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Die Welt als Flughafen#

Kommerzielle Komfortzonen im Hochsicherheitsbereich: Flughäfen sind zum aktuellen Leitbild der Globalisierung geworden. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 2. März 2017).

Von

Martin Tauss


Flughafen
Flughafen
Foto: Shutterstock

Unlängst führte mich eine Reise zum zweiten Mal nach Nordindien. Nach langer Zeit landete ich wieder in Neu Delhi und wenig später in Varanasi, einer jahrtausendealten Pilgerstadt an den Ufern des Ganges. Es war aufregend, jene Plätze wieder zu besuchen, die ich einst mit den romantisch verklärten Augen eines jungen Studierenden gesehen hatte. Suche ich nun rückblickend nach dem Ort, der sich am meisten verändert hat, war das zweifellos der Flughafen in der indischen Hauptstadt.

Eine Indien-Reise begann früher unmittelbar, nachdem man das Flugzeug verlassen hatte: in einer stickigen, schmuddeligen Ankunftshalle; erst recht, wenn sich die Schiebetüren nach draußen öffneten und man, um zu den Taxis zu gelangen, den Weg zwischen den am staubigen Boden liegenden Menschen suchen musste. Die Fahrt in die rund 16 Kilometer entfernte Stadt erfolgte auf holprigen Landstraßen, auf denen zwar die Kühe, nicht aber die Ampelsignale beachtet wurden. Diesmal bot sich eine andere Szenerie: Direkt aus der Boeing gelangte man in weitläufige, klimatisierte Gänge mit Rollbändern, die die zahlreichen Terminals miteinander verbinden. Die großzügige Halle im Ausgangsbereich war gesäumt von hohen Glasfronten und mit Palmen dekoriert. Man trat hinaus und hätte vielleicht auch in Barcelona oder einer anderen südeuropäischen Stadt sein können.

„Aerocity“ in der Megastadt #

Der Indira Gandhi International Airport, auf dem 2016 rund 56 Millionen Fluggäste pro Jahr abgefertigt wurden, hat nun auch das Umfeld in seinen Bann gezogen: Seit 2011 schließt das Stadterweiterungsgebiet „Aerocity“ nahtlos an den Flughafen an – eine weitgehend charmefreie Zone, geprägt durch Baustellen, Autobahnen und riesige Betonblöcke für mehr oder weniger luxuriöse Hotels. Der Weg in die Stadt führt vorbei an Checkpoints mit Soldaten, die ihre Gewehre hinter Sandsäcken hervorblitzen lassen, und mündet in mehrspurige, chronisch verstopfte Straßen, auf denen sich der Verkehr lautstark Richtung Zentrum drängt. Diffus leuchtet die Sonne hinter der Smogschicht, die über der Mega-City liegt.

Im Lauf der Zeiten verändern sich Flughäfen besonders rasch, und sie induzieren rasante Veränderung: Ihre Drehkreuze sind die Pulsschlagadern der Modernisierung, ihre Landebahnen die Einflugschneisen der Globalisierung. Das war schon immer so, nur die Dimension ist eine andere geworden. In der Frühphase der Fliegerei sahen Flughäfen aus wie kleine Fabriken, Zwergbahnhöfe oder auch antike Tempel. Viele Architekten hatten noch keine „Gebäudesprache“ gefunden, die den Erfordernissen eines hoch frequenten Flugverkehrs angemessen war, wie Alastair Gordon in seiner Kulturgeschichte des Flughafens zeigt („Naked Airport“, Metropolitan Books 2004).

„Revolutionärste Struktur der Welt“ #

In der Zwischenkriegszeit waren innovative Flughäfen eher in Europa zu finden, die USA hatten vergleichsweise holprige „Kuhweiden- Aerodrome“ zu bieten. Doch ab den 1950er-Jahren setzten sich weltweit neuartige Gebäudeformen durch. Die Start- und Landepisten mussten nun auch für Jumbo- Jets geeignet sein. Flughäfen wurden endgültig zum „Symbol fortschrittlichen Denkens und utopischer Pläne“, so Gordon, zur „revolutionärsten Struktur der Welt“.

Insofern werden Flughäfen stets im strahlenden Licht der Zukunft betrachtet. Sie weisen weit über die Gegenwart hinaus, erweisen sich aber mitunter allzu bald als veraltet. Der La-Guardia-Airport in New York etwa sollte der Wolkenkratzer-Metropole endlich würdig sein: 1939 freute sich der namensgebende Bürgermeister, den „größten, besten, modernsten und perfektesten Flughafen“ in den USA eröffnen zu dürfen. Doch bereits nach zwei Jahren war dieser für den stark steigenden New Yorker Luftverkehr unzureichend – ein weiterer Flughafen, der heutige JFK International, wurde gebaut. Bezeichnend auch, dass im Streit um eine dritte Piste des Flughafens Wien Schwechat der künftige Verkehrsbedarf als schlagendes Argument von den Befürwortern ins Treffen geführt wird: Dieser soll bis zum Jahr 2025 um 42 Prozent bei den Flugbewegungen und um 87 Prozent bei den Passagieren ansteigen. In Wien sollen dann 37 Millionen Fluggäste jährlich abgefertigt werden.

Duty-Free-Zone
Duty-Free-Zone. In der bunten Warenwelt am Flughafen zeigt sich eine kulturelle Transformation: Das authentisch Traditionelle des jeweiligen Landes wird entschärft und in einer Sphäre des „Weltkonsums“ (Michel Houellebecq) dargeboten.
Foto: Shutterstock

Als strategisch-neuralgischer Punkt ist der Flughafen besonders verletzlich, wie sich spätestens seit den 1960er-Jahren zeigt, als der globale Terror seine Jets und Infrastrukturen gezielt ins Visier nahm. Seit dem Terroranschlag von „9/11“ ist die Angst vor Anschlägen wieder verstärkt aktuell geworden. Die Folge sind weltweit intensivierte Sicherheitsvorkehrungen. „Als Zugang zum Staat wurde der Flughafen immer mehr zur Festung“, so der Philosoph Paulo Virilio.

Ort der kulturellen Sterilisierung #

Beim Rückflug von Delhi hatte ich noch Zeit, durch die Duty-Free-Zone des Flughafens zu schlendern. Die Warenwelt war eine Mischung aus internationalen Marken und einheimischen Produkten. Sie reichte typischerweise von Spirituosen und Süßigkeiten bis hin zu Schmuck und Souvenirs. Indische Themen erschienen hier auf einer kommerziellen Bühne, begleitet von der globalen Seuche niveauloser Unterhaltungsmusik. In einem Geschäft sah ich T-Shirts, auf denen die Hindu-Gottheit Shiva abgebildet war. Da ich in Varanasi noch vor Kurzem eine Tempelzeremonie mit traditionellem Shiva-Kult beobachtet hatte, kam mir eine Passage von Michel Houellebecq in den Sinn. In seinem Roman „Plattform“ (2001) beschreibt der französische Schriftsteller den Flughafen als Ort der kulturellen Sterilisierung: „Kurz gesagt, die Läden im Flughafen bildeten noch einen Raum nationalen Lebens, aber eines in eine Sicherheitszone verwandelten, abgeschwächten, dem Standard des Weltkonsums angepassten nationalen Lebens. Für den Touristen, für den die Reise zu Ende ging, handelte es sich um einen Zwischen-Raum, der nicht so interessant und zugleich nicht so beängstigend war wie der Rest des Landes. Ich hatte die Vision, dass die ganze Welt tendenziell immer mehr einem Flughafen gleicht.“

Wohin man auch blickt: Das Authentische und Fremde (bzw. Eigene, je nach Blickwinkel) wird entschärft und in leicht verdaulichen Häppchen, als „Fast Food“ zum Mitnehmen aufbereitet. Egal wo man ist, über den Konsum kann alles angeeignet werden. „Die Welt als Supermarkt“ heißt ein Essayband von Houellebecq, die „Welt als Flughafen“ wäre die logische Steigerung. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Schon früh war ich von Flughäfen und ihrer kosmopolitischen Atmosphäre fasziniert. Wenn der Flughafen aber nicht nur die Globalisierung antreibt, sondern als Modell selbst globalisiert wird, ist Sorge angebracht. Denn das wäre wohl jede Menge Zündstoff für fundamentalistische Bewegungen (ein weiteres großes Thema bei Houellebecq), die dagegen Sturm laufen würden.

DIE FURCHE, Donnerstag, 2. März 2017