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Vom Hamsterrad in die Zwangsfreiheit #

Digitalisierung und Flexibilisierung verändern unsere Arbeitswelten. Dabei wird der Ruf nach flexiblen Jobmodellen und mehr Selbstbestimmung immer lauter. Doch diese Freiheit hat einen Preis. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, Donnerstag, 4. Jänner 2018

Von

Doris Neubauer


Job-Käfig
Foto: Shutterstock

Das Werk der Zukunft Die bunte Arbeitswelt von morgen wird mehr Flexibilität bringen als bisher. Aber diese neue Ungebundenheit wird auch mit einem Verlust an Interessensvertretungsmacht einhergehen, nach dem Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste.

Vor dreißig Jahren stand Arbeit für 52 Prozent der Österreicher auf der Prioritätenliste ganz oben. Heute hat sich das Bild verschoben: Freizeit und Freunde werden immer wichtiger. So lauten die Ergebnisse einer vom Forschungsverbund „Interdisziplinäre Werteforschung“ der Universität Wien durchgeführten Umfrage. Es ist nur eines der Spannungsfelder, in denen wir uns befinden. Ein zweites macht ein weiteres Studienergebnis deutlich: Während mit 89 Prozent die Bedeutung von „Selbstbestimmung” besonders groß ist, liegt „Sicherheit“ nur knapp dahinter.

Auf nichts verzichten #

Arbeit und Freizeit. Sicherheit und Freiheit. Wir wollen in Zukunft alles. Verzichten wollen wir dafür auf nichts. Wenn es nach Lifestyle-Gurus oder Ratgebern zur „4-Tage-Woche“ geht, müssen wir das auch nicht. Sie locken mit Versprechen wie: Lebe deine Leidenschaft! Arbeite wo und wie du willst! Immer mehr Selbständige und Freiberufler folgen: 35 Prozent aller Arbeitskräfte in den USA sind als Freelancer tätig; in der Europäischen Union liegt die Rate bei 16,1 Prozent. Doch auch in Unternehmen kann der Ruf nach mehr Flexibilität nicht überhört werden: „Über 70 Prozent der Angestellten halten die Einführung flexibler Arbeitsformen, zielorientierte Führung und Vertrauenskultur für wichtiger als ein hohes Gehalt“, zitiert Prof. (FH) DI Michael Bartz aus der Studie „New World Of Work“, die die „IMC Fachhochschule Krems“ mit dem Beratungsunternehmen „HMP“ 2017 zum siebenten Mal durchgeführt hat. Er weiß: Die digitalen Möglichkeiten haben in den letzten Jahrzehnten unsere Arbeitswelt verändert – und werden es weiterhin tun. Aufzuhalten ist die Entwicklung nicht. Im Gegenteil. Die „digitalen Ureinwohner“, wie die dänische Trendforscherin Marianne Levinsen die „Generation Z“ der zwischen 1990 und 2001 Geborenen nennt, hat völlig neue Ansprüche an den Job: Sie möchten vor allem unterschiedliche Menschen, Aufgaben und Arbeitsplätze kennenlernen. Sie mischen Beruf mit Privatleben, multitasken und sind „die erste Generation, die sich darauf freut, den Job zu wechseln“.

Hierarchien ohne Bedeutung #

Die Zukunft ist näher als gedacht: Laut Anne Schüller, Co-Autorin des Buchs „Fit für die Next Economy“, sind schon heute Machtgefüge, Karriereleitern und hierarchische Strukturen für die Jungen, die in der Sharing-Economy groß geworden sind, nebensächlich. Bei ihnen punkten flexible Unternehmen und Firmen, die auf Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben setzen. Mehr als 76 Prozent der Teilnehmer von „New World of Work“ halten Arbeitgeber, die diese Flexibilität nicht bieten, für unattraktiv. Österreichs Unternehmen haben diesbezüglich Aufholbedarf. Nur zehn bis zwölf Prozent der Unternehmen bieten räumlich sowie zeitlich flexibles Arbeiten, sagt Michael Bartz.

Die anderen ließen sich zahlreiche Vorteile durch die Lappen gehen: „Wir sehen in unseren Forschungsprojekten, dass man Infrastrukturkosten um 20 bis 30 Prozent reduzieren kann“, Herausgeber des Buches „Unternehmen der neuen Generation“, „wir sehen auch ganz klar: Produktivitätsgewinne und Krankenstände gehen herunter“. Letztere reduzieren sich um 20 bis 30 Prozent, das Arbeitszeitvolumen wachse tendenziell um bis zu 15 Prozent, die Mitarbeitermotivation steige um bis zu 20 Prozent, auch Einsatzbereitschaft und Identifikation nehmen zu. Vorausgesetzt, die Flexibilisierung werde richtig gemacht.

„Wir beobachten, dass viel zu sehr gemauert wird“, bringt Michael Bartz die Problematik auf den Punkt. Einerseits möchte man innovative, kreative Mitarbeiter ködern. Gleichzeitig werden deren Qualitäten in Unternehmen mit Präsenzkultur und starren Hierarchien förmlich erstickt. Wann kommt der Mitarbeiter? Wie viel Zeit verbringt er am Schreibtisch? – Verhaltensorientierte Kontrolle wie diese sei bei 70 bis 80 Prozent der Chefs noch gang und gäbe, weiß Bartz und fordert neue Spielregeln. Führung durch Ziele etwa, bei denen der Mitarbeiter bestimmt, wie sie erreicht werden. „Das hat viel mit Vertrauen zu tun. Man muss loslassen“, hält Change-Consultant eine Schulung der Führungskräfte für erfolgskritisch, „das tut oft weh, aber wir brauchen die Veränderung.“

So einig man sich darüber ist, werden auch kritische Stimmen laut: Schon heute zeigt sich, dass Menschen mit flexiblen Arbeitszeiten dazu neigen, Mehrarbeit zu leisten, lauten die Ergebnisse einer Studie, die im „European Sociological Review“ veröffentlicht wurde. Das Kernproblem der neuen Arbeitswelt aber sei das Verschwimmen von Beruf und Privatleben. „Eine Nutzung der Zeitflexibilität für private Bedürfnisse liegt im einstelligen Prozentbereich“, zitiert Univ.-Prof. Dr. Jörg Flecker vom „Institut für Soziologie der Universität Wien“ und Vorstandsmitglied von „Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA)“ europäische Studien, „über 90 % erfolgt aus betrieblicher Notwendigkeit.“ Die Flexibilisierung hätte seit den 80er-Jahren Teilen der Beschäftigten eine Entlastung gebracht hat, sie werde aber vor allem im Sinne der Unternehmen weiterentwickelt.

„Deutschen Untersuchungen zufolge leiden die Menschen zwar unter viel mehr Arbeit“, erklärt der Soziologe, „gleichzeitig möchten sie die Flexibilität nicht missen”. Dabei sind damit oft flexible Beschäftigungsverhältnisse verbunden – von Befristung, Leiharbeit bis zu 0-Stunden-Verträgen in England. „Das bedeutet völlige Flexibilität“, kritisiert Flecker, „bei gleichzeitiger Unsicherheit für die Beschäftigten“. Tendenz steigend. „Die Verschlechterung von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen ist nichts Neues“, so der Universitätsprofessor, „aber unsichere Arbeit, in der die Bezahlung nicht zum Leben reicht, hat sich ausgebreitet. Vor allem bei Jungen und am Übergang in die Pension“.

Mittlerweile wären auch Hochqualifizierte aus der oberen Mittelschicht in beliebten Berufsfeldern wie Wissenschaft, Forschung oder Kreativberufen betroffen. „In manchen Bereichen wird der Trend noch verstärkt“, warnt Flecker, „hier kommen viele Junge nach, das Angebot an Anstellungen ist jedoch niedrig“. Es folgen Jahre an unbezahlten Praktika. Oder der Sprung in die Selbstständigkeit.

„Dieser Push in die Freiheit ist ein Zwang“, betont Michael Bartz, „mit Freiheit hat das nichts zu tun, sondern mit fehlenden Alternativen“. Wenig zu tun hat es auch mit dem versprochenen „freien, selbstbestimmten Leben fernab des Hamsterrads“. Vor allem für Ältere. „Während junge Leute oft keine Anstellung möchten“, bestätigt Jörg Flecker, „ändert sich das, wenn sie älter werden und eine Familie gründen wollen“. Dann den Sprung in eine Anstellung zu schaffen, ist schwer. Es ist nicht die einzige Hürde: „Wenn Arbeit von überall zu erledigen ist, steigt die Konkurrenz“, weist der Experte auf ein Szenario hin, das für viele heute schon real ist: So werden zum Beispiel in der internationalen Vermittlungsplattform „Upworks“ Schreiber von 300-Seiten-Romanen mit 100 Dollar abgespeist. Das mögen Honorare sein, mit denen man in Indien über die Runden kommt. Heimische Mitbewerber können sich solche Aufträge nicht leisten.

Die Folge sind nicht nur Probleme für den Einzelnen, sondern für die Gesellschaft: Bei unsicherem Einkommen falle man als Konsument weg, argumentiert Jörg Flecker. Gleichzeitig hänge auch die Finanzierbarkeit des Sozialsystems davon ab, dass Menschen sich diese Abgaben leisten können. Um diese Abwärtsspirale abzufedern, brauche es Steuerungsmaßnahmen durch die Europäische Union: „Wenn es immer andere gibt, die länger und billiger arbeiten, kann es nicht ohne Regulierung gehen“, ist der Doktor der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften überzeugt, „nicht ohne Begrenzung der Arbeitszeit und ohne Mindestlöhne.“ Einerseits müsse das Verhältnis zwischen geleisteter Arbeitszeit sowie Bezahlung klar definiert sein. Andererseits könne man durch eine Reduktion der Arbeitszeit von aktuell durchschnittlich 42 auf 30 Wochenstunden in Österreich Arbeit besser verteilen und Arbeitslosigkeit reduzieren. Außerdem: „Je länger wir arbeiten, desto eher treten Unfälle und Krankheiten auf“, setzt Flecker auf einen dritten Faktor, „dadurch entstehen nicht nur menschliches Leid, sondern auch volkswirtschaftliche Kosten“.

Noch mehr Flexibilisierung #

Die Herangehensweise trifft bei Michael Bartz auf Widerstand: „Wir haben in Frankreich gesehen, dass Einschränkungen nicht funktionieren“, plädiert er für stärkere Flexibilisierung: „Wir leben in Europa in einem Museum. Die Sammlung ist so groß, Verpflichtungen wie das Sozialkörpersystem so mächtig, dass sich keiner mehr bewegen kann“. Es brauche ein einfacheres System und vernünftige rechtliche Rahmenbedingungen, um in Zukunft mit aufholenden Märkten wie Asien oder Afrika Schritt halten zu können. Statt einer Regelung der Wochenarbeitszeit kann sich der „New World of Work“-Experte „lebenslange Arbeitszeitkonten, sogenannte Wertzeitkonten“ vorstellen wie es sie in Deutschland ansatzweise gibt. In diesem Modell nehme man die Überstunden von einem Arbeitgeber zum Nächsten mit, könne über eine definierte Zeit Mehrarbeit leisten und möglicherweise früher in Rente gehen. „Man kann flexibel bestimmen, wie man mit seiner Arbeitszeit umgeht“, fasst er zusammen.

Arbeit und Freizeit, Sicherheit und Freiheit. – Alles zu wollen, wird auch in Zukunft nichts bringen. Es wird Rahmenbedingungen brauchen, um in Balance zu bleiben.

DIE FURCHE, Donnerstag, 4. Jänner 2018