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Die Magie der Musik #

Claude Debussy begann als wilder Revolutionär. Heute zählt er zu den unangefochtenen Klassikern der Moderne. Vor 100 Jahren starb der Komponist in Paris. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 22. März 2018

Von

Gottfried Franz Kasparek


Claude Debussy (ca. 1908)
Claude Debussy (ca. 1908). Der am 22. August 1862 in Saint-Germain-en-Laye geborene Komponist war schon als Bub hochbegabt. Bereits als 10-Jähriger wurde er ins Pariser Conservatoire aufgenommen.
Foto: Nadar (1820–1910). Aus: Wikicommons, unter PD

„Debussy existierte bereits vor Debussy“, schrieb der Dichter Jean Cocteau 1926. „Tausend unbestimmte Wunder der Natur haben endlich ihren Übersetzer gefunden.“ Für Pierre Boulez war Debussys Musik „von geheimnisvoll hinreißendem Zauber“. Boulez, eine der Ikonen der Avantgarde, empfand die Klangsprache des sogenannten Impressionisten „an der Schwelle zur Neuen Musik“ wie „einen Pfeil, der einsam in die Höhe schießt.“

Für Arnold Schönberg dagegen war Debussy im unsäglichen Brief an Alma Mahler vom August 1914 einer der „ausländischen Kitschisten“. Und noch 1931 vermeinte der Schöpfer der Zwölftontechnik in seinem Artikel „Nationale Musik“ in Debussy ganz und gar nicht einen Gegenpol zu Richard Wagner zu sehen: „Während es Debussy wohl gelang, die romanischen und slawischen Völker zum Kampf gegen Wagner aufzurufen, war es ihm versagt, sich selbst von Wagner zu befreien und seine interessantesten Erfindungen bleiben nur innerhalb der von Wagner geschaffenen Form und Gestaltungsweise anwendbar. Dabei ist nicht zu übersehen, dass vieles seiner Harmonie unabhängig von ihm auch in Deutschland gefunden ward. Kein Wunder: waren es doch logische Ergebnisse der Wagnerschen Harmonie; weitere Schritte auf dem von diesem gewiesenen Weg.“

Debussy wiederum äußerte sich kaum über Schönberg, dem er nie begegnete und dessen Werke er nur zum kleineren Teil kannte. Anno 1914 reagierte er auf den Weltkrieg nicht weniger chauvinistisch als der Wiener Kollege, ja er warf Schönberg mit Richard Strauss in einen Topf und bezeichnete beide als Vertreter der „barbarie allemande“, vor der er sogar den befreundeten Russen Igor Strawinsky eindringlich warnte.

Neu und diskret #

Die Grabenkämpfe der Avantgarde mögen im Rückblick heute verwundern. Der am 22. August 1862 in Saint-Germain-en-Laye als Achille Claude Debussy in eine Familie von Geschäftsleuten für Steingut und Porzellan geborene Komponist zählt längst zu den unangefochtenen „Klassikern der Moderne“. Er erreicht, da er der Tonalität im Grunde treu blieb, ein größeres Publikum als der Kontrahent Schönberg. In dessen Wagner- Verteidigung findet sich freilich das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit. Abgesehen davon, dass ohne die Aktion Wagners die abwehrende Reaktion nicht denkbar gewesen wäre, hat Debussy sehr wohl die harmonischen Innovationen des Bayreuther Meisters in sehr persönlicher, sehr dezenter, unpathetischer Weise mit dem Zauber französischer Sensibilität verbunden und in neue Welten des Klangs geführt. Und liegt nicht die sich aus der Handlung, letztlich der Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern, ergebende Verwandtschaft seines Musikdramas „Pelléas et Mélisande“ mit „Tristan und Isolde“ auf der Hand? Debussy erzählt die mythische Tragödie verbotener Liebe mit den Mitteln des Symbolismus und unter Verzicht auf musikalische Ekstasen neu und diskret, aber nicht weniger berührend.

Schon zwei Jahre nach Claudes Geburt übersiedelten seine Eltern nach Paris, wo der Vater Buchhalter einer Eisenbahngesellschaft wurde. Der begabte Bub dürfte schon in frühen Jahren eine eigenwillige Persönlichkeit gewesen sein. Weder der als schwächlich beschriebene Vater noch die sehr despotische Mutter wurden zu wirklichen Bezugspersonen. Letzterer schrieb er später: „Oh, ich erinnere mich noch an alle Ohrfeigen, die Du mir gegeben hast…“. Viel mehr fühlte er sich zu einer musischen Tante hingezogen, bei der er viel Zeit in Cannes verbrachte und seine lebenslange Liebe zum Meer entdeckte. Zur bürgerlichen Erziehung gehörte das Klavier, auf dem Claude schon bald ungewöhnliche Fähigkeiten entwickelte. Bereits als 10-Jähriger wurde er ins Pariser Conservatoire aufgenommen, als 14-Jähriger begann er, Lieder zu komponieren, und trennte sich immer mehr von seiner Familie.

Ab 1880 war er eine Zeit lang Hauspianist der Tschaikowsky- Gönnerin Nadeshda von Meck, mit der er nach Russland, Rom und Wien reiste. Dazwischen studierte er in Paris Komposition bei Ernest Guiraud. 1884 erhielt er den begehrten Rom-Preis für die Kantate „L’enfant prodigue“ und schloss Freundschaft mit Paul Dukas. In Rom lernte er Liszt und Verdi kennen, in Wien Brahms, aber Paris blieb der Ort seines Lebens. Der Besuch der Bayreuther Festspiele 1888 und 1889 weckte Bewunderung und den Geist des Widerspruchs, die unbändige Lust, Neues zu schaffen – übrigens ganz im Sinne Wagners.

Ein kurzer Blick auf Debussys von gesellschaftlichen Skandalen in der schwülen Atmosphäre des Fin de Siècle durchzogenes Privatleben ist von Interesse, da es eine ambivalente und leidenschaftliche Persönlichkeit zeigt, die sich auch in seiner Musik spiegelt. Er verliebte sich an einem „frivolen Ort“ in Gabrielle Dupont, das „Mädchen mit den grünen Augen“, genannt Gaby, die seine treu sorgende Lebensgefährtin wurde, bis er 1897 die Näherin Lily, ein „Mädchen mit flachsblonden Haaren“, heiratete. Wie schon Gaby wegen Lily versuchte auch Lily erfolglos, sich zu erschießen, denn 1901 entdeckte sie das Verhältnis ihres Mannes zur Bankiersfrau Emma Bardac. Die Scheidungsprozesse der Liebenden zogen sich bis 1908 hin. Dann endlich konnte Debussys und Bardacs Tochter Emma- Claude, genannt „Chouchou“ und Empfängerin des bezaubernden Klavierwerks „Children’s Corner“, den Namen des Vaters tragen. Zu diesen Beziehungskrisen kamen oft finanzielle Probleme, da Debussy außer zeitweiliger Tätigkeit als Musikkritiker und Essayist unter dem Pseudonym „Monsieur Croche“ keine feste Anstellung hatte. Im Jahr 1909 erkrankte er, mittlerweile einer der berühmtesten Komponisten der Zeit, an Darmkrebs, dem er nach langem Auf und Ab und einer misslungenen Operation am 25. März 1918 in Paris erlag.

Die Flöte des Faunes #

Neben der französischen Tradition, Wagner und der Musik des russischen Visionärs Modest Mussorgsky war es die bei der Pariser Weltausstellung 1889 entdeckte Gamelanmusik Javas, die Debussys Stilistik prägte. An einen Dichterfreund schrieb er: „Erinnere Dich an die javanische Musik, die alle Nuancen enthielt, selbst solche, die man nicht benennen kann, bei der die Tonika und die Dominante nichts weiter sind als nutzlose Hirngespinste zum Gebrauch für Weinekinder, die nicht verständig sind.“ Debussy begann als wilder Revolutionär und endete als reifer Meister, der in seinen letzten Sonaten für verschiedene Instrumente im Schatten des Weltkriegs die Tradition Frankreichs aus Barock und Klassik beschwor. Doch der glühende Patriot fand 1918, kurz vor seinem Tod, zu geläuterter Anschauung: „Wann wird endlich der Hass aufhören? Wann wird man endlich aufhören, das Schicksal der Völker Leuten anzuvertrauen, die die Menschheit als Mittel zum Aufstieg ansehen?“

Mit der „ersten Literaturoper“ nach Maurice Maeterlincks „Pelléas et Mélisande“, entstanden von 1893 bis 1902, mit den farbenprächtigen Orchesterwerken – dem stilbildenden „Prélude à l’aprèsmidi d’un faune“, den „Nocturnes“, „La Mer“, den „Images“, entstanden zwischen 1892 und 1912 –, mit exzeptioneller Klaviermusik, kulminierend in den „Préludes“ um 1910, mit luzider Kammermusik und kostbaren Liedschöpfungen hat sich Claude Debussy in die Reihe der wahrhaft Großen der Musikgeschichte eingeschrieben. Trotz zeitbedingter Affinität zu den Malern und Literaten des Impressionismus war sein künstlerisches Credo nicht die Stimmungsmalerei, sondern, durchaus der Romantik folgend, die Spiegelung der Natur im menschlichen Denken und Fühlen: „Musik soll die geheimnisvolle Übereinstimmung aufnehmen, die zwischen Natur und Vorstellung herrscht.“ Zweifellos hat, um noch einmal Boulez zu zitieren, „mit der Flöte des Faunes die Musik neuen Atem zu schöpfen begonnen.“ Die Tondichtungen, in denen die nur mehr lose harmonisch gebundenen, klingenden Flächen das Tor in die Moderne weit aufstoßen, sind aber nie bloß strukturelle Musik, sondern immer tönende Bilder voll berauschender Farben, komplexer Rhythmik und fein sublimierter Empfindung. Denn, mit Debussys Worten, die „Schönheit eines Kunstwerkes“ muss „etwas Geheimnisvolles“ haben, „diese der Musik eigene Magie!“

DIE FURCHE, 22. März 2018