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Pessach - das Überschreitungsfest#

Mit dem heutigen Seder-Abend beginnt das jüdische Gedenken der Befreiung vor 3.000 Jahren.#


Von der Wiener Zeitung (27. März 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Fritz Rubin-Bittmann


Das Pessachfest erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, wie er im Buch Exodus (Schemoth) geschildert wird. Es ist das Fest der Überschreitung, da Gott an den Häusern Israels vorüberschritt und dessen Erstgeborene verschonte, nicht aber jene der Ägypter. Das jährliche Gedenken an diesen Wendepunkt der jüdischen Geschichte wird in der Thora (den fünf Büchern Mose) immer wieder gefordert (so etwa im 2. Buch Mose 12, 25): "Jeder Jude soll davon durchdrungen sein, er selbst sei beim Auszug aus Ägypten dabeigewesen, und das Bewusstsein der Anwesenheit des gesamten Volkes in all seinen Generationen."

Dieser Akt der Befreiung aus der Sklaverei hat vor mehr als 3.000 Jahren stattgefunden und ist das Leitmotiv von Pessach (auf Aramäisch Pascha, wie es auch in der griechisch abgefassten Septuaginta genannt wird). Pessach ist im Judentum auch eines der drei Wallfahrtsfeste (Schalosch regalim), die beiden anderen sind das Wochenfest (Schawuot), 49 Tage nach Pessach, und das Laubhüttenfest (Sukkoth) im Herbst. Zu diesen drei Wallfahrtsfesten sollten Gläubige nach Jerusalem zum Tempel pilgern, so wie es auch die Familie Jesu tat. Die Wallfahrtsfeste hängen mit dem Ernteleben zusammen und haben in ihrer Liturgie das Hallel-Gebet (Lobpreisung Gottes - Hallelujah).

Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als 'U-Boot'. Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert.
Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert.
Foto: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei durch Gottes Hand und die Nacherzählung dieses Ereignisses (Exodus 1 bis 15) verbindet dieses Ursprungsgeschehen mit jeder neuen Generation und wird damit zur eschatologischen Befreiungserfahrung. Die Thora berichtet, dass sich der Ewige das Volk Israel zum Bündnispartner erwählt hat. Dieses biblische Ereignis wird als Heilsgeschehen zu Pessach gefeiert. Der erste Abend des Pessachfestes (Erew Pessach), der Seder-Abend, beginnt am 14. Nissan - dem Abend des ersten Frühlingsvollmondes. Es wird in Israel sieben Tage lang bis zum 21. Nissan und in der Diaspora acht Tage lang bis zum 22. Nissan gefeiert. In der Thora ist der Vorabend der Beginn des jeweiligen Tages, der mit Sonnenuntergang endet.

Das Buch Exodus berichtet, die Juden sollten ein Schaf oder Zicklein schlachten und die Türen ihrer Häuser mit dessen Blut markieren, damit der Todesengel sie verschone. Das Zicklein wurde gebraten und gegessen. Nach dem Tod der ägyptischen Erstgeborenen befahl der Pharao den sofortigen Auszug der Juden, die sich hastig auf den Weg machten. Sie hatten keine Zeit mehr, Brot zu backen, und nahmen den ungesäuerten und unfertigen Brotteig mit. Pessach, im Buch Numeri Fest des Aufbruchs aus Ägypten genannt, heißt im Buch Leviticus Hag Chamazzoth, Fest der Mazzoth, des ungesäuerten Brotes, des Brotes von Elend und Armut. In Leviticus sind auch die Tage der Festwoche festgelegt.

In biblischen Zeiten pilgerten tausende Juden nach Jerusalem und brachten im Tempel ein Zicklein oder Lamm als Opfer dar. Zusätzlich wurde Schaf- oder Lammfleisch gebraten und im Kreis der Familie mit ungesäuerten Broten, Mazzoth, in Eile verspeist. Später änderte sich die Form des Festes in Anlehnung an das antike (römisch-griechische) Mahl. Man saß linksseitig an Polster angelehnt oder auf ihnen hingestreckt als Zeichen der Freiheit. Am Seder-Abend sollte sich jeder Jude fühlen, als sei er soeben befreit worden. Die äußere Form stand unter griechisch-römischem Einfluss, doch der Inhalt blieb gleich und entsprach den biblisch-rabbinischen Vorschriften. Die Juden feierten Pessach auf diese Weise bis zur Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem durch die Römer im Jahr 70. Danach fiel die Opferung des Pessachlammes weg; sie war gegenstandslos geworden. Pessach wurde fortan als reines Familienfest gefeiert.

Ganz spezielle Speisenfolge#

Die Haggadah (Erzählung, Bericht), ein Büchlein mit der Liturgie des Auszugs aus Ägypten, zahlreichen Segensprüchen und Liedern, gibt auch eine bestimmte Ordnung (Seder) hinsichtlich der Speisenfolge am Seder-Abend sowie der Abfolge der Segenssprüche, Erzählungen über den Auszug, Belehrung der Kinder, Lieder und Gesänge vor. Die Haggadah entstand im talmudischen Judentum, wurde etwa im 10. Jahrhundert redigiert und bis zum 12. Jahrhundert nach Christus (zur Zeit der Kreuzzüge) um zusätzliche Lieder und Gesänge ergänzt. Sie wurde teils auf Aramäisch und teils auf Hebräisch verfasst.

Die Pessachvorschriften erfordern eine gründliche Reinigung von allem Sauerteig (Chametz), also von Brot und allen Speisen, die damit in Verbindung waren. An diesem Tag wird auch ein anderes Koch- und Speisegeschirr verwendet. Sieben Tage lang werden im Haus weder Brot noch Mehl oder Teigwaren benutzt. Erstgeborene Söhne fasten in Erinnerung an die zehnte Plage, das Sterben der Erstgeborenen. Pessach beginnt mit einem Abendgottesdienst in der Synagoge, dem das Familienfest folgt. Der Tisch ist festlich gedeckt, vor dem Hausherrn steht eine Seder-Schüssel aus Keramik oder Metall, auf der bestimmte symbolische Speisen so angeordnet sind, wie sie am Seder-Abend benötigt werden:

Mazzoth (ungesäuerte Brote) als Symbol für den in Eile erfolgten Auszug aus Ägypten; Maror (Petersilie) als Zeichen der Bitterkeit der Sklaverei;
Seroar (ein mit wenig Fleisch angebratener Lammknochen) für die biblische Vorschrift der Opferung des Pessachlammes; Charosseth (eine Mischung aus Äpfeln, Nüssen und Mandeln, mit Rotwein geknetet) als Symbol für den Lehm, aus dem die Israeliten Ziegel herstellen mussten;
Chasseret (Bitterkraut), das mit dem Charosseth gegessen wird;
Karpas (Radieschen oder Kartoffel), eine Erdfrucht als Symbol für die zermürbende Arbeit in Ägypten, die in Salzwasser getaucht und gegessen wird;
Bitzah (gesottenes Ei) als Symbol für die menschliche Gebrechlichkeit, aber auch für die Fruchtbarkeit und schließlich als Zeichen für die Trauer um den zerstörten Tempel in Jerusalem; ein Weinbecher, der keiner religiösen Vorschrift entspricht, aber dem Volksbrauch nach für den Propheten Elias als Herold des Messias bereitsteht.

Belehrung der Kinder#

An jedem Platz der Familienmitglieder und Gäste liegt eine Haggadah - die liturgischen Texte werden teils verlesen, teils gesungen - und steht ein silberner Becher, der beim Verlesen von vier verschiedenen Berichten aus dem Buch Exodus über die Befreiung der Juden viermal mit Wein (bei den Kindern: Rosinenwasser) gefüllt und geleert wird. Polster liegen auf allen Stühlen, sodass man sich linksseitig anlehnen kann, in Erinnerung an die antike Form des Gastmahls.

Das Familienfest Pessach beginnt in einer von allen anderen Festen abweichenden Form, um gerade die Neugier der Kinder zu erwecken. Deren Belehrung entwickelt sich nach einem in der Haggadah festgelegten Ritual. Der Hausherr heiligt durch Segenssprüche (Keduschim) über einen Becher Wein den Abend, einen weiteren Segensspruch spricht er über das Pessachfest insgesamt. Diese Segenssprüche (Brachah) haben als Einleitungsformel den Dank an Gott. Dann isst und verteilt der Hausherr die Mazzoth und danach das Bitterkraut. Er setzt sich und beginnt mit der Lesung aus der Haggadah, beginnend mit den Worten: "Jeder, der hungrig ist, komme und esse, jeder, der bedürftig ist, komme und halte Pessach." Diese Aufforderungen auf Aramäisch gehören zu den ältesten Teilen der Haggadah.

Die mystische Zahl 4#

Im Pessachfest hat die Zahl 4 eine tragende Rolle. In der Kabbala von Isaac Luria wird die mystische Dimension der vier Stufen der Welt und des Menschen geschildert. Zu Pessach gibt es vier Becher Wein für die vier Gnadenerweise Gottes: Wegführen, Errettung, Erlösung und Erwählung. Das Fest hat auch vier Bezeichnungen: Es heißt Chag (Fest) HaPessach, Chag HaMazzoth (Bezug auf das ungesäuerte Brot), Chag Cherutheno (Fest der Befreiung) und Chag Aviv (Frühlingsfest - festlicher Bezug zur Natur). Und am Seder-Nacht stellt der Jüngste der Festrunde vier Fragen im Anschluss an das Deuteronomium (5. Buch Mose, hebräisch Dewarim).

Der Midrasch (von Darasch für suchen), eine Auslegung religiöser Texte im rabbinischen Judentum, spricht hier von vier Söhnen, deren Charaktere unterschiedlich sind: dem Weisen, dem Bösen, dem Schlichten und dem, der nicht zu fragen versteht. Die Fragestellung dieser vier unterschiedlichen Typen von Söhnen bezieht sich auf vier Formulierungen, deren Beginn stets lautet: "Warum ist jene Nacht ausgezeichnet vor allen anderen Nächten des Jahres?"

Der Weise bezeichnet Pessach als Auszug aus Ägypten und als Fest der Befreiung von der Knechtschaft. Der Böse weist die Frage zurück: Was wollt ihr mit eurer Fragerei? Ich fühle mich euch nicht zugehörig, darum geht mich die ganze Geschichte nichts an. Der Einfältige will wissen, was Pessach ist, daher soll man ihm die Bedeutung des Festes in einfachen Worten erklären. Jener, der nicht zu fragen weiß, dem erklärt man Pessach von sich aus und wie wichtig es ist, darüber Fragen zu stellen. Die Typologie dieser vier Söhne und das Frage/Antwort-Schema stehen im Mittelpunkt von Erziehung, Identitätsbildung und Traditionsbewusstsein des Kindes. Es soll in der Kette der traditionsbewussten Generationen ein neues Glied werden.

Die Zahl 4 wird auch im Christentum bedeutend durch die vier Evangelisten, die die Pessachnacht Jesu und seiner Apostel schildern. Das letzte Abendmahl war der Seder-Abend am ersten Tag von Pessach. Jesus nahm gewisse Änderungen am Ablauf vor: Er brach die Mazzah, das Brot des Elends, und sprach zu seinen Jüngern: "Dies ist mein Leib." Damit ist die Mazzah der Ursprung der Hostie in der christlichen Eucharistie. Jesus trank auch die vier vorgeschriebenen Becher Pessachwein und sagte dazu: "Dies ist mein Blut." Im Christentum wurde letztlich Jesus das Pessachopfer, das Lamm Gottes.

Die jüdischen Urchristen feierten ganz nach den jüdischen Bräuchen Pessach, wurden beschnitten und beachteten die jüdischen Speisegesetze. Ganz im Sinne Jesu, der sagte: "Ich bin zu Israels Schafen gegangen und werde die Gesetze kein Jota ändern." Erst durch das Konzil von Nicäa im Jahr 325 unter der Ägide von Konstantin dem Großen erfolgte das Schisma von Synagoge und Ecclesia. Der Bruch mit dem Judentum erschien als notwendige Abgrenzung, und daher rührt die Umdeutung des ursprünglichen Pessachfestes. In diesem Zusammenhang wurde auch bewusst das Datum des christlichen Osterfestes willkürlich verändert.

Wiener Zeitung, 27. März 2021