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Raus aus dem Schattendasein#

Das diesjährige Medicinicum Lech strebt eine Ökumene zwischen Traditionell Europäischer und konventioneller Medizin an.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 5. Juli 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Alexandra Grass


Wien Stadtpark Kneipp-Brunnen
Pfarrer Sebastian Kneipp verstärkte den Einsatz der Wassertherapien. Sein Denkmal steht im Wiener Stadtpark
Foto: GuentherZ. Aus: Wikicommons, unter CC BY 3.0

Im Spielplatzbereich des Stadtparks, über dem Wienfluss im dritten Bezirk, unmittelbar neben einer Bedürfnisanstalt, thront nahezu versteckt Pfarrer Sebastian Kneipp auf einem im Jahr 1912 ihm zu Ehren errichteten Brunnen. Es ist wohl das größte Denkmal in dieser städtischen Grünzone, doch lange nicht mehr so strahlend wie jenes des Walzerkönigs Johann Strauß.

Ähnlich wie dem Wasserdoktor und Kräuterpfarrer, wie Sebastian Kneipp auch heute noch liebevoll genannt wird, erging es im Laufe der Jahre auch Vincenz Prießnitz, der noch vor dem Pfarrer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Naturheiler aus Österreichisch-Schlesien die Wirkung von Wasser erkannte und in eigens errichteten Badehäusern das kühle Nass für Therapien einsetzte. Innere Krankheiten führte er auf "schlechte Säfte" zurück, die aus dem Körper herausgebracht werden müssten. Kaltes Wasser galt als dafür geeignetes Medium. Sein Denkmal steht mittlerweile ähnlich gut versteckt wie das des Kräuterpfarrers und nahezu verwachsen im Wiener Türkenschanzpark. Vor 100 Jahren waren auch sie noch strahlend.

Denn Kneipp und Prießnitz zählen neben Hippokrates, Hildegard von Bingen und Paracelsus zu den Schwergewichten der Traditionell Europäischen Medizin. Lange Zeit geehrt, geriet sie über die Jahre - ähnlich wie die Denkmäler - nahezu in Vergessenheit. Heute scheint sie dagegen wieder groß im Kommen zu sein.

Vor 100 Jahren eine Volksbewegung#

Aber zuerst einen großen Schritt zurück: "Vor dem Ersten Weltkrieg war diese medizinische Schule ein irrer Hype", erzählt Markus Metka, Gynäkologe an der Universitätsklinik Wien und wissenschaftlicher Leiter des Medicinicum Lech, das dieses Jahr von 6. bis 9. Juli im bekannten Vorarlberger Tagungsort unter dem Motto "Viele Wege führen zu Gesundheit - Rezepte aus Ost & West" stattfindet, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Es handelte sich bei der damals in Europa populären Naturheilkunde um wahre Volksbewegungen, denen in großen Denkmälern wie den erwähnten Ausdruck verliehen wurde. Den Großen der heutigen Schulmedizin sind im Vergleich dazu lediglich Porträtköpfe im recht unscheinbaren Billrothhaus im 9. Wiener Gemeindebezirk gewidmet.

Der Stellenwert der beiden sehr unterschiedlichen medizinischen Schulen hatte sich im Laufe der Jahre allerdings deutlich verändert. Unter anderen waren es der deutsche Pathologe Rudolf Virchow und der Wiener Pathologe Carl von Rokitansky, die den Weg hin zur Zell- und Gewebemedizin - also zur sogenannten konventionellen Medizin - ebneten. Die Erfindung des Antibiotikums unter anderem durch den schottischen Bakteriologen Alexander Fleming hatte ihr Übriges dazu beigetragen.

Heute wird die Medizin zunehmend molekularer - das Spezialistentum hat im vergangenen Jahrhundert massiv zugenommen und die Beobachtungen reichen bis tief in die Zellen, sogar in die kleinsten Erbgutbausteine hinein. "Diese Spezialisierung und dieses Gehen in das Detail ist für den medizinischen Fortschritt sehr wichtig", betont Metka. "Das können wir nicht hoch genug schätzen." Er fordert allerdings eine Ökumene zwischen einer ganzheitlichen Betrachtung und der Kleinteiligkeit der herkömmlichen Schulmedizin.

Die ganzheitliche Betrachtung des Menschen ist vor allem in Indien und China ein Schwerpunkt der dortigen Medizinsysteme. Ihnen zugrunde liegt der Zusammenhang zwischen Körper, Seele und Geist. Die Traditionell Chinesische Medizin ist auch hierzulande wohl die angesehenste unter diesen Schulen. Akupunktur, Tuinamassagen und Kräuterdekokte sind nahezu jedem bekannt und hat wohl fast schon jeder in seinem Leben erfahren. Genadelt während der Schwangerschaft, genadelt wegen Rückenschmerzen oder anderer Leiden - die Einsatzgebiete sind umfangreich.

Die Wurzeln liegen bei den alten Griechen#

Ayurveda führt in Europa dagegen etwas ein Schattendasein und konnte sich nach wie vor noch nicht so ganz durchsetzen, wiewohl die indische Lehre, die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus entstanden ist, noch älter ist als jene der Chinesen. Im westlichen Kulturkreis wird Ayurveda mit seinen bekannten Ölmassagen und Stirngüssen vorwiegend im Wellnessbereich eingesetzt. Eigentlich zu Unrecht, denn auch die Phytotherapie, die bei uns in Europa erst nach und nach bekannt wird, hat in Indien einen großen Stellenwert.

Ein fast noch größeres Schattendasein führt aber die Traditionell Europäische Medizin (TEM). Während der Begriff noch ein recht neuer ist, liegen die Wurzeln dieser ganzheitlichen Heilslehre tief in der europäischen Geschichte verankert, erklärt Metka. Schon die alten Griechen kannten diese Humorallehre. Nicht zuletzt Aristoteles, der zu den bekanntesten und einflussreichsten Philosophen, aber auch Naturforschern zählt. Der TEM zugrunde lag wie in der östlichen Medizin zuvorderst eine Typenlehre.

Bis vor 100 Jahren galten die vier Humores, die elementaren Körpersäfte, schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Luft als Basis für die Betrachtung des damaligen Arztes. Die Phytotherapie ist eine der großen Säulen, auf der diese Medizin beruht. Tausendgüldenkraut (Centaurium) wird etwa gerne bei Verdauungsbeschwerden eingesetzt, der rote Sonnenhut (Echinacea) als Immunstimulierer und Entzündungshemmer oder die Mariendistel (Silybum marianum) zur Entgiftung der Leber.

Ergänzt wird der Einsatz von Heilkräutern durch die Hydrotherapie, die auch schon bei den alten Griechen angewandt wurde, wie der Fund eines Ambulatoriums in Ephesos belegt. Hippokrates berühmter Spruch "Lass Nahrung deine Medizin sein" kommt nicht von ungefähr und scheint in der heutigen Zeit des Überflusses eine wohl noch größere Bedeutung zu haben als einst.

Die damaligen Mediziner haben auch die Ordnung als für die Gesellschaft besonders wichtig erkannt. In der Multitasking-Welt von jetzt könnte ein Rückbesinnen auf Ordnung und Struktur durchaus eine Stütze für ein entspannteres Leben sein, betont Metka. "Es ist eine Katastrophe, wenn die Leute mit dem Laptop zu Bett gehen", so der Mediziner. Das sei genau das Gegenteil von Ordnung und könnte für die Gesellschaft fatale Folgen haben. Die ersten Auswirkungen davon zeichnen sich schon in den letzten Jahren in der wachsenden Zahl an chronisch Erkrankten ab.

Und genau diese Gruppe ist es vor allem auch, die sich mehr und mehr der ganzheitlichen Medizin zuwendet, weil "da stehen wir mit der Schulmedizin an", so Metka. Rheumatismus, Diabetes, Stoffwechselerkrankungen und Adipositas sind die großen Epidemien des 21. Jahrhunderts. Doch die Schulmedizin hat dafür kaum etwas anzubieten. Die Komplementärmedizin könnte hier einen großen Stellenwert einnehmen, wie es auch der Zulauf der Patienten hin zum ganzheitlichen Ansatz demonstriert. Hier bedürfe es einer Annäherung der unterschiedlichen medizinischen Schulen, um das Optimum für den Patienten herausholen zu können.

Vormals esoterische Methoden heute beweisbar#

In der Anerkennung der neuen alten Modelle hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Heute gebe es wissenschaftliche Beweise für Methoden, die vor zehn Jahren noch als rein esoterisch angesehen wurden, erklärt der Mediziner und nennt hier das Stichwort Psychoneuroimmunologie. Sie ist ein interdisziplinäres Forschungsgebiet, das sich mit der Wechselwirkung der Psyche, des Nervensystems und des Immunsystems beschäftigt. Demnach wirken sich Stress, Depression und Angst negativ, aber Optimismus, Selbstwert, soziale Bindungen und positive Gefühle positiv auf die Immunabwehr aus.

Das Medicinicum Lech hat sich dieses Jahr zur Aufgabe gestellt, die verschiedenen medizinischen Schulen dieser Welt auf selber Augenhöhe kommunizieren zu lassen und dabei ganz nebenbei auch Größen wie Kneipp, Prießnitz und Co. wieder zum Erstrahlen zu bringen.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 5. Juli 2017

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