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Cobra in der Kurve#

(Ein paar Überlegungen zur Geschichte des Mopedismus)#

von Martin Krusche

Es gibt allerhand Moped-Literatur, aber die Geschichte des Mopeds als Fahrzeugtyp fehlt bis heute. Das Moped ist nicht erfunden worden. Es gab schon Jahrzehnte vor dem Zweiten Weltkrieg Leichtmotorräder, die technisch dem entsprechen, was dann das Moped wurde.

Wenig bekannt und noch ganz nahe am motorisierten Fahrrad: frühe Puch X 30. (Foto: Martin Krusche)
Wenig bekannt und noch ganz nahe am motorisierten Fahrrad: frühe Puch X 30. (Foto: Martin Krusche)

Das Moped ist erstens eine Kreation von Werbeleuten, ist zweitens von Gesetzgebern spezifiziert worden. So wurde es in den 1950er Jahren zur „Freiheitsmaschine“ für Menschen, die sich noch kein Auto leisten konnten und überdies vor allem für Teenager.

Im Jahr 1954 warb man bei Puch für die MS 50 unter anderem mit der Mitteilung „Steuerfrei!“ und „Darf auf der Autobahn gefahren werden“.

Das Moped bot Bewegungsfreiheit und Reichweite. Man blieb von der Verpflichtung zum Führerschein befreit und konnte somit ein preiswertes Kraftfahrzeug nutzen, das in manchen Ländern nicht einmal angemeldet werden mußte.

Ein Prototyp der Puch Cobra im Grazer Johann Puch Museum. (Foto: Martin Krusche)
Ein Prototyp der Puch Cobra im Grazer Johann Puch Museum. (Foto: Martin Krusche)

Der Preis dafür: das Hubraum- und Geschwindigkeitslimit. Zwei Einschränkungen, die bis heute gerne als Beleg für Unfreiheit angeführt werden. Eine Einschränkung, die man natürlich mit dem Erweb eines Führerschein und mit höheren laufenden Kosten leicht aufbrechen kann.

Das Moped ist also in den 1950ern eher eine soziale, denn ein technische Innovation gewesen. Es machte nebenbei die Fahrräder mit Hilfsmotoren überflüssig. Solche Konzepte gab es auch schon seit dem frühen 20. Jahrhundert. Sie haben sich inzwischen erledigt, soweit wir von Verbrennern reden.

Dieser Fahrzeugtyp war allerdings bis 1988 noch mit dem französischen Velosolex präsent. Das hat einen aufgesetzten Kleinmotor, der das Vorderrad per Reibrolle antreibt. Mit Elektromotoren ist das Thema inzwischen wiedergekommen, tauchen motorisierte Fahrräder erneut auf.

Der entscheidende Kick#

Als es die Gesetze endlich zuließen, bei Mopeds (Motor & Pedal) auf Tretkurbeln und Pedale zu verzichten, entstanden im Moped-Segment vielfach elegante, schnittige und zum Teil verdammt schnelle Vehikel. Eine wassergekühlte Cobra mit Pedalen hätte ja kein Mensch ertragen. Am allerwenigsten, weil man sich auf so einem Teil in den Kurven bis auf die Knie runterließ. Mit der Physik des Herren Newton ist nicht zu spaßen.
Sonderfall: Jubiläums-Moped Puch DS 50 in der Tandem-Ausführung, also mit zwei Tretkurbeln. (Foto: Martin Krusche)
Sonderfall: Jubiläums-Moped Puch DS 50 in der Tandem-Ausführung, also mit zwei Tretkurbeln. (Foto: Martin Krusche)

Kurze Zeit war der Begriff Mokick im Umlauf, der auf Motor & Kickstarter hinweist, sich aber nicht hielt. Kurios dagegen, daß der Begriff Mofa (Motor & Fahrrad) im Alltagsgebrauch überlebte. Als Sonderfall wäre dabei eine „Tandem-Daisy“ (DS 50) zu erwähnen.

Konnte man bei Schürze und Trittbett den üblichen Pedal-Satz ohnehin nur zum Anstarten brauchen, hatte die nun sogar zwei Tretkurbeln, damit man, hinten sitzend, mitstrampeln könnte. Eine Schnaps-Idee, wie man so sagt. Das blieb eine schrille Markierung auf einem Irrweg.

Zusammenfassend: Motor & Pedal waren schon vor dem zweiten Weltkrieg da, aber in der Zweiten Republik entwickelten sich die Mopeds rasant hinweg vom Typ Fahrrad, rückten dem Typ Motorrad näher. Das war selbstverständlich sehr nach dem Geschmack vieler junger Menschen, die mittels ausgeräumtem Auspuff wenigstens per Soundkulisse vorgegeben haben, etwas Stärkeres zu fahren. Eine Geste, die bis heute nicht aus der Mode gekommen ist.

Nicht erfunden, sondern definiert#

Das Moped wurde also nicht erfunden, sondern in einer PR-Abteilung kreiert und gesetzlich ermöglicht. Puch war keineswegs der erste Anbieter solcher Fahrzeug, aber die Quelle von Spitzenprodukten und in Österreich mit unübertroffener Marktbeherrschung präsent. Die Mopeds veränderten das Leben der arbeitenden Bevölkerung im Bereich bescheidener Lohn-Niveaus ganz erheblich, indem sie individuelle Mobilität erhöhten.
Die Dreißiger-Jahre: Moped-Vorläufer Puch Styriette, laut Werbung „Das motorisierte Fahrrad“. (Graphik: Chris Scheuer)
Die Dreißiger-Jahre: Moped-Vorläufer Puch Styriette, laut Werbung „Das motorisierte Fahrrad“. (Graphik: Chris Scheuer)

Schließlich wurden Mopeds bei uns überdies zu unverzichtbaren Fahrzeugen und Fetischen einer Jugendkultur. Den jungen Leuten standen in den 1950ern und -60ern nach und nach Freiheiten offen wie keiner Generation zuvor, auch wenn diese Möglichkeiten in harten Konfrontationen mit der Erwachsenenwelt errungen werden mußten.

Die Eltern nannten ihre pubertierenden Kinder „Habstarke“. Regie-Gigant Nicholas Ray stellte diese Situation 1955 fulminant in seinem Film "Rebel Without a Cause" dar, der den jungen James Dean in einem typischen Vater-Sohn-Konflikt zeigt. Aufgrund des wirtschaftlichen Vorsprungs der USA sind die Teenager im Film schon mit Autos unterwegs, bei uns waren das eben vorerst die Mopeds.

Gegenwärtig wurden die alten Mopeds zu anschaulichen Exponaten einer boomenden Youngtimer-Szene, in der durch eben diesen Fahrzeugtyp auch junge Leute mit knappem Budget mitmischen können.

Dadurch sind Mopeds wichtige Medien, um bei den Jungen noch jene Handfertigkeit zu fördern, die in neuen Berufswelten zunehmend überflüssig geworden sind. Sieht man sich in der Praxis um, sind es dann oft zwei Generationen, die bei einem Moped die Köpfe zusammenstecken, wenn der Neuling vom Erfahrenen etwas lernt.

Hühnerschreck: Steyr Waffenrad mit Rex Hilfsmotor. (Foto: Martin Krusche)
Hühnerschreck: Steyr Waffenrad mit Rex Hilfsmotor. (Foto: Martin Krusche)
Es begann mit der Stangl-Puch: Variationen der Puch MS 50. (Foto: Martin Krusche)
Es begann mit der Stangl-Puch: Variationen der Puch MS 50. (Foto: Martin Krusche)
Sonderfall: Daisy (DS 50) in der seltenen Gespann-Version (Foto: Martin Krusche)
Sonderfall: Daisy (DS 50) in der seltenen Gespann-Version (Foto: Martin Krusche)

Puch-Mopeds wurden keine internationalen Ikonen der Pop-Kultur, wie zum Beispiel Vespas und Lambrettas Ich denke etwa an die das Konzeptalbum und den Film „Quadrophenia“, wofür „The Who“ die Musik geliefert haben. Eine sogenannte Rock-Oper. Aber die Puch-Mopperln sind auf alle Fälle in Österreich weltberühmt.

Die Mopedentwicklung hat über Jahrzehnte immer wider interessante Prototypen und Technologieträger hervorgebracht. Wir wissen heute von Puch-Mopeds, die eine Autobatterie implementiert bekamen, andere, die eine Brennstoffzelle verpaßt bekamen, auch welche, die mit Druckluft angetrieben wurden. Enthusiasten haben Mopeds mit zwei und mehr Motoren gebaut. Es gibt in diesem Segment also spannende Dinge zu sehen.

Combeback der Winzlinge#

Es wurden mit der Basistechnologie von Mopeds auch Vehikel gebaut, die man damals „Versehrtenfahrzeuge“ oder „Behindertenfahrzeuge“ genannt hat. Was zwischendurch als „Moped-Autos“ oder „Säufer-Autos“ (weil führerscheinfrei) ein Comeback der zweispurigen Winzlinge ausmachte, rote Nummerntafeln wie die Mopeds, hat sich mittlerweile emanzipiert.
Versehrtenfahrzeuge mit Moped-Motoren, hier im Jundenburger Puch-Museum. (Foto: Martin Krusche)
Versehrtenfahrzeuge mit Moped-Motoren, hier im Jundenburger Puch-Museum. (Foto: Martin Krusche)

Die Kleinen sind inzwischen mit feinerem Design geformt und es heißt wesentlich nobler „Microcar“. In ihrer Dimension könnten sie an die Voiturettes der ersten Jahre des Automobilismus’ erinnern, mindestens aber an die Rollermobile und Bubble Cars der Nachkriegszeit.

Dazu kommt im kleinmotorigen Bereich: Was immer wir heute an Elektro-Scootern und Pedelec auf den Straßen sehen, war technologisch in den geheimeren Werkstätten des Puchwerks schon gemacht worden. Allerdings sehe ich inzwischen Modellflugzeuge starten, die haben weit mehr PS als mein erstes Moped, eine DS 50. Alles verschiebt sich andauernd.

Zweimal Monza, Scrambler in der Mitte, rechts eine Puch Ranger. (Foto: Martin Krusche)
Zweimal Monza, Scrambler in der Mitte, rechts eine Puch Ranger. (Foto: Martin Krusche)

Es scheint mir heute unnötig, darüber zu lamentieren, daß die Steyr-Daimler-Puch AG den ganzen Zweiradbereich in den späten 1980er Jahren verkauft hat. Sowas geschieht in Mischkonzernen ständig. Was länger keinen Profit abwirft, kommt weg.

Es ist atemberaubend, was seinerzeit in Graz an Mopeds entwickelt und gebaut wurde. Es ist hinreißend, was Sammler und Schrauber heute noch aus dieser Geschichte herausholen. Es ist provokant, was die Jungen teilweise daraus machen. Aber das war nie anders, seit es Kraftfahrzeuge gibt. Es führt bei nachfolgenden Generationen oft zu einem kühnen „Customizing“, zum Modifizieren von Vehikeln, damit sie schneller werden oder wenigstens schneller aussehen.

Andere Fans sind Puristen und wollen nur Originalzustände. Bei Mopeds ist das gar nicht so leicht, weil im Inland, aber noch weit mehr bei Exportmodellen, viele Variationen entstanden. Oft wurde aus Ersparnisgründen einfach genommen, was gerade ausreichend in den Regalen lag, um ein Modell zu vervollständigen.

Mit Blick auf all diese Zusammenhänge beginnt nun im Grazer Johann Puch Museum eine Serie zum Thema Ewig jung: Mopeds und Mofas. Eine längerfristige Präsentationsfolge von Perlen aus dem Museumsbestand und von besonderen Privatfahrzeugen, die als Leihgaben ins Haus kommen. Es bleibt noch viel zu erzählen…