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Lebensfreude als Staatsziel:
Auf zu Bruttosozialglück und Buen Vivir[1]#

Franz Greif

Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende (Demokrit).
Die Steppe gibt die Freiheit, die Steppe gibt das Glück (mongol. Sprichwort).
Wir werden nie eine perfekte Welt erschaffen. Und wir sollten uns dessen bewusst sein. Carlos Taibo[2], 2015.

Vorbemerkung#

Glück, Lebensqualität oder Daseinszufriedenheit als existentielle Werte anzustreben, ist nicht neu, und sie sind seit jeher ein Thema ganz unterschiedlicher "kognitiver Wertigkeiten". Schon Philosophen des Altertums sahen in einer edlen und "der Gerechtigkeit verpflichteten Lebensführung" ein "vollkommenes Gut menschlichen Handelns", der einfache Mensch aber wähnte sich wohl zu jeder Zeit der Menschheitsgeschichte dann glücklich, wenn er gesund, arbeitsfähig, möglichst wenig Zwang ausgesetzt und in Gemeinschaft geborgen leben konnte. In seiner Systematik der Sozialfunktionen hat Max Weber alles das gültig formuliert, woran ein Mensch als Mitglied einer Gemeinschaft (Haushalt, Gemeinde) "teilhaben können muss": Wohnen, Partnerschaft, Arbeit, Entfaltung, an Politik und Kultur.

Wie nun Menschen konkret leben, wie es ihnen dabei geht, hat die Herrschenden und ihre Ratgeber zu allen Zeiten interessiert. Freilich waren dieses Interesse von den jeweiligen Herrschaftsverhältnissen beeinflusst, denn die vorhandenen "Humanressourcen" und mit ihnen das Wirtschaftspotential waren in erster Linie die Grundlagen ihrer Sicherung, von der vice-versa auch der Fortbestand des Gemeinwesens abhing. Sehen wir uns zunächst an, wie die Wirtschaftswissenschaft die Messung dieses Potentials entwickelte.

Sind Wirtschaftsdaten Indikatoren für Lebensfreude?#

  • Erste Grundlagen gehen auf Luca Pacioli zurück, der mit der Schrift "Summa de Arithmetica, Geometria, Proporzioni e Proporzionalità" (1494) die doppelte Buchführung schuf.
  • Als "erster Lehrer der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung" gilt Sir William Petty (1623-1687), Ökonom, Philosoph und Gründungsmitglied der Royal Society. Er versuchte, durch "politische Arithmetik" mit Daten und Empirie Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsentwicklung und der Zufriedenheit der Bürger mit ihrem Wohlstand zu finden, damit letztlich die Regierung ihre Politik verbessern und Steuereinnahmen erhöhen könne.
  • Im 18. Jh. entwickelte François Quesnay im "Tableau économique" die Systematik eines geschlossenen Güter- und Wirtschaftskreislaufs. Er unterschied dabei die drei Sektoren der Landwirte, Bodeneigentümer und Händler und zeichnete alle Bewegungen zwischen diesen Sektoren auf.
  • Mit der Schrift "Wohlstand der Nationen" (1776) formulierte Adam Smith eine allgemeine Theorie wirtschaftlichen Fortschritts. Darin findet sich die Idee eines Jahresprodukts als Ertrag aus den Faktoren Boden und Arbeit, basierend auf Arbeitsteilung als Schlüssel zu höherer Produktion. Smith sah den Fortschritt der Wirtschaft jedoch als natürlichen Verlauf und daher keine Notwendigkeit für staatliche Eingriffe, weshalb er auch keine Versuche der Berechnung des Wohlstandes unternahm.
  • Karl Marx griff Quesnays Tableau auf, das zur Grundlage seiner Kreislaufanalyse wurde (s. die "Reproduktionsschemata" in "Das Kapital - Kritik der Politischen Ökonomie").
  • Eine Weiterentwicklung der Kreislauftheorie führte John Maynard Keynes (1936) durch. Keynes lieferte die Grundlage für die heute international verwendeten Systeme der OECD und der Vereinten Nationen.
  • Thomas R. Malthus hingegen unternahm in den "Principles of Political Economy" (1820) methodische Überlegungen zur Berechnung des Volkseinkommens, führte diese aber gleichfalls nicht durch. Später berücksichtigte Alfred Marshall in seinen "Principles of Economy" (1890) auch immaterielle Güter und Dienstleistungen, sofern sie einen Marktpreis haben. Für ihn ist die Ökonomie eine Wissenschaft zum Wohlstand, welcher durch die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse mit Gütern zu erreichen sei, und ein Planungsziel sah er in der Erhöhung der Gütermenge als Mittel zur "Bekämpfung der Armut nach der Industrialisierung".
  • Ein besonders wichtiger Vordenker des heutigen BIP ist der Ökonom Colin Clark. Er nahm als erster 300 Jahre nach Petty Berechnungen des Volkseinkommens wieder auf, schuf Grundlagen und Elemente der BIP-Erfassung, die noch heute relevant sind und entwickelte das Konzept des Wachstums nach dem Maß der Volkseinkommens-entwicklung. Auf ihn geht auch die Systematik der drei Hauptwirtschaftssektoren zurück.
  • Trotz zahlreicher Publikationen sahen die Regierungen jedoch noch lange nicht die Notwendigkeit einer Volkseinkommensberechnung. Und geradezu peinlich für die Auffassungsgabe der Politik mutet die Tatsache an, dass es die Zeit des II. Weltkriegs war, in der die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Erfassung von Daten über den Zustand der Wirtschaft aufkam, weil sie die Kalkulationsbasis der für Kriegsausgaben verfügbaren Mittel bildeten - woraus schließlich die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung entstand.
  • Erst in der 1. Hälfte des 20. Jh. gewann die Diskussion um eine systematisierte Erfassung von Wirtschaftsdaten zur Wohlstandsmessung an Bedeutung, vor allem in den USA und in Großbritannien.

Was gefällt an diesen Zahlen nicht?#

Generell ist die Aussagekraft des BIP bezüglich der Wirtschaftsleistung der Menschen in einer Volkswirtschaft begrenzt, da zahlreiche Faktoren nicht oder nur teilweise mitberechnet werden. Dazu gehören z.B. die Subsistenzwirtschaft, Hausarbeit, Pflegearbeit, Heimwerken, Kinderbetreuung, Ehrenämter und (mitunter sehr produktive) Hobbies. Auch die Schwarzarbeit, ja die gesamte Schattenwirtschaft sowie auch eine Fülle von Schäden (etwa an der Umwelt) bleiben unberücksichtigt.

Unter bestimmten Bedingungen werden die Ergebnisse für einzelne Staaten verzerrt. In Irland haben zahlreiche internationale Unternehmen rechtlich ihren Sitz, um mittels des "Double Irish With a Dutch Sandwich"-Modells ihre anderswo erzielten Gewinne niedriger zu versteuern, was das irische BIP aufbläht. In Luxemburg wiederum sind 43% aller Lohnabhängigen Grenzgänger, sodass der Wert des Pro-Kopf-BIP im Vergleich etwa doppelt so hoch ist. Auch sind Tourismusausgaben im Ausland im BIP des Herkunftslandes enthalten, was vermuten lässt, dass sie doppelt gezählt werden. Und dies sind nur ein paar Beispiele.

Natürlich: Solange die Menschengemeinschaft an Zahl zunimmt und dabei die Lebensqualität derer, die wenig haben, freilich auch steigen soll, ist das BIP unverzichtbar, ebenso der Konsum als Wirtschaftsmotor. Doch widerspiegelt das BIP eben nur die (gehandelte) Produktionsleistung, und nicht den "Wohlstand" einer Volkswirtschaft. Daher gibt es lange schon auch eine ganzheitliche und nicht nur ökonomische Sicht vom Wohlergehen der Menschen, dessen sich die Lebensqualitätsforschung annimmt. Ein Beispiel dazu ist die vom ehem. französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy initiierte "Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress" (mit Knowhow von fünf Nobelpreisträgern). Von ihnen wurde eine alternative Berechnung erwartet, die nicht nur das Wirtschaftswachstum, sondern das "Wohlergehen" eines Landes zeigen kann, für welches wohl das BIP weiterhin eine Hauptrolle spielt, aber auch Einkommensniveaus, Familienarbeit, Freizeit, Gesundheit und der Zustand der Umwelt maßgeblich sind.

Und dann ist da noch das Feld des Konsums. Vielleicht nicht allen, sicherlich aber dem der mit offenen Augen durch volle Läden geht, fällt auf, welche im vollen Wortsinn übertriebene Fülle von Warensorten aller Sparten angeboten - und gekauft - wird. Erschwert wird dieser Umstand durch eine ihn begleitende "Wegwerf-Unkultur", eine Unsitte, zu der nicht nur die Mode von einer Saison zu nächsten anleitet, sondern die auch durch wenig geistreiche Verordnungen[3] gefördert wird. Auch die manchen Menschen eigene "Hamstermentalität" wird hier zweifellos etwas beitragen.

Viele Autoren widmeten sich bereits dem Phänomen der Konsumsteigerung in Wohlstandszeiten, ohne dass zugleich mit dieser auch eine zunehmende Zufriedenheit der Menschen einherginge. Sie kritisieren zurecht, dass Wertvorstellungen und modisches Verhalten sich vermengen und Kaufkraft für "vergänglichen Komfort[4]" verschwendet wird. Es wird sichtbar, wie der Konsument oft schnell die Freude an Gegenständen verliert, die er wegen ihrer Neuheit und Unverbrauchtheit oder durch Verführung zu einem Kauferlebnis erstanden hat.

Überall auf der Welt wird also mit der Frage nach "wirklich gutem Leben" einer Gesellschaft zugleich auch die nach dem richtigen Weg gestellt, wobei es zwischen ökonomischem Wachstum und Daseinszufriedenheit wohl kaum ein "entweder-oder" geben dürfte. Klar ist aber, dass in einem endlichen Lebensraum mit Rohstoffgrenzen und Umweltsorgen die bisherigen Parameter dafür kaum noch taugen. Sehen wir uns also an, ob die politische Umsetzung des Wunsches der Bevölkerung nach - materieller und ideeller - Zufriedenheit für Herrschende ein Thema ist, wo dies versucht wird und welche Ergebnisse dabei allenfalls erzielt werden können.

Das "Bruttosozialglück" im Königreich Bhutan[5]#

Das Königtum Bhutan hat sich erst vor einem halben Jahrhundert zum Aufbruch in eine wirtschaftlich-technische Moderne entschlossen. Schon zu Beginn dieser Zeit beschloss der Regent mehr aus Zufall als einer der ersten weltweit, den Lebensstandard ganzheitlich zu definieren und statt auf Wachstum auf ein "Bruttonationalglück" zu setzen[6]. Das Land ist kleiner als die Schweiz, hat 750.000 Einwohner mit einem BIP pro Kopf von 800 Dollar und ist damit eines der ärmsten Ländern Asiens. Sein größtes Kapital ist die unberührte Natur und eine einzigartige Landschaft. 70% der Fläche sind bis heute bewaldet, 25% sind Nationalparkregionen. Noch vor einer Generation lag der Anteil der Landwirtschaft bei den Erwerbspersonen über 90% und bei 5% in der Industrie. Mit österreichischer Entwicklungshilfe exportiert Bhutan heute Strom aus Wasserkraft nach Indien, ist aber auf Importe von Lebensmitteln von dort angewiesen. Die Arbeitslosigkeit v.a. unter der Jugend ist hoch.

Die Abschottung des kleinen Landes von der Moderne war lange Zeit rigoros, erst um 1975 wurden die ersten Touristen ins Land gelassen (z.B. 2.500 p.a., später mehr), Fernsehen und Internet waren bis 1999 verboten, und erst seit wenigen Jahren gibt es auch ein Parlament. Um die nationale Einheit zu sichern, ordnete der König Anfang der 1990er Jahre die Vertreibung von 100.000 nepalesischen Flüchtlingen an, die schon länger im Land lebten, nunmehr jedoch in Lagern hinter der Grenze hausen. Und gerade dieses Land verfiel auf die Idee, ein "glückliches Leben" als Staatsziel zu definieren. Nach der Verfassung ist das Bruttonationalglück "ein Mandat des Staates zur Schaffung einer Umgebung, in der die Bürger mentaler Gelassenheit nachgehen können."[7]

Doch die Politik des Bruttonationalglücks entstand - anders als z.B. die Soziale Marktwirtschaft - zunächst nicht als intellektuell-theoretische Konzeption, sondern war nur eine ungefähre Vorstellung von einer nicht nur materiell ausgerichteten Entwicklungspolitik. Erst 1998 entstand daraus ein auf "vier Säulen" beruhender Ordnungsrahmen:

  1. Nachhaltige und gerechte sozialwirtschaftliche Entwicklung
  2. Bewahrung der Umwelt
  3. Schutz und Förderung der Kultur
  4. Förderung eines guten Verwaltungssystems

Zur Umsetzung dieser Prinzipien entstand mit dem "Gross National Happiness Center" in Thimphu eine Institution, in der Beamte, Lehrer und Unternehmer diese Staatsdoktrin "lernen und erleben" sollen. Um welche Inhalte es in der Praxis dabei geht, wird empirisch u.a. auch mithilfe von Ergebnissen aufwendiger Befragungen der Bevölkerung zu einer Systematik des "Bruttonationalglücks" erarbeitet, welche neun Glücks-Indikatoren umfasst:

  • psychisches Wohlbefinden: Welche Bedeutung haben Mitleid, Gebet, Meditation, aber auch Eifersucht, Neid und Frustration?
  • Zeitverwendung: Was können Menschen in 24 Stunden erledigen, und ist das, was sie tun, dem Glück zuträglich?
  • Gemeinschaftsleben: Wie sehen die Beziehungen in der Gemeinschaft aus?
  • kulturelle Vielfalt: Werden Dialekte respektiert und regionale Gebräuche, Feste oder Sportarten ausreichend gewürdigt?
  • Gesundheit: Wie oft sind die Menschen krank? Wie weit haben sie zum nächsten Arzt?
  • Bildung: Werden Kenntnisse, humane und traditionelle Werte und Kreativität gefördert?
  • ökologische Vielfalt: Wie ernst werden Themen wie Umweltschutz, Artenschutz oder Aufforstung genommen?
  • Lebensstandard: Gibt es genug Wohnraum, Lebensmittel und Infrastruktur?
  • gute Regierungsführung: Stärke der Verfassung und Qualität der Gesetze, Ehrlichkeit in der Politik und Effizienz der Verwaltung?

Sehen wir uns aber noch an, auf welche wirtschaftspolitische Situation diese neue Doktrin traf. Das ursprüngliche Wirtschaftssystem bestand aus Tauschhandel. Freie Märkte für Waren, die mit Geld bezahlt wurden, Wettbewerb und Konkurrenz hatten bis in die 1950er Jahre in Bhutan für die große Mehrheit der Bevölkerung kaum eine Bedeutung, denn sie lebte von der Subsistenzwirtschaft. Von da an gab es erste Ansätze einer Öffnung des Landes und für Teile der Bevölkerung begann Geld erstmals eine Rolle zu spielen. Mit der Straßenanbindung nach Indien kam auch die indische Währung als Zahlungsmittel. Erst 1974 führte Bhutan den "Ngultrum" als eigene Währung ein, der bis heute 1:1 an die indische Rupie gekoppelt ist.

Durch die Wirtschaftsbeziehungen mit Indien ist auch die Gefahr groß, die dortige zeitweise um ein Mehrfaches höhere Inflation zu importieren. So machte sich die Monetarisierung erst in den 1970er Jahren wirklich in der Gesellschaft bemerkbar. Die Bedeutung der marktwirtschaftlichen Ordnung für die Bevölkerung war gestiegen, nachdem viele Landwirte durch neue Agrartechniken nun auch Überschüsse erwirtschafteten. Die Bedeutung der Subsistenzwirtschaft nahm ab, der Anteil der in der Landwirtschaft Erwerbstätigen, der 2000 noch mit 94% angegeben wird, erreichte 2016 nur noch 56%. Dennoch gibt es auch heute noch in entlegenen Gegenden Bhutans Naturaltauschhandel, die weitaus meisten wirtschaftlichen Aktivitäten aber kennen seit der Monetarisierung freien Wettbewerb und Konkurrenz.

Was brachte die "Politik des Bruttonationalglücks" diesem Land?

Betrachten wir zunächst als ersten den sehr wichtigen Bereich der Gesundheits- und Bildungspolitik. Bhutan folgt dem Entwicklungsansatz eines "sozial geförderten Prozesses", mit dem eine Erhöhung der Lebenserwartung der Bevölkerung durch Kombination angepeilt wird, und zwar durch entsprechende sozialpolitische Programme in beiden Politikbereichen. Die Lebenserwartung stieg in Bhutan im Zeitraum von 1960 bis 2016 von 37 auf 70 Jahre an. Der Bildungspolitik des Landes wird ebenfalls "unglaublicher Fortschritt" bescheinigt: Zwei Drittel der Bevölkerung mit 6 und mehr Jahren können lesen und schreiben, die Schulen sind überall bis zur Hochschule kostenlos, und alle wollen dorthin. Als Ergebnis gibt es zu viele Akademiker, die in einem so kleinen Land keine Arbeit finden, dafür aber fehlen den Betrieben die Handwerker. Der Franzose Ha Vinh Tho (mit Wurzeln in Vietnam), langjähriger Leiter des Gross National Happiness Center in Thimphu bot daher Kurse an, um bei der Jugend "den Unternehmergeist zu wecken, damit nicht alle Beamte werden wollen", sondern "selbst Ideen haben und dazu die Initiative ergreifen".

Ein zweiter Bereich ist die Umsetzung der Richtlinien zum Umweltschutz. Bereits 1974 wurde in der Verfassung festgelegt, dass die bewaldete Fläche nicht unter 60 Prozent sinken darf, da der Wald der Erhaltung von Ästhetik, des Klimasystems sowie durch Vermeidung von Bodenerosion dem Zivilschutz dient. Auf Holz als lukrative Einnahmequelle wurde somit weitgehend verzichtet. Aus internationaler Perspektive hat die Politik Bhutans hier Beispielcharakter, selbst wenn dies durch die geringe Bevölkerungszahl erleichtert wird. Die enorme "Reliefenergie" der Landesnatur ist heute die Grundlage für die Wasserkraftnutzung als größten Industriezweig.

Ein dritter, bedeutender Sektor ist die Tourismuspolitik. Mit der Zulassung des Tourismus 1974 sollte eine weitere Einnahmequelle für Staat und Bevölkerung geschaffen werden, jedoch ohne eine verfehlte Tourismuspolitik (wie z.B. jene in Nepal) zu wiederholen, die dort Umweltzerstörung, Nahrungsmittelknappheit für die einheimische Bevölkerung, Drogen- und Rotlichtszenen hervorbrachte. Aufgrund solcher Befürchtungen hat Bhutan stets die Anzahl der Touristen limitiert und unerwünschte Effekte von Massen- bzw. Low-Budget-Tourismus vermieden. Der Tourismus wurde an die eigenen Bedürfnisse angepasst, und nicht umgekehrt, er steht in Einklang mit dem Umweltschutz, der Bewahrung der Kultur und einer nachhaltigen sozio-ökonomischen Entwicklung.

Ein viertes Element bilden Kultur und nationale Identität, die zugleich eine Sonderstellung im bhutanesischen Ordnungsgefüge innehaben. Im Zusammenhang mit der geopolitischen Lage zwischen Indien und China wird das Land durch seine Rohstoffarmut geschwächt, und es bleibt allein die indigene Kultur als möglicher Faktor, die Souveränität Bhutans zu behaupten. Anderen buddhistischen Königreichen und Theokratien in der Region (Mustang, Ladakh und Tibet) ist dies ja nicht gelungen, und zuletzt ging auch das Nachbarkönigreich Sikkim in Indien auf, weil dort die nepalesische Volksgruppe in Überzahl den Anschluss an Indien betrieb.

Als Volkszählungen in den 1980er Jahren ergaben, dass die Volksgruppe nepalesischen Ursprungs in Bhutan viel größer war als angenommen, erließ der König 1985 ein Staatsangehörigkeitsgesetz, in dessen Folge viele Nepalis des Landes verwiesen wurden - aus Sicht Bhutans waren sie nun illegale Immigranten. Die Politik Bhutans zeigt sich hier trotz der Einbettung des Bruttonationalglücks in die buddhistische Moral als ein Musterbeispiel für utilitaristisches Handeln, indem gegen eine Gefährdung der nationalen Souveränität die Rechte der nepalesischen Einwanderer eingeschränkt wurden. Zwar verstößt die Reservierung einer ausgeglichenen sozio-ökonomischen Entwicklung nur für die einheimische Volksgruppe noch nicht gegen den Ordnungsrahmen des Bruttonationalglücks, es sei denn, dass dieser Rahmen ein Teil der religiösen Ordnung ist. Da sich der Buddhismus auf das Wohl aller Lebewesen bezieht, liegt mit der Einwanderungs- und Kulturpolitik Bhutans wohl doch ein Verstoß gegen diese Ordnungsprinzipien vor.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass bereits ab Beginn der Modernisierung des Landes (ca. 1960) die Politik Bhutans mit den erst 20 Jahre später ausgerufenen Prinzipien des Bruttonationalglücks vereinbar ist, die selbst erst noch später (nach 1990) genauer formuliert wurden. Sie sind in Reden, Artikeln und Statements enthalten, doch es existiert dazu kein offizielles Staatsdokument. Seit 2008 finden sie sich indirekt in der damals ratifizierten Verfassung Bhutans wieder.

Die glückfördernde Politik Bhutans ist allerdings in gewisser Weise durchaus mit den Prinzipien einer "Ökosozialen Marktwirtschaft" vergleichbar, für die es in Deutschland ja auch kein offizielles Dokument gibt - in Österreich allerdings seit der jüngsten "türkis-grünen" Regierungsbildung die Premiere eines ökosozialen Regierungsprogramms.

Bildbelege zu Bhutan#

Kulturlandschaft um die alte Hauptstadt Punakha (Foto: Eli Shany, April 2020)
Kulturlandschaft um die alte Hauptstadt Punakha (Foto: Eli Shany, April 2020)
Die Hochtäler in Bhutan zeigen Typlandschaften der 'Hydraulischen Kultur' (nach Karl Wittfogel). (Foto: Aus einer Serie von Adam Monk).
Die Hochtäler in Bhutan zeigen Typlandschaften der "Hydraulischen Kultur" (nach Karl Wittfogel). (Foto: Aus einer Serie von Adam Monk).
Traditionelle bhutanesische Bauerntracht (Quelle: Getty Images/Lonely Planet Images)
Traditionelle bhutanesische Bauerntracht (Quelle: Getty Images/Lonely Planet Images)
Eines von unzähligen Devotionalbildern in Bhutan (Foto: Claus Walter, Österr.-Bhutan. Ges.)
Eines von unzähligen Devotionalbildern in Bhutan (Foto: Claus Walter, Österr.-Bhutan. Ges.)
Wasserkraftanlage im Bau nahe Wangdue Phodrang (Quelle: REUTERS)
Wasserkraftanlage im Bau nahe Wangdue Phodrang (Quelle: REUTERS)
Schulfest an der österreichischen Schule in Rangtse (Foto Claus Walter, Österr. Bhutan Ges.)
Schulfest an der österreichischen Schule in Rangtse (Foto Claus Walter, Österr. Bhutan Ges.)

Recht auf gutes Leben - ein Weg für Lateinamerika?#

Neben dem "Top-down"-Ansatz einer Politik der Lebensfreude im Königreich Bhutan existieren auf dieser Welt jedoch noch weitere, durchaus revolutionär gemeinte Wege zu einer besseren Welt. Den Hintergrund für konkrete Vorgänge alternativ zum kapitalistischen System bilden politische Veränderungen nach Präsidentschaftswahlen in Bolivien (Evo Morales 2005) und Ecuador (Rafael Correa 2006), deren sachpolitischen Inhalten hier nachgegangen werden soll. In diesen beiden Ländern kam es zu linksorientierten Regierungen mit jeweils einem "Beteiligungsprozess zur Neuformulierung der Verfassung", an welchem auch indigene Bevölkerungsgruppen teilnahmen. Das Schlagwort dieses Prozesses lautet "Buen Vivir", womit ein Recht auf gutes Leben gemeint ist, das sich im Einklang mit den Rechten der Natur befindet. Dieser Grundgedanke hat in diesen Ländern Verfassungsrang erhalten. Beide Länder starteten damit eine Suche nach neuen Leitbildern und v.a. ein Ende der früheren autoritären Regime und damit auch von Neoliberalismus und wirtschaftlicher Ausbeutung. Beide Länder setzten dabei ausdrücklich auf die indigene Tradition in den Anden. Es ist der Quechua-Begriff "Sumak Kawsay", dessen Inhalt die Ziele dieses politischen Projekts repräsentiert, das "Gutes Leben" heißen soll - und ganz besonders wird dabei auf den nicht-kolonialen Ursprung dieses Konzeptes hingewiesen. In diesem Sinn ist es vor allem auch ein Versuch, die koloniale Vergangenheit, die die südamerikanische Geschichte bis heute so dramatisch prägt, endlich zu überwinden.

Das Prinzip von "Sumak Kawsay" selbst geht zurück auf gelebte Praxis der Solidarität im sozialen Handeln und fairer Gegenseitigkeit auf wirtschaftlicher Ebene, welche traditionelle Bestandteile des Zusammenlebens indigener Gesellschaften in der Anden- und Amazonasregion bilden:

  • Minka (minga): Arbeit zum gegenseitigen Nutzen in der Gemeinschaft (ähnlich unserer Nachbarschaftshilfe), zur Deckung kollektiver Bedürfnisse und Interessen, z.B. beim Bau oder der Instandhaltung von Bewässerungskanälen und Wegen.
  • Ranti-ranti: Tauschwirtschaft, basierend auf dem Prinzip von "Geben und Nehmen", wobei der Tauschvorgang nicht einmalig erfolgt, sondern sich Transfers von Werten, Produkten oder Arbeitstagen fortlaufend aneinanderreihen können, im ethisch-kulturellen Verständnis andiner Gesellschaften auch ohne zeitliche oder räumliche Begrenzung.
  • Uyanza: ein Aufruf zum Zusammenleben und zur Einheit der Gemeinschaften. Uyanza will Gelegenheit bieten, der Mutter Erde für ihre Fähigkeit zu danken, sich zu regenerieren und den Menschen ihre Gaben zu schenken. Zugleich handelt es sich dabei um eine Institution sozialer Hilfe, speziell für Familien, die ihre Arbeitskraft als Leihgabe zur Verfügung gestellt haben.
  • Uniguilla: eine Tauschmöglichkeit zur Behebung von Mangelsituationen (Lebensmittel, Werkzeuge etc.), die auch dem Ausgleich der Versorgung mit Gütern aus verschiedenen Landesteilen und besonders aus ökologischen Nischen in Grenzertragsregionen dienen soll.
  • Waki: in Abwesenheit der Bewirtschafter werden landwirtschaftliche Flächen anderen Gruppen oder Familien zur Nutzung zugeteilt. Die Erzeugnisse aus diesem System, das auch in der Viehhaltung Anwendung findet, werden zwischen den beteiligten Familien oder Gemeinschaften aufgeteilt.
  • Makikuna: die gemeinschaftliche Unterstützung von Einzelpersonen oder Familien durch die Nachbarschaft (oder die gesamte Gemeinschaft), vor allem auch in Grenzsituationen menschlicher Existenz, in denen seelische Unterstützung und Anteilnahme am meisten gebraucht werden.

Allein die sprachliche Darstellung des guten Lebens hat viele sozialpolitisch Aktive bzw. Interessierte zu näherer Beschäftigung mit indigenen Vorstellungen von Gemeinwohl veranlasst und so nicht nur Quechua- oder Aymara-Quellen in Ecuador und Bolivien gefunden, sondern auch bei den Mapuche in Chile, Guarani in Paraguay, Kuna in Panama, ebenso bei den Maya in Guatemala und Mexiko, und auch die südafrikanische Spielart vom Gemeinschaftssinn "Ubuntu" zählt dazu. Doch darauf, dass aus dieser regionalen Vielfalt, in der Ideen eines guten Lebens in verschiedener Weise manifest sind, sich eine große, institutionalisierte Bewegung ergibt, wartet man bislang leider vergebens. Tatsache ist jedoch, dass dieses Konzept in der Republik Ecuador (2008) und im Plurinationalen Staat Bolivien (2009) in die jeweiligen Verfassungen Eingang gefunden hat.

Ecuadors Verfassung zum Guten Leben#

Die Verfassung von Ecuador hat das "Gute Leben" als zentrales Verfassungsziel definiert, eine in indigenen Kulturen Lateinamerikas bereits seit Jahrhunderten gelebte Idee. Der damalige Parlamentspräsident Alberto Acosta hat in seinem Buch "Buen Vivir" die Prinzipien dieses Ziels in ausgeprägt linksintellektuellem Stil dargestellt; es handelt sich um folgenden Kanon von Forderungen an Gesellschaft und Politik:

Buen Vivir für alle statt Dolce Vita für wenige
Vorstellung einer wesentlich stärkeren Umverteilung, damit nicht nur wenige, sondern (möglichst) alle gut leben können

Entwicklungsgedanken überwinden
Ablehnung der "Verwestlichung" sozialwirtschaftlicher (u.a.) Strukturen zugunsten regionaler Individualität und Diversität

"Postextraktivismus" propagieren
Überwindung der Ausbeutung von Ressourcen, die ungeachtet oft verheerender ökologischer und sozialer Konsequenzen erfolgte

Mensch und Natur vereinen
Festigung der Vorstellung des "Menschen als Teil der Natur" und somit des Naturschutzes als Schutz des Menschen

Natur als Rechtssubjekt etablieren
Ziel ist, für Umweltorganisationen und -aktivisten Parteistatus "im Namen der Natur" zu erwirken, um vor internationalen Gerichten gegen Umweltschädigung Klage erheben zu können

Anthroprozentrische Logik des Kapitalismus beenden
Beendigung der "anthroprozentrischen Sichtweise" von der globalen Kultur, Gleichstellung von Mensch und Natur im Rechtssystem, "Entmerkantilisierung" von Natur (d.h. kein Naturschutz als Geldanlage oder Handel mit CO2-Zertifikaten)

Erfindung der Postwachstumsgesellschaft
Organisation einer schrumpfenden Wirtschaft ("Degrowth") in der 1. Welt bei Vermeidung (neuer) sozialer Ungerechtigkeit, Panik oder Aggression

Solidarität, Gegenseitigkeit und Harmonie entwickeln
Überwindung von Liberalismus und Sozialismus mit der Zielvorstellung von Mensch und Natur als große Gemeinschaft ("Mutter Erde" oder "Pachamama"), deren "gutes Leben" sich in natürlichem Gleichgewicht befindet

Dialogmöglichkeiten und Reflexionszonen schaffen
Stärkung der Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Menschen und Gemeinschaften und eines politischen Willens zur "Einheit in Vielfalt"[11]

Die neue Verfassung dieses Andenstaats will damit eine Reihe von Bestimmungen durchsetzen, die für ein "gutes Leben" als unabdingbar gelten. In der Präambel wird die Absicht präsentiert, "eine neue Form des Zusammenlebens der Bürger und Bürgerinnen in Vielfalt und Harmonie mit der Natur aufzubauen, um ein Dasein im Sinne von ‚Sumak Kawsay' zu erreichen". Dazu gehört in erster Linie das Recht auf Ernährung, Gesundheit, Erziehung und Wasser[12]. Ganz entscheidend ist dabei die Anerkennung des Grundrechts auf Wasser, welches zugleich mit dem Verbot jeder Form der Privatisierung dieses lebenswichtigen Elements verbunden wird. Ein weiterer Ansatz verfolgt das Ziel, Rohöl in den geologischen Formationen des Amazonasgebietes nicht auszubeuten, sondern dort zu belassen.

Bildbelege zu Ecuador#

Garnelenplantage in der Bucht von Guayaquil am Pazifischen Ozean (Foto: Rifkat Chajbullin auf Google Earth)
Garnelenplantage in der Bucht von Guayaquil am Pazifischen Ozean (Foto: Rifkat Chajbullin auf Google Earth)
Vikunja am Chimborazo (Vulkan mit 6300 m Höhe), dem höchsten Berg Ecuadors (Foto: David Torres Costales, Riobamba)
Vikunja am Chimborazo (Vulkan mit 6300 m Höhe), dem höchsten Berg Ecuadors (Foto: David Torres Costales, Riobamba)
Cuyabeno Nationalpark, im Flussgebiet des Amazonas-Zubringers Napo (Foto: Isaac Mallol auf Google Earth)
Cuyabeno Nationalpark, im Flussgebiet des Amazonas-Zubringers Napo (Foto: Isaac Mallol auf Google Earth)
Fassade der Kathedrale San Pedro in Riobamba, einziger nach einem verheerenden Erdbeben 1797 erhalten gebliebener historischer Bauteil (Foto: vermutl. Ignasi Puiggros 2018 für Google)
Fassade der Kathedrale San Pedro in Riobamba, einziger nach einem verheerenden Erdbeben 1797 erhalten gebliebener historischer Bauteil (Foto: vermutl. Ignasi Puiggros 2018 für Google)

Buen Vivir und Pachamama in Bolivien#

Die Parallelen zwischen den Verfassungsprozessen in Bolivien und Ecuador sind offensichtlich: Beide Länder haben die Verfassung als Neugründung ihrer Staaten in einem nachkolonialen Kontext verstanden, beide bekennen sich zum Konzept des Plurinationalismus[13], und in beiden tauchen die Konzepte des Buen Vivir und der Rechte der Natur auf. Dennoch gibt es wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Verfassungen[14]. In der bolivianischen Verfassung von 2009 ist der Begriff des "Buen Vivir" im Artikel 8 (Grundsätze, Werte und Ziele betreffend) verankert. Folgende ethisch-moralische Prinzipien der pluralen Gesellschaft, die dem Kanon der Lebensideale der indigenen Bevölkerung in den Anden entnommen sind, werden verfolgt und gefördert:

"Indigene Lebensideale" -> mögliche Entsprechung in klassischen Grundwerten

  • ama qhilla (nicht faul sein) -> Verantwortungsbewusstsein
  • ama llulla (nicht lügen) -> gegenseitiger Respekt
  • ama suwa (nicht stehlen) -> Solidarität gegenüber der Gemeinschaft
  • suma qamaña (erfülltes Leben) -> Chancengerechtigkeit
  • ñandereko (harmonisches Leben) -> Würde und gleiche Rechte für alle
  • teko kavi (gutes Leben) -> allgemeiner Wohlstand
  • ivi maraei (Erde ohne Böses) -> intakte Umwelt
  • qhapaj ñan (den Weg der Weisheit gehen) -> Streben nach Gerechtigkeit und Frieden

Als erstrebenswertes Ziel wird eine Wirtschaftsordnung definiert, die an Grundsätze wie Solidarität und Wechselseitigkeit gebunden ist und in der der Staat eine Umverteilung erzielter Überschüsse anpeilt. Artikel 313 bestimmt, dass die wirtschaftliche Organisation so auf die Schaffung eines Sozialprodukts und die gerechte Verteilung von Werten auszurichten ist, dass ein "gutes Leben in seinen vielfältigen Dimensionen" möglich wird. In der Tat hat der bolivianische Präsident mit der Verstaatlichung des Erdölsektors dieses Ziel in einem wesentlichen Teilbereich ja auch umgesetzt.

Ausgehend von der Kritik am sogenannten "westlichen Entwicklungsparadigma", das auf Wirtschaftswachstum, Fortschritt und der Ausbeutung der Natur basiert, wurde mit der bolivianischen Verfassung auch auf ein Gesetz zum Schutz der Natur hingearbeitet. Konkret sind die Motive dafür vor allem der Kampf gegen den globalen Klimawandel, gegen die Wasserknappheit ("Straftat Wasserkommerzialisierung"), die Auspowerung der Erde (durch Übernutzung und Monokulturen) und das Verbot der Spekulation mit Grundnahrungsmitteln. In diesem Sinn kam es 2010 zur Verabschiedung des "Gesetzes zum Schutz der Erde", das an die Aymara-Mythologie der "Pachamama" (Mutter Erde)[15] anknüpft. Es beruft sich auf die universelle Erklärung der Rechte der Mutter Erde, die während des alternativen Klimagipfels in Cochabamba verabschiedet wurde. Vorgesehen war die Errichtung einer staatlichen Behörde ("Defensoría de la Madre Tierra"), die über Gültigkeit, Förderung, Verbreitung und Umsetzung dieser Rechte wachen solle. Der Gesetzestext betont die Notwendigkeit eines Gleichgewichts in der Natur sowie auch der "Regeneration der Mutter Erde", und er sieht schließlich ein "Verbot der Vermarktung der Mutter Erde" vor.

Freilich garantiert der Verfassungsrang noch nicht die Umsetzung eines "Vivir Bien" oder des Schutzes der Natur. Die bolivianische Wirtschaft basiert weiterhin auf dem Abbau und Export von natürlichen Ressourcen (Erdöl, Erdgas, Lithium). Die Erlöse aus dem Rohstoffexport werden zwar anders als vorher stärker vom Staat vereinnahmt und zur Finanzierung einer aktiven Sozialpolitik eingesetzt, doch bleibt die Abhängigkeit von der Ausbeutung natürlicher Ressourcen bestehen.

Und wie weit ist "Buen Vivir" gediehen - oder auch nicht?#

Grundsätzlich können wir wohl feststellen, dass sich in den letzten beiden Jahrzehnten entwicklungspolitisch in beiden Ländern einiges getan hat, wenn auch nicht behauptet werden kann, dass dies auf die Durchsetzung einer Lebensfreude- oder Sozialglückspolitik zurückzuführen ist. Dazu fehlt es in beiden Ländern an ausreichend konkreten Parametern für die Umsetzung, aber dennoch beurteilen die meisten Analysten die Entwicklung positiv.

In Ecuador verpflichtet die Verfassung von 2008 den Staat zu Maßnahmen auf dem Gesundheitssektor, darunter zu einem kostenlosen Zugang den Bürger zu ärztlicher Behandlung und Medikamenten. Das brachte wohl Verbesserungen in ländlichen Gebieten, doch es existiert ein hinreichender Zustand der Gesundheitsversorgung bislang weiterhin nur in den großen Städten Quito, Cuenca und Guayaquil. Weitere sozialwirtschaftliche Erfolge listet eine Studie des Center for Economic and Policy Research (CEPR, Washington DC) auf und benennt dazu folgende Ergebnisse:

  • Als Resultat von Wirtschaftswachstum und Beschäftigungsprogrammen konnte die Armutsrate während der Amtszeit Correas um 38% gesenkt werden; die extreme Armut reduzierte sich um 47%.
  • Zwischen 2006 und 2016 betrug das jährliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf 1,5% - trotz Finanzkrise (2008-09) und Ölpreisverfall (2014); zuvor lag das Wachstum bei 0,6% im Mittel.
  • Es gab erhebliche Steigerungen der Sozialausgaben für Gesundheit, Wohnungsbau, Bildung und die Stadtentwicklung.
  • Die Regierung investierte 2,1% des BIP für die Hochschulbildung - damit ist Ecuador Spitzenreiter in Lateinamerika (und liegt über OECD-Durchschnitt).
  • Ecuador gilt als "Vorbild für andere Länder des Globalen Südens".

Diese Zeit war zugleich die längste demokratische Periode in der Geschichte des Landes als unabhängige Republik. Das "formal-demokratische System" wird jedoch weiterhin durch die "informellen Faktoren" Korruption, persönliche Interessen von Politikern und Familienclans und politische Skandale massiv unterminiert; dabei schien sich die politische Landschaft während der Präsidentschaft Rafael Correas (2007-2017) deutlich zu verändern und zu verbessern. Für seinen Nachfolger Lenín Moreno gilt das leider nicht mehr, und zwischen einer möglichen "Stärkung demokratischer Governance", größerer Pressefreiheit und weniger Restriktionen für die Zivilgesellschaft einerseits und einer "institutionellen Krise in Ecuador" anderseits schwankt die Einschätzung von Beobachtern.

Die politische Macht im zentralisiert politische System Ecuadors liegt hauptsächlich beim Präsidenten und damit in der Hauptstadt Quito. Doch die Praxis verlangt eine ständige austariert von Zielen und Kräften zwischen den Großregionen Costa (Guayaquil) und Sierra (Quito). 2010 begann die damalige Correa-Regierung als Teil des Buen Vivir-Konzeptes mit einer Neuordnung der administrativen Gliederung und schuf dazu neun neue administrative Großeinheiten, in denen eine bessere Koordinierung der Regionalentwicklung stattfinden sollte. Herausragendes Ereignis der letzten Jahre aber war die Schaffung der "Konföderation der Indigenen Nationen Ecuadors" (kurz CONAIE). Geringer institutioneller Einfluss hindert diese nicht an spektakulären Aktionen (Unterstützung der Opposition, Besetzung des Parlaments), die die öffentliche Aufmerksamkeit wachsen lässt.

Vor allem in Bolivien hat sich seit der Wahl von Evo Morales zum Staatspräsidenten aufgrund eines komplexen Prozesses gesellschaftlicher und politischer Umwälzung einiges grundlegend verändert, wobei das wichtigste Ziel der Regierung die wirtschaftliche Entwicklung war. Sodann hat die Regierung in der 2013 vorgelegten "Agenda Patriótica 2025" und auch im nationalen Entwicklungsplan 2016-2020 ehrgeizige Ziele entworfen. Sie stimmen weitgehend mit den Zielen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung überein, etwa in den Bereichen Armutsbekämpfung, Wasserversorgung, Sanitäreinrichtungen sowie Schutz natürlicher Ressourcen und des Klimas[16].

Insbesondere bei der Bekämpfung der extremen Armut haben sich in den vergangenen Jahren über staatliche Sozialprogramme Erfolge eingestellt, ebenso beim Zugang zu Bildung und bei der Gesundheitsversorgung. Das jährliche Einkommen pro Kopf der Bevölkerung hat bis 2017 auf (umgerechnet) 3.130 US-Dollar zugenommen, und der Mindestlohn konnte unter Evo Morales auf das Vierfache gesteigert werden - von 440 (2005) auf 2.060 Bolivianos (2018), was umgerechnet knapp 300 US-Dollar entspricht. Der Human Development Index (HDI) reiht Bolivien nunmehr an die 114. Stelle unter 189 bewerteten Ländern.

Bildbelege zu Bolivien#

Kirche der Jesuitenmission von San José de Chiquito nahe dem Dreiländereck Bolivien-Paraguay-Brasilien (Foto: Paulo Yuji Takarada)
Kirche der Jesuitenmission von San José de Chiquito nahe dem Dreiländereck Bolivien-Paraguay-Brasilien (Foto: Paulo Yuji Takarada)
Salar de Coipasa auf 3.680 m Seehöhe, mit vermutlich großen Vorkommen von Lithium und Kalium (Foto: Yannis Pavlis auf Google Earth)
Salar de Coipasa auf 3.680 m Seehöhe, mit vermutlich großen Vorkommen von Lithium und Kalium (Foto: Yannis Pavlis auf Google Earth)
Titicacasee, 3812 m über dem Meer, im Grenzgebiet mit Peru (Foto: Carmen Horowitz)
Titicacasee, 3812 m über dem Meer, im Grenzgebiet mit Peru (Foto: Carmen Horowitz)

Zusammenfassung #

Wir können im Großen und Ganzen feststellen, dass die Versuche zur Umsetzung einer Politik von „Buen Vivir“ und „Vivir Bien“ sicherlich einige ähnliche Ergebnisse gezeitigt haben, wie das Staatsprinzip des „Sozialglücks“ in Bhutan. Wer aber glaubt, dass die politischen Vorgänge in Ecuador und Bolivien vielleicht als Ergebnisse von „Bottom-up-Prozessen“ gewertet werden können, irrt wahrscheinlich, denn auch sie stehen und fallen mit wenigen Einzelpersönlichkeiten. Der Hauptgedanke ist jedenfalls, dass „Gutes Leben“ nicht auf „mehr haben“ (wenn man so will), nicht auf Akkumulation und Wachstum zielt, sondern auf einen Zustand des Gleichgewichts – auf Produktion und Reproduktion nach dem Prinzip des „Sumak Kawsay“, welches ein soziales und ökologisches Ausgleichsideal anstrebt. So ist dieses Konzept im Grunde ein Bruch mit der Logik von Inwertsetzung und Wachstum im Kapitalismus; insofern könnte es sogar eine Orientierung für westliche Industriestaaten bilden, die auf der Suche nach Auswegen aus den gegenwärtigen ökologischen und ökonomischen Krisen sind. Sehr fraglich ist allerdings, ob es den beiden lateinamerikanischen Ländern auch in der konkreten Tagespolitik gelingt, sich wirklich am gewählten Leitbild zu orientieren und seiner Umsetzung näher zu kommen. Angesichts gegebener Strukturen und bestehender Abhängigkeitsverhältnisse ist leider zweifelhaft, ob eine Veränderung des Umgangs mit Natur und Bodenschätzen im Sinne des „Buen Vivir“ wirklich, dauerhaft und nachhaltig erreichbar sein kann. Im Sinne des „Vivir Bien“ (in Bolivien) wurde eine solche ja überhaupt nur bedingt angestrebt.

Überdies ist die politische Situation in Bolivien wie in Ecuador nach wie vor von Konflikten und Widersprüchen geprägt. So darf in beiden Ländern nicht übersehen werden, dass die offizielle Propaganda vom guten Leben ein solches in Wirklichkeit den weiterhin gültigen Zielen der Machtkonzentration und der Disziplinierung der Gesellschaft unterordnet, während gleichzeitig der Kapitalismus modernisiert wird und dieses Konzept somit letztendlich ausgehöhlt wird.

Leider wird in westlichen Ländern solchen neuen Prinzipien aus Lateinamerika vielfach eine abwertende Haltung entgegengebracht, etwa dass sie als „südamerikanische Politfolklore“ abgetan werden. Anderseits wiederum treffen sich die okzidentale Suche nach neuen Leitbegriffen und neue Konzepte aus Lateinamerika z.B. in Formulierungen der sogenannten „Menschenrechte der dritten Generation“[17]. Das Konzept des „Guten Lebens“ will aber (angeblich) mehr sein, als nur ein neuer Name für „WSK-Rechte“, und es wäre ja ein grundlegend neues Entwicklungsmodell, wenn es wirklich darauf ausgerichtet ist, Personen, Gemeinschaften, Völker und Nationen tatsächlich in den Besitz jener Rechte zu versetzen, die sie für die Wahrnehmung ihrer Verantwortung hinsichtlich der Durchsetzung eines „Guten Lebens“ benötigen. In plurikulturellen Sozialstrukturen geht es ja darum, Interkulturalität zu fördern, Diversität zu bewahren und der Natur nachhaltig zu begegnen. Und ein Blick auf andere Verfassungsprozesse in Südamerika (besonders Venezuela) zeigt noch eine Besonderheit der Entwicklung in Ecuador und Bolivien: Sie besteht in dem Versuch, neue Wege auch und gerade jenseits traditioneller, linker Anschauungen zu finden. So stellt Ecuadors „Buen Vivir“ als Verfassungsprinzip eine wirkliche konzeptionelle Innovation dar, welcher, wenig überraschend, gerade auch linke Kräfte (von Alberto Acosta als „autistische Linke“ bezeichnet) kritisch gegenüberstehen.

Also bleibt in beiden Ländern wohl nur, die Zukunft des Buen Vivir abzuwarten, doch wünschenswert wäre eine solche zweifellos. In Bolivien hat sich Evo Morales mit seiner Art der Umsetzung der Ziele von „Vivir Bien“ – im eigenen Land und in aller Welt – viele Feinde geschaffen, freilich auch solche, die ihre Interessen in diesem Land nun nicht mehr in gleichem Umfang können, nicht zuletzt aber auch durch seinen sichtlichen „politischen Gesinnungswandel“ in den letzten Jahren. Und inwieweit die Umverteilung der von ihm erwirkten staatlichen Erträge an Millionen Arme als sein Verständnis von einem essentiellen christlichen Gebot aufgefasst werden kann, wird sich nach seinem Abgang wohl auch nicht mehr bewahrheiten lassen.

Doch bei der Übernahme des Präsidentenamtes durch Senatorin Jeanine Áñez am 12. Nov. 2019 verwendete diese nun ihrerseits das christliche Symbol der Bibel, um anzudeuten, dass sie die Politik ihres Vorgängers (ihrer Ansicht nach die eines „satanischen Aymara“), rückgängig machen werde. Man darf wohl annehmen, dass auch dies gemischte Gefühle ausgelöst hat und sich Folgen in der bolivianischen Gesellschaft erst noch zeigen werden. Einstweilen scheint es so, dass die politischen Spuren des „ersten indigenen Präsidenten eines lateinamerikanischen Landes“ vielleicht weniger die eines (nach eigener Aussage) „indigenen Katholiken“ aus dem Volk der Aymara bleiben werden, als eher die eines Politikers „wie so viele andere“.

Quellen (in Auswahl)#

Alberto Acosta: Buen vivir. Vom Recht auf ein gutes Leben. München 2015.
Alberto Acosta: Die Welt aus der Perspektive des Buen Vivir überdenken. Übersetzt von Mercè Ardiaca Jové, online by degrowth in Bewegung(en) am 30. August 2016 auf www.degrowth.de
Sophia Boddenberg: Boliviens "Mutter Erde". Das Wissen der Vorfahren nutzen. Beitrag vom 3. Dezember 2018 im Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit/Archiv.
Buen Vivir: Neun Forderungen einer neuen Lebensphilosophie. Veröffentlicht von "Für eine bessere Welt", Plattform für Idealisten, Querdenker und Gutmenschen. Hamburg, auf der Webseite fuereinebesserewelt
Matthew Peter Casey: Christus versus Pachamama. Weltsichten, Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit, 30. Januar 2020
Colin Clark: The conditions of economic progress. Ed. Macmillan. London 1940.
Thomas Fatheuer: Buen Vivir. Eine kurze Einführung in Lateinamerika's neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur. Heinrich-Böll-Stiftung, Schriften zur Ökologie Band 17, Berlin 2011.
Fabian Franke: Nie im Leben. In: fluter, Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, Ausgabe vom 17. August 2019.
Eduardo Gudynas: Buen Vivir. Das Gute Leben jenseits von Entwicklung und Wachstum.
Deutsch von Birte Pedersen und Miriam Lang. Rosa Luxemburg Stiftung, Reihe Analysen 2011, S. 5-10.
Internationale Buen Vivir Konferenz München, Juni 2017, Vortrags-Präsentationen und Workshop-Berichte. Verfügbar auf dem Stadtportal der bayerischen Landeshauptstadt. Länder-Informations-Portal "Ecuador" und "Bolivien" der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, Bonn, Eschborn. Online im März 2020 auf www.muenchen.de
Franziska Misch: Lebensqualitätsforschung. Methoden zur Messung von Lebensqualität. GRIN Verlag, München 2012.
Heinz Nissel: Bhutan. Schwerpunktland der österr. Entwicklungszusammenarbeit. Hg. vom adc AUSTRIA, Wien o. J. (ca. 1990).
Petra Kelly Stiftung: "Buen Vivir": gutes Leben per Verfassung!? Online by gutes-leben.org am 23. August 2016.
John Perkins: Bekenntnisse eines Economic Hit Man. Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia. Goldmann, München 2007.
Tobias Pfaff: Das Bruttonationalglück aus ordnungspolitischer Sicht? eine Analyse des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems von Bhutan. Hg.: Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten, Berlin 2011.
Tibor de Scitovsky: The Joyless Economy: The Psychology of Human Satisfaction. Oxford University Press, Oxford 1976.
Solidarwerkstatt Österreich: Österreich muss seine Stimme gegen den Staatsstreich in Bolivien erheben! Online am 13. 11. 2019 unter Solidarwerkstatt
Cordi Thöny: Wie sich Evo Morales sein politisches Grab schaufelte. Erlebnisbericht einer Schweizerin in Bolivien. Luzerner Zeitung, 11. November 2019.

Weitere Webseiten:
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Anhang: Alternativen zur wirtschaftlichen Gesamtrechnung#

Wohlstand, Lebensqualität oder Gerechtigkeit in einer Volkswirtschaft können durch das Brutto-Inlandsprodukt allein kaum erfasst werden. Auch der Zustand des Sozialstaats (Krankenvorsorge, Pensionen, Existenzsicherung) werden von ihm nicht berührt, Faktoren wie sozialer Friede, Umweltqualität, landschaftliche Schönheit u.a.m. werden nicht berücksichtigt. In jüngster Zeit bewegt viele weltweit organisierte Klimaschutzaktivisten wohl zurecht, dass mit wirtschaftlichen Aktivitäten zustandegekommene gravierende Umweltschäden im BIP als positiv verbucht werden, obwohl deren Behebung zukünftige Generationen deutlich mehr kosten wird, als die heutige Bevölkerung davon profitiert. Daher wird seit geraumer Zeit nach Methoden gesucht, die weitere sozioökonomische Ziele einbeziehen, um der Wirtschafts- und Sozialpolitik aussagekräftigere Indizes anzubieten. Hier eine Liste von zwölf Indices, deren Ziel eine umfassende (soweit möglich) oder wenigstens partielle Abbildung des „Wohlstands“ in Volks- oder Regionalwirtschaften ist.

Alternativen zur wirtschaftlichen Gesamtrechnung 1
Alternativen zur wirtschaftlichen Gesamtrechnung 1
Alternativen zur wirtschaftlichen Gesamtrechnung 2
Alternativen zur wirtschaftlichen Gesamtrechnung 2

[1] Dieser Beitrag ist eine erweiterte Version des Artikels "Lebensfreude als Staatsziel und das Bruttosozialglück", erschienen in: Land & Raum, hgg. vom Österr. Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung, Heft 2/2020.
[2] Carlos Taibo ist überzeugter Verfechter der Anti-Globalisierungsbewegung, der Degrowth-Bewegung, der direkten Demokratie und des Anarchismus. Er hat die Idee scharf kritisiert, dass Wirtschaftswachstum, da es alle Bereiche (sozial, wirtschaftlich und politisch) betrifft, mit Fortschritt und Wohlfahrt verbunden ist, was auch andere Ökonomen häufig tun.
[3] Dies betrifft zB. Ablaufdaten für "verderbliche" Güter, die oft mehrere Wochen (Lebensmittel) oder gar Jahre länger (Desinfektionsmittel, Verbandmaterial) angeboten werden könnten. Verkäufer und Käufer werden dadurch jedoch zum Wegwerfen gezwungen.
[4] Zitiert nach Tibor de Scitovsky, der schon 1976, also vor fast einem halben Jahrhundert dieses Phänomen in seinem Buch "The Joyless Economy" beschrieb. Er versuchte, den Begriff der "Lebensqualität" am Beispiel der Kunst zu erklären und riet dazu, Geld in solche "Vergnügungen" zu investieren, die nicht vergänglich sind oder bleibende Erinnerungen z.B. aus gemeinsamen Unternehmungen mit Familie und Freunden schöpfen, die die Menschen erfüllen können.
[5] Dieses asiatische Land kann als autoritär-konservatives Beispiel für eine alternative wachstumskritische Wirtschaftspolitik präsentiert werden. Für einen revolutionären Weg könnten dagegen Bolivien und Ecuador gelten, die in ihren Verfassungen den Begriff des "guten Lebens" (span. "buen vivir") verankert haben, der den Aspekt der Natur als ein Subjekt, das Rechte haben kann, mit einschließt.
[6] Auf Berichte westlicher Medien, die die "langsame wirtschaftliche Entwicklung" seines Reiches kritisierten, reagierte Jigme Singye Wangchuck, IV. König von Bhutan 1979 mit den Worten: "Das Bruttonationalglück ist wichtiger, als das Bruttoinlandsprodukt".
[7] Übersetzung und Zitat nach Thomas Pfaff.
[8] 2008 sandte das "Institut für Bhutanstudien" 35 Interviewer mit einem 113 Seiten starken Fragebogen zu 1.000 Haushalten, um zu erfragen: "Bei wem haben Sie am meisten gelernt?" (Hier wird oft der Vater genannt). "Gab es immer einen Mönch in Ihrer Nähe?" (Im buddhistischen Agrarstaat für sämtliche wichtigen religiösen Zeremonien wichtig). Und es geht auch um die Frage aller Fragen: "Was macht Sie am glücklichsten?" (Hier antworteten viele: Glücklich bin ich, wenn ich genug Geld habe, um Rinder zu kaufen). Tatsache ist, dass sich die Leute über derartiges noch nie Gedanken gemacht haben, daher auch nicht verstehen, warum der Staat das von ihnen wissen will. Wenn sie aber hören, dass es ums "Bruttosozialglück" geht, antworten die meisten schon aus Respekt vor dem König.
[9] Ein neben "Buen vivir" bemerkenswerte Bewegung ist z.B. auch die der Radikalen Ökologischen Demokratie (Swaraj oder "RED") in Indien. Ihre Kernideen, die seit den 1970er Jahren um den Umweltaktivisten Ashish Kothari entstanden, definieren sich als "Antwort auf den sozialen und ökologischen Bankrott des aktuell vorherrschenden Entwicklungs- und Regierungssystems". Es gilt für sie, sich mit den zahlreichen Krisen, denen sich die Menschheit gegenüber sieht, effizienter als bisher auseinanderzusetzen: mit der Umweltbelastung, daraus resultierenden Umweltkatastrophen, mit der Ungleichheit zwischen reichsten und ärmsten Menschen, mit Epidemien, mit großen Fluchtbewegungen in aller Welt, mit der Knappheit von Ressourcen. Eine systematische Dokumentation solcher politischer Aktivitäten (die "RED" ist nur ein Beispiel), die rund um den Globus bereits existieren, ist sehr erwünscht.
[10] Alberto Acosta Espinosa war 2007/08 Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung in Ecuador und 2007 Minister für Energie und Bergbau in Ecuador. Bei der Präsidentschaftswahl in Ecuador 2013 trat er als Kandidat der Unidad Plurinacional de las Izquierdas (Einheit der plurinationale Linken) an. Alberto Acosta hat in Köln Ökonomie studiert und war Professor an mehreren Universitäten und in verschiedenen sozialen Bewegungen aktiv.
[11] In diesem Sinn vertritt "Buen Vivir" z.B. auch den "plurinationalen Staat" - d.i. ein Staat mit mehreren Nationen, Sprachen und Völkern, wie etwa Bolivien. Nebenbei sei darauf hingewiesen, dass sich die Monarchie Österreich-Ungarn bereits vor mehr als einem Jh. grundsätzlich als ein solches Staatswesen verstand.
[12] Dies erinnert an den sozialutopischen Ansatz des altösterreichischen Sozialethikers Josef Popper-Lynkeus, der in seiner Schrift "Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage" (1912) forderte, jedem Bürger des Staates den existentiellen Grundbedarf an Nahrung, Bekleidung und Unterkunft bedingungslos zuzuerkennen.
[13] Evo Morales sah in der Indigenität die Seele der nationalen Einheit Boliviens. Auf seine Initiative hin heißt Bolivien seit dem Jahr 2009 offiziell Plurinationaler Staat Bolivien, und per Gesetz sind 36 indigene Sprachen und Ethnien anerkannt. Auch das Recht der indigenen Gemeinschaften auf religiöse Traditionen ist geschützt.
[14] Eine Darstellung der Unterschiede findet sich bei Eduardo Gudynas 2011 (s. Lit.).
[15] Die "uralte Drachen-Erd-Göttin Pachamama" (nach artedea GesbR, Wien) stellen sich die Menschen - wenn nicht als Erde bzw. Universum selbst - am ehesten in Drachengestalt vor. Die Wurzeln dieser Erscheinungsform liegen vermutlich in der Inka-Kultur, die eine Drachen-Erd-Göttin kannte. Pachamama ist damit eine jener ganz alten Götterfiguren, die in vielen Kulturkreisen und spirituellen Richtungen vorkommen: als Drache in der Erde, bzw. es ist die Erde ein schlummernder Drache, der aber auch erwachen kann. Ein Zusammenhang mit dem Vulkanismus des gesamten amerikanischen Kordillerengürtels als Ursprung von Mythen und Riten ist hier nicht zu übersehen.
[16] Bei einem hochrangigen Gipfeltreffen der Vereinten Nationen vom 25. bis 27. September 2015 wurde die "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" unter dem Titel "Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" beschlossen. Alle 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen verpflichteten sich, auf die Umsetzung ihrer 17 nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene bis zum Jahr 2030 hinzuarbeiten. Die Agenda 2030 ist vorläufiger Höhepunkt einer internationalen Debatte über nachhaltige wirtschaftliche, soziale und ökologische Entwicklung. Sie stellt aufgrund des ganzheitlichen Entwicklungsansatzes, der die drei Dimensionen Wirtschaft, Soziales und Ökologie gleichrangig berücksichtigt, quasi ein Novum mit universeller Gültigkeit dar; überdies wird dabei auch die Wahrung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Good Governance sowie Frieden und Sicherheit eingefordert.
[17] Es sind dies wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, auch genannt "WSK-Rechte".