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SPÄTHERBST 1978 ETCETERA#

von Harald W. Vetter

Nun hatte ich mich endlich glücklich von dieser scheußlichen Schule befreit, wobei ich zweimal die Matura wiederholen musste, denn der Mathematiklehrer hatte was gegen mich, genauer die Gesellschaft, welche meinte, dass ohne ordentliche Berechnungen das Leben nicht so richtig realisierbar wäre. Viel später erst hatte ich ein Millionenbudget zu verwalten und verrechnete mich dabei eher nicht. Immerhin war ich nach der Ableistung des Präsenzdienstes- ja man sagte damals zu uns noch „Diener“- an der Uni gelandet.

Das Germanistikstudium schien damals ziemlich verlockend, aber als ich sozusagen als Spätzünder zu schreiben begann, wechselte ich die Studienrichtung und nahm an ein paar aufrührerischen Lesungen in verschiedenen Hörsälen teil. Meine Gedichte waren damals miserabel, aber sie trugen zumindest ein wenig Protest in sich gegen das, was da gerade so vor sich ging. Nicht, dass ich mich irgendwie gesellschaftspolitisch aufgestellt hatte, das war mir schon in den Siebzigern ohnehin suspekt und sollte mir bald darauf den Rausschmiss aus einer recht engagierten, fortschrittlichen Literaturgruppe kosten, die auch eine Zeitschrift herausgab, der ich den Namen gegeben hatte. Als Namensgeber und Redakteur war ich auch späterhin für eine noch prominentere Publikation gut genug, doch als etwas unzeitgemäßer Unruhestifter war auch hier schlußendlich nichts mehr zu bewirken.

Ich hatte nämlich nicht das geringste Animo, mich als literarischer Marktschreier für soziale Gerechtigkeit der Erniedrigten und Beleidigten zu gerieren, auch die konkrete Poesie hatte mir nichts als völlige Lustlosigkeit vorzusetzen. Der von Ost und West befeuerte, unendlich scheinende Fortschrittsglaube des damaligen Kreisky-Systems schien gleichsam gar keinen wirklichen Horizont mehr zu haben und so war es nicht verwunderlich, dass man hierzulande sogar mehrere Atomkraftwerke plante, aber zunächst einmal nur eines davon betriebsbereit auf die Tullner Felder setzte.

Damals entstand sozusagen die urzeitliche Grünbewegung, deren vorerst wirkungsmächtigste die Anti-Atomkraft-Bewegung war. Ich war noch immer von der Kubakrise 1962 vollkommen geprägt, ja fast traumatisiert. Man sah damals in den Wochenschauen nur mehr die unheimlich emporsteigenden grauweißen Atompilze und anzugsbewehrte Menschen, die sich auf den Straßen zum Schutz Aktentaschen über die Köpfe hielten! Atomenergie war also mit der möglichen Vernichtung des Menschentums auf das Grauenhafteste konnotiert. Und es begab sich – so fangen ja alle unheimlichen Familiengeschichten an -, dass einer meiner direkten Verwandten – genauer gesagt dieser Großonkel – offenbar ein enger Regierungsfreund war und eine Pro-Zwentendorf-Offensive ins Leben rief.

Er war Physiker und Nuklearmediziner, überdies ein hohes Tier in der sogenannten Atomenergie-Kommission. In der Familie war er ziemlich umstritten, dieser Herr Professor, da er sich mit der Zeit von uns allen eher segregiert hatte und ich selbst habe ihn nur bei diversen Begräbnissen in Hietzing gesehen, wo er sich bewusst von uns fern gehalten hatte, unnahbar und arrogant. Ein weiß bemantelter Verrückter mit Vollbart, der eben auch einmal am Friedhof herumflatterte und uns abschätzig beäugte. Immerhin, im Herbst 1978 kam das erste wirkliche Plebiszit zustande. Kreisky wollte sich im Falle eines negativen Ausgangs jedenfalls den Rücktritt vorbehalten. Ich studierte damals einigermaßen lustlos Germanistik und nahm wütend diese total technizistische, alles und jeden befeuernde Werbung für eine vorgeblich endlos sein wollende Energie zur Kenntnis, an der mein Großonkel anscheinend ungeniert teilnahm, ja sie immer mehr forcierte. Irgendwann bekam ich über die Uni Kontakt mit der rührigen Anti-Zwentendorf- Bewegung und beschaffte mir eine Stapel Protestplakate und Aufkleber, die ich nächstens mit einigen Kollegen in der Stadt affichierte.

Wir scherten uns dabei natürlich nicht um irgendwelche Verordnungen und hefteten oder klebten die rotgelben Dinger auf Plakatwände, Stromkästen und Ampelanlagen. Einmal wurden wir dabei fast erwischt. Die Polizei fuhr uns nach und wir flüchteten in einer Ausfahrtsstraße atemlos über eine Feuermauer in Hausgärten, um uns danach in irgendeiner Spelunke als Helden ordentlich zu betrinken. Heute habe ich noch dieses komische Geräusch des tackernden Heftapparats in den Ohren. Als das sehr knappe Ergebnis gegen das Atomkraftwerk im Spätherst 1978 bekannt gegeben wurde, waren wir auf uns sehr stolz und dachten, dass wir dies wohl mit bewirkt hätten. Kann sein, dass es so war, Kreisky trat – trotz seines Versprechens - nicht zurück und bekam bei der nächsten Wahl noch einmal die absolute Mehrheit.

Sein Nachfolger, ein ungeschickter, ja unglückseliger Parteifunktionär aus der Provinz, wollte Zwentendorf nochmals aktivieren und jener Großonkel versuchte das mittels eines dicken Buches nochmals zu unterstützen. Es war das Jahr 1983 und er als sogenannte Koryphäe meinte in seinem unseligen Text, dass die Atomenergie beherrschbar wäre und dies stets zum Nutzen der gesamten Menschheit. Wo und wie dann beispielsweise der Abfall wohl abzulagern gewesen wäre, darüber hatte er sich niemals wirklich ausgedrückt. Ich stelle mir diesen vielfach ausgezeichneten Universitätsprofessor heute noch immer als den absoluten Verkünder des universellen Fortschritts vor, nuklearmedizinisch geradezu durchleuchtend und dann schon doch wieder heilen wollend.

Als dann im Frühjahr 1986 das Tschernobyl- Desaster geschah, jäh und heftig, war ich gerade auf der Koralpe unterwegs, es nieselte unentwegt, der Hochwald war damals so etwas wie mein Wohnzimmer. Vom Unglück erfuhr ich erst am späteren Abend nach der Rückkehr in die Unterkunft, fühlte mich nur in meiner instinktiven Skepsis bestätigt und dachte über diesen wahnsinnigen Technizismus nach, der, wie lang schon befürchtet, jetzt an sich selber gescheitert war. Der Kampf um die Hainburger Au passierte dann ein wenig später und der Ausgang zum Guten erschien uns damals noch als große Hoffnung für einen demokratischen Diskurs, der danach allerdings zunehmend einschlief. Kurz nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte der Großonkel – immer noch eine wissenschaftliche Kapazität im Staatsauftrag - in einer großen Tageszeitung einen umfänglichen Kommentar veröffentlicht.

Er schrieb dort tatsächlich, dass dieser „Zwischenfall“ höchstens 40 Krebstote mehr hervorrufen könnte und dass wir uns darüber durchaus keine wirklichen Sorgen machen sollten. Die Atomkraft sei nach wie vor sozusagen die energetische Zukunft für die Menschheit. Mein Großonkel könnte heuer hundert Jahre alt geworden sein, was aber für einen Nuklearmediziner immerhin eher ungewöhnlich wäre.

Nachbemerkung: Ich habe gelernt, dass man in Sachen Familienangelegenheiten nicht unbedingt öffentlich abrechnen sollte, doch in diesem Fall erschien es mir als ziemlich wichtig und legitim, das auch im Sinne von Heimito von Doderers Wort: „Wer sich in die Familie begibt, kommt darin um.“


zur ehrenrettung von sinowatz: er war nicht 'ungeschickt und unglückselig', nur un-photogen. zweimal hat er halt 'auf s falsche pferd' gesetzt.

-- gamauf gerald antal, Dienstag, 13. Oktober 2020, 09:46