Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Der Wiener „Schattenpatron“ #

Vor Kurzem jährte sich der Todestag von Klemens Maria Hofbauer zum 200. Mal. Kritische Fragen zum „Apostel“ der Bundeshauptstadt, der die Aufklärung zeitlich wie geistig übersprungen hat. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (26. März 2020)

Von

Rupert Klieber


Klemens Maria Hofbauer (1751- 1820)
Beichtstuhl und Predigt. Hofbauer (1751- 1820) erfüllte die Erwartungen seiner Zeit: der Romantik, die Gefühl über Verstand setzte; und der politischen Reaktion, die Religion als Stabilitätsfaktor schätzte. Stich von A. Petrak.
Foto: © Copyright Christian Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU.

Es gibt wohl nur wenige Katholiken in Wien, die den Patron der Stadt zu nennen wissen. Wiewohl er ein bemerkenswerter Mann war: wortgewaltig, umtriebig, polarisierend. Hans Hofbauer entsprang einer mährischen Fleischerfamilie mit dreizehn Kindern. Der frühe Tod des Vaters machte die Lage prekär, sodass eine höhere Schule für ihn unerreichbar war; er lernte Bäcker. Was er schaffte, verdankte sich eigener Energie.

Hofbauers Kindheit wurde vom Siebenjährigen Krieg zwischen Preußen und Österreich überschattet. Die katholische Welt verzeichnete zugleich letzte Höhenflüge üppig-barocker Frömmigkeit. Bruderschaften, Wallfahrten, Kommunionen erlebten statistische Höchstwerte. In Österreich kam auf 400 katholisch Gläubige eine Ordensperson; Kirchen und Klöster wurden aufwändig ausgebaut. Dazu kam eine bunte Szene an Einsiedlern, Gesundbetern und Wunderheilern mit teils obskuren, aber populären Praktiken. Hofbauer wurde ein unsteter Teil davon, sodass sein Leben nicht leicht nachzuzeichnen ist.

1768 wanderte er 16-jährig mit einem Berufskollegen erstmals zu Fuß nach Rom. Bis 1780 pendelte er zwischen Backstuben und Klausen bzw. Mähren, Wien und Rom. Im Süden legte er ein Eremiten-Gelübde ab; aus dem Hans wurde Klemens. Als Bediensteter im Stift Klosterbruck bei Znaim absolvierte er die Lateinschule, womit ihm eine höhere Laufbahn offenstand. Dann schlug die politische Großwetterlage radikal um. Aufgeklärte Monarchen begannen, ihre Länder umzukrempeln, „unproduktive“ Lebensweisen zu verbieten. Der Habsburger Josef II. ließ 388 von 915 Ordenshäusern bestehen, sofern sie Schuloder Krankendienst leisteten. Der Eremit Hofbauer fügte sich und absolvierte in Wien einen Kurs für Religionslehrer und das Philosophikum, Basis für jedes weitere Studium. Damals fand er im zehn Jahre jüngeren Thaddäus Hübl einen Gefährten, der zeitlebens an seiner Seite blieb.

Armenschulen und Mission #

Damit endeten Hofbauers Konzessionen an die Zeit. Ein Studium aufgeklärter Theologie bzw. den Eintritt ins staatliche Generalseminar scheuten er und Hübl. Stattdessen wanderten sie erneut über die Alpen und klopften an die Tür der noch jungen Kongregation des Heiligsten Erlösers (Redemptoristen), gegründet von der mystisch begabten Giulia Crostarosa, die in Alfonso de Liguori einen geistlichen Partner fand. Der weibliche Zweig verschrieb sich dem Gebet, der männliche der fordernden Aufgabe, auch den Ärmsten beizubringen, wie man die Seligkeit erlangte und nicht der Hölle verfiel: den Lazzaroni Neapels, Leuten ohne Behausung und Arbeit, oder den halb-nomadischen Hirten Süditaliens. Das Anliegen gefiel dem robusten mährischen Bäcker. Die Redemptoristen aber erblickten in den zwei „Deutschen“ den Fingerzeig Gottes, über die Alpen zu expandieren. Nach einem theologischen Schnellkurs von wenigen Monaten wurden sie zu Priestern geweiht und gen Norden geschickt. Aus Klemens war nun Klemens Maria geworden.

Beide widmeten dem Anliegen ihre ganze Energie, sollten seine Umsetzung aber nicht erleben. Am nächsten kamen sie ihm ab 1787 in Warschau, wo ihnen die deutsche Pfarre St. Benno zugewiesen wurde. Einer Auflage folgend gründeten sie hier Armenschulen, bauten die Kirche aber auch zu einem „Missionshaus“ aus, in dem bald Dutzende Mitstreiter zündende Predigten in mehreren Sprachen hielten und Gottesdienste mit eingängigen Liedern gestalteten. Versuche, weitere Stützpunkte im Bodenseeraum zu gründen, scheiterten daran, dass Napoleon inzwischen Europa gründlich umkrempelte. Als er 1808 in Warschau einmarschierte, wurde auch St. Benno geschlossen. Schon 1807 war Hübl an Typhus verstorben; Hofbauer stand 57-jährig vor dem Scherbenhaufen des Lebens und wurde nach Wien abgeschoben – genug Stoff für eine tiefe Depression. Fünf Jahre diente er unauffällig als Hilfsgeistlicher an der Minoritenkirche.

Mit der politischen Restauration erwachten Hofbauers Lebensgeister aufs Neue. 1813 wurde ihm das Rektorat von St. Anna übertragen, wo er unautorisiert wieder zu predigen begann – und das in ungewohnter bzw. vergessener Art. Ohne Manuskript, dialektgefärbt, drastisch und humorvoll wie weiland Abraham a Sancta Clara schilderte er die Freuden des Himmels und die Schrecken der Hölle, ebenso den Weg, wie man mit den Gnadenmitteln der Kirche das eine erlangte und dem anderen entging.

Hauptthema war die Barmherzigkeit Gottes, vermittelt durch die Hilfe Marias und verbürgt im Papst, dem Felsen in der Brandung der Zeit („Wer die Kirche nicht zur Mutter hat, kann Gott nicht zum Vater haben!“). Zu Versehgängen bei Armen brachte er Almosen mit, die ihm Vermögende zusteckten. Als ein Todkranker die geistige Hilfe abwies, bemerkte er: „Dann lass mich wenigstens zuschauen, wie ein Verdammter stirbt!“ Das wirkte. Einfache Leute goutierten die direkte Art, andere rümpften die Nase. Fasziniert zeigten sich auch Intellektuelle, oft Konvertiten aus dem Judentum, Protestantismus oder religiöser Gleichgültigkeit. In den sieben Jahren bis zum Tod 1820 wurde Hofbauer so zum „Apostel von Wien“. Er erfüllte Erwartungen der Zeit: der Romantik, die Gefühl über den Verstand setzte; der politischen Reaktion um Metternich, die Religion als Stabilitätsfaktor schätzte.

Hofbauer „übersprang“ die Aufklärung zeitlich wie geistig. Aus dem letzten Barockprediger wurde ein Protagonist der auf den Papst fixierten katholischen Bewegung des 19. Jahrhunderts. Wenige Wochen nach Hofbauers Tod am 15. März 1820 wurden die Redemptoristen in Österreich zugelassen – mit der Auflage, die vielen tschechischen Arbeiter und Dienstboten Wiens zu betreuen. Erst nach 1850 konnten sie gemäß Ordensziel landauf landab Volksmissionen abhalten. Beherzt wie Hofbauer predigten sie auf die Bekehrung der Lauen und die Versöhnung Verfeindeter hin. Papst Pius X. (1903-14), selbst Streiter gegen den „Modernismus“ in Kirche und Welt, sprach Hofbauer 1909 heilig und erklärte ihn 1914 zum Stadtpatron. Basis dafür war eine Petition von Klerus, Vereinen und 18 Mitgliedern des Kaiserhauses, die Hofbauer dafür rühmte, weiland „die Herrschaft des irreligiösen Rationalismus“ gebrochen zu haben.

Sperrige Seiten ausgeblendet #

Der vor allem vom Orden getragene Hofbauer- Kult bemüht sich seither redlich, seine Meriten hervorzukehren und sperrige Seiten auszublenden. Er war zweifellos eine authentische Persönlichkeit, dessen Lebensweg und Einsatz allen Respekt verdient. Doch er verkündete nicht nur „fundamentale“ Wahrheiten, sondern war in gewisser Weise auch „Fundamentalist“. Intellektuelles Bemühen um den Glauben schätzte er gering; selbst bei renommierten Standeskollegen witterte er Gefahr und schwärzte sie in Rom an.

Zeit also für eine kritische Bilanz: Wie zeitgemäß ist das Instrument „Stadtpatronat“ 2020? Welche Botschaften lassen sich daran knüpfen? Zeitlos gültig bleiben Hofbauers zentrale Anliegen: sich Benachteiligten zu widmen; eine Sprache zu finden, die verstanden wird und bewegt. Doch sein „Zurück in gut katholische Zeiten vor der Aufklärung“ ist fragwürdig. Er polarisierte schon zu Lebzeiten; seine Verehrung war stets auch Kampfansage an Kontrahenten. Seine Wirkfelder Predigt, Beichtstuhl, Versehgänge stehen nur Geistlichen offen, sind für Frauen unerreichbar. Kärnten hat den Landespatronen Josef und Domitian 1938 eine populäre Frau an die Seite gestellt, Salzburg den Bischöfen Rupert und Virgil 1986 Erentrud. Ließe sich auch das Wiener „Schattenpatronat“ im Doppelpack besser mit Leben erfüllen?

Es gibt seit 2012 eine gute Kandidatin dafür: die Akademikerin, Ehefrau und Mutter Hildegard Burjan (1883–1933). 1912 gründete sie einen Verband für Heimarbeiterinnen, 1919 die bis heute aktive Gemeinschaft „Caritas Socialis“. Im selben Jahr rückte sie als erste christlichsoziale Mandatarin in die Nationalversammlung ein, wo sie über Parteigrenzen hinweg für Anliegen der Frauen warb. An der gebürtigen Jüdin könnte Wien auch symbolische Abbitte für große Schuld leisten: Es tatenlos hingenommen, daran verdient oder mitgewirkt zu haben, dass ab 1938 fast 200.000 der jüdischen Nachbarn – ein Zehntel (!) der Einwohner – innerhalb weniger Monate aus der Stadt geekelt oder in den Tod geschickt wurden.

Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Wien.

DIE FURCHE (26. März 2020)