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Steinbruch Weitendorf wird Naturdenkmal#


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Hasso Hohmann (Mai 2020)


Steinbruch Weitendorf
Steinbruch Weitendorf
Foto: Hasso Hohmann

Ab 1978 übernahm ich in Trofaiach eine der 10 Modellgemeinden für das 1977 von der Steiermärkischen Landesregierung verlautbarte Ortsbildgesetz 1977. Dadurch sollten Erfahrungen mit dem Gesetz gesammelt werden und modellhafte Ortsbildkonzepte erarbeitet werden. Durch diese Tätigkeit fuhr ich im Schnitt jede Woche einmal mit der Österreichischen Bundesbahn von Graz nach Trofaiach und auch wieder zurück. Immer wieder stieg der an der Montanuniversität lehrende, aber in Graz wohnhafte Universitätsprofessor Dr. Johann Georg Haditsch in Leoben am Abend in den Zug, in den ich von Trofaiach kommend nach Graz umsteigen musste. So kamen wir irgendwann ins Gespräch und unterhielten uns in den Folgejahren über Gott, die Welt und den Bergbau.

Als mir auf einer unserer gemeinsamen Fahrten nach Graz in Frohnleiten auffiel, dass eine kleine Kapelle, die im Feld zwischen dem Bahndamm und der riesigen Produktionshalle der Mayr Melnhofschen Kartonfabrik auf einem Feld gestanden hatte, plötzlich nicht mehr da war, offenbar abgerissen wurde, was ich eigentlich hätte wissen müssen, da ich zu dieser Zeit alle geplanten Bauvorhaben, aber auch Abbrüche in Frohnleiten im Vorfeld vorgelegt bekam und zu begutachten hatte, erstaunte mich Haditsch damit, dass er zu Hause sogar von der Kapelle ein Foto hatte. Ihn hatte der optische Kontrast zwischen der kleinen Kapelle und der 300 m langen riesigen Produktionshalle dazu veranlasst, Jahre vorher in der Gemeinde seine Fahrt nach Graz zu unterbrechen, um die kleine Kapelle mit der Fabrikshalle dahinter zu fotografieren. Auch in den Folgejahren trafen wir uns immer wieder.

Produktionshalle
Produktionshalle
Foto: Hasso Hohmann

Anfang 1984 wurde in der “Kleinen Zeitung“ berichtet, dass der für die Müllentsorgung in Graz zuständige Stadtrat DI Klaus Gartler vom Magistrat Graz vorhatte, den Restmüll der Stadt künftig in das ausgedehnte und tiefe Landschaftsloch des Basaltsteinbruches von Weitendorf füllen zu lassen. Das empörte mich angesichts der Besonderheiten dieses Steinbruchs. Ich besprach daher das Thema beim nächsten schon bald folgenden Zusammentreffen mit Haditsch im Zug zwischen Leoben und Graz. Ich sagte ihm, dass ich beabsichtige, einen Antrag auf Unterschutzstellung bei der Bezirkshauptmannschaft einzubringen.

Der Antrag sollte möglichst nicht nur von mir, sondern auch von einem Fachmann, von einem Geologe gestellt werden. In dem Gespräch bestätigte Haditsch, dass der Basaltsteinbruch zu den interessantesten Steinbrüchen in Österreich gehört und über ihn bereits damals über hundert Publikationen geschrieben worden waren. Er meinte, dass ein Unterschutzstellungsverfahren daher große Aussicht auf Erfolg haben sollte. Wir beschlossen, den Antrag gemeinsam zu stellen.

Der Steinbruch liegt in der Gemeinde Weitendorf etwas nordwestlich von Wildon und im Gegensatz zu vielen anderen Steinbrüchen nicht weithin sichtbar am Hang eines Berges, sondern in der Ebene zwischen agrarisch genutzten Feldern und einem flach ansteigenden Waldgebiet im Norden. Abgebaut wird Basalt nach unten bis zu einer Tiefe von etwa 30 Metern. Im Basaltgestein finden sich immer wieder Drusen von teilweise unglaublicher Schönheit. Darunter gibt es auch solche, deren Chemismus weltweit bisher einzigartig ist. In manchen Häusern in der Umgebung finden sich wirklich sehenswerte Kollektionen privater Sammler, die an Sonn- und Feiertagen oder auch nach Dienstschuss im Sommer, wenn es lange hell ist, ohne Genehmigung in den frisch freigesprengten Basaltzonen nach Drusen suchen.

Um 1984 war ich zweimal mit meinem vierjährigen Sohn Bernhard in dem Steinbruch. Bernhard fuhr auf einem extra montierten Kindersitz für das Fahrrad hinter meinem Sitz nach Weitendorf mit. Auch wir suchten nach den Sprengungen nach freigelegten Drusen im Gestein des Basaltsteinbruchs, vor allem aber nach Versteinerungen aus dem ehemaligen Meeresboden unter der mächtigen Basaltlinse, die hier ein Alter von etwa 14,5 bis 18,5 Millionen Jahren hat. Wir fanden keine nennenswerten Drusen. Da waren die Nachbarn des Steinbruchs wohl immer schneller. Die finden immer wieder unglaublich schöne Drusen, von denen Besucher oft glauben, sie müssten aus Brasilien stammen. Stattdessen aber legten wir zahlreiche versteinerte Schnecken, auch einen Seeigel, mehrere Muscheln und Bruchstücke von Korallen und auch andere Objekte frei und nahmen sie nach Graz mit. Will man zu diesen Fossilien gelangen, so muss die Sole frei liegen und das in den Steinbruch ständig eindringende Wasser bis zur Sole hinab stetig abgepumpt werden.

Fossil
Fossil
Foto: Hasso Hohmann
Fossil
Fossil
Foto: Hasso Hohmann
Die in der etwa einen Meter dicken Schicht unter dem Basalt, die aus einem oft kaum verkitteten Sand, Ton und Mergel besteht, fanden wir in dem brüchigen, dunkelgrauen Material sehr unterschiedliche Hinterlassenschaften der ehemaligen Meeresbewohner, wie man sie auch heute in nur leicht modifizierter, aber verwandter Art beispielsweise um das Rote Meer finden kann. Es handelt sich in Weitendorf also um Teile eines Meeres, das damals in einer Klimazone lag, die dem Klima um das heutige Rote Meer etwa entsprechen dürfte, das also wesentlich heißer gewesen sein muss als das Klima um Weitendorf heute. Die damalige Situation, das unglaublich dichte vielfältige Meeresleben wurde dann durch das Auswurf- und Ausflussmaterial eines nahen Schildvulkanes sekundär durch Überlagerung abgedeckt und bis heute konserviert.

Dabei muss sich die Basalt-Linse zuerst abseits abgekühlt haben, bevor sie auf dem Meeresboden gleitend unter massivem, seitlichem Druck bis zur heutigen Position des Steinbruchs kalt verschoben wurde. Anderenfalls wären die Funde aus Perlmutt und Kalk durch die extreme Hitze des extrem heißen, flüssig aus der Tiefe durch den Erdmantel aufgestiegenen Basaltmaterials quasi gebrannt und dadurch auch zerstört worden. Die in der Mergelschicht gefundenen Einschlüsse sind aber perfekt erhalten geblieben.

Man findet heute unterschiedliche Fossilien aus Weitendorf rund um den Globus in einschlägigen Fossilienhandlungen. Selbst in New York und auch in Santiago de Chile fand ich Versteinerungen aus Weitendorf. In einer solchen Handlung in Laguna Beach südlich von Los Angeles fand ich mehrere Steine mit charakteristischen Schnecken und Muscheln, die sicher aus Weitendorf stammten. Sie waren aber mit einer Herkunft aus “Neitendorf, Austria“ ausgewiesen – es fehlte also der erste Strich am “W“ - man sollte vielleicht den Herkunftsort in Österreich nicht so leicht finden.

Fossil
Fossil
Foto: Hasso Hohmann
Fossil
Fossil
Foto: Hasso Hohmann

Haditsch und auch ich sahen nicht ein, dass ein so einzigartiger Steinbruch, nur weil er zu den Liegenschaften des Magistrates Graz gehört und damals relativ viel auf der Mülldeponie in Frohnleiten gezahlt werden musste, nun mit Restmüll der Stadt Graz angefüllte werden soll. Haditsch bezog dann auch Dr. Walter Gräf vom Steiermärkischen Landesmuseum Joanneum in die Vorbesprechungen ein, weil er davon ausging, dass dieser als Amtssachverständiger später ins Verfahren einbezogen würde und ein Amtsgutachten verfassen müsse.

\Foto: Hasso Hohmann
Teil einer Druse
Foto: Hasso Hohmann

Nach dem Naturschutzgesetz 1976 müssen Anträge auf einen geschützten Landschaftsteil auf Bezirksebene eingebracht werden. Bedauerlicherweise verläuft die Grenze zwischen den Bezirken Graz-Umgebung und Leibnitz mitten durch den Basaltsteinbruch von Weitendorf. Daher mussten zwei Anträge gestellt werden. Stadtrat Gartler bekämpfte zwar durch alle Instanzen die zwei Anträge. Dennoch verliefen die Verfahren auf allen Ebenen für uns als Antragsteller positiv, so dass Stadtrat Gartler am Ende seine Absicht, den Grazer Restmüll in diesem Steinbruch zu vergraben, aufgeben musste. Wir hatten durch alle Instanzen gewonnen. Unterstützt wurden die Anträge auch von den Gemeinden Weitendorf und Wildon.

Noch heute wird in Weitendorf Basalt abgebaut und zu einem sehr harten Splitt verarbeitet, der nach Größen sortiert verkauft wird. Der Schutz nach dem Naturschutzgesetz lässt auch weiterhin die Nutzung der Basaltlinse als Steinbruch zu. Am Ende, wenn das Basaltmaterial einmal zur Neige geht, soll noch ein Restbasaltstock an den Außengrenzen stehen bleiben und der Steinbruch dann als Studienobjekt für Fachleute wie Geologen, aber auch für Studierende der Grazer Universitäten, vom Landesmuseum Joanneum zu Forschungszwecken und eventuell auch von der Allgemeinheit genutzt werden. Voraussetzung für all das ist aber, dass das Wasser stetig aus dem tiefen Geländeloch herausgepumpt wird. Angeblich hat die Stadt Graz Ende des Jahres 2019 den Steinbruch an einen privaten Nutzer verkauft.