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Das Zündholz im englischen Exil #

Die Salzburger Zündwarenfabriken Pfifferling 1856ff in Licht und Schatten.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: Zeitreisen Nr. 391/Wr. Zeitung, 4/1/2019

Von

Josef Andersch und Manfred Bermann


Produkte der Salzburger Firma und der mit ihr kooperierenden britischen „Anglia“.
Produkte der Salzburger Firma und der mit ihr kooperierenden britischen „Anglia“
Fotos: Slg./Archiv Andersch/Bermann
F. Schubert auf Etikett von „Handler & Pfifferling“
F. Schubert auf Etikett von „Handler & Pfifferling“
Foto: Slg./Archiv Andersch/Bermann

Am 23. Juni 1856 erschien erstmals in der „Salzburger Zeitung“ (sowie in der „Neuen Salzburger Zeitung“) ein Inserat, in welchem ein Herr Michael Pfifferling angab: „Ich erlaube mir hiemit ergebenst anzuzeigen, daß mir von der hohen Behörde ein (sic!) Fabriks- Befugniß zur Erzeugung aller Sorten Zündwaaren verliehen wurde“. Die technische Leitung habe der „anerkannte Chemiker Herr Vinc. Wittek übernommen“. Die Produktion befinde sich in Salzburg-Lehen, das „Verkaufs- Lokale (...) in der Judengasse Nr. 58“. Das war der Beginn einer Zündwaren- Erzeugung in der Stadt Salzburg.

Ab 1858 gab es übrigens für etwa zwei Jahrzehnte eine zweite Zündholzfabrik, im Johann(e)sschlössl am Mönchsberg, betrieben von Ludwig Achleitner. Zurück zur Firma Pfifferling: Deren Erzeugnisse dürften Anklang gefunden haben, wurden sie doch bei der Gewerblichen Ausstellung in Salzburg 1865 mit einer Medaille ausgezeichnet. Die Verkaufsniederlassung befand sich mittlerweile am Waagplatz Nr. 5.

Als Michael Pfifferling am 30. März 1882 im 76. Lebensjahr als hochgeachteter „Zündwaaren-Fabrikant“ starb, führte seine 27-jährige Witwe Franziska die Fabrik weiter (ab 1886 als wiederverheiratete Urban). Der Betrieb gelangte nach ihrem Ableben 1900 zu gleichen Teilen an die beiden Söhne aus ihrer Ehe mit Pfifferling. Nach dem frühen Tod von Michael jun. im Februar 1901 war Alois, damals 19- jährig, Alleinbesitzer.

Er führte die Fabrik, bis Ende 1912 eine Zwangssperre erfolgte. Hauptgrund war das endgültige Verbot der Verwendung von giftigem weißen Phosphor in der Zündmasse. Ein Markthindernis war auch, dass Pfifferling nicht mit den sechs größten Zündholzfabriken der Monarchie kooperierte, die sich am 1. Jänner 1903 unter dem Namen „Solo“ zu einem Trust zusammengeschlossen hatten. Der Wirtschaftsraum wurde in Kontingente aufgeteilt, gegenseitige Konkurrenz hintangehalten sowie noch verbliebene kleinere Erzeugungsstätten anderer Hersteller ausgeschaltet.

Alois Pfifferlings Lebensweg nach der Sperre seiner Fabrik 1912 ist nicht lückenlos bekannt; man weiß, dass er vom 1. April 1915 bis 30. Juni 1919 Betriebsleiter der Zündholzfabrik in Schmiedeberg (nun Kovářská, Kreis Chomutov) im böhmischen Erzgebirge war. Doch es zog ihn schließlich wieder zurück an die Salzach.

Brandgefährlich #

Die Errichtung einer neuen Zündholzfabrik in Salzburg-Maxglan durch die „Alpenländische Holz- u. Baubedarfs-(…) GmbH“ als Konzessionär wurde 1919/20 seitens des Landesrates nicht bewilligt. Begründet wurde dies u.a. mit Feuergefahr bzw. der Nähe zu Krankenanstalten. Man errichtete die Fabrik stattdessen 1921 in Sam bei Kasern (damals Gemeinde Hallwang, nun im nördlichen Teil der Stadt Salzburg). Teilhaber waren neben A. Pfifferling ein Herr Handler sowie Elisabeth Hillinger und ihr Sohn Karl. Die beiden letzteren brachten die Liegenschaft des ehemaligen Ziegelwerkes in der Samstraße 30 ein.

Das Unternehmen firmierte unter „Handler & Pfifferling“ (H&P). Eine der behördlichen Auflagen war, einen „angemessenen Teil der Produktion“ für den Inlandsmarkt bereitzustellen. Erzeugt wurden u.a. Zündhölzer der Marke „Vulkan“, sowohl für das Inland als auch schon für den Export.

Die Entscheidung, eine solche Fabrik aus Sicherheitsgründen am Stadtrand zu errichten, erwies sich als richtig: Am 4. September 1923 vernichtete ein Brand einen ganzen Fabrikstrakt.

1924 kaufte der aus Russland emigrierte Julius (Jules) G(o)urary (fälschlich auch Gour[n]ay) mit seinem Bruder Jacob großteils die Firma H&P, die nach und nach ausgebaut wurde. 1928 verfügte sie bereits über zwei moderne Zündholzautomaten. Die Exporte weiteten sich stark aus. Man erschloss Märkte in der Türkei, Indonesien und Nordamerika. 1929 wurde die Marke „Schubert-Sicherheitszünder“ für den Inlandsmarkt registriert. Sie war bis zur Schließung der Firma 1956, mit Unterbrechung 1938–1945, durchgehend in Verwendung. Ältere Konsumenten werden sich noch an das Etikett erinnern (s. Bild ob.). Alois Pfifferling blieb vorerst Gesellschafter, schied aber Anfang 1933 aus dem Unternehmen aus. Der Firmenname blieb jedoch bestehen. Pfifferling änderte 1933 seinen Familiennamen auf Sarten.

Rettende Exporte #

Die kommende politische Entwicklung vorausahnend, veranlasste die Firmenleitung ab 1936 bereits größere Mengen an Halbfabrikaten (Leerschachteln sowie Zündholzrohlinge ohne Zündköpfe, sog. splints) nach England zu exportieren. Eine in Letchworth-Garden City (Hertfordshire, England) am 1. Jänner 1935 ebenfalls von den Gebrüdern Gourary mitbegründete Firma, die „Anglia Match Company“, kooperierte eng mit H&P. Während die anderen österreichischen Zündholzfabriken durch Absatzschwierigkeiten zu Produktionspausen gezwungen waren, lief H&P auf Hochtouren, zuletzt im Dreischichtbetrieb mit ca. 60 Frauen und Männern.

Aus den Aufzeichnungen eines Mitarbeiters, Herrn W. Dannoritzer, geht hervor, dass er selbst zu Installationsarbeiten nach Letchworth geschickt wurde, damit die Anglia Match die Finalisierung (Tunken der Zündholzköpfe, Füllen der Schachteln, Etikettieren, Verpacken) der in Salzburg hergestellten Halbfabrikate durchführen konnte. Ein noch in Österreich für den Export verwendetes Etikett, „Rayo“, wurde in abgeänderter Aufmachung dann plötzlich zu „British made“.

So war es während des gesamten Zweiten Weltkrieges möglich, mit den „exilierten“ Halbfabrikaten einen großen Beitrag für den englischen Zündholzmarkt zu leisten. Anders betrachtet, war dies auch eine Möglichkeit, Vermögen vor dem drohenden Totalverlust ins Ausland zu retten.

Feuer für die Zonen #

Nach dem „Anschluss“ 1938 war H&P „arisiert“ und die Produktion „gleichgeschaltet“ worden. Man verkaufte die Zünder dann unter den deutschen Monopolmarken „Welthölzer“ und „Haushaltsware“ (Steuernr. 46).

Interessant ist, dass am 7. August 1943 bei der Handels- und Gewerbekammer Salzburg noch ein Etikett „Made in Austria“ für den Export registriert wurde.

Rechnung von A. Pfifferling aus 1903
Rechnung von A. Pfifferling aus 1903; eingeschnitten: die Fabrik, um 1925–1930.
Foto: © Harald Pritz (privat), über Stadtarchiv Salzburg

In den Kriegsjahren waren in der Produktion zunehmend Zwangsarbeiterinnen aus Russland und der Ukraine eingesetzt. Der vorherige Direktor von H&P, Rudolf Kahn, emigrierte 1938 nach England und übernahm die organisatorische Leitung der Anglia Match bis zu seinem Ableben 1953. Die Gebrüder Gourary emigrierten in die USA, behielten aber auch von dort ihren Einfluss auf die Anglia Match.

1945 waren, da die H&PFabrik kaum Schaden erlitten hatte, auf dem Gelände für kurze Zeit befreite KZ Häftlinge untergebracht. Die Firma H&P wurde danach an die ehemaligen Besitzer restituiert. Schon Anfang 1946 erreichte man 80% der Vorkriegsproduktion und belieferte mit 500.000 Schachteln die amerikanische, russische und französische Zone; die britische Zone wurde von der „Solo“-Fabrik in Deutschlandsberg versorgt. Bald darauf wurde mit den drei anderen österreichischen Herstellungsbetrieben (Solo in Deutschlandsberg und Linz sowie Sirius in Klagenfurt) eine kontingentmäßige (je 25%) Aufteilung des Heimmarktes erzielt. Die Tagesproduktion von H&P belief sich zuletzt auf ca. 300.000 Schachteln. Die geschäftliche und personelle Verbindung zwischen H&P und der Anglia Match bestand bis zur Auflassung des englischen Betriebes per 31. Dezember 1954. Im selben Jahr wurde auch H&P an die Solo (Linz) und Sirius (Klagenfurt), beide ab 1952 in den schwedischen STAB-Konzern eingegliedert, um 16 Millionen Schilling verkauft. Die Fabrik in Salzburg produzierte noch zwei Jahre weiter und wurde am 13. Juli 1956 endgültig stillgelegt. Auf dem ehemaligen Fabriksgelände befindet sich heute eine große Wohnanlage. Nichts weist darauf hin, dass einst hier ein wichtiger Wirtschaftszweig beheimatet war.

Josef Andersch war in seinem Berufsleben Reprotechniker in Wien. Seine Sammlung von Zündholzetiketten umfasst ca. 280.000 Stück. DI DDr. Manfred Bermann ist Chemiker sowie Arzt für Allgemeinmedizin in Wien und besitzt über 30.000 Zündholzschachteln aus allen Ländern und Epochen.

Zeitreisen Nr. 391/Wr. Zeitung, 4/1/2019