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Als Blutkonserven noch zum Schlachthof kamen #

Die steirische Gesundheitsreform wird Mitte November präsentiert. Wir zeigen Pläne, Ideen, Vorschläge. Heute analysieren Experten der MedUni, wie sich die Medizin verändert hat und warum man die Versorgung daran anpassen muss. #


Mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt von der Kleinen Zeitung (Donnerstag, 3. November 2016)


Hellmut Samonigg, MedUni-Rektor
Hellmut Samonigg, MedUni-Rektor
Foto: MEDUN

Die medizinische Entwicklung ist einem dramatischen Wandel unterworfen. „Auch deshalb ist die Reform der Gesundheitsversorgung notwendig“, sagt Hellmut Samonigg, Rektor der MedUni Graz. Mit seinem Team hat er Unterschiede zwischen Medizin einst und jetzt herausgearbeitet (siehe rechts). „Die wissenschaftlichen medizinischen Errungenschaften durch Forschung lassen sich in vielen Fachgebieten aufzeigen – und welche Herausforderungen an unser Medizinsystem sind aus ärztlicher Sicht mit diesen Fortschritten verknüpft? Wie schaffen wir es, dass diese modernen medizinischen Möglichkeiten möglichst allen Patienten verfügbar sind und bleiben?“ Und: „Patientensicherheit ist oberstes Gebot. Die rasante medizinische Entwicklung durch klinische Forschung am Beispiel der Anästhesie und Transfusionsmedizin zeigt, dass es nicht nur um die Entwicklung immer besserer Untersuchungs- und Behandlungsverfahren gehen darf – sondern dass diese immer mit höchsten Ansprüchen an die Patientensicherheit einhergehen müssen.“

ANÄSTHESIE UND TRANSFUSIONSMEDIZIN #

Wolfgang Toller, Anästhesist
Wolfgang Toller, Anästhesist
Foto: MEDUN

Peter Schlenke, Transfusionsmediziner
Peter Schlenke, Transfusionsmediziner
Foto: MEDUN

Von 1500 Patienten, die 1966 narkotisiert werden, stirbt ein Patient an einem Narkosezwischenfall. Die Überwachung der Narkosetiefe während Operationen ist nur sehr bedingt möglich und erfolgt durch Beobachtung der Herzfrequenz, der Pupillen, Blutdruckmessung und EKG.

Die damals verfügbaren Substanzen hatten viele Nebenwirkungen und waren außerdem relativ schlecht steuerbar. Das im Rahmen von Unfällen und Operationen erforderliche Blut wird bis 1965 in Glasflaschen aufbewahrt. Bis 1966 erfolgt die Zwischenlagerung dieser Blutkonserven im Grazer Schlachthof, nachfolgend auf dem heutigen Klinikumsgelände.

Das Risiko, durch Verabreichung von Blutkonserven mit Erregern infiziert zu werden, ist in den 60er-Jahren hoch. Denn was wenige wissen: Getestet wird oft nur auf Syphilis. Viele heute bekannte Erreger sind damals noch gar nicht bekannt.

Das Risiko, heute an einem Narkosezwischenfall zu versterben, liegt bei 1 zu 800.000 – das entspricht einer Wahrscheinlichkeit von 0,000125 Prozent. Die Narkosetiefe wird durch modernste Verfahren, wie beispielsweise der Messung der Gehirnaktivität, dem Monitoring des Herzzeitvolumens und dem Monitoring der Herzfunktion, laufend überprüft.

Es werden heute aktuellste Narkotika mit geringen Nebenwirkungen verwendet. Bei Transfusionen bekommt der Patient nur jene Blutbestandteile, die er wirklich braucht – kein Vollblut.

Heute werden alle Blutkonserven auf transfusionsassoziierte Viren (Hepatitis B und C, HIV) mittels modernster Diagnostik (sogenannter Polymerasekettenreaktion) getestet, was eine sehr hohe Sicherheit gewährleistet. Das Sicherheitsrisiko hier ist heute kleiner als 1 zu 1 Million. Auch das ist ein Fortschritt der modernen Medizin.

CHIRURGIE#

Mangels präoperativer Diagnosemöglichkeiten haben viele operative Eingriffe eingeschränkte Erfolgsaussichten. Operationen dienen oft lediglich der Diagnosestellung. Das Fehlen guter bildgebender Verfahren führt etwa bei der Gehirnchirurgie zu höchst belastenden Maßnahmen wie der Luftfüllung von Gehirnventrikeln bei Verdacht auf Gehirntumore. Vielfach werden bei Tumoren verstümmelnde Amputationen durchgeführt. In der Orthopädie gibt es meist nur versteifende OP-Möglichkeiten. Der plastischen Chirurgie gelingt es lediglich, dass 50 Prozent der Patienten bei schweren Verbrennungen von 30 Prozent der Haut überleben. Präoperative Diagnostik führt zu gesicherten Indikationen für Operationen und vermeidet „explorative“ Eingriffe. Modernste Bildgebungsverfahren und professionelle Narkosemethoden erlauben immer komplexere Eingriffe. In der Neurochirurgie und anderen Gebieten haben minimal-invasive Eingriffe, Endoskopie, Mikrochirurgie, Einzug gehalten. Hüft-/Knieprothesen sowie mitwachsende Implantate sind selbstverständlich. Amputationen werden höchst selten durchgeführt. 50 Prozent der Patienten überleben trotz schwerer Verbrennungen von 75 Prozent der Körperoberfläche. Die Rekonstruktion feinster Nerven/ Gefäße und die Reimplantation abgetrennter Gliedmaßen sind in der Handchirurgie möglich.

KINDER- UND JUGENDHEILKUNDE#

Holger Till, Kinder- und Jugendchirurgie
Holger Till, Kinder- und Jugendchirurgie
Foto: MEDUN

Werner Zenz, Kinder- und Jugendheilkunde
Werner Zenz, Kinder- und Jugendheilkunde
Foto: MEDUN

In Österreich sterben jährlich 29 von 1000 Lebendgeborenen im ersten Lebensjahr. Klinische Diagnosemöglichkeiten wie Röntgen/EKG stehen eingeschränkt zur Verfügung, sodass nur 40 Prozent der Kinder mit angeborenem Herzfehler das Erwachsenenalter erreichen. Vorwiegend werden bei „einfachen“ angeborenen Herzfehlern aufwendige Palliativ-/Korrekturoperationen unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine durchgeführt. Vor Operationen wird mit klinischen Untersuchungsmethoden befundet, Laboruntersuchungen sind kaum verfügbar. Wie sich im Nachhinein herausstellt, sind etliche Operationen unnötig. Die Kinder sind sehr belastenden Eingriffen, verbunden mit langen Spitalsaufenthalten, ausgesetzt. Unzählige Beatmungsformen inkl. Lungenersatztherapie haben die Sterblichkeit im ersten Lebensjahr auf 0,3 Prozent gesenkt. Exzellente diagnostische Möglichkeiten und Therapieoptionen (Schrittmachertherapie, Herzchirurgie, Intensivmedizin) tragen dazu bei, dass 90 Prozent der Kinder mit angeborenem Herzfehler das Erwachsenenalter erreichen. Viele Diagnosemöglichkeiten wie Sonografie, Röntgen, CT und MRT schaffen verbunden mit modernster Labormedizin Klarheit, bevor ein chirurgischer Eingriff vorgenommen wird. Die Kinder-/Jugendchirurgie hat sich modernisiert und spezialisiert, sodass bereits Neugeborene mit einem Geburtsgewicht ab 1000 Gramm dank modernster Entwicklungen (minimalinvasiv chirurgisch) behandelt werden. Komplexe angeborene Fehlbildungen sind gut therapierbar.

40 Prozent der Kinder mit angeborenem Herzfehler erreichten einst das Erwachsenenalter. Dank des Fortschritts sind es heute 90 Prozent, die trotz eines Herzfehlers ins Erwachsenenalter kommen.

50 Prozent der Patienten überlebten einst bei schweren Verbrennungen von 30 Prozent der Haut. Heute überleben dank der plastischen Chirurgie 50 Prozent der Patienten trotz Verbrennungen von 75 Prozent (!) der Haut.

Kleinen Zeitung, Donnerstag, 3. November 2016