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Digitale Agenda für die Logistikbranche#

Transportunternehmen steht die nächste Revolution bevor.#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 22. November 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Andrea Möchel


Symbolbild: Logistik\Foto: Fotolia/macrovector
Symbolbild: Logistik

München. Wie schnell und gründlich die Digitalisierung ganze Branchen umkrempelt, ist derzeit im Handel und im Tourismus zu beobachten. Für die europäische Transportbranche begann die vorerst letzte umwälzende Revolution vor genau 50 Jahren, als die ersten Container in einem deutschen Hafen gelöscht wurden. Doch nun bringt die Digitalisierung auch die Logistiker gehörig unter Zugzwang.

"Die Logistikbranche wird von der Digitalisierung teilweise oder sogar vollständig verändert werden." Zu diesem Schluss kommen 285 Logistikunternehmer aus 19 Ländern. Etwas mehr als die Hälfte befürchtet gleichzeitig wachsende Risiken - vor allem für die Datensicherheit. "Die größte Sorge ist, dass in der Zusammenarbeit mit Wettbewerbern oder IT-Unternehmen sensible Daten verloren gehen könnten", bestätigt Klaus van Marwyk von der Beraterfirma Roland Berger. Zugleich rechnen vor allem Spediteure damit, dass sie Wettbewerbsvorteile einbüßen, wenn sie künftig mit Konkurrenten - etwa über Buchungsplattformen - kooperieren müssen.

Neue Geschäftsmodelle#

Roland Berger hat insgesamt 300 Logistikfirmen in Sachen Digitalisierung für eine Studie befragt. Demnach meinen 69 Prozent der befragten Unternehmen, dass ihnen das fachliche Know-how für die Umsetzung der digitalen Agenda fehle. 54 Prozent vermissen die Unterstützung seitens der Geschäftsführung oder der Mitarbeiter.

Doch welche digitalen Geschäftsmodelle haben Zukunft? Und welche Maßnahmen sollten Unternehmen ergreifen um fit für den digitalen Wandel zu werden? Die Experten von Roland Berger haben vier Geschäftsmodelle mit Potenzial identifiziert:

  • Buchungs- und Optimierungsplattformen werden das traditionelle Geschäftsmodell von Transportunternehmen stark verändern. Mit Online-Plattformen können einfache Transporte künftig effizienter und kostengünstiger abgewickelt werden. "Durch die direkte Vernetzung der Kunden mit Logistik-Dienstleistern werden die Abwicklung und die Transportkapazität optimiert, die Frachtkosten sinken", sagt Klaus van Marwyk. Um gemeinsam als neutraler Plattformanbieter agieren zu können, sollten Logistikunternehmen daher Kooperationsmodelle prüfen.
  • Frachtführer und Terminalbetreiber werden weiterhin entscheidender Teil der Wertschöpfungskette sein. Sie werden künftig Größenvorteile und neueste Technologien nutzen müssen, um Auslastung und Kosten zu optimieren. Denkbar ist unter anderem der Aufbau einer eigenen Online-Plattform in Kooperation mit anderen Frachtführern und Terminalbetreibern.
  • Supply-Chain-Spezialisten werden auch weiterhin komplexe Lieferprozesse, die ein industriespezifisches Know-how erfordern, abwickeln. "Aber um die immer komplexeren Lieferketten effizienter und transparenter zu gestalten, müssen auch solche spezialisierten Nischenanbieter ihre Prozesse stärker automatisieren", sagen die Experten. Kooperationen mit digitalen Service Providern könnten hier sinnvoll sein.
  • Service Provider stellen Softwareprodukte und Lösungen für die Sammlung und systematische Auswertung großer Datenmengen sowie weitere digitale Dienstleistungen zur Verfügung. Das Angebot reicht von Online-Bezahlsystemen über GPS-Trackingsysteme bis hin zu automatisierter Zollabwicklung. "Service Provider sind das Kernstück der digitalen Logistik. Mit ihren innovativen Produkten wird die digitale Abwicklung von Geschäften überhaupt erst möglich", stellt Sascha Treppte von Roland Berger fest.

Digitale Agenda festlegen#

Noch ist unklar, wer künftig welche Rolle einnimmt. "Die Entscheidung, als Frachtführer, Terminalbetreiber oder Supply-Chain-Spezialist zu fungieren, hängt vor allem vom heutigen Geschäftsmodell und der Marktpositionierung ab", heißt es in der Studie. "Um die Chancen des digitalen Wandels für sich zu nutzen, sollten Logistikfirmen daher schnell einen digitalen Fahrplan entwickeln." Vor allem müsse ein Umdenken sowohl beim Management von IT-Projekten als auch in den Unternehmen selbst stattfinden. Besonders wichtig ist dabei, die Positionierung gegenüber Online-Plattformen klar zu definieren und gegebenenfalls Kooperationspartner für den Aufbau einer Plattform zu suchen.

Vor dem Hintergrund eines potenziellen Margenverlusts braucht es zudem einen soliden Businessplan - und die frühzeitige Einbeziehung der Finanzierungspartner in den Transformierungsprozess. "Nur wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen und die Chancen der Digitalisierung begreifen, kann die digitale Transformation erfolgreich vorangetrieben werden", warnt Klaus van Marwyk. Angesichts all dieser Herausforderungen verwundert es fast, wie optimistisch sich die Branche gibt: Nur etwa ein Drittel der befragten Logistikfirmen glaubt, dass ihr Geschäftsmodell komplett vom Markt verschwinden wird.

Wiener Zeitung, Dienstag, 22. November 2016