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Tausend und noch eine teure Fantasie#

Wasser-Themenparks, Skihallen, Wüstengaudi – das geht auch zugleich: Wie sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Kulturen im Kommerz vermischen. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 12. Oktober 2017)

Von

Günter Spreitzhofer


Achterbahn im Mega-Indoor-Freizeitpark in Dubai
Die Welt als Abenteuer. IMG Worlds of Adventure nennt sich ein Mega-Indoor-Freizeitpark in Dubai. Mehrere Tausend Besucher lassen sich dort täglich mit den Freizeitindustriesegnungen des Westens verwöhnen.
Foto: Shutterstock

Eigentlich bestehen die Vereinigten Arabischen Emirate, kurz V.A.E., ja aus sieben Emiraten. Abu Dhabi ist das größte und badet fast im Öl. Sharjah ist das konservativste und verbietet Alkohol und Kasinos. Ras al Khaimah und drei andere kleinere Brüderemirate haben weder noch und basteln an Reise-Super-Sonderangeboten bei Hofer und Billa.

Und dann ist da noch Dubai, dem nichts groß genug sein und schnell genug gehen kann. Dubai City, gerade so groß wie das Burgenland, lebt gerne mit seinen Superlativen. Nirgendwo zeigt man deutlicher, was man hat. Geld vor allem, 25.000 Kräne und noch mehr große Pläne.

Einigen der rund 70.000 Dollar-Millionäre in Dubai ist die Finanzkrise wahrscheinlich dazwischen gekommen, aber das fällt den meisten Gästen gar nicht auf. 2007 kamen schon acht Millionen jährlich, für 2017 sind doppelt so viele eingeplant. Dubai glaubt jedenfalls zu wissen, was sie wollen: Shopping, Fun und Fantasy. Künstliche Inseln im Wasser, in Form von Palmen oder gleich der ganzen Welt. Dune-Bashing, das sind Jeep-Safaris, und Luxus-Vergnügungsparks im Sand. Dazu arabeske Hotelanlagen, wenn geht, mit Blick auf Palmen und Meer. Letzteres hat sommers Temperaturen von über 37 Grad, deshalb sind die Hotelpools hier manchmal sogar gekühlt.

Wahre Träume #

Kein architektonischer Traum ist verboten und kein Wolkenkratzer zu hoch. Seit 1990 sind über 200 mit mehr als 150 m Höhe entstanden, weitere 34 über 250 m, davon 19 über 300 m. Das Burj Khalifa ist derzeit das höchste Gebäude der Welt und wurde 2010 auf 828 m aufgestockt – sechs mal höher als der Wiener Stephansdom. High Life am Golf eben. Und so ist es innen überall so ultracool, dass sich draußen Kameralinse und Sonnenbrille beschlagen.

Selbst so manche Wartehüttchen für öffentliche Stadtbusse sind klimatisiert. Die alten Windtürme überall haben nur mehr historische Bedeutung, auch die kühlen Lehmkeller von seinerzeit sind längst nicht mehr schick genug. Besehen kann man alles in den zahlreichen Freiluftmuseen wie Diving Village oder Heritage Village, wo es original historische Beduinenzelte, Gewürzläden, Schauhaus und Wasserpfeifen gibt. Begreifen weniger. Originale Synthetik, wie vieles hier, zwischen Sharjah und Abu Dhabi.

Die Mall of the Emirates ist eines der größten Shoppinggelände außerhalb Nordamerikas. Im Hintertrakt ist die größte Skihalle der Welt längst eisige Wirklichkeit: „Ski Dubai“, ein Kunstschnee gewordener, wahrscheinlich uralter arabischer Menschheitstraum – 85 Meter hoch, 80 m breit, 21 Schneekanonen, mit 3000 Quadratmetern der größte Schneepark der Welt, direkt vor den Balkonen der Luxus-Ski-Chalets des Kempinski-Hotels. Nachts rieselt Schnee von der Plastikdecke vor den Fenstern, tagsüber Musik. Und Pistenraupen sind in den V.A.E. noch so selten, dass ihnen manche stundenlang zuschauen könnten.

Motoren in der Wüste
Dunebash-Safaris. Wo die Wüste von Motorengebrüll belebt wird und Dünen zur Partyzone werden: Die Vereinigten Arabischen Emirate.
Foto: Shutterstock

Eigentlich ist alles da, was es für das Wintervergnügen braucht: Eine Skihütte, die garantiert lawinensichere Avalanche Bar, bei der Mittelstation des Vierersessellifts, mit alkoholfreiem Glühwein und Heizstrahler. Dazu ein Schlepplift, fünf Pisten und eine Schischule, Förderbänder und Quarterpipes für bis zu 1500 Tagesgäste, die aber höchstens freitags kommen.

Pinguin und Hüttenzauber #

Erstaunlicherweise kennen die wenigsten DJ Ötzi, machen oft auch lieber im Pinguinland Selfies oder lassen sich in gewaltigen, durchsichtigen Schneeflockenkugeln hügelabwärts rollen. 25 Tonnen Schnee täglich werden erzeugt, jährlich 300.000 Paar Ski(wegwerf)socken verschenkt. Der Sessellift bewegt sich im Schneckentempo, um arabischen Familien mit Leih-Moonboots, Mütze und Handschuhen – die gibt es in den Shops vor dem Eingang zuhauf – eine angstfreie Premiere in der Winter-Wonder-World bei minus zwei Grad zu ermöglichen.

Um rund 60 Euro für eine 2-Stunden-Karte ist jeder dabei – Leihski, Leihschuhe, Socken, Leihstöcke, selbst der Skianzug ist da inklusive. „Wir kommen jährlich für ein paar Tage“, sagt Vaclav aus Znaim. „Ist schließlich billiger als Gletscherskifahren in Tirol“. Dort ist der Höhenunterschied allerdings größer als die knapp neunzig Meter hier. Für die Stadtmeisterschaften von Abu Dhabi reicht‘s jedoch allemal, auch ohne Jägermeister, dafür mit viel Red Bull – irgendwo müssen die Pistenraser ja ihre Flügel hernehmen, wenn schon der Pflugbogen noch nicht sitzt. Der Energieverbrauch der Anlage bleibt ein gut gehütetes Geheimnis, so großzügig die Werbemaschinerie ansonsten läuft.

Laut Wetterbericht von Al Jazeera hätte es draußen 50 Grad im Schatten, wo immer dieser zu finden sein könnte. Das Autoinnenthermometer zeigt, trotz aktiver Klimaanlage, erfrischend angenehme 36 Grad. Wasser ist weit und breit keines in Sicht, auf der 2-stündigen Autobahnfahrt nach Ras al Khaimah. Dubais kleiner Bruder, der gerne RAK genannt wird, ist das nordöstlichste Emirat an der Grenze zur Halbinsel Musandam, die großteils Staatsgebiet des Oman ist. Kahle Bergketten tauchen im diesigen Dunst nur schemenhaft auf, angeblich soll es oben bisweilen etwas Schnee geben.

Laut Gulf News könnte einer der Hügel im Al Hajar-Gebirge teilweise überdacht werden, für eine richtige Ganzjahres-Skipiste von zwei Kilometern, erschlossen von drei Liften. Auch eine 36 km lange Stichstraße zum Gipfel des Jebel Jais auf 1900 m steht vor der Fertigstellung, eine Resortanlage in Gestalt eines gigantischen Adlernestes ist in Projektierung. „Derzeit experimentieren wir mit Techniken, um im Winter ausreichend Schnee und Eis zu erzeugen“, sagt Salem Sultan Al Qassimi, Vorsitzender der Zivilluftfahrtsstelle von RAK.

Berg und Meerfahrt#

Wasserpark
Wasserpark-Giganten. Auf in den persischen Golf gesetzten, künstlichen Inseln gibt es Meeresfeeling bei 50 Grad im Schatten.
Foto: Shutterstock

Bis dahin muss sich die Zielgruppe wohl weiterhin mit Jetski und Wasserski begnügen und hoffen, dass der aktuell gestoppte Real-Madrid-Resort-Island Themenpark in RAK doch noch in die Umsetzungsphase kommt. Oder doch im „Iceland Waterpark“ chillen, wo viele Plastikeisbären auf Rodeln und Pinguine mit Schal - in Überlebensgröße natürlich - auf dem Parkplatz aufgebockt sind. Drinnen tosen, so nebenbei, seit 2010 die größten künstlichen Wasserfälle der Welt: Auf einer Breite von etwa 180 Metern und einer Höhe von etwa 40 Metern rauschen in den Penguin Falls jede Minute gigantische Wassermengen in die Tiefe.

Las Vegas – nur noch größer #

Das „DubaiLand“ ist ein designiertes Las Vegas am Reißbrett, 140 Quadratkilometer groß und wird noch ein wenig brauchen, bis es das Original in den Schatten stellen kann: Der Baustopp im größten Freizeitparkprojekt der Welt wurde 2013 aufgehoben. Bis 2020 rechnet man mit bis zu 200.000 Gästen täglich: im Biodome (Wüstensafaris in künstlicher Wadilandschaft), im Snowdome (ein neues Indoor-Skizentrum) oder in der Mall of Arabia (mit 1000 Geschäften). Wann sich Ain Dubai – mit 210 m Höhe das größte Riesenrad der Welt, was sonst – drehen wird, liegt noch im Dunst der Wüste.

Tausend-und-noch-ein-paar-Nächte: Viel länger sollte es kaum mehr dauern, bis das moderne Märchen am Golf sein Happy End gefunden hat. Oder auch nicht, sagen nicht nur Skeptiker des vereinigten emiratischen Größenwahns, der allmählich wieder Fahrt aufnimmt.

Themenparks sind vor allem wichtig, wenn gesellschaftliche Themen fehlen, die über protziges Moneymaking, synthetisches Lifestyling und Kick-off von Besucherzahlen hinausgehen. Selfie mit Shop & Ski als einzige Perspektive eines Wüstenlandes, befreit von jedweder ökologischer Nachhaltigkeit? V.A.E., Inschallah.

DIE FURCHE, Donnerstag, 12. Oktober 2017