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Nichts ist mehr wie früher#

Am Anfang war ein Fund, eine Schachtel mit alten Fotos. Die Spurensuche führte in ein Grätzel in Simmering, in dem nichts mehr ist, wie es war. Wurde es besser? Ist alles schlechter? Ein Rundgang.#


Von der Wiener Zeitung (12. September 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt+

Von

Simon Rosner


Wo einst Glashäuser und nachher kleine Gärten waren, steht nun ein Kran und bald ein großes Haus
Wo einst Glashäuser und nachher kleine Gärten waren, steht nun ein Kran und bald ein großes Haus.
Foto: © Rosner

Was nehme ich mit? Wer schon einmal eine Wohnung aufzulösen hatte, wird um diese, oft bittere Frage nicht herumkommen. Vor allem wenn es nahe Verwandte waren, die in dieser Wohnung lebten. Was nehme ich mit? Weil ja fast alles Erinnerung ist. Was nehme ich also mit? Die Bücher? Notizen? Möbel? Am Ende ist es selten viel, das mitgenommen wird, der Platz daheim ist enden wollend. Ein paar Kisten werden gepackt, alles Mögliche kommt hinein, oft Impulsen folgend, selten als Ergebnis von Überlegungen, denn denken kann man in diesen Situationen meist nur begrenzt. Was ist in dieser Schachtel? Entwickelte Filmrollen. Hm. . . Kommen mit!

Jahre später. Der Kisteninhalt ist irgendwo verstaut, auch die Schachtel mit den Filmen. Plötzlich hält man sie zufällig in Händen, nicht zum ersten Mal, aber diesmal gleichzeitig mit dem Gedanken, doch endlich Abzüge machen zu lassen. Bis dahin war entweder nur der Gedanke im Kopf oder die Schachtel in den Händen.

Es sind fünf Filme. Auf einigen Foto sind die Eltern zu sehen, es müssen die ersten gemeinsamen Aufnahmen sein. Es gibt Bilder von Freunden, von einem Heurigenbesuch und einer Reise ins postrevolutionäre Portugal. Die Fotos müssen von 1975 sein. Und es gibt Aufnahmen von Wien. Nur schaut Wien auf diesen Fotos gar nicht aus wie Wien. Wo ist das?

Unverkennbar sind die Gasometer, davor ein Straßenschild der Dopplergasse. Mit Kreide hat jemand "Tschuschen-Street" darüber geschrieben. Zwischen der Dopplergasse und den Gasometern ist - nichts. Nur Gstetten. Auf anderen Bildern sind abgewrackte Hütten zu sehen, Glashäuser, überhaupt nichts Spektakuläres. Auf einem mit Wellblech bedeckten Lagerhaus steht "Firma Josef Matejka, Schrottverwertung, Nutzeisen, Maschinen". Und: Molitorgasse 15.

"Ja, da war ein Eisentandler", sagt ein älterer Anrainer, der seinen Rollator durch den Hyblerpark schiebt. Beim Betrachten des Fotos kommt auch seine Erinnerung wieder. Auf den Aufnahmen sieht es so aus, als habe Wien damals, irgendwo zwischen Doppler- und Molitorgasse, vielleicht nicht geendet, aber doch pausiert. Noch früher waren hier Gärten, es gab Landwirtschaft, im Jahr 1975 sah man die Überbleibseln. Es war Brachland, heute ist es vor allem: Bauland. Hier entstehen mehr als 1600 Wohnungen für die stark wachsende Stadt. Es ist schier nichts mehr, wie es damals war.

Dort, wo Josef Matejka verschrottete, wurde Mitte der 80er-Jahre ein Gemeindebau mit 19 Stiegen errichtet, mit Tiefgarage, einem Kindergarten und einem integrierten "Konsum". Auch der ist nur mehr eine Erinnerung.

Beim Lokalaugenschein Anfang September haben die Kinder noch Ferien. Einige stehen um eine umzäunte Wiese, auf der dutzende Hasen grasen. Als die Kinder in den Park weiterziehen, die Besitzerin die Hasen einzusammeln beginnt, erscheint die Gelegenheit günstig, sie zum Wohnen im Grätzel zu befragen. Leider nutzt auch "Charly" die Gelegenheit, ihm gelingt die Flucht durch den Zaun. Der Reporter erstarrt vor Scham, ein kurzer Ruf der Besitzerin genügt aber, und Charly hoppelt zurück. Alles gut also.

Alles gut, so lässt sich auch das Wohnen in dem Gemeindebau aus Sicht der Hasenhalterin zusammenfassen, sie war eine der ersten Mieterinnen. Es werde alles sehr gepflegt, gebe viel Grün und die öffentliche Anbindung sei "einmalig". Seit 20 Jahren fährt die U3 bis Simmering, das Grätzel erhielt mit der Zippererstraße eine eigene Station.

Es ist durchaus keine solitäre Meinung hier, wenngleich das Sample einer repräsentativen Umfrage nicht genügt und der warme, sonnige Spätsommertag vielleicht auch das seine tut, um die Gemüter gnädig zu stimmen: "Passt alles!" Die Infrastruktur, das viele Grün, auch die Qualität der Wohnungen. . . Aber!

Bedauern über das schwindende Grün#

Ohne Aber geht es nicht. Die rege Bautätigkeit ist für die Anrainer auch wirklich eine Belastung. Und das geht seit Jahren so. Die Gasometer, die auf den alten Aufnahmen von 1975 wie Monolithen im Niemandsland standen, sind nur mehr von einer kleinen Stelle im Hyblerpark auszumachen. Aus dem Gemeindebau war die Aussicht auch schon einmal besser. "Bis zur Donau", sagt ein Bewohner. Heute sieht er unter anderem das Mode- und Textilgroßhandelscenter St. Marx. Und, sagen wir, wie es ist: Selbst die Gstetten war attraktiver. Bald wird er die Gasometer gar nicht mehr sehen. An drei Hochhäusern ("The Marks") wird gerade gebaut, da wird es kein Vorbeischauen mehr geben.

Das Aber ist jedoch kein großes Wehklagen, zumindest nicht an diesem, schönen Tag. Es ist kein Ärgern, sondern mehr ein Bedauern. Es ist halt so, man kann es eh nicht ändern, warum aufregen? Und wessen Wohnung abgewandt ist, merkt auch kaum etwas und hört nichts. Nur schad ums Grün ist’s schon. Das zieht sich interessanterweise durch alle Plaudereien an diesem Tag. Ob das schwindende Grün wirklich nur ein rein innerstädtisches Bobothema ist? Wie "Charly" und seine Freunde darüber denken, ist jedenfalls auch klar.

Wo einst Glashäuser und nachher kleine Gärten waren, steht nun ein Kran und bald ein großes Haus
Wo einst Glashäuser und nachher kleine Gärten waren, steht nun ein Kran und bald ein großes Haus.
Foto: © Rosner

Irgendwo müssen die Leute eben wohnen. Also wird bald so ziemlich alles verbaut sein in dem Rayon. Der Hyblerpark wird bleiben, auf der darunterliegenden Bürgerspitalwiese entsteht aber eine neue Volks- und Mittelschule. Auch das braucht es. "Das ist gut", sagt eine Mutter, die im Park gerade Aufsicht hält. Das erste Kind ist bald schulreif, das zweite unterwegs, laut ist es halt jetzt. Und die Kinder! Das heißt, ganz konkret, die "schlimmen Kinder". Die sind dann doch ein Ärgernis. Vielleicht ist es aber auch nicht ganz ernst gemeint.

Im Park sind in dieser letzten Ferienwoche aber wirklich bemerkenswert viele Kinder unterwegs, sie laufen in Rudeln herum. Auf den Fotos sind dagegen gar keine Menschen zu sehen, bei den Aufnahmen war es aber offenbar Winter. Dass auf den Gstetten damals auch Kinder gespielt haben, kann man nur vermuten.

"Alle kennen sich hier", sagt die Mutter und grüßt und grüßt und grüßt. Sie ist seit elf Jahren in Wien und kommt aus Italien, wie sie erzählt, also ursprünglich aus Rumänien, ergänzt sie. In Wien lebe sie mit einem Serben zusammen, er sei ursprünglich ein Wiener, sagt sie, und zwar genau hier aufgewachsen. In den Gemeindebau durften Ausländer 1975 nicht, das Grätzel verfügte über etliche Altbauten mit heruntergekommenen Substandard-Wohnungen, wie ein Anruf beim Bezirksmuseum ergibt. Sie beherbergten oft Gastarbeiter. Vielleicht deshalb "Tschuschen-Street"?

Politik? Spielt anscheinend keine große Rolle#

Der Migrantenanteil heute ist deutlich höher als damals, das ist auch im Park zu sehen, wobei in den Kinderrudeln Deutsch gesprochen wird. Man muss nicht lange herumfragen, um auch bei den "Aber"-Erzählungen auf das Ausländerthema geführt zu werden. Wobei es egal ist, ob man Einheimische und Neuheimische befragt. "Warum sprechen die alle so schlecht Deutsch", fragt die italienische Rumänin.

Vor fünf Jahren war die FPÖ in diesem Wahlsprengel auf Platz eins, drei Stimmen vor der SPÖ. Passt also doch nicht alles? Auffallend war vor allem auch die niedrige Wahlbeteiligung, bei der Nationalratswahl 2017 sogar unter 50 Prozent. Wer im Hyblerpark sitzt, in alle Richtungen schaut, sieht hier überall Kommunalpolitik: die Baustellen, die U-Bahn, der Schulbau, der Park. Dennoch spricht fast niemand von sich aus die Politik an. Es ist, als ob alles einfach passieren würde, das Gute und Nützliche, das Schlechte und Ärgerliche. Nur einer schimpft ein bisschen auf die Politik. Er arbeitet bei der Gemeinde Wien.

Obwohl die Fotos von 1975 eine besondere Tristesse vermitteln, rufen sie bei alten Anrainern ein interessiertes Lächeln hervor. Es liegt wohl an den mit jener Zeit verknüpften Erinnerungen. Darum, wichtig, alte Fotos bei Wohnungsauflösungen immer mitnehmen! "Im Park ist früher überall tarockiert und Jolly gespielt worden", sagt der Mann mit dem Rollator. War es früher hier besser? "Na", sagt er, "anders."

Wiener Zeitung, 12. September 2020