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Der Kampf gegen die tödliche Pockenseuche#

Der Leobener Arzt Dr. Johann Peintinger begann 1798 als einer der Ersten im alten Österreich mit der gezielten Pockenimpfung.#


Von Robert Engele mit freundlicher Genehmigung der Kleinen Zeitung


Dr. Jenners erste Pockenimpfung 1796
Dr. Jenners erste Pockenimpfung 1796, unter PD

Seit Jahrtausenden gehörten Pest und Pocken, die sechste Plage im Alten Testament, zu den tödlichsten Seuchen. Pocken (im Deutschen auch Blattern genannt) stellten eine Virusinfektion dar, deren schwerer Verlauf zu 40 Prozent tödlich endet. Die Überlebenden trugen vom Ausschlag, der vor allem Gesicht, Arme und Beine überzog, entstellende Narben davon. War man einmal erkrankt, gab es kein Heilmittel gegen die Pocken. Während man in Europa der Krankheit bis ins 17. Jahrhundert völlig machtlos gegenüberstand, wurden in Indien schon vor mehr als 2.000 Jahren Versuche unternommen, Menschen zu immunisieren, indem man Pustelsekret in Hautschnitte gesunder Menschen einbrachte.

Anfang des 18. Jahrhunderts gelangte dieses Wissen aus dem Fernen und Nahen Osten nach Konstantinopel. Dort infizierte man gesunde Kinder mit Pocken, indem man sie mit Kindern zusammenbrachte, die an einem milden Pockenverlauf litten. Diese Erkenntnis gelangte 1717 über Lady Mary Wortley-Montagu, die Gattin des englischen Botschafters, nach London. Sie hatte ihre eigenen Kinder impfen lassen und wurde zur energischen Fürsprecherin der Inokulation, also der Impfung Gesunder mit dem Sekret aus Pockenpusteln. In ganz Europa übernahm man seit 1721 diese Technik und experimentierte damit. Auch in Österreich gab es Versuche einer Pocken-Schutzaktion. Die Regentin Maria Theresia führte nämlich nicht nur die Unterrichtspflicht ein und reformierte Verwaltung und Wirtschaft, sie ebnete auch den Weg dafür, weite Teile der Bevölkerung zu impfen. Denn sie hatte schon ihren Onkel Kaiser Josef I. und drei ihrer Kinder durch Pocken verloren, auch die zwei Gemahlinnen ihres Sohnes Joseph II. waren an den Pocken verstorben. Auch sie selbst erkrankte daran, hatte 1762 bereits die letzte Ölung erhalten, überlebte aber knapp. Als sie nun von der neuen Methode aus Konstantinopel erfuhr, ließ sie nicht nur ihre eigenen jüngeren Kinder impfen, sondern richtete 1768 ein „Inokulationshaus“ am Rennweg ein, wo sich die Bevölkerung kostenlos impfen lassen konnte. Auch in der Steiermark gab es damals erste Impfversuche. Aber die Methode war riskant, weil dadurch die gefährlichen Menschenpocken injiziert wurden und immer wieder durch Ansteckung neue Epidemien ausbrachen.

An Pocken erkrankte Frau, 18. Jahrhundert
An Pocken erkrankte Frau, 18. Jahrhundert, unter PD

Europaweit suchte man daher nach Verbesserungen. Da hörte der englische Landarzt Dr. Edward Jenner, dass die Viehmägde in seiner Gegend zwar oft an den harmlosen Kuhpocken erkrankten, an den gefährlichen menschlichen Pocken aber nicht. Eine von ihnen erklärte ihm sogar stolz: „Ich kann keine Pocken bekommen, denn ich habe die Kuhpocken gehabt.“ Nun begann er zu experimentieren: Er infizierte 1796 den Sohn seines Gärtners mit Kuhpocken, indem er ihm die Haut aufschnitt und mit dem Sekret einer Erkrankten bestrich. Dann wartete er, bis der Schnitt verheilt und der Bub genesen war. Danach wiederholte er den ganzen Vorgang - aber diesmal mit Menschenpocken, was der Bub völlig unbeschadet überstand. Zwei Jahre später testete er die Impfung erfolgreich an seinem eigenen Sohn. Damit konnte er die Schutzwirkung der Impfung nachweisen und nannte sie „Vaccination“ nach dem lateinischen Wort „vacca“ für Kuh, aber die Royal Society nahm seine Studien nicht ernst und lehnte eine Veröffentlichung ab. Jenner jedoch impfte weiter und machte zwei Jahre später seine Methode publik. Der große Vorteil der Kuhpocken-Impfung ist, dass der Geimpfte für seine Umgebung kein Ansteckungsrisiko darstellt und er selbst keine Folgeschäden zu befürchten hat. Diese Erkenntnis verbreitete sich in Windeseile und auch der Leobener Arzt Dr: Johann Peintinger erfuhr davon. Denn in der Steiermark war wieder einmal eine schwere Pockenepidemie aufgetreten - mit Schwerpunkt in Leoben. Das massive Sterben setzte hier im November 1798 ein. „Bis zum 25. April 1799 versterben in der Stadt selbst 35 Menschen, im benachbarten Göss, wo die Seuche etwas später beginnt, fallen ihr insgesamt 32 Personen zum Opfer, in der Waasenpfarre sind 17 Tote zu verzeichnen“, berichtet Bernhard Reismann in „Schicksalstage der Steiermark“. Dr. Peintinger aber konnte noch Schlimmeres verhindern, denn der tüchtige Mediziner besorgte sich noch 1798 direkt von Dr. Jenner aus London das Impfserum und begann als wahrscheinlich erster Mediziner im alten Österreich mit der gezielten Pockenimpfung.

Die erste Massen-Impfaktion wurde im alten Österreich während der großen Pockenepidemie des Jahres 1800 am 10. Dezember in Brunn am Gebirge durch den Schweizer Arzt Jean de Carro durchgeführt. Er hatte das Impfserum vom Sanitätsreferenten Unter-Österreichs (so hieß Niederösterreich damals) Dr. Pascal Joseph Ferro erhalten, der am 29. April 1799 die „erste private Vakzination in Österreich“ nach der Methode Jenners durchgeführt hatte, berichten die meisten medizinhistorischen Aufsätze und ignorieren dabei den Leobener Arzt.

Die Angst vor den Pocken war groß, denn in Böhmen waren 1799 mehr als 17.000 Kinder gestorben. Also war die Impfbereitschaft in der Bevölkerung damals groß und zeigte schnell Wirkung. So blieb dadurch Wien vier Jahre lang von einer Epidemie verschont, in zwei Jahren waren nur fünf Kinder an Pocken gestorben, davor waren es bis zu 500 jährlich gewesen. Danach aber nahm die Impfbereitschaft wieder stark ab. Die Behörde reagierte mit umfassenden Impfkampagnen. Das Schutzpockenimpfungs-Hauptinstitut in Niederösterreich war sogar das Erste auf dem Kontinent; Kreisärzte und Wundärzte mussten an Sonntagen unentgeltlich impfen, dazu sollten Hebammen werdende Mütter überzeugen und Pfarrer forderten Kirchenbesucher von der Kanzel herab zu Impfungen auf. 1836 wurde die Pockenimpfung in Österreich als Impfregulativ eingeführt, das heißt es gab eine staatliche Belehrungspflicht. Nach dem Anschluss an Nazi-Deutschland wurde 1939 auch in Österreich die Impfpflicht eingeführt. Seit 1979 gelten die Pocken weltweit als ausgerottet.



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© "Damals in Graz", Dr. Robert Engele