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Forschen und staunen #

In unserer materialistischen Konsumkultur hat sich eine Aversion gegen alles Übernatürliche ausgebreitet. Der spannende Dialog zwischen Wissenschaft und Religion ist auch heute belastet.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 17. Jänner 2019

Von

Johannes Huber


Holzstich „Wanderer am Weltenrand“
Über die Erde hinaus. Holzstich „Wanderer am Weltenrand“, erstmals erschienen in Camille Flammarions Buch „Die Atmosphäre“ (Paris, 1888)

Auch religiöse Menschen können gute Wissenschaftler sein. Beispiele dafür gibt es viele: So versuchte bereits Avicenna, der große Theologe und Arzt, griechische Philosophie mit seiner Religion, aber auch die Vernunft mit dem Glauben zu verbinden. Kopernikus, der bis ins hohe Alter auch als Mediziner ordinierte, stellte bereits die Sonne in den Mittelpunkt des Systems und führte diese Erkenntnis auf eine göttliche Eingebung zurück. Oder Nikolaus von Kues, Kardinal, Mystiker und Humanist, der mit seinem Dialog „Der Laie über Versuche mit der Waage“ (1450) zu den Wegbereitern der Experimentalwissenschaft zählt – um nur einige wenige zu nennen. Im 20. Jahrhundert unternahm Alfred North Whitehead den mathematischen Versuch, im Sinne des logizistischen Programms alle wahren mathematischen Aussagen und Beweise auf eine symbolische Logik zurückzuführen. Damit hat er bereits die künstliche Intelligenz antizipiert. Die von ihm unverhohlen zugegebene Gottgläubigkeit wäre, so die Meinung einiger Biografen, der Grund gewesen, warum seine mathematische und philosophische Genialität gern übersehen wird.

„Kleinsegmentale“ vs. „Großgesinnte“ #

Heute ist das Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Religion nicht friktionsfrei. Gründe dafür gibt es mehrere, drei sollen pars pro toto dargestellt werden: Erstens werden Weltbilder und Deutungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse von unterschiedlichen Einflüssen geprägt: vor allem von der Ökonomie, der Umwelt, von Kulturen, aber auch von jenen Multiplikationsprozessen, mit denen öffentliche und soziale Medien ihre Meinungen zu vervielfältigen verstehen und damit die Bevölkerung prägen. Seit Jahrzehnten hat die Moderne ihren Akzent auf das Diesseits gesetzt und damit der Auffassung zugestimmt, das Leben sollte in seiner Immanenz reichlich aufgefasst werden, um alles, was vormals in der Transzendenz untergebracht war, im Diesseits anzusiedeln und somit der Erde treu zu bleiben – und auf ihr zu konsumieren.

Die Erhebung des Konsums zum Maß aller Dinge gleicht einer Investitur – einem Eintrittsschein in die Neue Zeit, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk diagnostizierte. Und so werden in den Menschenkörpern der wohlhabenden Hemisphären ständig mehr Fettreserven aufgebaut, als je durch Bewegungsprogramme und Diäten abgebaut werden können. Und aus diesem Konsum werden weltweit auch mehr Abfälle generiert, als sich in absehbarer Zeit in einem Recycling- Prozess resorbieren lassen. Es ist eine zügellose Steigerung des Konsumierens – nicht non plus ultra, sondern plus ultra oder „die Routine der täglichen Ausschweifung in den Großkaufhäusern“ (P. Bruckner).

Und da reißt man mit Freuden alle Brücken zum Transzendentalen ab: Man braucht deren Existenz nicht mehr, man bleibt der Erde treu. In einer Anekdote scheint Aristoteles dies in seiner Nikomachischen Ethik schon vorausgesehen zu haben, als er die Menschen in zwei Gruppen einteilt: in die „Kleinsegmentalen“ („anthropologoi“), die alles aus einer anthropomorphen Diesseitigkeit erklären, und in die „Großgesinnten“ („megalopsychoi“), die auch an jenen Wirklichkeiten festhalten und glauben, die unseren Mesokosmos übersteigen. Momentan leben wir im Zeitalter der „Kleinsegmentalen“, und deswegen sinkt das Interesse an Transzendenz und Religion. Dieses Desinteresse verwandelt sich in der Zwischenzeit sogar in Aversion.

Eine weitere Erklärung dafür ist zweitens die fast schon schmerzhafte und zu Herzen gehende Tolpatschigkeit, mit denen sich Vertreter der ordinierten Kircheneliten im naturwissenschaftlichen Biotop bewegen und nicht verständlich genug erklären, dass die heiligen Schriften keine Geschichtsbücher sind und Offenbarung nicht nur als Verlautbarung eines transzendentalen Absenders zu uns kommt, sondern auch als Offenheit gegenüber der Welt. Das hat bereits Goethe mit der Formulierung „heilig öffentlich Geheimnis“ und die Teilhabe an der fortlaufenden Offenbarung der Natur angesprochen. Letzteres wäre ein völlig neuer Impuls für die theologischen Wissenschaften, deren Hörsäle dadurch wieder gefüllt werden könnten. Wo sind die Zeiten, als Kardinal König vor den Nobelpreisträgern in Lindau am Bodensee sprach und permanent den Kontakt zu Naturforschern pflegte?

Engel und Photonen #

Drittens wird dieses Defizit von den religiös Unmusikalischen ausgenützt – und mitunter auch in Aversion gegen alles Transzendentale umkodiert, für deren Sinnlosigkeit auch die Naturwissenschaft herhalten muss. Selbst Fausts „Gretchenszene“ wird heute zur Ironisierung des Religiösen verwendet. So wie er Gretchen nicht widersprechen wollte, weil er ihre Frage für dumm hielt, so akzeptieren Gottferne zwar die religiös Musikalischen und nennen es Toleranz, belächeln sie aber ob ihres Glaubens. Sie genehmigen zwar, dass man als Christ ‚Charity‘ betreibt und Flüchtlinge betreut, den Stephansdom als Touristenattraktion verwaltet und die Jahreszyklen mit Feiertagsnamen begleitet. Wenn man aber die existenziellen Fragen – woher man kommt und wohin man geht – sinnstiftend und christlich beantwortet (und das noch dazu als Naturwissenschaftler!), dann wird man als „Voraufgeklärter“ abqualifiziert und benötigt vielleicht in absehbarer Zukunft sogar einen Minoritätenschutz. Das war wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum sich Naturforscher seit dem berühmten BBC-Interview von Fred Hoyle 1950 gegen die Urknalltheorie wehrten und den Terminus „big bang“ eigentlich als Persiflage verwendeten: weil dann vielleicht doch jemand auf die Idee kommen könnte, an einen Schöpfer zu glauben.

Damit ist man beim Kern des Problems, den schon Friedrich Schleiermacher ansprach, als er meinte, Theologie und Naturwissenschaft seien „ganz unverwickelt“ zu denken. Die Naturforscher können methodisch nämlich dort nicht hin, wo jene sinnstiftenden Fragen beantwortet werden, für deren Aufarbeitung die Wissenschaft keine Werkzeuge hat. Andererseits darf es nicht unvernünftig sein, bestimmten transzendentalen Inhalten zu folgen: Hier begegnen sich wieder Naturwissenschaft und Religion, und das könnte ebenso eine neue theologische Disziplin kreieren, die zwar nicht die naturwissenschaftliche Bestätigung für ihre Glaubensinhalte suchen darf, wohl aber eine „vergleichende Transzendentalistik“ begründen könnte – also wissenschaftliche Fakten, die es intellektuell redlich machen, an transzendentale Inhalte zu glauben.

Keine Beweisführung, sondern nur eine Analogie: Wenn der Kosmophysiker Bruno Binggeli darauf hinwies, dass interessanterweise Photonen in ihren Eigenschaften denen ähnlich sind, die die abrahamitischen Religionen den Engeln zuordneten, dann darf daraus nicht geschlossen werden, dass Engel Photonen sind – wohl aber, dass diejenigen nicht als unvernünftig abgestempelt werden dürfen, die an Engel glauben. Laut String-Theorien gibt es eine Mannigfaltigkeit an zusätzlichen Dimensionen, die jedoch „aufgerollt“ und damit nicht wahrnehmbar sind. Nach dem Wissenschaftsautor Jim Baggott ist Physik in das Stadium einer postempirischen Wissenschaft ohne Bodenhaftung übergetreten – man könnte auch sagen: ins Stadium der Metaphysik. Warum soll es dann lächerlich sein, an eine Transzendenz zu glauben, für die es auch keine wissenschaftliche Bodenhaftung gibt?

So sehen es auch viele Wissenschaftler der Gegenwart. „Als junger Mann war ich praktizierender Atheist“, so der Astronom Allan Sandage; im Alter von 72 Jahren legte er jedoch ein überraschendes Glaubensbekenntnis ab: „Die Erforschung des Universums hat mir gezeigt, dass die Existenz von Materie ein Wunder ist, das sich nur übernatürlich erklären lässt.“ Auch Arnold Benz hatte sich zum Glauben an Gott entschieden, wenn er als Astronom in die Tiefen des Weltalls spähte, ebenso wie der wohl bekannteste Teilchenphysiker John Polkinghorne, der bekennender Christ ist. Vielleicht gehen Naturwissenschaft und Religion doch wieder eine Koalition ein – es wäre zu wünschen.

Der Autor ist Mediziner und Theologe. Er war persönlicher Sekretär von Kardinal Franz König und ist em. Professor für Frauenheilkunde an der MedUni Wien.

Bild 'Buchcover'

  • Woher wir kommen. Wohin wir gehen. Von Johannes Huber edition a 2018 298 Seiten, geb., € 24,90

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  • Baupläne der Schöpfung Mit Walter Thirring Seifert 2018 320 Seiten, geb., € 24,95
  • Es existiert edition a 2016 240 Seiten, geb., € 21,90

DIE FURCHE, 17. Jänner 2019