Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Martin Gusinde: Der Schattenfänger im Talar#

In den 1920er Jahren erforschte der Priester Martin Gusinde die indigenen Kulturen auf Feuerland.#


Von der Wiener Zeitung (12. Jänner 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Christian Hütterer


Martin Gusinde. Foto, 1965
Martin Gusinde. Foto, 1965.
Foto: © Die Presse/Heinz Hosch, für AEIOU

Puerto Williams ist eine abgelegene Siedlung im äußersten Süden von Chile und nennt sich stolz die südlichste Stadt der Welt. Die 2400 Einwohner verdienen ihr Geld vor allem mit Touristen, die von hier aus zu Kreuzfahrten in die Antarktis aufbrechen. Am Rand der Ortschaft steht ein kleines Museum, in dem die Geschichte von Feuerland und der dort lebenden Indianer erzählt wird. Das steil aufragende Dach des Gebäudes soll an ihre Zelte erinnern, der Eingang liegt im Osten, genau so, wie es bei den indigenen Völkern üblich war.

Von diesem Museum lässt sich ohne große Umwege eine Brücke nach Niederösterreich schlagen. Benannt wurde es nämlich nach einem Mann, der aus Maria Enzersdorf in die weite Welt aufgebrochen war. Sein Name: Martin Gusinde. Er war Priester, zugleich aber auch einer der bedeutendsten Völkerkundler seiner Zeit und erforschte die Indianer Feuerlands, bevor sie ausstarben.

Geboren wurde Gusinde am 29. Oktober 1886 im schlesischen Breslau, der Vater war Wurstmacher, die Mutter Schneiderin. Als Volksschüler erlebte der kleine Martin einen Umzug, der von der deutschen Kolonialbewegung organisiert worden war und der seine Leidenschaft für fremde Länder weckte. Das Interesse für Afrika und die Religiosität des Buben fanden zusammen und er beschloss, Missionar zu werden. Im Alter von fünfzehn Jahren trat Gusinde in die Gesellschaft des Göttlichen Wortes ein. Dieser katholische Orden hatte sich die weltweite Verbreitung des Christentums zur Aufgabe gemacht und wurde nach seinem Gründungsort als Steyler Missionare bekannt.

Lehrer in Chile#

Fünf Jahre später übersiedelte Gusinde nach Niederösterreich, genauer gesagt in das Missionshaus Sankt Gabriel in Maria Enzersdorf, und setzte dort seine Ausbildung fort. Er war vielseitig interessiert, lernte Hebräisch und Griechisch, spielte Klavier, Violine und Zither, las Werke von Psychologen und Pädagogen. Seine große Leidenschaft war aber die Medizin. Er besuchte Vorlesungen an der Universität, arbeitete als Freiwilliger in Wiener Krankenhäusern und wurde Leiter der Krankenstation des Missionshauses, in dem zu jener Zeit 400 Studenten untergebracht waren.

1911 folgte die Weihe zum Priester und Gusinde bereitete sich auf seinen ersten Einsatz im Ausland vor. Sein Bubentraum von Afrika wurde aber nicht wahr. Der Orden schickte ihn stattdessen als Lehrer nach Chile, wo er an der deutschen Schule in Santiago Naturwissenschaften unterrichten sollte. Nach der Ankunft in Südamerika lernte er Spanisch und verbrachte seine Freizeit als freiwilliger Mitarbeiter im ethnographischen Museum, das erst kurz zuvor gegründet worden war. Gusindes Interesse an der Medizin führte dazu, dass er sich mit der traditionellen Heilkunde chilenischer Indianerstämme beschäftigte. Damit war die Brücke zur Völkerkunde gelegt: Bald darauf bekam er den Auftrag, zum Volk der Mapuche zu reisen und dort Objekte zu sammeln, um die Bestände des Museums zu vergrößern.

Gusinde war auf den Geschmack gekommen, denn kaum war er von dieser Reise zurück, plante er schon die nächste. Sie sollte ihn allerdings noch weiter in den Süden führen, nun wollte er nach Feuerland. Dort lebten mehrere indigene Völker, deren Existenz an der Kippe stand. Sie litten unter Krankheiten, die von Europäern eingeschleppt worden waren, vor allem die Tuberkulose forderte viele Opfer. Die ohnehin schon geschwächten Indianer wurden von Schafzüchtern, die sich Weidegründe sichern wollten, aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben. Als sie begannen, die Schafe der Siedler zu jagen, wurden Kopfprämien für jeden toten Indianer ausgesetzt. Schließlich kamen noch Horden von Goldsuchern, die eine weitere Gefahr für die Ureinwohner darstellten.

Die Zahlen sprechen eine erschütternde Sprache: 1834 gehörten noch 3000 Menschen zum Volk der Yamana, als Gusinde 1924 zum ersten Mal auf sie traf, gab es nur mehr 50 von ihnen. Es war offensichtlich, dass die Indianer dem Untergang geweiht waren, und Gusinde wollte sie erforschen, solange dies noch möglich war. Als er in Feuerland ankam, war er von den Bedingungen, unter denen die Indigenen lebten, schockiert, es "packte mich ein grauenhaftes Entsetzen über die Verwüstungen von Menschenleben unter diesen prächtigen Indianern. Sie, die rechtmäßigen Kinder ihrer Heimat, hatten ihr Land den Tausenden von Schafen überlassen müssen."

Eine Gruppe Yamana, 1883 fotografiert von William Singer Barclay (1871-1947)
Eine Gruppe Yamana, 1883 fotografiert von William Singer Barclay (1871-1947).
Foto: Archiv, unter PD

Gusinde suchte den Kontakt zu den Indianern, doch nach all den schlechten Erfahrungen, die sie mit Weißen gemacht hatten, blieben sie ihm gegenüber sehr zurückhaltend. Als das Eis schließlich gebrochen war, konnte Gusinde während seiner Reisen durch Feuerland bei unterschiedlichen Stämmen leben und wurde sogar mit feierlichen Riten in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Bei seiner Forschung arbeitete er mit den modernsten Mitteln seiner Zeit und zeichnete mit einem Phonographen die Lieder der Indianer auf. Heute sind dies die einzigen Tondokumente, die von ihnen erhalten geblieben sind.

Bilder des Alltags#

Gusinde hatte noch ein weiteres Gerät im Gepäck, das den Indigenen unheimlich war und ihm den Beinamen "Schattenjäger" eintrug, nämlich einen Photoapparat. Die Indianer hatten Angst vor dem geheimnisvollen schwarzen Kästchen. Sie fürchteten, der Fremde würde ihre Seele darin einfangen und sie würde darin zugrunde gehen. Erst durch lange Diskussionen konnte Gusinde sie überzeugen, dass ihnen die Fotos keinen Schaden zufügen würden. Das Ergebnis waren zahlreiche Aufnahmen, mit denen er den Alltag der Indianer, aber auch ihre Feierlichkeiten festhielt. Mit diesen bis heute berührenden Bildern konnte Gusinde die untergehende und unwiederbringlich verlorene Kultur zumindest in Ansichten bewahren.

Gusinde unternahm vier Reisen nach Feuerland, die zusammen 22 Monate dauerten. Danach betrachtete er seine Feldforschungen als abgeschlossen und machte sich daran, das gesammelte Material aufzuarbeiten. Er kehrte dazu nach Österreich zurück, inskribierte in Wien Ethnologie und konnte dank seiner ausgiebigen Forschungen in Südamerika das Studium rasch abschließen.

Seine Arbeit erregte Aufsehen, Gusinde wurde in ganz Europa zu Vorträgen eingeladen und bald darauf konnte er ein Werk präsentieren, das in der Ethnologie neue Standards setzte: Er veröffentlichte zwei reich bebilderte Bände über die Indianer Feuerlands mit 1200 bzw. 1500 Seiten. Das monumentale Werk wurde in der Fachwelt mit Begeisterung aufgenommen, und Gusinde war damit zu einem weltweit bekannten Ethnologen geworden. Doch er erregte damit nicht nur in der akademischen Welt Aufsehen, seine Arbeiten stießen auch in der breiten Öffentlichkeit auf großes Interesse. Zu einem seiner Vorträge im Wiener Konzerthaus kamen beachtliche 1300 Zuhörer.

1934 brach Gusinde in neue Regionen auf, er schloss sich nämlich einer Expedition in das Kongobecken an, um die dort lebenden Pygmäen zu erforschen. Der Zweite Weltkrieg machte weitere Reisen schließlich unmöglich. Kurz vor dem Ende des Krieges wurden viele der von ihm gesammelten Objekte, aber auch das Manuskript für einen dritten Band über die Feuerlandindianer, zerstört. Gusinde musste es auf der Grundlage der noch vorhandenen Aufzeichnungen neu schreiben, erscheinen konnte dieser Band aber erst nach seinem Tod.

Nach dem Ende des Krieges wurde er an die Catholic University of America Washington berufen, wo er acht Jahre lang unterrichtete. Von dort aus unternahm er Forschungsreisen, die ihn zu den Ainu im nördlichen Japan, zu den Pygmäen im Hochland von Papua-Neuguinea und zu den San in der Kalahari führten. Auf Washington folgte eine Gastprofessur in Tokio, danach übersiedelte Gusinde im Jahr 1961 wieder nach Europa. Er ließ sich in Sankt Gabriel nieder, am 18. Oktober 1969 starb er in Mödling.

Bis heute hat Gusinde durch seine Forschungen in Feuerland einen bedeutenden Platz in der Geschichte der Ethnologie, für seine Zeit hatte er Herausragendes geleistet. Legt man allerdings moderne Maßstäbe an, so sind seine Arbeiten differenziert zu sehen. Er verbrachte zwar 22 Monate in Feuerland, wenn möglich, wohnte er in dieser Zeit aber nicht in den Lagern der Indianer, sondern in nahegelegenen Missionsstationen oder Farmen. Nur wenige Monate seines Aufenthaltes nahm er am alltäglichen Leben der Indigenen teil. Dazu kam ein weiteres praktisches Hindernis: Die auf Feuerland lebenden Indianer sprachen unterschiedliche Sprachen, ihre Spanischkenntnisse waren meist nur rudimentär. Gusinde versuchte zwar, die Sprachen der Indianer zu lernen, blieb aber stets auf die Hilfe von Dolmetschern angewiesen.

Geprägt von Theologie#

Auch der theoretische Ansatz, der Grundlage für seine Forschungen war, gilt heute als überholt: Als Gusinde in der Zeit zwischen den Weltkriegen seine Ausbildung erhielt, war die Wiener Schule der Kulturkreislehre die vorherrschende Denkweise in der Ethnologie der deutschsprachigen Länder. Dieser theologisch geprägte Ansatz ging davon aus, dass die "primitiven" Völker unverdorben wären und der göttlichen Schöpfung am nächsten stünden. Dementsprechend glaubten die Vertreter dieser Schule, dass man bei diesen Völkern einen "Urmonotheismus" nachweisen könne. Gusinde war zwar kein vehementer Verfechter dieser Lehre, dennoch widmete er der Suche nach diesem ursprünglichen Monotheismus viel Aufmerksamkeit und interpretierte religiöse Mythen der Indianer in diesem Sinne.

Auch wenn seine Methoden aus heutiger Sicht kritisiert werden, so muss man Gusinde zugestehen, dass er, anders als die Weißen, die damals in Feuerland lebten, die Indianer und ihre Kultur schätzte und ihnen mit großer Sympathie und Wertschätzung begegnete. Seine Forschungen mögen vielleicht nicht den heutigen Standards entsprechen, aber er hinterließ - vor allem mit seinen Fotos - ein umfangreiches Werk, das auch in unseren Tagen noch Beachtung findet.

Wer Gusindes Forschungen heute nachvollziehen will, muss nicht nach Puerto Williams reisen, eine Fahrt in die Hofburg reicht. Viele Fotos und Objekte, die von Gusinde gesammelt wurden, finden sich heute im Weltmuseum in Wien. Sie sind die letzten Erinnerungen an eine untergegangene Kultur an der südlichsten Spitze Amerikas.

Christian Hütterer, geboren 1974, arbeitet in Brüssel und schreibt Kulturporträts und Reportagen.

Wiener Zeitung, 12. Jänner 2020