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Die Ursubstanz des Österreichischen#

Eine Kampfschrift gegen das germanische Jahrtausend: Ernst Karl Winters bisher unveröffentlichte "Geschichte des österreichischen Volkes" ist jetzt als Buch erschienen.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 7. Februar 2019

Von

Walter Hämmerle


Buchcover
Ernst Karl Winter: Die Geschichte des österreichischen Volkes. Herausgegeben und kommentiert von Paul R. Tarmann, Plattform Historia 2018.

Ernst Karl Winter war einmal wer. Er war ein Überzeugungstäter, ein Glaubenskrieger für die Idee eines selbstständigen Österreich. Als der Kampf verloren war, zog er ins Exil. Doch auch fern der Heimat machte er weiter, allerdings genauso furcht- wie erfolglos. Als der große Schrecken schließlich vorbei war, wollte oder konnte sich zu Hause fast niemand mehr an ihn, den Emigranten mit den eigenwilligen Ideen und Vorstellungen, erinnern.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Gewiss, in Wien, seiner Heimatstadt, erinnert in Döbling ein Weg und in Währing, wo er 1895 geboren wurde, ein Gemeindebau an sein Wirken. Der Geschichte seiner Zeit haben allerdings andere ihren prägenden Stempel aufgedrückt. Dass Winters Denken jetzt, fast genau sechzig Jahre nach seinem Tod 1959, wieder zum Vorschein kommt, ist immerhin kein Zufall.

Ende 2018 erschien, herausgegeben und kommentiert vom Wiener Philosophen Paul R. Tarmann, im kleinen niederösterreichischen Plattform Verlag sein bisher unveröffentlichtes Manuskript "Die Geschichte des österreichischen Volkes".

Walter Hämmerle, geb. 1971, ist Chefredakteur der "Wiener Zeitung" und Autor des Buches "Der neue Kampf um Österreich. Die Geschichte einer Spaltung und wie sie das Land prägt", edition a, Wien 2018.

Die Neuentdeckung verdankt sich der Erinnerungsarbeit einer kleinen Gruppe, zu der neben Tarmann auch der Medienwissenschafter Peter Diem zählt; diese arbeitet daran, einen besonderen Strang der heimischen Geistes- und NS-Widerstandsgeschichte vor dem Vergessen zu bewahren, dessen Überzeugungen auf dem Katholizismus ruhten.

Zu diesem Kreis zählten etwa der Staatsrechtler August Maria Knoll, der Publizist Alfred Missong und der Jurist Hans Karl von Zessner-Spitzenberg, der als einer der ersten Österreicher im KZ Dachau ermordet wurde. Mit diesen und anderen gründete Winter 1927 die "Österreichische Aktion", die auf die Schaffung eines österreichischen Nationalbewusstseins hinarbeitete zu einer Zeit, als alle anderen in der Alpenrepublik noch einen deutschen Staat sahen. Winters "Geschichte des österreichischen Volkes" steht in dieser Tradition.

Winter entzieht sich den üblichen Kategorisierungen seiner umkämpften Gegenwart. Das macht sein Denken zwar spannend und originell, verurteilte den Sozialhistoriker, Philosophen und politischen Kommentator aber zu einem Leben zwischen allen Fronten. Auch Angriffspunkte finden sich. Immerhin agiert Winter, der im Ersten Weltkrieg mit Engelbert Dollfuß im selben Regiment diente und Freundschaft schloss, nach 1933 aufseiten des autoritären Ständestaats; von 1934 bis 1936 war er in dessen Diensten dritter Vizebürgermeister von Wien; die Sozialdemokratie war da schon längst verboten.

Aber er kritisiert deutlich und vernehmbar die Konfrontation des Regimes mit der Sozialdemokratie und propagiert eine Aussöhnung. "Rechts stehen und links denken", lautete seine politische Parole, um Christlichsoziale und Sozialdemokraten für den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu vereinen. Dafür wirbt der frühe und entschiedene NS-Gegner Winter, wo er nur kann - auch in der "Arbeiter Zeitung".

Letztendlich vergeblich. Das Misstrauen ist auf beiden Seiten zu groß. Die Sozialdemokratie pocht auf konkrete Taten der Versöhnung nach dem Verbot von Sozialdemokraten und Kommunisten durch das autoritäre Regime, während die Regierung zuerst eine vorbehaltlose Unterstützung des Staats fordert.

Der Katholik, überzeugte Monarchist und unentwegte Prediger eines selbstständigen Österreich wird schließlich 1936 von den deutschnationalen Kräften des Regimes aufs Abstellgleis geschoben. Seine Abberufung als Vizebürgermeister ist eine Folge des Juli-Abkommens, mit dem Schuschnigg den Druck Hitlers auf Österreich abzufedern versucht. Nach dem Mord an Dollfuß hatte der Linksverbinder Winter seinen stärksten Fürsprecher verloren.

Trotzdem ist es Winter, bei dem Schuschnigg nach dem unglückseligen Treffen auf Hitlers Berghof im Februar 1938 kurz Halt macht und die Ereignisse bespricht. Unmittelbar vor dem "Anschluss" im März 1938 an Nazi-Deutschland emigriert Winter mit seiner Frau und den sieben Kindern über die Schweiz und England schließlich in die USA, wo er versucht, eine österreichische Exilregierung in den USA auf die Beine zu stellen. Auch das schlussendlich ohne Erfolg.

In den USA macht Winter sich auch daran, seine Version der österreichischen Geschichte aufzuschreiben. Mit zwei großen Zielen: Er will, zum einen, einen Blick entwickeln, der für Linke wie Rechte konsensfähig ist. Zum anderen will er die bis dahin dominierende Erzählung von Österreich als einem deutschen Staat und den Österreichern als Teil des deutschen Volkes zum Einsturz bringen. Die im Zuge der Völkerwanderung in das Gebiet des heutigen Österreich eindringenden Germanen treffen nach ihm auf eine tief verwurzelte ansässige illyrisch-keltische Urbevölkerung, die erst romanisiert und dann von den "Alpenslowenen" slawisiert wurde. Dieser romanisch-slawische Kern, und nicht die germanische Kolonisation, bestimmen die Natur der Menschen bis in die Gegenwart, hier liege die "Ursubstanz des Österreichischen". Dementsprechend sei auch die deutsche Sprache überbewertet, stattdessen setzt Winter zu einer unzeitgemäß frühen Ehrenrettung der verbliebenen slawischen Sprachinseln im Land an, die er als Bewahrer uralter Erinnerungen preist. Ein sprachlicher Nationalismus sei deshalb den Österreichern eigentlich wesensfremd.

Zwei Traditionsstämme#

Dem "germanischen Jahrtausend" setzt Winter die These von den "zwei österreichischen Traditionsstämmen" entgegen, mit deren Hilfe er die Geschichte Österreichs aus der allzu engen deutschen Umklammerung befreien will. Hier liegt sein Hebel, um die bisher unversöhnlichen Geschichtsrezeptionen von Christlichsozialen und Sozialdemokraten zu versöhnen, indem er kurzerhand die beiden entgegenstehenden und sich doch ergänzenden Prinzipien von Demokratie und Sozialismus im Wesen der Natur des österreichischen Volkes fest und von Anfang an verankert sieht.

Das ist, zugegeben, nicht gerade das, was heute in Sachen Geschichte und politischer Kultur gelehrt wird. Österreichs Vergangenheit gilt weder als besonders demokratisch noch sozialistisch, sondern vielmehr als ewig verspätet. Winter dreht diesen Ablauf kurzerhand um: "Weniger als jedes andere europäische Volk braucht das österreichische irgendeine Belehrung darüber, was Demokratie oder Sozialismus ist, vielmehr trägt es beide in einer organischen Verbindung seit alters in sich."

Sein spezifischer Blick entdeckt sehr wohl bemerkenswerte Varianten der autonomen Selbstverwaltung und des egalitären Ausgleichs, die er auf die unterschiedliche kulturelle Prägung durch Rom und Byzanz zurückführt, etwa in uralten Vorrechten der Bauern in einigen Regionen wie in Tirol und Vorarlberg oder dem Ritual des Fürstenstuhls in Kärnten.

Winters Credo: "So steht Österreich wirklich in der Mitte des europäischen Kontinents, in der sich westliche Demokratie und östlicher Sozialismus nunmehr treffen, aufeinander hin entwickeln und miteinander vermählen müssen." Für ihn ist etwa der österreichische "Barocco" das "bisher größte geschichtliche Experiment, die Idee der politischen Freiheit durch die andere Idee der wirtschaftlichen Gleichheit, die Demokratie durch den Sozialismus zu ergänzen." Zwar nicht in einem politischen Sinn, wie Winter eingesteht, aber "noch niemals waren die Kunst und der Kult so demokratisch geworden, dass sie aus Dynastie, Adel und Volk eine betende Einheit machten".

Im US-Exil hat Winter eine ungeheure Fülle an Material zusammengetragen und in seinem Sinne ausgewertet. Dabei argumentiert er, wie es seinem Beruf entspricht, vor allem soziologisch, weniger politisch. Er fahndet nach uralten Flurnamen, listet Traditionen und Bräuche auf und nutzt die große Fülle historischer Berichte nach dem Nutzen für sein großes Projekt der Ver-Österreicherung der österreichischen Geschichte - oder besser: ihrer Ent-Germanisierung durch die Jahrhunderte.

Nach dem 19. Kapitel, das sich der "österreichischen Republik" widmet, bricht Winter sein Werk abrupt ab. Seine "Geschichte des österreichischen Volkes" verfasst er in der Emigration, vermutlich zwischen 1942 und 1945; das unvollendete Manuskript trägt das Datum vom 8. September 1945, der Zweite Weltkrieg ist in Europa erst wenige Monate beendet, die Heimat von den Alliierten besetzt und in Schutt und Asche.

Drei geplante Kapitel#

Winter will schnell zurück, und sein Werk ist dazu gedacht, diese Rückkehr publizistisch zu begleiten. Als er erkennt, dass sich keiner der neuen Mächtigen von SPÖ und ÖVP um seine Heimkehr bemüht, bricht er das Manuskript unvollendet ab.

Drei vollendeten Kapiteln stehen drei weitere geplante, jedoch nie in Angriff genommene Abschnitte gegenüber, deren Gegenstand die Zeitgeschichte und die Republik hätten sein sollen. Vielleicht hatten nicht wenige in den Reihen von ÖVP und SPÖ ein schlechtes Gewissen, weil Winter recht behalten hatte in Sachen Nationalsozialismus. Er passte einfach nicht in diese Zeit des Verdrängens und Nicht-wissen-wollens, wie der Politologe Anton Pelinka einmal meinte.

Wiener Zeitung, 23. Februar 2019

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