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Mythos Puch VI: Wohin des Weges?#

(Eine Konferenz)#

von Martin Krusche

Ungewöhnliche Ereignisse finden manchmal in aller Stille statt. So kam es zu einer speziellen Konferenz mit einem Gast, der aus Stuttgart angereist ist. Ferdinand Micha Lanner ist ein profunder Kenner des Automobilismus und der Industriegeschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Großvater Ferdinand Lanner war ein erfolgreicher Rennfahrer, der für den Fabrikanten Johann Puch zahlreiche Siege holte und damals zur Optimierung der Puch-Autos beitrug.

Tom Kada (links) und Micha Lanner, mit Detailfragen befaßt. (Foto: Martin Krusche)
Tom Kada (links) und Micha Lanner, mit Detailfragen befaßt. (Foto: Martin Krusche)

Bürgermeister Robert Schmierdorfer, der das Kulturprojekt Dorf 4.0 mitträgt, öffnete jener Gesprächsrunde für einen Abend das Gemeindezentrum Albersdorf-Prebuch, wo es schon früher zu solchen Konferenzen zum Thema gekommen war.

Dazu fand sich ferner der Konstrukteur Markus Rudolf ein. Er ist als Sohn des letzten Werksdirektors der historischen Puchwerke in Graz, Egon Rudolf, mit der Entwicklung der Nachkriegszeit in wesentlichen Abschnitten aufgewachsen.

Bürgermeister Robert Schmierdorfer beim Probesitzen im Morgan Roadster. (Foto: Martin Krusche)
Bürgermeister Robert Schmierdorfer beim Probesitzen im Morgan Roadster. (Foto: Martin Krusche)

Constantin Kiesling ist einerseits ein Experte auf dem Gebiet der Steyr-Puch Haflinger. Andrerseits arbeitet er in der Motorenentwicklung, genauer: an Großmotoren. Außerdem kamen die Handwerker Tom Kada und Roman Hold in die Runde.

Kada hat sich auf das Restaurieren von Lastwagen spezialisiert, um eine kleine Sammlung diverser Steyr 380 aufzubauen. Zwischendurch mußte es ein Dodge WC 52 sein, weil der beim Fahren viel Spaß macht. Roman Hold baut Chopper und Hot Rods, modifiziert amerikanische Automobile. Manchmal entsteht also ein Fahrzeug nach einer Handskizze, manchmal wird ein bestehendes Vehikel umgestaltet.

Mit den Künstlern Niki Passath und Martin Krusche bekam die Runde noch einen anderen Akzent, wobei Passath sich seit Jahren mit Robotik befaßt und die Koexistenz von Menschen mit Maschinen ausleuchtet, Krusche dagegen die Querverbindungen zwischen Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst untersucht. Damit war für jenen Abend ein breites Kompetenzspektrum gegeben.

Das Treffen hatte einen speziellen Angelpunkt. Lanners Familiengeschichte durchmißt das gesamte 20. Jahrhundert. Sein Großvater gehörte zu jenen unerschrockenen Männern, die auf schweren, beunruhigend hochbeinigen Automobilen mit mäßigen Bremsen und wenig haltbaren Reifen auf miserablen Straßen enorme Geschwindigkeiten fuhren. Das bedeutet, diese Rennfahrer waren eine gefährdete Art.

Konstrukteur Markus Rudolf. (Foto: Martin Krusche)
Konstrukteur Markus Rudolf. (Foto: Martin Krusche)
Handwerker Roman Hold. (Foto: Martin Krusche)
Handwerker Roman Hold. (Foto: Martin Krusche)

Lanners Vater baute im Nachkriegs-Kärnten mit Giovanni Marcellino eine Generalvertretung auf. Marcellino ist jener Ingenieur, ohne den die Grazer Puchwerke AG nach dem Ersten Weltkrieg liquidiert worden wäre. In seiner Verantwortung entstanden damals erste erfolgreiche Motorradkonstruktionen, die seinen Boss Camillo Castiglioni überzeugten.

Techniker Micha Lanner (links) und Entwickler Constantin Kiesling. (Foto: Martin Krusche)
Techniker Micha Lanner (links) und Entwickler Constantin Kiesling. (Foto: Martin Krusche)
Künstler Niki Passath. (Foto: Martin Krusche)
Künstler Niki Passath. (Foto: Martin Krusche)

In diesem Betrieb, zu dem selbstverständlich eine Werkstatt gehörte, war Johann Ortner Mechaniker-Geselle gewesen und nahm den kleinen Micha Lanner auf manche Probefahrt mit. Ortner zählt zu Österreichs erster Garnitur an Rennfahrern, ist in einem Atemzug mit Jochen Rindt, Helmut Marko und Niki Lauda zu nennen. Seine Erfolge auf Puch und Abarth sind Legende.

So paßt vorzüglich in die Energieregion Weiz-Gleisdorf, was diese Runde im Rahmen von „Mythos Puch VI“ erörtert hat. Es ist derzeit recht umstritten, wohin die individuelle Mobilität in der Vierten Industriellen Revolution gelenkt wird, welche Produkte und welche Konzepte sich dabei bewähren werden. Wir werden unsere Annehmlichkeiten nicht aufgeben wollen. Doch der massenhafte Privatbesitz von Kraftfahrzeugen dürfte ein absehbares Ablaufdatum haben.

Andrerseits werden den Verbrennungsmotoren noch interessante Perspektiven zugeschrieben. Die Entwicklung könnte sie kompakter und leistungsfähiger machen. Methanol scheint ein im öffentlichen Diskurs unterschätztes Thema zu sein. Wasserstoff hat in seiner Nutzbarkeit interessante Potentiale.

Was die reine E-Mobilität angeht, scheint das für Profis aus der Industrie kein gewichtiges Thema zu sein. Die wird derzeit eher als Gegenstand von Public Relations verstanden. Doch es geht in all dem nicht bloß um Mobilität, sondern auch um Handfertigkeit und Abstraktionsvermögen. Es geht darum, menschliche Kompetenzen zu erhalten, wo sie von der Wirtschaft nicht mehr benötigt, daher nicht mehr bezahlt werden.

Das ist kein Frage der Traditionspflege, sondern im Kern eine der Conditio humana. Wozu sind wir mit bloßen Händen fähig? Welche Materialien bewältigen wir mit Werkzeugen, denen wir selbst gebieten? Das ist heute brisanter denn je, da inzwischen Maschinen von Maschinen lernen und uns viele Tätigkeiten abnehmen.

Oststeirische Kuriosität: am Scheunentor das Bildnis des Johann von Österreich. (Foto: Martin Krusche)
Oststeirische Kuriosität: am Scheunentor das Bildnis des Johann von Österreich. (Foto: Martin Krusche)

Zitat Thomas Kada, der augenzwinkernd sagt: „Alles, was nicht unbedingt mit dem Kurbeltrieb und mit Feinbohren zu tun hat, mache ich in meiner Steinzeit-Werkstatt.“ Die hat er nahe einer Tischler-Werkstatt. Das heißt, er kann Holz und Metall auf vielfältige Arten bearbeiten. Das fordert nicht bloß Sachverstand, sondern ist auch sehr physisch.

So sollte ein tieferes Verständnis des 20. Jahrhunderts nützlich sein, daß wir uns in den aktuellen Umbrüchen besser orientieren können. Es geht dabei nicht bloß um die Frage, wie „Das Neue“ beschaffen sein mag, um das wir uns zu bemühen haben. Es geht auch darum, was wir an alten Kompetenzen erhalten möchten, wo sie gerade ihre Marktfähigkeit einbüßen; als ein kulturelles Gut.

So manche Fertigkeit brauchen wir nicht bloß zum Herstellen von Dingen, sie hat prägende Qualitäten, die uns (unter anderem) ausmachen. Was uns herkömmlich Traditionspflege als Volkskultur andient, sind mehrheitlich Motive und Versatzstücke aus der agrarischen Welt, und zwar aus Bereichen vor der Mechanisierung der Landwirtschaft.

Rund 200 Jahre Volkskultur in der technischen Welt werden dabei gewöhnlich ignoriert. Wen gerade wieder „der steirische Prinz“ als populäres Motiv strapaziert wird, lobt man gerne seine angebliche „Volkstümlichkeit“, ohne das näher zu erläutern. Wie bedeutend Erzherzog Johann für die Modernisierung der Steiermark war, bleibt dabei unscharf.

Als Johann von Österreich die boomende Industrienation England besuchte und sich von James Watt dessen optimierte Dampfmaschinen erläutern ließ, war eine Markierung gesetzt, ab der unsere Leute in einer permanenten technischen Revolution leben. Wir sind die Enkelkinder dieser radikalen Prozesse und sollten uns Klarheiten verschaffen, was derzeit mit unseren Lebensbedingungen geschieht.