Fürsten Pückler- Muskau mit seinen „Briefen eines Verstorbenen“ schleuderte er 1841 die „Gedichte eines Lebendigen“ in die Welt. Jedes Gedicht eine Kampfparole; die meisten lassen sich mit Titel, Anfangszeile und Refrain erfassen und merken: „Leicht Gepäck“ – „Ich bin ein freier Mann und singe / Mich wohl in keiner Fürstengruft.“ – „Wer ist frei?“ – „Dann soll es donnernd klingen: / Deutschland ist frei!“ – „Der letzte Krieg“ – „Der große Krieg, / Der ewige Völker-Frieden, / Frisch auf zum heiligen Krieg!“ – „Ihr Völker, wacht auf!“ In der gegen Frankreich angefachten Rheinkrise forderte Herwegh „den freien Rhein“. In religiöser Übersteigerung dann der „Aufruf“, der seinen Ruhm begründete: „Reißt die Kreuze aus der Erden! / Alle sollen Schwerter werden, / Gott im Himmel wird’s verzeih’n. / Laßt, o laßt das Verseschweißen! / Auf den Amboß legt das Eisen! / Heiland soll das Eisen sein.“ Die verfolgte revolutionäre Trikolore erhebt sich: „Unsre Tage werden ehern, / Unsre Zukunft klirrt in Erz; / Schwarzer Tod ist unser Sold nur, / Unser Gold ein Abendgold nur, / Unser Rot ein blutend Herz!“ Zu meiner Zeit standen solche Gedichte noch im Lesebuch, mit Heines Antwort an die „eiserne Lerche, / Mit klirrendem Jubel steigst du empor“ – und der Warnung, die Metapher mit der Wirklichkeit zu verwechseln: „Nur in deinen Gedichten / Lebt jener Lenz, den du besingst.“ Unbeirrt sang Herwegh weiter, Geschichte und Gegenwart verbindend: „Der Freiheit eine Gasse!“ – „Vive la République!“ – „Wir haben lang genug geliebt, / Und wollen endlich hassen.“

Parteilichkeit der Literatur #

Er verstand sich als Einzelkämpfer wie Hutten und warf dem König von Preußen den Fehdehandschuh hin: „Und wer wie ich mit Gott gegrollt. / Darf auch mit einem König grollen.“ Seine Deutschlandreise 1842 wurde zur Erfolgstournée. In Berlin fand er seine Frau Emma, Tochter des reichen Seidenhändlers und Bankiers Siegmund; die Mitgift sollte dem Paar ein sorgenfreies Leben zwischen Salon und Bohème ermöglichen.

Herweghs Bekanntheit erreichte ihren Höhepunkt, als ihm Friedrich Wilhelm am 19. November 1842 Audienz gewährte. Ob der König nun die Worte „Ich liebe eine gesinnungsvolle Opposition“ oder von „ehrlichen Feinden“ sprach – der Dichter hatte sich in eine Marquis Posa-Rolle gesteigert und einen offenen Brief an den König gerichtet: Darin rechnet er sich zu den Menschen, „die sich die Seele ausschreien werden, bis Recht und Gerechtigkeit auf der Welt“ seien. Die Polizei gab prompt die Antwort: Am 28. Dezember erhielt er den Befehl, binnen 24 Stunden Berlin und die preußischen Staaten zu verlassen. Freiligrath, der Konkurrent in politischem Verbalradikalismus, spottete: „Dahin der Agitator, / Und übrig nur der Schwab’!“ Schon vorher hatte es zwischen den beiden Dichtern eine Auseinandersetzung um die Parteilichkeit von Literatur gegeben, in der Freiligrath die Poesie über den politischen Tageskampf erheben wollte: „Der Dichter steht auf einer höhern Warte / Als auf den Zinnen der Partei.“ Herwegh replizierte: „Partei! Partei! Wer sollte sie nicht nehmen, / Die noch die Mutter aller Siege war.“ Das Partei- Gedicht – in der DDR Angelpunkt der Literaturwissenschaft des Vormärz – erschien 1843 in Paris im zweiten Teil der „Gedichte eines Lebendigen“; bis 1848 war Paris Herweghs Lebensmittelpunkt.

Herwegh kannte das Werk des in Zürich verstorbenen Georg Büchner und vollzog den Schritt über die liberale Opposition hinaus zur „Sphinx der Revolution“, der Verbindung von Demokratie und Sozialismus. Er gehörte dem Kreis um die Deutsch-Französischen Jahrbücher an, in denen sich der Kreis dieser Radikalen formte: Marx, Heine und Ruge. Liszt und Wagner, Bakunin und Alexander Herzen, mit dessen Frau Herwegh eine Affäre hatte, gehörten zum Freundeskreis des Ehepaares Herwegh. Mit dem materialistischen Naturwissenschafter Carl Vogt wurden in St. Malo und am Mittelmeer Studien zur Fortpflanzung von Mollusken und Seeigeln getrieben; auch Ludwig Feuerbach wurde zum Freund.

Die Partei, das waren die Bünde der deutschen Handwerker und der radikalen Intellektuellen, der Geächteten und der Gerechten, schließlich der Kommunisten. Die Revolution von 1848 stand vor der Tür. Herwegh bewahrte ein Stoffstück vom Thron des vertriebenen Bürgerkönigs Louis Philippe auf und die „Cocarde tricolore“ von der Adressübergabe der deutschen Demokraten. Die revolutionäre Aktion, in die sich Herwegh stürzte, wurde zum Fiasko, der Zug einer „Freiheitsarmee des deutschen Volks“, ein paar hundert Mann, die Herwegh den Republikanern Hecker und Struve zuführen wollte. Der Marsch endete durch württembergische Truppen kläglich bei Niederdossenbach am 26. April 1848. Die unwahre Erzählung, Herwegh habe sich unter dem Spritzleder des von seiner Frau kutschierten Fluchtwagens versteckt, machte die Runde im Spott von Mörike und Justinus Kerner. Heines Gedicht „Simplicissimus I.“ wurde allerdings erst aus dem Nachlass herausgegeben. Von der Aktivität der Paulskirche hielt Herwegh wenig: „Im Parla – Parla – Parlament / Das Reden nimmt kein End’!“ Erzherzog Johann lehnte er als Reichsverweser ab: „Kein Preußen und kein Österreich! … Gut Wind und gut Geschick / Der deutschen Republik!“ Gegen den „Brudermord“ des deutschen Kriegs von 1866 erhob er entschlossen seine Stimme, mit dem „Aux armes, citoyens!“ weiterhin 1871 gegen die „Siegestrunkenen“, „den schlimmsten Feind an der Spree“: „Germania, mir graut vor dir!“

„Mann der Arbeit, aufgewacht!“ #

Von Lassalle dazu aufgefordert, gab Herwegh dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein im April 1864 das Bundeslied, nach Shelleys „Men of England“. Die selbständigen Schlussstrophen trugen die junge Arbeiterbewegung vorwärts; sie sollten nicht nur scherzhaft zitiert werden: „Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! / Alle Räder stehen still, / Wenn dein starker Arm es will. // Brecht das Doppeljoch entzwei! / Brecht die Not der Sklaverei! / Brecht die Sklaverei der Not! / Brot ist Freiheit, Freiheit Brot.“ Der Wagner-Schüler Hans von Bülow hat diesen Chor vertont. Herwegh hellsichtig 1873 „An Richard Wagner“: „Die einzig wahre Zukunftsmusik / Ist schließlich doch Krupps Orchester.“

1873 sprach Herwegh sein letztes, der Sozialdemokratie gewidmetes politisches Wort. Er blieb sich treu. Nicht die Reichsgründung, sondern der „Achtzehnte März“ der Revolution 1848 war der Wendepunkt der deutschen Geschichte, zum 25-jährigen Gedenken der „Tage des Februar, Tage des Märzen“: „Proletarierherzen“ und „Proletarierfäuste“ am „Werk der Befreiung“: „Achtzehnhundert siebzig und drei, / Reich der Reichen, da stehst du, juchhei! / Aber wir Armen, verkauft und verraten, / Denken der Proletariertaten – / Noch sind nicht alle Märze vorbei, / Achtzehnhundert siebzig und drei.“ Immer wieder, gerade auch in Wien an den Gräbern der Märzgefallenen gegen Verfolgung und Unterdrückung rezitiert, trug das Vermächtnis des 1875 verstorbenen, im schweizerischen Liestal bestatteten Freiheitsdichters die Hoffnung auf Demokratie und Gerechtigkeit in die Zukunft. Nicht nur die Bewohner des Wiener Herwegh-Hofes, einer der großen Gemeindebauten der Ersten Republik, sollten davon wissen.

DIE FURCHE, Mittwoch, 24. Mai 2017