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Juden, Christen und das Omer-Zählen#

Was die Zehn Gebote, das jüdische Wochenfest und Pfingsten verbindet.#


Von der Wiener Zeitung (21. Mai 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Fritz Rubin-Bittmann


Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als 'U-Boot'. Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert
Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert.
Foto: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

50 Tage liegen zwischen Ostern und Pfingsten - dieser Zeitraum entspricht der jüdischen Sefira-Zeit, der Zeit des Omer-Zählens. Omer ist ein biblisches Hohlmaß für Getreide (Exodus 16,36) und auch die Bezeichnung für die erste Garbe (Bund) der neuen Ernte. Sefirat HaOmer ist also das rituelle Zählen eines jeden der 49 Tage, die zwischen Pessach und dem Wochenfest Shavuot liegen (Levitikus 23,35). In biblischer Zeit wurde am zweiten Pessachtag der Omer, der Erstling der Getreideernte, im Tempel als Dankesgabe dargebracht (Levitikus 23,9). Das Omer-Zählen ist eine biblische Vorschrift: "Danach sollt ihr (...) zählen vom Tage an, da ihr die Weihegabe (Hebeopfer) darbringt; sieben volle Wochen sollen es sein. Bis zum Tage nach dem siebenten Schabbath sollt ihr zählen. 50 Tage - danach sollt ihr dem Herrn ein Speiseopfer vom neuen Korn darbringen." Vor dieser Opfergabe ist der Genuss des neuen Getreides untersagt.

Nach der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 durch die Römer fielen Opferungen weg, da es den Ort dafür nicht mehr gab. Dies hatte eine rabbinische Vorschrift zur Folge als wörtlichen Gehorsam gegenüber dem Bibelwort, an dem das Omer-Zählen festgehalten wurde. Entsprechend dieser Vorschrift soll mit Anbruch jeder Nacht unter Angabe der Woche und der Zahl der Tage gezählt werden, nachdem ein diesbezüglicher Segen gesprochen wurde.

Ein spiritueller Höhepunkt am Berg Sinai#

Alle drei Wallfahrtsfeste - Pessach (Auszug aus Ägypten und Gerstenernte), Shavuot (Wochenfest, Fest der Gabe der Zehn Gebote und der Thora sowie Weizenernte) und Sukkoth (Laubhüttenfest und Dankfest im Herbst) - haben starke landwirtschaftliche Bezüge. Anlässlich dieser Feste pilgerten Tausende nach Jerusalem, um im Tempel ihre Hebeopfer darzubringen. Die Omer-Zählung symbolisiert das Ende der Knechtschaft in Ägypten, die Freude an der gewonnenen, physischen Unabhängigkeit und den Weg zur spirituellen-geistigen Freiheit am Berge Sinai. Nach Maimonides (Rabbi Moshe ben Maimon) sind Suche und Sehnsucht nach dem Ewigen der Grund für dieses biblische Gebot.

Maimonides (1135 bis 1204) erklärt in "More Newuchim" ("Führer der Irrenden"), dass die 49 Tage von Pessach (15. Nissan) bis Shavuot (6./7. Siwan) so gezählt werden, wie man Wochen und Tage zählt, während man auf einen geliebten Menschen wartet. Maimonides war eine der größten rabbinischen Autoritäten im Judentum des Mittelalters. Er war Arzt, Philosoph und wichtiger Kodifikator. Thomas von Aquin hat durch ihn die Schriften von Aristoteles kennengelernt und fühlte sich ihm geistig verbunden.

Für Maimonides ist das ultimative Ziel nach dem Auszug aus Ägypten die Gesetzgebung am Berge Sinai mit dem Erhalt der Thora und der Zehn Gebote: "Und ich werde sie zu mir bringen." (Exodus 19,4) Am Sinai erreicht der Freiheitsgedanke seinen spirituellen Höhepunkt. Nach rabbinischer Tradition verpflichtet die Omer-Zeit jeden Juden, sich vorzustellen, er selbst sei unterwegs zum Empfang der Thora am Sinai.

Die Freudenzeit wurde zu einer Trauerzeit#

Die Kabbala hat eine mystische Erklärung der Omer-Zählung. Der Mensch ist auf dem Weg zum Ewigen, und der Ewige nähert sich dem Menschen. Die Omer-Zeit ist somit Vorbereitung zur mystischen Begegnung mit dem Ewigen. Die Sefiroth sind Ausdruck der göttlichen Emanation und werden in der Kabbala in Form eines Lebensbaumes dargestellt. Die zehn Sefiroth des Lebensbaumes sind abgestuft und in drei Triaden gegliedert und entsprechen zehn Urworten, die mit den Zehn Geboten in Zusammenhang gebracht werden. Jedem der 49 Tage der Omer-Zeit wird eine andere Paarung der sieben unteren Sefiroth des Lebensbaumes zugeordnet. Sie stehen dadurch in einer mystischen Konstellation, welche die "Gottesherrlichkeit" der Offenbarung verdeutlicht.

Zahlreiche Katastrophen des Judentums koinzidierten immer wieder mit der Omer-Zeit. Nach der Niederwerfung des zweiten jüdischen Aufstandes (132 bis 136 n.Chr.) - des letzten Versuchs, die Herrschaft des Imperium Romanum abzuschütteln - wurde diese ursprüngliche Freudenzeit zu einer Trauerzeit. Etwa 24.000 Schüler von Rabbi Akiba ben Josef, einem der größten Gelehrten des Talmuds, auf den sich die Tradition des rabbinischen Judentums stützt, fielen im Kampf gegen die Römer. Kaiser Hadrian ließ Rabbi Akiba zu Tode foltern.

Simon bar Kochba ("Sohn der Sterne"), der den Aufstand anführte, galt Rabbi Akiba als Messias, die römische Herrschaft über Judäa sah er als "Geburtswehen der messianischen Endzeit". Bar Kochba fühlte sich verpflichtet, im Kampf gegen die Römer dem Volk Israel die endzeitliche Gottesherrschaft zu bringen. Mit etwas mehr als 100.000 jüdischen Kämpfern konnte er zahlreiche Städte von den Römern zurückerobern. Hadrian wollte das Judentum ausrotten. Das Festhalten an der Thora wurde bei Todesstrafe verboten. Kaiser Hadrians Oberbefehlshaber Julius Severus besiegte mit einem riesigen Heer Bar Kochba. Die letzte Festung, die fiel, war Massada in der Nähe des Toten Meeres. Viele starben für ihr Festhalten an der Thora und der Tradition den Märtyrertod. Einige von ihnen werden in der jüdischen Geschichte als "die zehn Märtyrer" bezeichnet.

In der Omer-Zeit sollten keine Hochzeiten und keine freudigen Ereignisse stattfinden. Auch das Schneiden der Kopf- und Barthaare ist als Zeichen der Trauer untersagt. Einzig zu Lag baOmer, dem 33. Tag des Omer-Zählens (nach dem hebräischen Kalender der 18. Ijar, meist ein Tag im Mai), werden im heutigen Israel und in der jüdischen Diaspora Hochzeiten und freudige Ereignisse gefeiert. Zu Lag BaOmer (Lag hat nach der Gematria den Zahlenwert 33 - alle hebräischen Buchstaben haben einen Zahlenwert) gewannen der Legende nach tausende Schüler von Rabbi Akiba eine Schlacht gegen die Römer. Einer weiteren Legende nach soll an diesem Tag auch eine Seuche, die Tausende hingerafft hatte, geendet haben. Kaiser Hadrian ließ Jerusalem als römische Stadt wieder aufbauen. Deren Betreten verbot er den Juden bei Todesstrafe und brachte zu ihrer Verhöhnung ein großes Schweinsgebilde am Südtor an. Für das jüdische Volk begann erneut das Elend der Diaspora.

Massaker und Judenverfolgungen#

Auch der erste Kreuzzug (1095 bis 1099) richtete sich anfangs gegen die Juden mit dem Schlachtruf: "Adversus Judaeus!" Er begann mit der Verfolgung von Juden im eigenen Land als "Gottesmörder" und "Feinde Christi". Gottfried von Bouillon richtete als selbsternannter "Advocatus Sancti Sepulchri" (Beschützer des Heiligen Grabes) mit seiner Meute zu Ostern 1092 ein Blutbad unter den Juden an und vernichtete zahlreiche blühende jüdische Gemeinden in Frankreich und im Rheinland. Der Beginn des Kreuzzugs war de facto ein Raubzug gegen die Juden.

1648 kam es während der Omer-Zeit zu einem Kosakenaufstand in Polen und der Ukraine. Hauptmann Bogdan Chmelnitzky und sein Heer veranstalten zwischen 1648 und 1660 ein gigantisches Massaker unter den Juden. Die Kosaken waren für ihre Grausamkeit berüchtigt. Sie plünderten, raubten und vergewaltigten. Schwangeren wurden die Bäuche aufgeschlitzt, die Föten herausgerissen und stattdessen lebende Katzen in die Bäuche eingenäht. Es war ein qualvoller Tod. Den Männern wurden Arme und Beine abgeschlagen. Heute ist Hauptmann Chmelnitzky in der Ukraine der größte Nationalheld - in jeder Stadt steht zumindest ein Denkmal für den Kosaken.

Im 20. Jahrhundert begann am 7. April 1943, dem ersten Tag des Pessachfestes, der Aufstand im Warschauer Ghetto, den SS- und Wehrmachtseinheiten unter General Jürgen Stroop nach sechs Wochen blutig niederschlugen. Den jüdischen Kämpfern von Warschau hat später Leon Uris in seinem Buch "Mila 18" ein Denkmal gesetzt.

In Israel wird am 11. Tag der Omer-Zählung der Opfer der Schoah gedacht. Dieser offizielle Gedenktag soll an die Vernichtung, aber auch an den Heroismus der sechs Millionen ermordeten Juden erinnern (Rudolf Höß, der Kommandant des KZ Auschwitz, hat bei seiner Vernehmung 1946 in Polen erklärt, die höchste Zahl an Vergasungen an einem Tag habe mehr als 9.000 Menschen betragen hatte. Man sei in den Krematorien mit der Verbrennung der Leichen nicht nachgekommen.)

Die christliche Geburtsstunde zu Shavout#

Die Omer-Zeit endet mit Shavuot, dem Wochenfest (Shavua heißt auf Hebräisch Woche), einer Freudenzeit. Der Empfang der Zehn Gebote und der Thora an Shavout stellt die Aufgabe dar, Liebe, Gerechtigkeit und Menschenwürde in die Welt zu bringen. Der Text der Thora ist die Seele des Judentums. Wenn in der Apostelgeschichte erzählt wird, wie der Heilige Geist auf die Jünger Jesu herabströmte, sodass sie "in verschiedenen Zungen" zu reden begannen (Apostelgeschichte 1,15), so handelt es sich um das Wochenfest, das Fest der Offenbarung am Berg Sinai. Daher wird auch das christliche Pfingstfest sieben Wochen nach Ostern gefeiert und heißt Pentecoste (griechisch: der fünfzigste Tag) - es ist de facto die Geburtsstunde der christlichen Kirche.

Der Verlust der gemeinsamen Sprache infolge der Hybris des Turmbaus zu Babel (die Menschen wollten den Himmer erreichen - eine Anmaßung) war eine Katastrophe wie die Sintflut, welche die ganze Menschheit ausgenommen Noah und dessen Familie vernichtet hatte. Die babylonische Sprachverwirrung zerstörte das Verstehen Gottes und das gegenseitige Verstehen. Ihre eschatologische Aufhebung ist im Christentum das Pfingstwunder, bewirkt durch den Heiligen Geist. Die Predigt in der Apostelgeschichte erfolgt in einer einzigen Sprache: in jener Sprache, die Gott ursprünglich den Menschen gegeben hatte und die ihnen nach dem Turmbau von Babel genommen wurde. Diese Predigten sind Lobpreisungen des Ewigen und Gottesdienste auch im Sinne der Thora. Die Menschen sprechen nun wieder eine gemeinsame Sprache, wie sie es vor dem Turmbau zu Babel getan haben, und sie verstehen auch Gottes Wort.

Das Christentum ist also geprägt vom Geist des Judentums in all seinen Festen und Wertvorstellungen. Pessach und Shavuot entsprechen in Analogie Ostern und Pfingsten, was beweist: Ohne Judentum kein Christentum.

Wiener Zeitung, 21. Mai 2021