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Am Puls der Ölschlagader #

Der Fast-Blackout der europäischen Stromversorgung vor zwei Wochen erinnerte an die Verletzlichkeit der Energieversorgungssicherheit. Ohne die Transalpine Pipeline gingen beim Rohölnachschub die Lichter aus. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Die Furche (21. Jänner 2021)

Von

Wolfgang Machreich


4000 Pfähle. markieren die Strecke der unterirdisch verlegten TAL-Pipeline von Triest bis Ingolstadt. Auf jedem Pfahl befinden sich die genaue Kilometerzahl und eine Telefonnummer für Notfälle
4000 Pfähle. markieren die Strecke der unterirdisch verlegten TAL-Pipeline von Triest bis Ingolstadt. Auf jedem Pfahl befinden sich die genaue Kilometerzahl und eine Telefonnummer für Notfälle.
Foto: Wolfgang Machreich

Wenn an diesem Kitzbühel -Wochenende Sicherheit an vorderste Stelle gestellt wird, sprechen die Verantwortlichen der Skirennen über die Eindämmung der Corona-Gefahren oder die Schutzeinrichtungen für die Abfahrtsläufer auf ihrer Schussfahrt den Hahnenkamm hinunter. Dass ein durch den Hahnenkammberg verlegtes sieben Kilometer langes Stahlrohr mit gut einem Meter Durchmesser erst überhaupt diesen Skizirkus und generell den wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Rummel in unseren Breiten ermöglicht und die Versorgungssicherheit mit dem dafür notwendigen Rohölnachschub garantiert, daran denkt nicht nur an solchen skiverrückten Tagen in Kitzbühel und anderswo niemand. Der Vergleich mit dem menschlichen Körper drängt sich auf: Auch dort sind die lebenswichtigsten Organe unter der Oberfläche verborgen und meist vergessen – bis es zu Komplikationen oder Ausfällen kommt.

Für die Transalpine Ölleitung (TAL), eine der Hauptschlagadern der europäischen Wirtschaft, gilt dasselbe: Seit 1967 pumpt sie das Lebenselixier fossiler Energiegewinnung und erdölbasierter Veredelungsindustrie von Süden nach Norden. Im Hahnenkamm-Tunnel der TAL-Pipeline ist das Rohöl bereits 270 Kilometer weit unterwegs. Befüllungspunkt der Leitung ist der Seehafen in der Bucht von Muggia bei Triest. Weitere knapp 200 Kilometer von Kitzbühel entfernt mündet die TAL-Hauptleitung in das Tanklager bei Ingolstadt. Dort übernehmen Anschluss-Pipelines den Auftrag, beliefern fünf Raffinerien in Deutschland und zwei in Tschechien und decken damit 100 Prozent des Rohölbedarfs von Bayern und Baden-Württemberg, das sind 40 Prozent des deutschen Bedarfs sowie 50 Prozent der Rohölmengen der Tschechischen Republik. Durch eine Pipeline-Abzweigung bei Kötschach-Mauthen (Kärnten) in die Raffinerie nach Wien-Schwechat fließen 90 Prozent des österreichischen Bedarfs an Rohöl. Insgesamt transportiert die TAL pro Jahr über 41 Millionen Tonnen Öl, aufgrund der Corona-Bremse lag der Durchsatz im vergangenen Jahr ein wenig darunter.

Grüne Pipeline #

„Wir alle brauchen das Rohöl, unser Lebensstil braucht das Rohöl“, bringt Alessio Lilli, General Manager der TAL, die Bedeutung seiner Pipeline auf den Punkt. Lilli ist gebürtiger Römer, er verstehe sich aber als Europäer, sagt er, was ihm als Manager eines grenzüberschreitend tätigen Unternehmens zugutekomme: „Ohne den Willen zur Zusammenarbeit würde es unsere Pipeline nicht geben, ohne unsere tägliche grenzüberschreitende Zusammenarbeit könnten wir nicht existieren“, sagt Lilli, und gefragt nach der wichtigsten Notwendigkeit im Pipeline-Geschäft antwortet er mit einem Wort: „Vertrauen.“

Die FURCHE traf Lilli auf dem Gelände der österreichischen TALZentrale und Pumpstation in Kienburg bei Matrei in Osttirol. Von hier, auf 788 Meter Seehöhe, wird das Öl auf den 1572 Meter hoch gelegenen Scheitelpunkt der Pipeline am Felbertauern gepumpt und dort wie am Hahnenkamm mithilfe eines sieben Kilometer langen Tunnels durch den Alpenhauptkamm geführt. Von da an geht es bis zum Pipeline- Ende nur mehr bergab. Seit gut zwei Jahren nützt die TAL den Höhenunterschied nicht nur um ihre aus Dutzenden unterschiedlichen Rohölsorten bestehenden Ölpakete ins Flachland zu schicken, sondern gewinnt daraus in einem unterhalb des Felbertauerns gebauten Rohöl-Laufkraftwerk elektrischen Strom. Es ist die einzige Anlage weltweit, in der aus Rohöl CO2-frei Energie produziert wird. Mit diesem „Unikat“, wie Lilli sagt, gewann die TAL den Salzburger „Energy Globe Award“. Die erzeugte Energiemenge entspricht rund zwölf Prozent des für den Betrieb der Pumpen hohen Strombedarfs der TAL in Österreich und könnte 3000 Haushalte versorgen.

Für Manager Lilli geht es bei dem Ölkraftwerk, für dessen Errichtung die TAL immerhin elf Millionen Euro investierte, um „mehr als das Firmenimage“. Er nennt dieses Engagement in Nachhaltigkeit einen Teil der Unternehmensphilosophie: „Wir haben die Möglichkeit. Wir müssen es tun. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber den drei Ländern, in denen wir beheimatet sind, gegenüber den Menschen, gegenüber unserer Zeit und der Gemeinschaft.“ Wenn ein Pipeline-Manager sich und sein Unternehmen, das den großen Playern in der internationalen Erdölbranche (OMV, Shell, ENI, Exxon Mobil und anderen) gehört, als Öko-Avantgarde beschreibt, passt das nicht sofort ins gängige Bild vom zentralen Element logistischer Infrastruktur im fossilen Zeitalter. Doch Lilli ist schwer zu widersprechen, wenn er sagt, „das Pipeline-Konzept ist grün seit immer: Wir liefern etwas von A nach B, ohne dafür ein Transportmittel bewegen zu müssen.“ Stimmt: Die Leitung erspart tausende Öllasterfahrten jeden Tag, verursacht keine Abgase, macht die Rückfahrten leerer Tankfahrzeuge unnötig und die Versorgungssicherheit unabhängig von gerade in Covid-19-Zeiten nicht immer problemlos passierbaren Grenzen oder den Witterungsbedingungen. Letzteres gelingt nicht immer.

Kritische Infrastruktur #

Aufgrund der heftigen Schneefälle an der Alpensüdseite im Dezember wurde die Stromversorgung für die TAL-Pumpstationen in Osttirol unterbrochen. Deutsche Medien reagierten sofort und titelten: „Schneechaos in Osttirol – wichtige Ölpipeline nach Süddeutschland unterbrochen“. Das bayerische Wirtschaftsministerium beruhigte, erklärte die Ölversorgung Bayerns als nicht gefährdet; auch die Raffinerien mussten ihre Rohölverarbeitung wegen der Pipeline- Pause nicht einstellen. Innerhalb kurzer Zeit konnte die TAL die Stromzufuhr wieder herstellen, den Pipeline-Betrieb fortsetzen. Das Beispiel zeigt, wie sehr der Blick der Öffentlichkeit, der von Wirtschaft und Politik sowieso, auf den Puls dieser Ölschlagader achtet, wie schnell bei Unregelmäßigkeiten gleichermaßen interessiert wie besorgt reagiert wird. Nicht umsonst wurde die TAL von den Behörden als kritische Infrastruktur deklariert, finden an den Standorten regelmäßig Sicherheitsübungen mit zivilen und staatlichen Einsatzkräften statt, werden mit Sensoren bestückte Inspektionsmolche durch die Pipeline geschickt, außerdem überwachen Streckengeher und Hubschrauber den Weg der Ölleitung durch die drei Länder. Manager Lilli fasst seinen Job und den Auftrag seiner Pipeline dementsprechend so zusammen: „Wir erfüllen eine wichtige Brückenfunktion zwischen Italien, Österreich und Deutschland.“ Größtenteils unbemerkt, größtenteils unersetzbar – nicht nur beim Skizirkus am Hahnenkamm.

Die Furche, 21. Jänner 2021