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Großer Kirchenvater des 20. Jahrhunderts #

Mehr als zwei Meter im Buchregal, 27.100 Seiten: Das monumentale Projekt, Karl Rahners „Sämtliche Werke“ herauszubringen, fand nach 23 Jahren mit Band 32/2 seinen Abschluss. Der 1984 verstorbene Titan der Theologie ist nun vollständig ediert nachzulesen. #


Mit freundlicher Genehmigung aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (5. Juli 2018)

Von

Andreas R. Batlogg


Karl Rahner
Karl Rahner.
Foto: Jesromtel. Aus: Wikicommons

Der erste Teil der „Prophezeiung“ ist eine Tatsache, der zweite ein gewaltiger Irrtum: „Rahner ist tot, ich denke bald auch geistig begraben.“ Mit dieser Einschätzung gegenüber dem erzkonservativen Herausgeber einer Zeitschrift täuschte sich Hans Urs von Balthasar († 1988). Von 1929 bis 1950 selbst Jesuit und mit Karl Rahner SJ (1904–84) befreundet, gingen die Wege der beiden Großen später theologisch auseinander. Polemiken und Sticheleien prägten ihr Verhältnis über Jahre hinweg, erst in späten Lebensjahren wurden wieder versöhnliche Töne angeschlagen.

34 Jahre nach Rahners Tod ist eine editorische Mammutleistung anzuzeigen: Mit der Veröffentlichung von Band 32/2 („Register“) ist die Edition „Sämtliche Werke“ Karl Rahners (SW) an ihr Ende gelangt! 1995 erschien der erste Band (SW 19: „Selbstvollzug der Kirche“) der auf 32 Bände projektierten Ausgabe. Bei dieser Nummerierung ist es geblieben. In Wirklichkeit hat man aber 40 Bände vor sich. Denn die Bände 5, 6, 17, 21, 22, 24 und 32 erschienen jeweils in zwei, SW 21 sogar in drei Teilbänden. Etwas mehr als zwei Meter und 27.200 Seiten füllen das Regal.

Letzter Band: Schlüssel zur Edition #

Der jetzt erschienene, stolze 1088 Seiten umfassende Registerband ist der Schlüssel zur Ausgabe, der den Zugriff auf die Texte unterstützt. Er enthält eine Bibliografie der aufgenommenen Texte mit Angaben aller deutschsprachigen Parallel- und Teilveröffentlichungen; ein Titelregister, das auch Titelvarianten erfasst; ein Verzeichnis der selbständigen Veröffentlichungen Rahners, das auch die ursprünglichen Gliederungen der Sammelbände, vor allem die der „Schriften zur Theologie“ aufzeigt; Verzeichnisse der Rezensionen, Lexikonartikel und Herausgeberschaften Rahners; ein Gesamtinhaltsverzeichnis der Edition; und eine systematische Übersicht der Arbeiten Rahners sowie ein umfangreiches Sach-, Bibel- und Personenregister. Am Ende steht das Verzeichnis der 34 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wer Register zu nutzen weiß, wird neue, vielleicht sogar überraschende Erkenntnisse gewinnen, die mit alten Klischees aufräumen. Man merkt zum Beispiel – allen Vorurteilen zum Trotz –, wie bibelfest Rahner war; wie versiert er mit der Tradition umging, die er nicht nur ein-, sondern kreativ verarbeitete; auf welche schultheologischen bzw. neuscholastischen und ordensspezifischen Zitationskartelle er sich einließ; wie sehr er in Belletristik bewandert war (Bücherlisten finden sich in SW 1).

Wer das mit Ostern 1995 datierte Vorwort der damaligen Herausgeber (Karl Lehmann, Johann Baptist Metz, Karl-Heinz Neufeld SJ, Albert Raffelt und Herbert Vorgrimler) durchliest und den seinerzeitigen Editionsplan mit der jetzt abgeschlossenen Ausgabe vergleicht, wird bemerken, dass sich im Lauf der Jahre einiges verändert hat, Umstellungen vorgenommen wurden. Einsichten wuchsen übers Tun: learing by doing. Unmöglich konnte man in der Ende der 1980er-Jahre begonnenen Planungsphase absehen, was 20 oder 30 Jahre später im Vollzug – und erst dann – auftauchen würde.

Die Bände wurden immer professioneller und benutzerfreundlicher bearbeitet. Es gibt einen Qua- litätsanstieg gegenüber den ers- ten Bänden. Das nur aus wenigen Monografien, aber aus Hunderten Einzelaufsätzen, (fast 1000!) Lexikonartikeln und Gelegenheitsschriften bestehende, für viele unübersichtliche, weil massiv zerstückelte OEuvre Karl Rahners mit über 4000 bibliografischen Einträgen (von denen nach Dublettenbereinigung immer noch 1900 Titel übrigbleiben) ist ein „Riesengebirge“. Ob die Edition chronologisch gegliedert oder ob die verschiedenen Werkgattungen der vier Werkphasen stärker berücksichtigt werden sollten, war von Anfang an die Frage – sie konnte nicht stringent gelöst werden. Kenner können Kompromisse dieses Grundkonflikts erkennen. Im ersten erschienenen Band (SW 19) gibt es ein gemeinsames Vorwort aller Herausgeber, von denen mittlerweile Herbert Vorgrimler († 2014) und Karl Lehmann († 2018) verstorben sind. SW 1 („Frühe spirituelle Texte und Studien. Grundlagen im Orden“) von 2014 bringt nach einem aktualisierten Rahner-Porträt von Karl Lehmann, das offenbar als eine Art Leitbiografie dienen soll, auf über 60 Seiten ausführliche Bemerkungen zur Edition von den beiden Bearbeitern Lehmann und Raffelt. Ob die anderen Herausgeber sich darin wiederfinden (Karl-Heinz Neufeld SJ wurde 2006 durch Andreas R. Batlogg SJ ersetzt), könnte der eine oder andere Leser fragen. Die bis dahin erschienenen Bände werden vorgestellt, teilweise wird auf in Rezensionen erfolgte Einzelkritik eingegangen.

Rahner-„Botschafter“ sind nötig #

Natürlich kann man jetzt herumnörgeln, Defizite und Schwachstellen ausmachen oder (unvermeidliche) Editionsmängel aufdecken. Es gibt (schon wieder lustige) Druckfehler wie „Säuleinheilige“, „Katholischentag“ oder „eiligmachende Gnade“ – Lesefehler, die mit der Scantechnik am Anfang des Projekts zusammenhängen und die sowohl dem wachen Auge von Bearbeitern wie auch der Schriftleitung entgangen sind.

Aber diese Edition kann sich sehen lassen! Vergleiche mit anderen Werkausgaben, die finanziell und personell oft besser ausgestattet waren, aber nicht immer besser gelungen sind, muss sie nicht scheuen. Bei einem Festakt am 19. April 2018 in München wurde der Abschluss der Edition gefeiert. Albert Raffelt, hochverdienter Mastermind und „editorischer Kopf“ des Herausgeberkollektivs, brachte es dabei auf den Punkt: „Damit die gut zwei Meter aber kein totes Kapital bleiben, kommt es sehr darauf an, dass sie in der heutigen theologischen Welt gelesen und erarbeitet werden.“

Eine exzellente Grundlage dafür ist mit dieser Edition geschaffen. Freilich braucht es – an Universitäten und in Bildungseinrichtungen – auch „Botschafter“ der Theologie Karl Rahners, die glaubwürdig bezeugen, dass die Lektüre lohnt. Ulrich Ruh, Bearbeiter von SW 24 („Das Konzil in der Ortskirche“, 2011), nannte neulich in einem Beitrag für katholisch.de Gründe, „warum wir unbedingt Karl Rahner lesen sollten“. Fazit: „Es könnte Kirche und Theologie der Gegenwart in mehrfacher Hinsicht nichts schaden, wieder neu in die Schule der großen ,Kirchenväter‘ des 20. Jahrhunderts – nicht zuletzt Karl Rahners – zu gehen, gerade angesichts der hierzulande verbreiteten Verstiegenheit, Verbissenheit oder auch Kurzatmigkeit aktueller Debatten über Glaubens- und Religionsthemen.“ Studierende werden wohl auch fragen, was Verlag und Karl-Rahner- Stiftung offen lassen: Wann gibt es Rahner kompakt auf einer CD?

Der Autor war bis 2017 Chefredak teur der „Stimmen der Zeit“. Er gehört zum Herausgebergremium der „Sämtlichen Werke“ Rahners


Buchcover

Karl Rahner. Sämtliche Werke Band 32/2: Register.

Hrsg. von Albert Raffelt.

Herder 2018.

1088 Seiten,

geb., € 154,30

DIE FURCHE, 5. Juli 2018