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Notiz 078: Blockhütte unterwegs#

von Martin Krusche

Die Klein Zeitung titelte am 10.1.2020 im Wirtschaftsteil: „Verkaufsplus. BMW profitiert von Boom der SUV und Luxusklasse!“ Das interessante Detail im Bericht lautet „Stadtgeländewagen“. Der Begriff macht klar, daß es hier um Repräsentation geht, da in der Stadt bestenfalls Leute vom Gartenbauamt oder vom Bombenräumkommado ins Unwegsame müssen.

Einen von AMG optimierten Brocken mit 6,3 Liter Hubraum, der auch im gröberen Gelände besteht, muß man sich leisten können; kann aber nicht jeder, der sich gerne breitspurig unter die Mitmenschen begibt. (Foto: Martin Krusche)
Einen von AMG optimierten Brocken mit 6,3 Liter Hubraum, der auch im gröberen Gelände besteht, muß man sich leisten können; kann aber nicht jeder, der sich gerne breitspurig unter die Mitmenschen begibt. (Foto: Martin Krusche)

Man läßt wissen: „Der Absatzrekord des vergangenen Jahres wurde maßgeblich vom weltweiten Boom der lukrativen Stadtgeländewagen getragen, teilte der Autobauer am Freitag in München mit. Neue oder überarbeitete X-Modelle hätten mit einem Plus von 21 Prozent auf fast 959.000 Fahrzeuge dazu beigetragen.“

Schon im August 2019 berichtete das Blatt: „Fast jeder zweite neue BMW ist ein SUV“. Da ist also von anderen Marken noch gar nicht die Rede, ganz zu schweigen von Autos, die zwar wie ein SUV aussehen wollen, aber keiner sind, teils nicht einmal Allradantrieb haben. Es ist eine Art erweiterter Dress Code.

SUV ist das Kürzel für Sport Utility Vehicles. Begriffe wie Geländelimousine oder Stadtgeländewagen sind da nur ein Flackern im Sprühnebel üblicher PR-Wortmeldungen, weil jede Werbeabteilung für Unterscheidbarkeit sorgen muß, um das Produkt eines Auftraggebers hervorzuheben.

Rührend: Der Koreaner (SsangYong Musso) hat einen Mercedes-Motor verpaßt bekommen, wird also mit dem Stern dekoriert. Er soll geländetauglich sein, aber das möchte ich eher nicht erproben. (Foto: Martin Krusche)
Rührend: Der Koreaner (SsangYong Musso) hat einen Mercedes-Motor verpaßt bekommen, wird also mit dem Stern dekoriert. Er soll geländetauglich sein, aber das möchte ich eher nicht erproben. (Foto: Martin Krusche)

Utility Vehicles sind Nutzfahrzeuge. Genau das bedeutet der Begriff ursprünglich. Wenn nun Robustheit und nüchterne Arbeitsbewältigung mit dem Duft eines Sportwagens verknüpft werden sollen, um biederen Leuten Geld abzunehmen und ihnen das dann als Familienkutsche anzudienen, sind die Geräumigkeit und die Einstiegshöhe von vielen Geländewagen nützliche Features, die nun eben sprachlich verkleidet werden müssen.

Also: der verlötete Bürgerkäfig mit Platz für die ganze Familie, Hund eingeschlossen, soll viel Platz bieten und das Ein- wie Ausladen bequem erscheinen lassen. Er muß aber auch einen flotten Auftritt möglich machen und zusätzlich wirtschaftliche Potenz andeuten. Sowas kann real nicht wie ein Gran Turismo geschneidert sein. Das ist auch so ein KFZ-Kürzel, das gerne umgekupfert wird. Dieses Buchstabenduo GT ist sicher kein sachliches Kennzeichen für beispielsweise einen Golf GT, besser: GTI, oder ähnliche Prätendenten.

Gefälliger Etikettenschwindel für Gründungselemente der Muscle Car-Ära: 1964er und 1966er Pontiac GTO (Foto: Greg Gjerdingen, Attribution 2.0 Generic: CC BY 2.0)
Gefälliger Etikettenschwindel für Gründungselemente der Muscle Car-Ära: 1964er und 1966er Pontiac GTO (Foto: Greg Gjerdingen, Attribution 2.0 Generic: CC BY 2.0)

Aber seit Rennfahrer und Piloten Anfang des 20. Jahrhunderts das Volk mit ihren Darbietungen begeistert haben, ist die sportliche Note ein wirksames Verkaufsargument. Eines der operettenhaftesten Beispiele dafür findet sich in den Reihen von Klassikern: der Pontiac GTO.

Gran Turismo Omologato würde eigentlich besagen, ein Langstrecken-Rennwagen wurde in der nötigen Mindeststückzahl gebaut, um jene Homologation zu bekommen, die Voraussetzung für seine Zulassung auf Rennstrecken ist.

Omologato bedeutet im Italienischen „genehmigt“. Homologation ist das französische Wort für Genehmigung, Zulassung. Der legendäre Pontiac GTO wurde freilich erst nach einer Weile zum Muscle Car und gelegentlichen Renngerät, ist ursprünglich ein PR-Coup von John DeLorean gewesen, um mit einem normalen Serienfahrzeug auf dem Markt zu punkten.

Sichtbarkeit und Image. Wow-Effekt beim Auftritt. Vergrößerung der persönlichen Silhouette mittels Technik. Kurz: Imponiergehabe. Darum geht es bei den SUVs. Im Luxussegment der Automobilwelt waren derlei Posen immer schon zu Hause. Was an der Gegenwart irritiert, sind die weitreichenden Begehrlichkeiten in breiten Bevölkerungskreisen, sich mit Billigvarianten einen ähnlichen Auftritt zu gönnen, wo das Einkommen für eine teure Karre nicht reicht.

In den Staaten gabs allerweil schon solche Kübel wie den Chevrolet K5 Blazer auf so banale Art, wie bei uns Käfer oder Kadetten gefahren wurden. (Foto: Martin Krusche)
In den Staaten gabs allerweil schon solche Kübel wie den Chevrolet K5 Blazer auf so banale Art, wie bei uns Käfer oder Kadetten gefahren wurden. (Foto: Martin Krusche)
Landy Disco: Zwischen Land Rover und Range Rover wurde der Discovery etabliert und ist gewissermaßen ein Natural born SUV. Diese Landies waren nie was anderes. (Foto: Martin Krusche)
Landy Disco: Zwischen Land Rover und Range Rover wurde der Discovery etabliert und ist gewissermaßen ein Natural born SUV. Diese Landies waren nie was anderes. (Foto: Martin Krusche)
VW Tuareg: als steirisch markierter SUV, der uns verschweigt, daß die Einzahl zu Tuareg ja Targi lautet. Begriffe und Namen werden also sehr beliebig genutzt. (Foto: Martin Krusche)
VW Tuareg: als steirisch markierter SUV, der uns verschweigt, daß die Einzahl zu Tuareg ja Targi lautet. Begriffe und Namen werden also sehr beliebig genutzt. (Foto: Martin Krusche)

Eine flott aus dem Ärmel gezogene Kritik solcher Zustände ist völlig nutzlos. Das Nützliche und das Erhebende haben kein gemeinsames Zuhause. Vor wenigen Jahrzehnten mußte man finanziell sehr gut dastehen, um mit einem Auto auftrumpfen zu können.

Heute gibt es zu diesem Zweck auch jede Menge billigerer Surrogate und – das Fundamentale – einen skurrilen Konsens, daß man wechselseitig über die Ärmlichkeit der automobilen Erbärmlichkeit hinwegsieht: „Läßt du mein billiges Protzgerät gelten, laß ich auch deines gelten.“

Na klar wirft das ökologische Probleme auf, belastet es den Verkehr etc. Aber hier geht es grade nicht um rationale Gründe. Nebenbei bemerkt, die haben nie genügt, um den Automobilismus zu erklären. Der Transport von Menschen und Gütern war immer nur ein Aspekt des Themas. Soll also am Stand der Dinge etwas verändert werden, müssen auch die anderen Aspekte in der Debatte auftauchen.