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Der allergrößte Jungbrunnen #

Ein Blick in die Philosophiegeschichte zeigt: Liebe macht alles andere als blind. Sie ist ein Lebenselixier und eine Art existenzielles Medikament. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 1. Februar 2018

Von

Martin Poltrum


„Der Jungbrunnen“ Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren
„Der Jungbrunnen“ Das Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren zeigt, wie alte Frauen in einem Becken wundersam verjüngt werden. Das Wasser sprudelt aus einer Säule, auf der Amor und Venus zu sehen sind: Der Jungbrunnen speist sich aus der Kraft der Liebe. Foto: Gemäldegalerie

Berlin Alles, was in Bezug auf die Liebe empfunden werden kann, Erfüllung, Vollendung, Schmerz und Frustration, Eifersucht, Trennung, Versöhnung, ungestillte Sehnsucht, Schüchternheit beim Sich-Verlieben etc. – all das findet sich in den Erzeugnissen der Kunst. Wenn man die großen Liebesgeschichten des Abendlandes betrachtet, fällt auf, dass Liebe oft tragisch endet und weh tut. Narziss und Echo, Orpheus und Eurydike, Abaelard und Heloïse, Tristan und Isolde, Romeo und Julia, Hölderlin und Diotima, Rick und Ilsa scheinen die These des Schweizer Philosophen Denis de Rougemont zu bestätigen, dass die glückliche Liebe keine Geschichte hat – zumindest keine tradierte, die sich in das kulturelle Gedächtnis eingraviert hat.

Vulgäre und höhere Erotik #

Andererseits heißt es bei Paracelsus: „Der Arzneien größte ist die Liebe.“ Platon spricht davon, dass die Erfahrung der Liebe das Herz öffnet und der Seele Flügel verleiht. Die „Räumlichkeit der Liebe“ ist die „Heimat“ und die „Zeitlichkeit der Liebe“ ist die „Ewigkeit“, lesen wir beim phänomenologischen Psychiater Ludwig Binswanger. Liebe ist nicht nur Heimat, sondern auch die ewige Kraft der Verjüngung, wie wir dem Gemälde „Jungbrunnen“ (1546) von Lucas Cranach dem Älteren entnehmen können. Denn auf dem Brunnenstock im Wasserbecken, aus dem das verjüngende Elixier sprudelt, sind Amor und Venus zu sehen. Sie zeigen an, dass der Jungbrunnen ein Liebesbrunnen ist und die Kraft der Liebe der eigentliche Quell immerwährender Jugend darstellt. Kurzum: Liebe ist eigentlich ein Medikament. Das bezeugen Ärzte, Philosophen und Psychotherapeuten.

Ein Palindrom sagt: DIE LIEBE IST SIEGER und rückwärts gelesen REGE IST SIE BEI LEID. Schon Empedokles wusste, dass die Dialektik der Liebe die Welt regiert. So kannte der Philosoph neben den Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft noch die zwei Grundkräfte Philia (Liebe) und Neikos (Streit, Hass), welche für das Entstehen und Vergehen der Dinge verantwortlich sind. Bei Sigmund Freud, der sich auf Empedokles bezog, wird daraus dann Eros und Thanatos – der Lebens- und der Todestrieb, die als Urtriebe alle menschlichen Angelegenheiten lenken. Die wichtigsten Stiftungsdokumente des europäischen Liebesdiskurses stammen jedoch von Platon. Wenn der altgriechische Philosoph von Liebe redet, dann verwendet er den Begriff Eros. Die alten Griechen kannten drei Begriffe für die Liebe – Eros, das stürmische Begehren; Philia, die Liebe zwischen Freunden; und Agape, die altruistische Zuwendung.

Eros meint bei Platon so viel wie das liebende Begehren, das immer dann in uns erwacht, wenn uns das Schöne rührt und verführt. Der vulgäre Erotiker werde vom Schönen so heftig angezogen, dass er mit dem Objekt seines Begehrens verschmelzen möchte. Ein Mann sieht eine schöne Frau und möchte ihr so nahe sein wie möglich – leiblich und geistig. Anders der höhere Erotiker. Er nutzt die erotische Faszination und Inspiration für Erkenntnis und den Aufstieg in Richtung Transzendenz. Er sieht einen schönen Menschen, dann einen zweiten, einen dritten, bis ihm klar wird: Im Grunde sind alle Menschen, ja alle Lebewesen schön und einzigartig. Der höhere Erotiker ist in die Welt als Ganzes verliebt: Sie wird ihm zum „Kosmos“, wörtlich: zu einer schönen Ordnung.

„Bewegungsumkehr der Liebe“ #

Eros ist nach Platon Sohn des Poros (Reichtum) und der Penia (Armut), und so verhält er sich auch: Der Eros macht reich, weil er den Menschen auf dem Gipfel der Gefühle hinein in die Transzendenz treibt. Die erotische Liebe, die Sehnsucht nach einem anderen Menschen oder die Sehnsucht nach Verschmelzung mit dem Göttlichen entspringt hier aber aus einem Gefühl des Mangels und der Bedürftigkeit. Der Eros-Aspekt der Liebe hat mit der Befriedigung eines Bedürfnisses zu tun. Das ist auch der Grund, warum es für Platon, Aristoteles & Co. undenkbar ist, dass es einen liebenden Gott gibt. Da das Liebesstreben des Eros aus einem Mangel entspringt und Gott ohne Mangel ist, ist Gott nicht liebesbedürftig – und liebt daher auch nicht. Man kann als griechischer Philosoph das Göttliche lieben, aber die Vorstellung eines Gottes, der auch die Menschen liebt, taucht geistesgeschichtlich erst mit dem Christentum auf. In der griechischen Fassung der Bibel ist das Grundwort für Liebe dann auch nicht der Eros oder die Philia, sondern die Agape – derjenige unter den Liebesbegriffen, der am ehesten geeignet war, inhaltlich neu gefüllt zu werden.

Mit Aurelius Augustinus setzte eine philosophische Umwendung des Liebesbegriffes ein, die Max Scheler als „Bewegungsumkehr der Liebe“ kennzeichnet: Von nun an gilt in der abendländischen Philosophie nicht mehr das griechische Axiom, dass „Liebe eine Bewegung des Niedrigen zum Höheren, des Menschen zum selbst nicht liebenden Gott, des Schlechten zum Besseren“ meint, sondern „die liebevolle Herablassung des Höheren zum Niederen, Gottes zum Menschen, des Heiligen zum Sünder“. Mit Augustinus wurde die christliche Vorstellung eines liebenden Gottes philosophisch auf den Punkt gebracht. Die höchste Form der Gottesliebe sei dabei nicht die Liebe oder Anbetung Gottes, sondern der Mitvollzug seiner Liebe zur Welt und zum Menschen. Den christlichen Gott kann man nur lieben, indem man seinen Mitmenschen liebt. Hier scheint die Religion der Politik weit überlegen zu sein, denn erstere trennt nicht zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“, und reserviert die zwischenmenschliche Liebe nicht nur für das „Wir“.

Moderne Engführung des Liebesbegriffs #

In der Moderne kommt es mit ein paar Ausnahmen (Pascal, Kierkegaard, der junge Hegel) zu einer Engführung des Liebesbegriffes. Liebe wird biologisch und psychologistisch auf einen bloßen Gefühlszustand reduziert. Sein Bezug zur Erkenntnis geht verloren. Dagegen tritt Max Scheler auf, einer der innovativsten Liebesdenker im 20. Jahrhundert: Wer den Menschen primär als „Animal rationale“, als vernunftbegabtes Tier (wie Aristoteles oder Descartes) oder als Willens- und Triebwesen (wie Schopenhauer und Nietzsche) sieht, liege falsch – denn was den Menschen zum Menschen macht, ist die Tatsache, dass er lieben kann und durch den intentionalen Akt der Liebe das Wesentliche sieht und erkennt.

Liebe macht demnach alles andere als blind, sie ist vor allem ein Akt der Erkenntnis: In der liebenden Einstellung wird jedes Ding, jeder Mensch in der höchsten Wertvollkommenheit gesehen. Viktor Frankl, ein großer Verehrer Schelers, der einmal gemeint hat, dass er Schelers Hauptwerk „Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik“ wie eine Bibel mit sich herumtrug, macht diese Überlegungen für die Psychotherapie fruchtbar. Denn in der Liebe sieht man nicht nur, was ein Mensch gegenwärtig ist, sondern erkennt, was ein Mensch aus sich machen könnte. Diese Einstellung ist in der Psychotherapie das Entscheidende, da man als Therapeut zum Hilfs-Ich des Patienten wird. Gerade in der Depression und der Angst, in der sich Menschen nichts mehr zutrauen und ihre Welt immer mehr schrumpft, ist es notwendig, dass es zumindest noch jemanden gibt, der sieht, was einer „in seiner Einzigartigkeit und Einmaligkeit sein kann und können wird“ (Viktor Frankl). Dies zu erschließen, ist einzig dem Erkenntnisakt der Liebe vorbehalten.

Der Autor ist Philosoph, Psychotherapeut und Dozent an der Sigm. Freud-Univ. Wien.

DIE FURCHE, 1. Februar 2018