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Vom Kuheuter zum Chip - die irren Visionen der Impfgegner #

Fast vom ersten Moment an wurden Impfungen mit einer kenntnisfreien Stimmungsmache angegriffen.#


Von der Wiener Zeitung (23. Februar 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Edwin Baumgartner


Jeder wird zum Rindvieh mutieren, fürchteten die Gegner der Pockenimpfung. So stellt es James Gillray 1802 dar.
Jeder wird zum Rindvieh mutieren, fürchteten die Gegner der Pockenimpfung. So stellt es James Gillray 1802 dar..
Foto: James Gillray (1756–1815). Aus: Wikicommons, unter PD

Was denn nicht noch? - Kuheuter könnten den Geimpften wachsen oder Hörner oder es könnte ihnen gleich eine ganze Kuh aus einem Körperteil sprießen. Da ist der Horrorfilm nicht weit. Oder zumindest nur zeitlich, so ungefähr 150 Jahre entfernt, wenn sich ein Mensch in eine Fliege verwandelt oder auf andere Weise mutiert, weil irre Wissenschafter an seinen Genen herumgespielt haben.

Dabei hatten sie damals, als die Pockenimpfung eingeführt wurde, 1796 war das in England, der Kontinent folgte unverzüglich, keine Ahnung von Genen. Es war ein Experiment - und eines, das zu den größten Erfolgen der Medizin gehört. Mit Gegnern musste freilich auch schon Edward Jenner, einer der Entdecker der Pockenimpfung, kämpfen.

Die Impfgegner sind historisch gesehen so alt wie die Impfungen, also sehr alt. Viel dazugelernt oder neue Argumente haben sie indessen nicht wirklich. Die alten werden nur an die neuen Zeiten angepasst.

Wie die Bilder einander gleichen: Als beispielsweise 1885 in Kanada die Pocken grassierten und die Regierung dafür warb, dass sich jeder impfen lassen möge, positionierte sich in Montréal ein gewisser Dr. Alexander M. Ross als Impfgegner. In seinen Pamphleten erklärte er sich "zum einzigen Arzt, der es wagt, gegen den Fetisch Impfung" aufzutreten. Er versuchte, die Epidemie anhand von "Beweisen" kleinzureden, sprach von einer "sinnlosen Panik", behauptete, dass es in Wahrheit wesentlich weniger Fälle gäbe als von offizieller Seite festgestellt, und vor allem sei die Impfung gefährlicher als die Krankheit selbst. Unter letztgenanntem Aspekt bewies Ross immerhin Mut, wenngleich er ihn nur im Verborgenen hegte: Er ließ sich impfen.

1902 gründete sich in den USA sogar die "Anti-Vaccination Society of America" und warb dafür, "den reinen Körper, den uns Mutter Natur gab", unangetastet zu lassen.

Österreich als Impf-Vorreiter#

Alles entzündete sich damals an der Pockenimpfung - und war damals so kenntnisfrei wie heute im Fall der Covid-19-Impfgegnerschaft. Der englische Arzt Edward Jenner (1749-1823) nämlich entdeckte, dass eine Impfung mit den für Menschen verhältnismäßig ungefährlichen Kuhpocken auch gegen Pocken schützt. Jenner nannte die Vorgehensweise Vaccination nach dem lateinischen Wort für Kuh, vacca.

Der niederösterreichische Arzt Paskal Joseph Ferro war der Erste außerhalb Englands, der diese Methode anwendete. Bei der Pockenepidemie im Jahr 1800 wurden in Österreich erstmals Massenimpfungen durchgeführt. Und das mit Erfolg. Vier Jahre lang blieb Wien von einer Epidemie verschont.

Jenner war zwar als der Entdecker der Vaccination, geimpft wurde freilich schon zuvor. Der in Konstantinopel praktizierende griechische Arzt Emanuele Timoni verwendete die Inokulation: Er infizierte gesunde Kinder mit einer milden Form der Pocken, indem er sie mit dem Sekret der Pusteln von Kindern mit mildem Verlauf infizierte. Die Methode war in China und Indien freilich seit rund 2.000 Jahren bekannt.

Lady Mary Wortley Montagu (1689-1762), Ehefrau des britischen Botschafters in Konstantinopel und eine der scharfsinnigsten Kommentatorinnen ihrer Zeit, ließ ihre Kinder auf diese Weise impfen und warb für diese "griechische Methode". Bei der österreichischen Erzherzogin Maria Theresia fand sie Gehör: Die Herrscherin hatte drei Kinder durch die Pocken verloren. Nun richtete sie am Rennweg ein "Inokulationshaus" ein, wo sich jeder kostenlos impfen lassen konnte.

Diese "griechische Methode" fand weitestgehende Akzeptanz. Erst angesichts von Jenners Übertragung einer Tier-Infektion auf den Menschen formierte sich eine massive Gegnerschaft. Sie basierte auf einer Mischung aus der Angst vor Nebenwirkungen und ethischen Bedenken über die vermeintliche Vermischung von Tier und Mensch.

Tatsächlich aber scheint sich die Geschichte im Fall der Covid-19-Impfung zu wiederholen. Das deutsche "Reichsimpfgesetz" des Jahres 1874 nämlich, das eine verpflichtende Pockenimpfung einführte, verstärkte die Gegnerschaft, die nun ein undifferenziertes Konglomerat aus politischen und medizinischen Argumenten gegen die Impfung zusammenbraute.

Dem Philosophen Eugen Dühring blieb die Unehre vorbehalten, in der Kampfschrift "Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage" (1881) die Impfung als Aberglauben zu verleumden, der von jüdischen Ärzten zur Selbstbereicherung erfunden worden sei.

Bizarre Theorien#

Vor allem in Kreisen von medizinischen Laien, die nach Öffentlichkeit gierten, entstanden bizarre Verschwörungstheorien, die sich in Variationen bis heute halten. Ihnen zufolge sollen beispielsweise sowohl die Spanische Grippe als auch Aids auf Impfschäden zurückgehen.

Es ist heute wie damals: Wissenschaftsfeindliche, pseudo-ethische und politische Argumente und Verschwörungstheorien stützen einander gegenseitig. Und obwohl die Impfgegner damals wie heute betonen, sie allein würden die richtigen Fragen stellen, stellen sie nicht die eine Frage, die in Wahrheit grundlegend ist: Wenn eine Impfung tatsächlich nachteilig sein sollte - weshalb sollte eine Regierung ihrem Volk schaden wollen? Niemand kann diese Frage sinnvoll beantworten, ohne neue abenteuerliche Spekulationen und Verschwörungstheorien zu Hilfe zu nehmen.

Der Blick in die Geschichte der Impfgegner ist jedenfalls für die Gegenwart lehrreich. Nichts Grundlegendes hat sich verändert: Argumentiert wurde von damaligen und wird von heutigen Impfgegnern oft auf der Basis eines geringen wissenschaftlichen Kenntnisstandes und von Ärzten, die alternativen Heilmethoden anhängen.

Auch die Argumente sind im Prinzip die gleichen geblieben: Man fürchtet, dass die Impfung Schäden verursacht, dass sie auf unzulässige Weise in den natürlichen Gesundheitshaushalt des Körpers eingreift, es werden bisweilen pseudo-religiöse und pseudo-ethische Argumente eingeführt, und wenn das alles an einem vorhersehbaren Ende anlangt, müssen Verschwörungstheorien herhalten: Waren es damals "die Juden", so wollen heute George Soros und der von einschlägigen Kreisen zum Juden erklärte Bill Gates - ja, was eigentlich? Es war ja schon bei "den Juden" bar jeder Vernunft. Eine Unterwerfung der Welt? Die Einsetzung einer Weltzentralregierung, indem die Impfung Miniaturchips in den Blutkreislauf bringt, die bei Aktivierung den Willen des Geimpft-Verchipten steuern? So klar ist das heute nicht - so klar war es damals nicht.

Übrigens: Die Pockenimpfung hat einen der bedeutendsten Beiträge der Menschheitsgeschichte zur Volksgesundheit geleistet.

Und obwohl es zahlreiche Rindviecher in der Sache gab, ist doch niemand zum Rind mutiert.

Wiener Zeitung, 23. Februar 2021