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Das chinesische Dach: Eleganz der geschwungenen Linien#


Von

Günther Jontes

Die Abbildungen zu diesem Essay wurden vom Autor in den Jahren 1982, 1986, 1988, 1991, 1994, 1996, 1997, 1999 und 2005 aufgenommen. Sie sind Teil des Archivs „Bilderflut Jontes“


In den bildlichen Vorstellungen der Europäer vom Reich der Mitte tauchen neben Motiven wie Chinesische Mauer, steile Felswände mit bizarren Kiefern, unleserlich-schöne Schriftzeichen auch Gebäude mit elegant geschwungenen Dächern, diese schmückenden Figuren und buntglasierten Ziegeln auf.

Und in der Tat sind diese Dächer ein ganz wichtiges Element chinesischer Baukunst und fernöstlicher Ästhetik in der Architektur. Das chinesische Haus, sei es nun Kaiserpalast, Tempel, Adelsresidenz, aber auch Bauern- oder städtisches Bürgerhaus, legt seine Betonung auf die Horizontale und erreicht damit mit einfachen Mitteln ebenso Monumentalität wie ein sich die Vertikale eroberndes Bauwerk. Diese wird wenig betont und löst sich durch den Schwung der Dächer sogar fast auf. Man kann sagen, dass das Gebäude selbst relativ einfach wirkt, durch den First und die geschwungenen Dachseiten eine gesuchte Dynamik empfangen.

chinesisches Dach

Da Dächer schwer lasten, werden sie auch innen wie außen durch Säulen gestützt. Bezeichnend ist auch, dass die Zusammenfügung der Bauteile nicht durch Eisennägel oder –klammern erfolgt. Raffiniert werden die Teile des System zusammengesteckt und bilden eine fugenlose Einheit.

chinesisches Dach
chinesisches Dach

Die Zonen zwischen übereinander gelagerten Doppel- oder Dreifachdächern bieten auch Raum für reichen malerischen Schmuck, bei welchem der Drache und sein Widerpart Phönix zu den häufigsten Elementen zählen.

chinesisches Dach
chinesisches Dach
chinesisches Dach

Wichtige Gebäude stehen auch auf Steinterrassen (chin. tái), was nicht nur Schutz vor aufsteigender Feuchtigkeit bietet, sondern die Monumentalität des horizontal geschichteten Bauwerks erhöht. Auch die klassische griechisch-antike Architektur hat sich dieses Mittels bedient. In China bilden die vielgeschoßigen, hoch aufragenden Pagoden eher die Ausnahme und sind auch weit in der Minderzahl. Ihre Bauprinzipien entsprechen eher religiösen und kultischen Vorgaben. Ein Mittelding zwischen Pagode und symmetralem Bau ist der Rundtempel, wie er sich zum Beispiel im Pekinger Himmelstempel und seinen achsialen Nebengebäuden erweist.

chinesisches Dach
chinesisches Dach
chinesisches Dach

Auch der Bau auf dem sogenannten Kohlenhügel nördlich der Pekinger Verbotenen Stadt folgt diesen Vorgaben, ist sogar durch seine gestuften Dächer noch dynamischer als der Himmelstempel.

freistehende Torbauten
freistehende Torbauten

Nach denselben Prinzipien werden auch freistehende Torbauten konstruiert. Hier geht die Horizontale zuweilen direkt in die Dachzone über.

Palast- und Tempelbauten
Palast- und Tempelbauten

Ein weiteres Element ist die Symmetrie der Gebäude, die bei Palast- und Tempelbauten auch als Ganzes einer übergeordneten Achse folgen, in welche sie sich organisch einfügen.

Palast- und Tempelbauten
Palast- und Tempelbauten

Dabei spielt auch die Ausrichtung nach den Windrichtungen eine Rolle, die von der Geomantie (chin. feng shui „Wind und Wasser“) bestimmt wird, da sie nach althergebrachter Überlieferung gute Elemente zu betonen und böse auszuschalten vermag. Im Norden möge ein Berg, im Süden des Baues, der ganzen Anlage, selbst eines Grabes ein Wasserlauf oder Teich für dieses Gleichgewicht sorgen.

Pekinger Kaiserstadt

Die Pekinger Kaiserstadt in strenger achsialer Ausrichtung überhöht von Norden gesehen.

Wenn Bauwerke aus funktionalen oder durch topographischen Zwang sich zusammendrängen, stehen sie stets im rechten Winkel zueinander. Dabei entstehen reizvolle Cluster, die dem betrachtenden Auge eine große Fülle von summierten einfachen Elementen bieten können und die gleichwohl mit einer unerwarteten Raffinesse aufwarten.

Bauwerke
Bauwerke
Bauwerke
Bauwerke

Die Giebelflächen als das Ergebnis des Zeltschnittes und der Symmetralachse bieten Platz für ornamentale Gestaltungen, die allerdings nicht in der zentralen Blickebene liegen.

Giebelfläche
Giebelfläche
Giebelfläche
Giebelfläche
Giebelfläche

Der klassische chinesische Baustoff ist Holz, wenngleich in waldarmen Zonen auch Bauten aus roten und grauen Ziegeln aus gebranntem Ton Verwendung fanden. Das Dach aber ist, schon seiner handwerklichen und architektonischen Struktur wegen, immer aus Holz errichtet und mit Keramik eingedeckt worden. Bauten aus Holz sind zwar erdbebensicher – in China droht diese Gefahr stets! – jedoch extrem brandgefährdet. Deshalb findet man etwa im Bereich der Verbotenen Stadt in Peking in regelmäßigen Abständen aufgestellte große bronzene Gefäße mit Löschwasser, die im eisigen Winter Nordchinas sogar beheizt werden können, um ein Einfrieren zu verhindern..

Gefäße mit Löschwasser

Die spitz zulaufenden Dachsparren werden oft mit einem Abschlusselement gekrönt. Goldene Kugeln sind wohl als stilisierte geschlossene, ihre Reinheit bewahrende Lotosblüten anzusehen.

Dachsparren
Dachsparren

Bei Toren und Dächern finden sich bei Bauwerken einiger Bedeutung auch schön gerahmte hochformatige Tafeln, die Beschriftungen mit dem Namen und Charakter des Bauwerks tragen. In der letzten, der Qin-Dynastie sind diese Beschriftungen stets mit chinesischen Zeichen und der von oben nach unten laufenden mandschurischen Buchstabenschrift verfasst, da das von 1644 an das Reich der Mitte beherrschende Volk der Mandschu zwar die chinesische Kultur vollkommen rezipiert hatte, jedoch darauf achtete, gewisse Eigenheiten wie ihre Minderheitensprache als gleichwertig mit der chinesischen öffentlich kundzutun.

Tafel

Dies steigert sich noch, wenn religiös belegte Bauwerke von Herrschern der letzten Dynastie errichtet worden waren, die sich auch in den tibetischen Buddhismus hatten einweihen lassen. Hier sind es von links nach rechts laufend sogar vier verschiedene Schriften und Sprachen: Mongolisch, Tibetisch, Chinesisch und Mandschurisch.

Tafel

Drachen und ganze Prozessionen mythischer Wesen#

Viele der Firste und geschwungenen Dächer tragen auch figuralen Schmuck, der aus glasierter Keramik, aber auch aus Metall oder Holzschnitzerei bestehen kann. Oft werden die Enden des Firstes von Drachen eingenommen. Das ist als Schutz vor Blitzen gedeutet worden, denn ein zündender Blitzschlag hätte in den meisten Fällen Brand und damit das Ende des Holzbaues bedeutet. Man hoffte, dass der himmlische Donnerkeil von diesem Vorsprung abgeleitet den Weg zur Erde fände und das Haus selber unberührt lasse. Heute wird dies mittels technischer Blitzableiter besorgt, die historisch bedeutsame Bauwerke schützen sollen. Man kann sich vorstellen, welche Katastrophe es gewesen sein muss, als …. ausgerechnet der kaiserliche Himmelstempel 1889 nach einem Blitzschlag abbrannte. Was man heute erblickt, ist eine exakte Kopie, die 1890 in den traditionellen Materialien und Techniken errichtet wurde. Ohne ihn hätten die kaiserlichen Opfer an die Himmelsmächte nicht mehr stattfinden können.

figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck

Auch Schwerter können die neuralgischen Punkte der Dachkonstruktion in magisch-spiritueller Weise vor Blitzschlag schützen.

Schwert

Am meisten vertraute man aber den Reihen von kleinen, auf dem First der Sparren laufenden Figuren, die aus Ton gebrannt und glasiert mythische Wesen oder reale Tiere vorstellen, von denen man Pferde, Elefanten, Hasen, Hühner und Delphine leicht erkennen kann.

Unter den mythischen Wesen finden sich Figuren der Unsterblichen, der Drache (chin. long) und sein weiblicher Gegenpol Phönix (chin. feng), Löwen, das Himmels- und das Meerpferd, die Fabeltiere Suangyi und Xiezhai und ein fischartiges Mischwesen.

figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck

Diese Figuren sind in ihrer Reihenfolge variabel. Es gibt diese Dach-Prozessionen seit der Ming-Dynastie (1368-1644). Frühere Gebäude dieser Konstruktion sind nicht erhalten geblieben. Wie Bauten aus der Tang-Dynastie (7.-10. Jahrh. n. Chr.) ausgesehen haben, lässt sich nur anhand von Modellen, Reliefs oder Malereien feststellen. Schriftliche Beschreibungen glasierter Baukeramik gibt es seit der Wei-Dynastie (220-265 n. Chr.)

figuraler Schmuck
figuraler Schmuck

Auch Hähne können den Abschluss bilden. Diese gelten als ein Symbol für die Sonne, da sie als erste den aufkommenden Tag begrüßen. Ihr Krähen verschreckt in diesem Sinne die bösen Geister, die das Haus und seine Bewohner bedrohen könnten. Diese Vorstellung ist ein altes taoistisches Erbe.

Schwert

Eine der Gestalten aber ist einer historischen Figur nachgebildet. Sie steht immer am weitesten außen und stellt den auf einer Henne reitenden Prinzen Min Qi (479 – 502 n. Chr.) aus der Qi-Dynastie dar, der ein Ausbund der Feigheit gewesen war. Als seine Untertanen in einem Krieg bedroht wurden, ließ er diese im Stich und floh. Als wieder Frieden herrschte, wurde er aus Vergeltung an den letzten Dachsparren aufgeknüpft und so der Schande preisgegeben.

figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck
figuraler Schmuck

Je höher ein Gebäude in seinem spirituellen Wert eingeschätzt wird, desto größer ist die Zahl der Figuren. Auf der Halle der Höchsten Harmonie in der Verbotenen Stadt in Peking ist mit zwölf an der Zahl die höchstmögliche erreicht.

Die Eindeckung der Dächer weist verschiedene Typen von Ziegeln für den First und die anderen Teile auf, die der Funktion nach den europäischen Dachziegeln der klassischen Antike nach dem Prinzip Mönch und Nonne entsprechen. Auch die Farben der Glasur haben Bedeutung. Nur kaiserliche Bauten durften das edle Gelb tragen. Dieses war ursprünglich ein Symbol für den nordchinesischen Lössboden und stand seit dem 6. Jahrh. n. Chr. für den Sohn des Himmels, den Kaiser, dem alles Land gehört. Ein nicht zu übersehender Beweis für die politische Vergöttlichung des Mao Tse Dong war, dass die Bedachung seines Mausoleums auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking in dem kaiserlichen Gelb angelegt wurde.

Ziegeleindeckung
Ziegeleindeckung

Die Ziegeleindeckung des kaiserlichen Himmelstempel in Peking ist in Anspielung an seinen Namen ein edles Blau.

Ziegeleindeckung

Der Erdtempel als Gegenpol zum kaiserlichen Himmelstempel trägt hingegen die der Erde und ihrem Bewuchs zugeordnete Farbe Grün.

Ziegeleindeckung
Ziegeleindeckung

Die Färbung der Ziegel kann auch den Übergang der Architektur in die Natur der Umgebung betonen.

Ziegeleindeckung

Die Volksarchitektur der Dörfer und Städte kommt mit unglasierten, farblich neutralen Eindeckungen der Dächer aus.

Volksarchitektur
Volksarchitektur
Volksarchitektur

Weiterführende Literatur#

  • Ernst Fuhrmann, Das Tier in der Religion. München 1922
  • Eduard Fuchs, Dachreiter. München 1927
  • Thilo Thomas, Klassische chinesische Baukunst. Zürich 1978
  • Rainald Simon, Chinesische Baukeramik: Dachreiter und Schmuckziegel, Museum für Kunsthandwerk. Frankfurt/M. 1984 (Kleine Hefte 23)
  • Heinz Zanger, Dachschmuck aus gebranntem Ton. Suderburg-Hösseringen 2002