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A Gulasch und a Seidl Bier, für viele ein Lebenselixier #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (Donnerstag, 26. Oktober 2017)

Von

Thomas Golser


Wiener Schnitzel
Leibeswohl oder Veränderungswille: Was steht näher? (KK)

„Solange der Österreicher Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht.“

Ludwig van Beethoven

Anno 1827 war es, als Ludwig van Beethoven in Wien verstarb. Über Jahrzehnte war dem schicksalsgebeutelten Kompositionsgenius unser Land lieb geworden. Ein Charakteristikum, das wohl nach wie vor anzutreffen ist, hielt der Deutsche mitwohldosiertem Giftzünglein fest: Gebt ihnen zu schmausen und zu trinken, und lasst sie brav/gefügig sein.

Gemütlich wird es für viele erst in der regelmäßigen Gegenwart von Schnitzel, Braten und Würstel, wie ein Blick auf den durchschnittlichen Fleischverzehr im Land verrät: Auf 65 Kilo pro Jahr und Kopf kommtdas Land. Oft wird das tatsächlich mit alkoholhaltigen Gärgetränken hinuntergespült – so wie das einst schon der große Georg Danzer selig im Duett mit Wolfgang Ambros in „A Gulasch und a Seidl Bier“ überaus treffend besang: „I gib ma, bin i sehr am Sand, a Infusion beim Wirschtlstand.“ 206 Krügerl pro Kehle und Jahr sind es – durstiger sind nur noch die Tschechen. Fraglos Symptome von Gemütlichkeit in Rot-Weiß-Rot.

Dass den Österreichern das Wort Revolte nicht unbedingt auf die Stirn geschrieben steht, zeigt etwa ein prüfender Blick auf das Streikverhalten in der Nachkriegsära: Laut Wirtschaftskammer gab es von 1996 bis 2016 zwölf Jahrgänge ohne einen einzigen Streiktag. Die Maßeinheit „Streikminute“ (pro Arbeitnehmer/ Jahr) bestätigt dies: Abgesehen vom „Ausreißerjahr“ 2003 bewegen wir uns hier in einem Bereich von 0,0 bis 7,9 Minuten.

Arbeit mag für manch eine(n) zum täglichen Kampf geworden sein – zu einem echten Arbeitskampf schreitet man deshalb lange nicht. Fast immer belässt man es bei Drohgebärden und Ankündigungen, sucht den besänftigenden Kompromiss. Ist dies ausschließlich der als Schmiermittel wirkenden Sozialpartnerschaft und restlos zufriedenstellendem Ausverhandeln am grünen Tisch gutzuschreiben? Zweifel sind zumindest erlaubt. Dass es so viele österreichische Begriffe gibt, um den Aggregatzustand der Unzufriedenheit mit eh manchem auszudrücken – motschgern, seiern, sempern, sudern, trenzen, keppeln, mosern etc. –, lässt folgern: Man kostet letztlich eher passiv, aber ausdauernd aus, was einem nicht schmeckt, ohne sich gleich offen in Protest zu üben. Andererseits sieht der alljährliche Lebenswert- Index prinzipiell „sehr zufriedene“ Bürger. Ein Widerspruch, der sich auch auf 400 Zeilen kaum auflösen ließe. Einigen wir uns doch: Auf hohem Niveau jammert es sich recht genussvoll.

Hatte Beethoven also recht? Ja, durchaus – auch wenn der direkte Konnex zwischen leiblichem Wohl und Protest-Trägheit offen ist.

Kleine Zeitung, Donnerstag, 26. Oktober 2017