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Die Lust am Laser#

Die Römer aßen die Bestände an Laserpicium komplett auf - oder wächst irgendwo in Libyen doch noch ein Kraut?#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 20. September 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Römer beim Festmahl von Roberto Bompiani um 1900
Ob die Speisen mit Laserpicium gewürzt sind? - Römer beim Festmahl, wie es sich Roberto Bompiani um 1900 vorstellte.
Foto: © J. Paul Getty Museum

Laser - da leuchten die Augen des Arztes, und es ist völlig gleichgültig, ob es ein Arzt unserer Zeit ist oder einer der römischen Antike. Nur bedeutet Laser für jeden der beiden etwas anderes. Der Arzt unserer Zeit operiert mit der light amplification by stimulated emission of radiation (Licht-Verstärkung durch stimulierte Emission von Strahlung). Der Arzt der Antike hat aus der Pflanze Laserpicium Arzneien gewonnen, mit denen er die Menstruation regeln und Sehnenkrankheiten kurieren konnte. Laser wirkte gegen Verdauungsstörungen, gegen Sodbrennen, gegen Fieber, gegen Schmerzen, es milderte Epilepsie und förderte den Haarwuchs. Der Medicus gab Laser auch gegen Vergiftungen - und die waren in Caesaren-Zeiten häufig und oft keineswegs unbeabsichtigt, wie man bei Sueton und Cassius Dio erfährt.

Laser fand möglicherweise auch als Verhütungsmittel Anwendung. Eventuell ist es nämlich das, worauf Catull in einem Gedicht anspielt, wenn er Lesbia die rhetorische Frage stellt, wie viele Küsse genug wären, und antwortet: "So viele, wie die Zahl der Körner des libyschen Sandes ist im Laserpicium tragenden Cyrene." Die römische Heilkunde war, wie wir heute wissen, ziemlich fortschrittlich. An der Wirkung des Laserpicium könnte also durchaus etwas dran gewesen sein - womit die Pflanze auch für die moderne Medizin interessant wird, die immer auf der Suche ist nach natürlichen Ausgangsstoffen für Medikamente.

Parfum und Würze#

Allein: Bis jetzt ist diesbezüglich nichts zu machen. Denn nicht nur der römische Arzt bekam leuchtende Augen bei Laserpicium. Vor allem lief dem Feinschmecker bei der Erwähnung das Wasser im Mund zusammen. Es kam, wie es kommen musste: Die Römer haben das Wunderkraut ganz und gar aufgegessen.

Dabei waren sie ungemein geschickt darin, Pflanzen außerhalb ihres natürlichen Herkunftsortes zu züchten. So brachten sie die Kirsche aus Kleinasien nach Europa und den Weinstock unter anderem auch in die Provinz Pannonia. Anders gesagt: Kein Heuriger ohne Kaiser Probus, der sich wenigstens damit in der Geschichte Wiens verewigt hat. Doch am Laserpicium scheiterten die so geschickten römischen Botaniker. Sie schafften es nicht, die Pflanze außerhalb von Cyrenae, heute im Osten Libyens, anzubauen.

Dabei hätte eventuell auch unter diesen Umständen das Laserpicium überleben können, wären etwa nur die Blätter für das römische Mahl von Interesse gewesen. Die Römer nützten indessen die ganze Pflanze: Wurzel, Stängel, Blätter - alles wanderte in die Soßen und Kräutermischungen, in die Medizin, in die Parfums.

Die Wurzel sei, antiken Beschreibungen zufolge, mehr als ellenlang gewesen (also über 45 Zentimeter), knapp über der Erde soll sich eine Knolle befunden haben, die beim Anschneiden einen milchigen Saft abgesondert haben soll. Aus ihm gewannen die Römer Arzneien. Innerhalb eines Jahres soll die Pflanze ausgewachsen gewesen sein und eine herzförmige Frucht getragen haben. Aus den gelben Blütenblättern gewannen die Römer Parfum, die Blätter dienten als Küchengewürz.

Die Römer zahlten Silberdenare für Laserpicium. Auf die Münzen Cyrenaes ist das Laserpicium geprägt - ein Indiz für die außerordentliche wirtschaftliche Bedeutung der Pflanze. Als der Bestand zu Ende ging, wurde ein Zweig an Kaiser Nero geschickt als fürstliches Geschenk aus Cyrenae.

Laserpicium auf einer Münze
Laserpicium, abgebildet auf einer Münze aus Cyrenae.
Foto: © CNG

Das Laserpicium nun war die größte Köstlichkeit der römischen Küche. Wie es geschmeckt hat? - Das kann nur oberflächlich beantwortet werden. Nachdem die Römer die Bestände des originalen Laserpiciums aufgegessen hatten, suchten sie nach einem ähnlich schmeckenden Ersatz. Sie fanden ihn in Asa foetida. Auf Deutsch heißt dieses Gewürz Stinkasant oder Teufelsdreck.

Flamingozunge und Stinkasant#

Bei Vesta, was haben sich die Römer da schmecken lassen? Typisch, sie haben ja auch eine Lake aus vergorenen Fischen als Gewürz verwendet. Haben sie nicht auch Flamingozungen gegessen? Und was ist dran an den in Auerochsenfett gebratenen Schweinskaldaunen in Honig, von denen im Band "Asterix bei den Schweizern" die Rede ist? - Immerhin beziehen wir heute aus René Goscinnys Geschichtswerk unsere Informationen über die römische Antike, wer wird da bei Mary Beard nachlesen oder gar bei Sittenschilderern wie Petronius? Flamingozungen, Stinkasant und Gammelfisch - der Ruf der römischen Küche ist für unsere Gegenwart ruiniert. Ob zu Recht, steht auf einem anderen Blatt.

Überlegen wir einmal ganz vernünftig: Konnte sich der ganz normale römische Bürger Flamingozungen leisten? Was kommt bei manchem Superreichen unserer Tage auf den Tisch? Lebender Tintenfisch beispielsweise oder lebender Frosch. Gegen solche Dekadenz wirkt Flamingozunge geradezu proletarisch. Auf jeden Fall ist sie nicht am Speiseplan von Gaius Normalrömer gestanden.

Versuchen wir es lieber mit einer Probe aufs Exempel, mit einem ur-römischen Gericht, das jeder mühelos selbst zubereiten kann: Moretum. 500 Gramm Feta vermischen mit (je nach Geschmack) 3 bis 6 zerdrückten Knoblauchzehen, würzen mit Selleriesamen (vorsichtig, die schmecken intensiv), frischem Koriander und Pfeffer; so lange mit Olivenöl mischen, bis die Paste eine noch bröckelige, aber streichfähige Konsistenz hat. Ein sehr römisches Gewürz kann noch zugegeben werden, nämlich Weinraute (aber, bitte, nur ganz wenig, der Geschmack ist intensiv). Weinraute schmeckt etwas bitter und hebt andere Geschmacksrichtungen. Sie findet etwa im Grappa Verwendung.

Moretum gehörte zur römischen Alltagskost - ist das tatsächlich ungenießbar?#

Eintöpfe aus Getreide und Gemüse, teilweise mit Fleischzugaben, sind raffiniert gewürzt mit Kräutermischungen, in denen immer wieder Weinraute, Liebstöckel und Petersilie vorkommen, Zwiebel und Knoblauch finden Verwendung. Manchmal werden Datteln zugegeben, dann abgeschmeckt mit Essig, Honig und süßem Wein. Liebhabern arabischer, indischer, chinesischer und thailändischer Kochkünste wird die süß-saure Note der römischen Gerichte vertraut sein und ebenso die Idee, weniger den natürlichen Geschmack der Hauptzutaten zu heben als vielmehr einen Geschmack zu erzeugen, in dem alle Zutaten zur Harmonie beitragen.

Archäologie in der Küche#

Und wie ist es mit den vergorenen Fischen? - Nun, Liquamen ist tatsächlich ein Hauptbestandteil der römischen Küche. Doch dieses Liquamen gibt es in der thailändischen Küche als Fischsauce und in der chinesischen Küche als Austernsauce: Es sind keine Ekelerzeuger, sondern Geschmacksabrunder und -intensivierer. Wer sich davor dennoch ekelt, kann sie durch Sojasoße ersetzen. Und das oft vorkommende Laserpicium durch den Teufelsdreck - übrigens eine beliebte Zutat der indischen Küche.

"Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist", sagte der französische Schriftsteller Jean Anthelme Brillat-Savarin. So gesehen, gibt die römische Küche über den Alltag der Römer Aufschluss, und sie nachzukochen, ist ein kleiner Schritt in das gewaltige Feld der experimentellen Archäologie.

Doch es ist weniger der Geschmack des Laserpiciums, der die Hoffnung nährt, irgendwo in Libyen könnte doch noch ein Pflänzchen wachsen, als die mögliche Bedeutung für die Medizin. "Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen", meinte Sebastian Kneipp. Wer weiß, ob nicht gerade das Laserpicium eines dieser gegen welche Krankheit auch immer gewachsenen Kräuter wäre.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 20. September 2017