unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Eine alte Bringschuld#

Das Beethoven Museum in Wien-Döbling eröffnet neu und auf deutlich größerer Fläche. Es bietet einen soliden Grundkurs zum Thema.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 23. November 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christoph Irrgeher


Ein Titan auf Holzpaletten: eine kolossale Beethoven-Büste (Caspar von Zumbusch, 1877) in der Döblinger Probusgasse.
Ein Titan auf Holzpaletten: eine kolossale Beethoven-Büste (Caspar von Zumbusch, 1877) in der Döblinger Probusgasse.

Rund eine Stunde haben Beethovens Zeitgenossen gebraucht, um von der Wiener Innenstadt nach Heiligenstadt zu gelangen. Im Grünen winkte unter anderem die Aussicht auf Heilung - jedenfalls sahen das Beethovens Ärzte so. Der Compositeur mit dem schleichenden Hörverlust und anderen Leiden sollte eine Zeit auf dem Land weilen; mit dem Müßiggang würde sich auch die Gesundheit wieder einstellen.

Heute braucht man dank motorisierter Verkehrsmittel nur noch die Hälfte der Reisezeit. Zwar lockt Heiligenstadt nicht mehr als Wellness-Oase; es hat jedoch Freunden des Rebensafts einiges zu bieten und nun auch Verehrern des krausköpfigen Komponisten: Ludwig van Beethoven, einst wohnhaft in der Probusgasse 6, wird dort nun verstärkt gewürdigt. Die einstige Gedenkstätte ist zum Museum aufgewertet worden, sie erstreckt sich nun über satte 250 statt bisher 45 Quadratmeter. Matti Bunzl, Chef des Wien Museums und damit auch für das hübsche, historische Haus in Döbling zuständig, hat die Schauräume von Lisa Noggler-Gürtler und dem US-Beethoven-Spezialisten William Kinderman kuratieren lasse: Beide versprechen erstaunliche Raumgestaltungen und neue Einsichten.

Klassisch arrangiert#

Einlösen können sie das aber nur begrenzt. Partiturblätter, Bildnisse von Landschaften und Gesichtern, Versatzstücke der Wiener Klassik und Instrumente prangen hier klassisch arrangiert. Manches sticht zwar frech hervor: Eine Beethovenbüste auf Holzpaletten oder eine "Action-Figur" des Tonsetzers, der ab 1792 dauerhaft in Wien weilte und den Adel mit seinem Selbstbewusstsein ebenso forderte wie die hiesigen Spediteure mit seiner Rastlosigkeit. In der neuen Dauerausstellung bleibt es nur leider bei wenigen kecken Farbtupfern, deren Sinn sich wegen kleiner Texttafeln nicht immer gleich erhellt. Auch die Kopfhörer offerieren wenig Neues: Eine Audiostation zeichnet Beethovens Ertaubung nach - anhand sukzessive leiserer Klangbeispiele. Eine andere spielt Skizzenblätter vor, bringt damit aber nur eine Handvoll Noten zum Klingen; in eine kreative Blackbox gelangt man so nicht. Überhaupt: Der Mensch Beethoven - in seiner Schroffheit, Radikalität, utopischen Menschlichkeit - lässt sich nicht greifen, mögen die Kuratoren auch hier und da ein Hörrohr oder einen Filzhut drapieren, das "Heiligenstädter Testament" zeigen (mit dem Selbstbekenntnis des Ertaubenden) und jene "Eroica"-Partitur, aus der Beethoven im Zorn über Napoleons Kaiserkrönung den Widmungsnamen radiert hat.

Andererseits: Weil hier keine Pflichtlektion über Beethoven fehlt, liefert das Wien Museum damit immerhin einen soliden, umfassenden Grundkurs zum Thema - und begleicht so gewissermaßen eine alte Bringschuld gegenüber dem Komponistengenie, das den Großteil seines Lebens in dieser Stadt verbracht hat.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 23. November 2017