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Verborgene Welten#

Die Kryptozoologie zwischen mythischen Fabelwesen und der Suche nach noch unentdeckten Tierarten.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 24. März 2018

Von

Franz M. Wuketits

Waran
Wurde vor einigen Jahren auf der philippinischen Insel Luzon entdeckt: ein Waran mit zwei Metern Körperlänge, der auf Bäumen lebt (von Zoologen "Varanus bitatawa" getauft)
Foto: © ACD/CC

Der Yeti ist kein Schneemensch, sondern ein ganz gewöhnlicher Bär. Mit dieser nüchternen Erkenntnis wurde der Glaube an eine sagenumwobene (Phantasie-) Gestalt kräftig erschüttert. Aber zum Trost bleibt noch das Ungeheuer vom schottischen Loch Ness, dessen (vermeintliche) Existenz schon seit Jahrhunderten für Spekulationen und abenteuerliche Interpretationen Anlass bietet.

Doch auch abseits von Spekulationen über die Existenz von Monstergestalten besteht die berechtigte Hoffnung auf die Entdeckung vieler bisher im Verborgenen lebender Tierarten. Die Kryptozoologie setzt sich zum Ziel, Tierarten aufzuspüren, deren Existenz zwar vermutet wird, aber (noch) nicht nachgewiesen ist. Man kann in einem weiteren Sinn darunter auch alle Bemühungen verstehen, unbekannte Tierarten zu entdecken oder die Existenz von Arten aufzuzeigen, die lange nicht mehr gesehen wurden oder als ausgestorben gelten.

So wurde vor einigen Jahren ein auf der philippinischen Insel Luzon lebender Waran mit zwei Metern Körperlänge beschrieben, der den dortigen Eingeborenen unter der Bezeichnung "Butikaw" bekannt war und von diesen als Nahrungslieferant gejagt wurde.

Kriechtier auf Baum#

Das scheue, versteckt auf Bäumen lebende Reptil wurde von Zoologen auf Varanus bitatawa getauft und gilt als eine der vielen heute gefährdeten Tierarten. Die Entdeckung eines baumbewohnenden Kriechtieres dieser Größe darf ohne weiteres als Sensation gelten. An Sensationen hat die gesamte Entdeckungsgeschichte der Tiere generell nicht wenig zu bieten, wobei freilich immer wieder auch die menschliche Phantasie zu ihrem Recht gekommen ist.

Das australische Schnabeltier, mit wissenschaftlichem Namen Ornithorhynchus anatinus (zu Deutsch etwa "entenartiger Vogelschnabel"), ist seiner Merkmalskombination wegen ein sehr seltsames Geschöpf. Das wasserbewohnende Tier mit einer Körperlänge von etwa einem halben Meter ist ein eierlegendes (!) Säugetier mit einem Entenschnabel, einem Biberschwanz und kurzen Beinen mit Schwimmhäuten sowie Ausscheidungs- und Geschlechtsorganen, die zusammen in einer Kloake münden.

Irgendwie handelt es sich hierbei um eine Mischung aus Säugetier, Reptil und Vogel. Eigentlich, so sollte man meinen, dürfte es dieses Tier gar nicht geben. Das dachten zuerst auch Zoologen, als 1798 das erste vollständige Trockenpräparat des Tieres im British Museum ankam.

Man vermutete eine geschickte Fälschung, die mehr oder weniger raffinierte Konstruktion einer Phantasiegestalt. Schließlich musste diese eigenartige, archaische Kreatur doch als echt anerkannt werden. Dass sie aber Eier legt, wurde erst knapp hundert Jahre später geklärt - und gleichzeitig auch für die Ameisen- oder Schnabeligel nachgewiesen, mit denen zusammen das Schnabeltier heute die Säugetierordnung "Kloakentiere" oder Monotremen bildet.

Wurde das tatsächlich existierende Schnabeltier also zunächst für ein Phantasieprodukt gehalten, glaubte man umgekehrt - und in den meisten Fällen über Jahrhunderte - bei vielen Phantasiegeschöpfen an reale Wesen.

Fabelhaftes Einhorn#

Das wohl bekannteste von ihnen ist das Einhorn, das klassische Fabeltier, welches sich von der Antike bis zur Neuzeit in naturhistorischen Werken hartnäckig behaupten konnte. Nachhaltigen Ruhm erlangte es durch seine Darstellung in der mehrbändigen "Tiergeschichte" des Schweizer Universalgelehrten Conrad Gesner (1516 -1565), die für Generationen das Standardwerk der Zoologie bleiben sollte. Heute kann zwar niemand ernsthaft bestreiten, dass es sich beim Einhorn bloß um ein Fabelwesen handelt, allerdings um eines, das aus verschiedenen realen Tieren zusammengesetzt wurde. Der Narwal, das Panzernashorn und die Schraubenziege waren dabei die wichtigsten Inspirationsquellen.

Bekanntlich sind der menschlichen Phantasie kaum Grenzen gesetzt, und wenn mit unbekannten und ungewohnten Phänomenen konfrontiert, neigt der Mensch gern zu Übertreibungen, die einen wesentlichen Anteil an Legendenbildungen haben. So darf es nicht überraschen, dass mittelalterliche Seefahrer allerlei Meeresungeheuer gesichtet haben wollen. Ungenaue Beobachtung gepaart mit Phantasie, die sich auf riskanten Fahrten bei stürmischer See gewiss bestens entfalten konnte, werden solche "Sichtungen" begleitet haben.

Manche Meeresbewohner, die - wie die Wale - nur vorübergehend auftauchen, werden meist bloß unvollständig wahrgenommen. In Ermangelung genauerer Kenntnisse konnte der "Rest" derartiger Tiere in früheren Zeiten auf abenteuerliche Weise ergänzt werden, und so dachte man sich die Ozeane von geheimnisvollen Meerjungfern und Seeschlangen bevölkert. Im Meer lebende Schlangen gibt es, wie man heute weiß, tatsächlich. Diese giftigen Reptilien leben in den Meeren der warmen Zonen, werden aber "nur" über zweieinhalb Meter lang. Die Existenz der "Großen Seeschlangen", die man seit Urzeiten bis ins 20. Jahrhundert wiederholt gesehen haben will, ließ sich allerdings nicht bestätigen. (Loch Ness, kein Ozean zwar, aber ein tiefer "dunkler" See, birgt da für viele vielleicht die letzte Hoffnung.)

Seit jeher treten in den Mythen, Sagen und Märchen vieler Völker Drachen in Erscheinung. Allein in Kärnten sind gleich sieben verschiedene Drachen-, genau gesagt Lindwurmsagen bekannt, und das Klagenfurter Lindwurmdenkmal spricht ja schon für sich. Vermutet wird, dass dem Bildhauer dabei ein aus dem Mittelalter stammender Nashornschädel als Vorlage diente. Als ich vor vielen Jahren bei meinem ersten Besuch in Klagenfurt den Lindwurmbrunnen besichtigte, war ich etwas enttäuscht: Ich hatte mir einen "Lindwurm" größer vorgestellt.

Als besonders groß empfunden wurden wirklich existierende, eindrucksvolle und gefährlich wirkende oder tatsächlich gefährliche Kreaturen wohl immer. So entstanden aus manchen Echsen sagenhafte Drachengestalten, die uns das Fürchten lehren und nur von unerschrockenen Helden mit übermenschlichen Kräften besiegt werden können. Dabei ist natürlich vor allem an Siegfried in der germanischen Sagenwelt zu denken.

Hang zur Übertreibung#

Die Begegnung mit den großen Arten von Reptilien, Waranen, Krokodilen und auch Riesenschlangen hat beim Menschen sicher schon früh Faszination ebenso wie - berechtigte - Angst ausgelöst. Der Hang zu Übertreibungen tat das seine noch dazu. Die Existenz von Drachen galt somit als gesichert. Dabei bietet sich für manche asiatische Drachenmythen der bis zu drei Meter lange räuberische Komodo-Waran in der Tat als gutes Vorbild an.

Diese größte der lebenden Echsen war der einheimischen Bevölkerung natürlich längst bekannt, als sie, erst 1912, von europäischen Reisenden entdeckt, danach vergessen und elf Jahre später wiederentdeckt wurde. Während der Komodo-Waran also früh als "Drache" bekannt war, wurde seine Existenz als reales Geschöpf erst sehr spät nachgewiesen. Zur Mythenbildung dürfte aber auch der ebenfalls in Südostasien heimische, über zwei Meter lange Binden-Waran beigetragen haben. Man erwartet heute, dass von dieser Echse Unterarten und verwandte Arten existieren, die noch zu entdecken bleiben.

Die zoologische Forschung zeigt uns, dass Mythen und Legenden eben nur Mythen und Legenden bleiben, aber auch, dass, wie der Schriftsteller Herbert Wendt (1914-1979) bemerkte, "so manches Legendentier jählings aus dem Nebel herausgetreten ist und sich als eine Kreatur von Fleisch und Blut erwiesen hat".

Warnung in Bildudalur auf Island
Warnung in Bildudalur auf Island.
Foto: © Jeff Miller/Getty

Man hätte ja wohl auch die Dinosaurier für Drachen gehalten, bevor (im 19. Jahrhundert) paläontologisch nachgewiesen wurde, dass diese Giganten einst - und für Jahrmillionen - lange vor dem Auftreten des Menschen tatsächlich existiert haben. Die Saurier üben, bei Jung und Alt, eine große Faszination aus, die einmal mehr die psychologischen Tiefendimensionen der Wahrnehmung von allem Großen, Spektakulären und Schrecklichen ins Licht rückt. (Der Film "Jurassic Park" wäre wohl kaum so erfolgreich gewesen, wenn er nur kleine, harmlose Saurier beim Grasen in einer prähistorischen Weidelandschaft gezeigt hätte.)

Das größte aller lebenden Tiere und zugleich das größte bekannte Tier aller Zeiten ist allerdings der Blauwal, ein bis zu 160 Tonnen schwerer Gigant mit einer Körperlänge von über 30 Metern. Die Wale insgesamt tendieren zum "Gigantismus". Der Finnwal wird 27, der Pottwal 18 Meter lang - und selbst die sogenannten Zwergwale erreichen noch eine Körperlänge von immerhin vier Metern. Die Natur hat also höchst eindrucksvolle Geschöpfe hervorgebracht, häufig eindrucksvoller noch als Mythen- und Sagengestalten.

1,7 Millionen Tierarten#

Dabei ist allein schon die Vielfalt der lebenden Tiere in höchstem Maße bemerkenswert. Rund 1,7 Millionen Tierarten sind bekannt, benannt und beschrieben. Lässt sich dazu keine genaue Zahl angeben? Nein, weil der Status vieler Arten umstritten ist und laufend neue Arten entdeckt werden. Selbst vorsichtigen Schätzungen zufolge leben heute 5 bis 10 Millionen Tierarten auf der Erde, die Zahl der ausgestorbenen Arten aus knapp vier Milliarden Jahren "Lebensgeschichte" wurde auf etwa eine Milliarde hochgerechnet. Diese geradezu verschwenderische Fülle, welche die Evolution hervorgebracht hat, bietet immer wieder Überraschungen.

Der Großteil der heute existierenden Tierarten ist also noch unentdeckt. Es ist kurios: Während der Suche nach außerirdischen Lebewesen äußerst kostspielige Projekte gewidmet werden, sind uns die meisten unserer Mitgeschöpfe hier auf der Erde noch unbekannt. Da aufgrund der rapide fortschreitenden Zerstörung von Lebensräumen überall auf unserem Planeten Arten praktisch im Stundentakt aussterben, ist davon auszugehen, dass viele von ihnen nie entdeckt werden. Statt nach "Aliens" Ausschau zu halten, sollte man sich also bemühen, noch unbekannte Arten hier auf der Erde aufzuspüren. (Das kommt wesentlich billiger.)

Plumpe "Sirene"#

Die Entdeckungsgeschichte der Tiere macht überdeutlich, dass die Zahl der Tierarten die längste Zeit nicht einmal erahnt werden konnte, was natürlich daran liegt, dass viele Regionen der Erde erst in neuerer Zeit erforscht worden sind. Der Schwede Carl von Linné (1707-1778), der Altmeister der biologischen Systematik, klassifizierte rund 4200 Tierarten. Für einen Einzelnen war das eine enorme Leistung, aber die Zahl ist nur ein winziger Bruchteil der heute beschriebenen Spezies. Erst mit den ausgedehnten Entdeckungsreisen der letzten zwei bis drei Jahrhunderte ist die Zahl der neu entdeckten Arten mit geradezu atemberaubendem Tempo angestiegen.

Für nicht wenige Tiere wäre es allerdings besser gewesen, wenn der Mensch sie nie entdeckt hätte. Ein trauriges Beispiel dafür ist die Stellersche Seekuh aus der jetzt nur vier Arten umfassenden Säugetiergruppe der Seekühe oder Sirenen, die in früheren Zeiten, in der Antike und im Mittelalter, ebenfalls Stoff für allerlei Mythen waren und - wie auch Robben - die "Sirenensage" beflügelten. Dieser zufolge waren Sirenen übernatürliche Wesen mit betörendem Gesang.

Die Stellersche Seekuh war in Wirklichkeit ein etwas plumper und harmloser Pflanzenfresser und mit bis zu acht Metern Körperlänge sowie einem Gewicht von bis zu 10.000 Kilogramm eine der größten Säugetierarten. Sie lebte ursprünglich in großen Herden und graste an den Küsten des Beringmeeres. Entdeckt wurde sie erst im Jahr 1741 von dem deutschen Arzt und Naturforscher Georg W. Steller (1709-1746) und war zu der Zeit längst eine beliebte Beute eingeborener Jäger. Im Jahr ihrer Entdeckung lebten von der Seekuh daher nur noch 2000 Individuen. Es sollten aber keine 30 Jahre vergehen, bis das letzte Exemplar dieses bemerkenswerten Tieres von Pelz- und Robbenjägern erschlagen wurde.

Wiener Zeitung, 24. März 2018