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Was passiert mit unserer Sprache im digitalen Zeitalter#

(Vorlesung im Seniorenkolleg Dresden Oktober 2018)

Peter Porsch

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Herzlichen Dank für die Einführung und Vorstellung. Ich will dem noch etwas hinzufügen:

1944 geboren in Wien, Vater dreier Kinder, Großvater von 6 Enkeln zwischen 33 und anderthalb und einmal Urgroßvater seit einem halben Jahr.

Als ich 1950 in Wien in die Volksschule kam, schrieben wir bis Weihnachten noch auf einer Schiefertafel mit Griffel, dann mit einem Federstiel zum Eintauchen in das in der Bank eingelassene Tintenfass. Füllfeder kam erst später. Kugelschreiber wurde gerade erfunden und verbreitet, war aber verboten, weil er kleckste und das Geschriebene angeblich auch wieder verblasste.

Wir sangen Lieder wie "Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt" und lasen Geschichten von Peter Rosegger über das einfache Leben eines Waldbauernbuben und seiner Mutter, die zehn Hände hatte – eine davon auch für die Ohrfeige. Wir kennen die Lieder noch, auch unsere Kinder kennen sie und können die alten Geschichten lesen. Freilich haben sie andere Fragen als wir damals.

Zu unserem Thema gibt es mittlerweile eine unüberschaubare Menge von Literatur, meist Aufsätze. Bei meiner Recherche zu Sprache in der digitalen Welt streikte scholar.google.de bei Seite 100 und gab einen Serverfehler an. In dieser Situation ist es geraten, sich wieder weitgehend auf sich selbst zu verlassen. Ich gestatte mir jetzt, ein bereits etwas älteres Standardwerk zu nennen und zwei ganz aktuelle einschlägige Publikationen für den deutschsprachigen Raum zu empfehlen:

David Crystal, Language and the Internet, Cambridge 2004 sowie

Henning Lobin, Digital und vernetzt. Das neue Bild der Sprache, (Metzler), Stuttgart 2018 und zusätzlich noch,

Sprachliche Kommunikation in der digitalen Welt. Eine repräsentative Umfrage, durchgeführt von forsa. In: Der Sprachdienst, 4 – 5/2018, S. 168ff.

Es fließen Ergebnisse dieser und selbstverständlich auch anderer Publikationen in meine Ausführungen ein. Dort, wo es der wissenschaftlichen Ehrlichkeit halber nötig ist, werde ich natürlich darauf hinweisen.

Mit Lobin will ich gleich beginnen. Er macht uns darauf aufmerksam, dass unser Bild von Sprache ein kulturell geprägtes ist und die Beschäftigung mit Sprache bestimmt.

Es ist einerseits "die abendländische Sprachauffassung, die schon in der Antike im Gefolge der Rhetorikausbildung entstanden ist, bis ins 20. Jahrhundert nachgewirkt hat und noch bis heute mit ihren antiken und mittelalterlichen Vorstellungen unser Denken, Sprechen und Streiten über Sprache prägt." Das sagt uns: Sprache lebt in der Kunst, in der wohlgeformten Rede. "Seit einigen Jahren allerdings zeichnet sich ein alternatives, neues Bild der Sprache ab. In vielem steht dieses Bild im Widerspruch zu dem bislang vorherrschenden Bild, das im Zuge längst vergangener kultureller und medialer Gegebenheiten entstanden war. Die Entstehung eines neuen Bildes der Sprache wurde möglich, weil neben dem Menschen ein zweiter der Sprache mächtiger Akteur auf der Bildfläche erschienen ist, der diese Traditionslinien durchbricht: der Computer." (S. 5f)

Kürzlich, nämlich am 22.09. bekam ich eine Mitteilung zu Änderungen bei Windows und ich komme damit zu:

1. Zum Wortschatz

Folgende Wörter im Text erregten meine Aufmerksamkeit: snipping tool, Disk Cleanup-Tool, Storage Sense, Screenshots, Features, Front smoothing, Clear Type, Schriftenglättung

Feststellen kann ich, dass von den von mir un- oder kaum verstandenen Wörtern nur eines deutschsprachigen Ursprungs ist. Damit hätten wir bereits ein Problem beziehungsweise ein Phänomen des Einflusses der Digitalisierung auf die Sprache erkannt: Die Rolle der Anglizismen.

Für manche mag das schon das ganze oder das dominante Problem sein. Ich meine, es ist es nicht oder wenigstes nicht alleine. Aber gehen wir der Sache gleich hier nach:

Mit den Anglizismen passiert etwas für Sprache ganz Normales. Es kommen neue Dinge in unser Leben. Sie kommen von außerhalb unseres Sprachraumes, von außerhalb unserer Sprachgemeinschaft. Deshalb kommen mit den Dingen und Phänomenen zunächst auch die Wörter von außerhalb. Und wenn auch Konrad Zuse aus Hoyerswerda den ersten Computer gebaut hatte, fast alles, was wir heute so haben, kommt aus dem angloamerikanischen Raum.

Ich werde jetzt etwas weiter ausholen:

Ähnlich wie jetzt mit der Digitalisierung war das z. B. auch mit der Winzerterminologie, also mit den Wörtern rund um den Weinbau. Die Germanen kannten ihr Met, die Römer brachten den Wein/vinum und mit diesem allerlei Wörter drumherum.

Übrigens, gestatten Sie mir auch den kleinen Exkurs, gab es dabei durchaus regionale Variation: Die Baumpresse, mit der die Trauben ausgepresst wurden heißen landschaftlich im deutschen Sprachraum durchaus verschieden und gehen dennoch alle auf lateinischen Ursprung zurück. Der "Historische Südwestdeutsche Sprachatlas" verzeichnet drei Varianten: Kelter, Trotte, Torkel

Kelter ist entlehnt aus lateinisch calcatura zu calx die Ferse.

Trotte ist aus dem mittellateinischen trottare übernommen. Kelter und Trotte überliefern uns beide eine alte Art des Traubenpressens, nämlich die mit den Füßen. Das Wort Trotte ist mit allem verwandt, was mit der Fortbewegung trotten/treten verwandt ist.

Torkel schließlich ist aus dem lateinischen torculum/torcular hervorgegangen und lehnt sich an die Drehbewegung beim Weinpressen an. Es ist verwandt mit torkeln als schwankende Bewegung.

Diese Wörter hatten genügend Zeit, sich in die aufnehmende Sprache einzugliedern und der gesamte Weinbau hatte auch genügend Zeit, um für die damit verbundenen Dinge, Verrichtungen, Gebräuche und Gewohnheiten auch ausreichend muttersprachliche, alltagssprachliche Benennungen zu finden.

Die variablen Entlehnungen aus dem Lateinischen weisen uns darauf hin, dass das klassische Latein im großen Römischen Reich sehr wohl in regionalen Varietäten gesprochen wurde. Die gegenseitige Durchdringung von Latein mit Regionalsprachen hat dabei nicht diese Regionalsprachen zerstört, sondern das Latein in die romanischen Sprachen aufgesplittert und auch lateinische Wörter in anderen Sprachfamilien auf deren Art und Weise heimisch gemacht und damit tendenziell entlatinisiert. Kaum wer weiß dann noch vom lateinischen Ursprung.

Schlussfolgerung für hier und heute: Nicht die deutsche Sprache und andere sind durch die Dominanz des Englischen in nicht wenigen Lebensbereichen und das Eindringen von Anglizismen arg gefährdet, sondern das Englische selbst, weil es in immer mehr regionalen Varianten gesprochen wird und deshalb das Schicksal des Lateinischen erleiden könnte.

Aber noch nicht ganz zurück zum eigentlichen Thema jedoch auch zu anderen Beispielen:

Fragen wir einmal, was ist "Mumps"? Wikipedia sagt: "Mumps (Parotitis epidemica, Rubula infans, umgangssprachlich Ziegenpeter, Bauernwetzel, Tölpel oder Feifel) ist eine ansteckende Virusinfektion, welche die Speicheldrüsen und andere Organe befällt."

Und fragen wir noch, was sind "Pocken"? Wiederum bei Wikipedia nachgesehen, erfahren wir: "Mit Pocken oder Variola (auch Blattern; lateinisch variolae) bezeichnet man eine für den Menschen gefährliche Infektionskrankheit, die von Pockenviren (Orthopoxvirus variolae) verursacht wird. …Der Name "Pocken" kommt zum ersten Mal in einer angelsächsischen Handschrift aus dem 9. Jahrhundert am Ende eines Gebets vor: … geskyldath me wih de lathan Poccas and with ealleyfeln. Amen. ("… beschützt mich vor den scheußlichen Pocken und allem Übel. Amen.") Das Wort Pocken kommt aus dem Germanischen und bedeutet "Beutel", "Tasche", "Blase", "Blatter". Es ist mit den englisch pocket, pox, pocks und französisch poche verwandt. Die Bezeichnung variola (von lat. varius ‚bunt', ‚scheckig', ‚fleckig') wurde von Bischof Marius von Avenches (heute Schweiz) um 571 n. Chr. geprägt und soll im 11. Jahrhundert der Krankheit auch von dem Arzt und Übersetzer Constantinus Africanus gegeben worden sein."

So! – Mein alter Klassenlehrer hätte gefragt, was lernt uns das?

Ich sage, es lehrt uns Verschiedenes und das ist für unser Problem nicht unwichtig.

Für Krankheiten gibt es – durchaus im Unterschied zum Wortschatz der Digitalisierung – neben den fachsprachlich-wissenschaftlichen, meist lateinischen, zahlreiche alltagssprachliche, muttersprachliche oder von der Muttersprache aufgesogene Benennungen. Manchmal oder sogar meistens ist die alltagssprachliche Benennung vor der fachsprachlich-wissenschaftlichen in der Welt und dient als Quelle für diese.

Nun überprüfen wir mal, wieviele alltagssprachliche Benennungen wir für den Wortschatz der Digitalisierung finden. Mir fällt nicht viel ein: Rechner, kopieren, downloaden (!), löschen, mailen/schicken ???

Sicher gibt es noch ein paar mehr und Grenzfälle: Cybermobbing.

Worin ist der Unterschied zum medizinischen Wortschatz, vor allem zur Bezeichnung von Krankheiten oder auch zu vielen Wörtern des Weinbaus begründet?

Nun, die Eintragungen bei Wikipedia verraten es schon: Die Krankheiten sind seit langem bekannt, bekannt schon vor einer systematischen medizinischen, wissenschaftlich zu nennenden Beschäftigung damit. Das Volk hatte Gelegenheit und Zeit, seine Benennungen zu finden. Mit Beginn der wissenschaftlichen medizinischen Beschäftigung mit den Krankheiten setzte man sich sozial und systematisch davon ab, indem man Latein als Wissenschaftssprache favorisierte.

Beim Weinbau war es, wie schon erwähnt, umgekehrt. Die Sprachen hatten Zeit sich neben den lateinischen Benennung auch muttersprachliche zu bilden. Und: Wir sind nicht alle Weinbauern. Die Digitalisierung greift aber in unser aller Alltag ein. Das gilt ähnlich für Krankheiten.

Die Menschen hatten im Gegensatz zu Weinbau und Krankheiten mit ihrer Sprache im jetzt angebrochenen und in kurzer Zeit weit entwickelten "digitalen Zeitalter" schlicht keine Zeit dafür. Sie mussten annehmen und nach Bedarf in ihren Alltag einbauen, was die Wissenschaft, die Produktion und die systematische Anwendung digitaler Möglichkeiten in aller Schnelligkeit anboten.

Zum Tempo der Entwicklung: In meinem Kinderlexikon, Die Welt von A bis Z von 1953 finden sich keinerlei Hinweise auf Computer.

Im 20-bändigen dtv – Lexikon von 1967 findet man Computer unter K – Komputer – . Beschrieben wird er schlicht und einfach als "Rechenautomat". Dass es sich beim K/Computer um etwas Exotisches handelt wird unter dem Stichwort Rechenautomat klar. Es wird auf die Schreibung engl. Computer hingewiesen. Rechenautomaten gab es schon lange. Mit der heutigen Art der Digitalisierung hatten sie freilich nicht allzu viel zu tun. Das Lexikon bemerkt das auch zumindest implizit. " … ein meist elektrisches oder elektronisches Rechengerät auf Zifferngrundlage, mit dem umfangreiche Rechnungen nach einem von Fall zu Fall eingegebenen Programm selbsttätig ausgeführt werden. Datenverarbeitende Maschinen sind R. zum Verarbeiten sehr vieler Zahlen und anderer Informationen, hauptsächlich bei kaufmänn. und wirtschaftl. Rechnungen." Als Oberbegriff erscheint aber bereits "Informationsverarbeitende Maschinen" und "Informationswandler". (!)

Auch in der 3. Auflage des einbändigen "Lexikon A bis Z" des Bibliographischen Instituts Leipzig von 1981 wird man beim Stichwort "Computer" auf "Rechenautomat" verwiesen. Die Wortherkunft wird sowohl englisch als auch lateinisch angegeben. Unterschieden werden "Digital-, Analog- und Hybridrechner". Das Lexikon kennt auch schon Hardware und Software. Angegeben werden 3 Generationen von Rechnern, 1. solche mit Elektronenröhren und Magnettrommelspeichern, 2. solche mit Transistoren und Ferritkernspeichern und 3. jene mit hochintegrierter Mikromodultechnik. Manches dieser Wörter ist zumindest im Alltag schon wieder verschwunden, in einschlägigen Wortverzeichnissen nicht mehr oder nur in Bestandteilen enthalten.

Wikipedia verweist heute auf die erweiterten Einsatzmöglichkeiten über Rechnen hinaus, räumt aber ein, dass Computer vom inneren Prinzip her Rechenmaschinen geblieben sind: "Die frühen Computer wurden auch (Groß-)Rechner genannt; ihre Ein- und Ausgabe der Daten war zunächst auf Zahlen beschränkt. Zwar verstehen sich moderne Computer auf den Umgang mit weiteren Daten, beispielsweise mit Buchstaben und Tönen. Diese Daten werden jedoch innerhalb des Computers in Zahlen umgewandelt und als solche verarbeitet, weshalb ein Computer auch heute eine Rechenmaschine ist." Alltagssprachlich Rechner bleibt also eine legitime und sachadäquate Benennung.

Und noch etwas zum Tempo der Entwicklung: Meinen ersten Computer erwarb ich 1986, einen "Commodore plus 4". Das Schreibprogramm machte mich damals allen anderen, die so etwas noch nicht hatten, überlegen; wegen der Schnelligkeit, aber vor allem wegen der Korrekturmöglichkeiten. Aufwändige Streichungen, Korrekturlack und Ähnliches brauchte man nicht mehr. Allerdings war alles auf englische Orthografie abgestellt; kein ß, keine Umlaute. Der Computer hatte eine Betriebsanleitung, die war noch sehr gut verständlich. Erstens, weil die Technik noch nicht so ausuferte, und zweitens, weil Übersetzung und Anleitung sich wegen der geringen Fachlexik noch stärker an der Muttersprache orientieren konnten.

Es gelang mir damit eine Rennbahn zu programmieren, wo ein Punkt auf einer durch streichholzähnliche Stäbchen markierte Bahn, die immer kurviger und enger wurde, zum Ziel gebracht werden musste. Mein ebenfalls 1968 geborener jüngster Sohn spielte lange damit. Mir gelang mit diesem Computer außerdem die Umsetzung eines schon 1977 entwickelten Algorithmus zur Bestimmung von Wortbildungsarten des Deutschen, durchaus zum Erstaunen von Fachkolleginnen und -kollegen und zur Bereicherung des Unterrichts. (Vgl. DaF 14 (1977), S. 202ff.)

Sehr viel mehr Meriten erwarb ich mir aber mit diesem Teufelsding, weil man die Stundenpläne für Studierende, Lehrende und Unterrichtsräume nicht mehr drei Mal schreiben musste, sondern nur einmal, weil man sie ja je nach Bedarf und einmal auf Diskette gespeichert verändern konnte.

Das mag für den Wortschatz reichen. Ich will hier keine Vokabellernstunde bieten. Dafür gibt es einschlägige Lexika. Dazu nur noch so viel: Das Bedienungshandbuch 1986 war, wie gesagt, noch sehr verständlich. 1998 schenkte mir mein Sohn ein Wörterbuch "Cyber Sl@ng. Die Sprache des Internet von A bis Z". 2009 schenkte der inzwischen Bioinformatik studierende Sohn dem mittlerweile desorientierten Vater ein Web-Logbuch, "Blogging für DUMMIES. Irgendein Versandhaus versorgte mich vor etwa zwei Jahren mit einem Heftchen, "PC Wissen für Senioren". Alles half aber nichts. Seit kurzem besitze ich "Das große Computerlexikon – Fachbegriffe zu PC, Laptop, Tablet, Smartphone, Internet & Co. Die IT-Welt einfach und verständlich erklärt".

"Einfach und Verständlich" kann man freilich anzweifeln, weil die Fachwörter meist mit anderen Fachwörtern erklärt werden und man sich deshalb zum finalen Verständnis vieler Wörter erst durch das Lexikon winden muss. Das ist aber nicht Schuld der Verfasser, sondern der fehlenden Wortäquivalente in der Alltagssprache.

Große Möglichkeiten ergeben sich für Wörterbücher und Übersetzungen. Die Digitalisierung der Sprachdokumentation ist weit entwickelt und brachte viele Neuigkeiten, an die früher kaum zu denken war.

Die Bedeutungsangaben in Wörterbüchern sind Resultat der Analyse möglichst vieler Belege der Wortverwendung in Texten. Das war schon immer so, aber dabei sind Menschen natürliche Grenzen gesetzt, was die Menge des Beispielmaterials betrifft. Computer erweitern diese Grenzen fast in die Totalität von Belegen. Ein Beispiel dafür ist das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache.

"Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) ist ein Auskunftssystem für den Wortschatz der deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Die Informationen im DWDS – Wörterbücher, Textkorpora und Statistiken – werden auf der Webseite des Projektes (www.dwds.de) veröffentlicht und stehen der Öffentlichkeit kostenlos zu Verfügung. Die verschiedenen Informationsquellen werden laufend aktualisiert. Das Vorhaben verfolgt zwei Ziele. Erstens sollen die bereits verfügbaren lexikalischen Informationen aus den bisher erschienenen großen Wörterbüchern zusammengefasst und auf den neuesten Stand gebracht werden. Zweitens soll ein Auskunftssystem bereitgestellt werden, in dem eine verlässlich und wissenschaftlich fundierte lexikographische Beschreibung von Wörtern mit der Möglichkeit verbunden wird, die verschiedenen Verwendungsweisen eines Wortes in gut erschlossenen Textkorpora zu recherchieren. Das System ist flexibel erweiterbar, die Informationen können jederzeit und auf einfache Weise aktualisiert werden. Die Informationen sind für viele wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Zwecke nutzbar."

Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache nutzt als Grundlage also Wörterbücher, die an der Akademie der Wissenschaften der DDR entstanden sind wie z.B. Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache oder das Etymologische Wörterbuch des Deutschen sowie viele Texte aus Zeitungen, Publikationen und historischen wie aktuellen Textsammlungen. Es bietet auch akustisch Ausspracheinformationen, die früher nur in Lautschrift möglich waren.

In diesem Zusammenhang sind auch Mundartwörterbücher und -karten zu nennen, die nicht nur auf Mundartkarten lokalisierbare Aussprache von Mundartwörtern bieten, sondern auch die Bewegung von Dialekten in Raum und Zeit visuell und akustisch dokumentieren.

Also: "Der Digitalisierung der Sprachverwendung entspricht eine Digitalisierung ihrer Erforschung." (Lobin, S. 9)

Und wieder Lobin: "Seit mehr als einem halben Jahrhundert gibt es Versuche, Computern die Fähigkeit zu Sprachverstehen und Sprachproduktion, flüssigem Sprechen und sinnvoller Gesprächsführung zu implementieren. Aber erst vor kurzem haben diese Technologien in Gestalt von »Siri«, »Cortana«, »Google Home« und »Alexa« ihren Weg in den Alltagsgebrauch gefunden. Indem wir mit einer Maschine Gespräche führen, gewöhnen wir uns daran, Sprache auch als eine Schnittstelle zur Informationstechnologie zu sehen und Eigenschaften, die wir mit dem Cyberspace verbinden, auch diesem urmenschlichen Medium zuzuschreiben." (S. 8f)

Übersetzungen nicht nur von Wörtern, sondern auch von ganzen Textpassagen sind heute im Internet von vielen Anbietern zu bekommen. Die Übersetzungen sind meist gut und angemessen, obwohl es natürlich noch immer Schwierigkeiten mit vor allem emotionalen Konnotationen von Wörtern, Unterschieden in der Wortschatzstruktur der verschiedenen Sprachen (Wortfelder) und mit Synonymie und Mehrdeutigkeit gibt.

Um das nachzuvollziehen schreiben Sie sich einmal verschiedene Wörter für aufrechtes Fortbewegen mit Bodenhaftung – also gehen, schreiten, rasen, schleichen, schlendern usw. auf. Übersetzen Sie die Wörter mit Hilfe eines Deutsch-Englisch Dictionary ins Englische. Dann machen Sie eine Rückübersetzung wieder mit Hilfe eines nun Englisch-Deutsch Dictionary. Sie werden sich wundern wie die Dinge voneinander abweichen.

Zu Beginn waren die Versuche zur maschinellen Übersetzung von großen Problemen begleitet. Man folgte zunächst der Theorie der Generativen Grammatik von Noam Chomsky, die besagte, dass Sätze eine einzelsprachliche Oberflächenstruktur haben, die durch die Anwendung von Transformationsregeln auf eine Tiefenstruktur zurückzuführen ist.

Diese sei universell, sodass man durch Anwendung anderssprachiger Transformationsregeln eine Übersetzung bekommen könnte. Das war zu einfach gedacht, weil es vor allem die eigenen Regeln, die einen Text strukturieren sowie die Regeln der Monosemierung (aktuellen Bedeutung) von Wörtern im Text nicht berücksichtigte. Eine Einzelsprache auf universell gültige Logik zurückzuführen – das war der Versuch – muss scheitern, weil Sprachen weder in der Oberflächenstruktur noch in der Tiefenstruktur ungebrochen Regeln der Logik folgen.

So passierte es dann z.B., dass in einer Gebrauchsanweisung für einen Heimsyphon in der DDR das Wort "die Patrone" mit "der Patron" übersetzt wurde. Der Ratschlag, den Patron bei einem Ausflug mitzunehmen, weil das viel Freude bereiten würde, bekam dann einen eigenen Sinn. Auch der Hinweis, dass man bei einem Defekt, die Schraube A4 herausschrauben solle, "was ohnehin nicht geht, weil sie festgeschweißt ist", verweist auf große Probleme mit den Unterschieden zwischen Logik und Grammatik.

Ein Freund aus England, der kaum Deutsch konnte, schrieb mir einst, stolz darauf ein Übersetzungsprogramm zu nutzen, dass "seine Nonne geheiratet hat." Offensichtlich hatte die Maschine ein Problem mit der Synonymie von "Nonne" und "(Kloster-)Schwester".

Zumindest für Fach- und Sachtexte sind diese Probleme – wie gesagt – heute weitgehend ausgeräumt. Persönliche Mitteilungen mit individuellen Bedeutungsvarianten von Wörtern, Ausdruck von Emotionen und Ähnliches bleiben aber resistent gegenüber Übersetzungsprogrammen. Man kann natürlich mit Computern auch Literatur kreieren – darauf komme ich zum Schluss – ob ein Gedicht, mit dem Zufallsgenerator hervorgebracht, aber schon Kunst ist, sei dahingestellt.

Weit mehr Bedeutung hatte das Zurückführen von Ausdrücken natürlicher Sprachen auf logische Strukturen für die Entwicklung von Programmiersprachen. Das ist aber kaum ein linguistisches Problem. Ich werde mich damit hier nicht befassen.

Sprache existiert nicht nur als Wortschatz. In der Praxis tritt sie uns als komplexes Mittel der Kommunikation gegenüber und das meist in Texten. Texte haben Textelemente und Struktur, das heißt, sie haben Stil und wir können Textsorten unterscheiden. Sie haben Grammatikalität und Akzeptabilität.

Ein gutes Beispiel dafür, dass diese beiden Eigenschaften voneinander abweichen können, war der so genannte "Telegrammstil". Er lebte von maximaler morphologischer und syntaktischer Verkürzung bei Aufrechterhaltung der Verständlichkeit. Mit der modernen digitalen Nachrichtenübermittlung sind Telegramm und Telegrammstil verschwunden. Mein inzwischen als Bioinformatiker akademisch diplomierter 32-jähriger Sohn kann mit der Sache und dem Wort nichts anfangen. Andere Dinge haben sich aber auch verändert, sind neu aufgekommen oder verschwunden.

Gerade beim Telegrammstil zeigt sich jedoch schon, dass Akzeptabilität sehr viel schwieriger in Regeln zu fassen ist als Grammatikalität. Das hat Auswirkungen auf die Möglichkeiten digitaler Übersetzung.

Auch der Wechsel vom Du zum Sie in Übersetzungen aus dem Englischen oder Schwedischen ist nicht einfach zu programmieren. Er hat mit Grammatik im engeren Sinn nichts zu tun.

Ich komme zu 2. Texte und Textsorten

Täglich werden etwa 200 Milliarden e-mails verschickt und ca. 60 Milliarden Mal Whats App genutzt. Der Austausch in den sozialen Netzwerken ist dabei nicht berücksichtigt. facebook und twitter sind hierbei in der Welt führend. 90% der Deutschen sind online, 77% täglich (tagesschau 10.10. 2018). Menschen unter 35 doppelt so lang wie ältere. Diese Zahlen stiegen und steigen, wo es noch geht, mit rasender Geschwindigkeit. das ist die eigentliche Besonderheit.

Wikipedia sagt zu "Twitter, "ist ein Mikrobloggingdienst des Unternehmens Twitter Inc. Auf Twitter können angemeldete Nutzer telegrammartige Kurznachrichten verbreiten. Die Nachrichten werden "Tweets" (von englisch to tweet "zwitschern") genannt."

Wikipedia irrt wie nicht selten. Die "Kurznachrichten" sind zwar kurz, aber eben nicht telegrammartig. Auch bei der Zeichenbeschränkung von 140 Zeichen wurden die Nachrichten ausformuliert. Mittlerweile – jetzt hat Wikipedia wieder recht – wurden "angehängte Fotos und Videos sowie zitierte Tweets nicht mehr auf die Gesamtlänge des eigenen Beitrags angerechnet und verkürzen damit nicht mehr den verbleibenden Platz. Zudem startete das Unternehmen einen Test mit Nachrichten in der doppelten, zu der bisher möglichen Länge von nun 280 Zeichen. Definierte Nutzergruppen sollten diese Funktion in allen Sprachen testen, bis auf Japanisch, Chinesisch und Koreanisch. In diesen Sprachen würden ohnehin nur sehr kurze Nachrichten "getwittert"."

Letzteres hängt wohl mit dem Charakter der Sprachen und ihrer Verschriftlichung zusammen, in der Zeichen Silben repräsentieren, die als Lautstruktur Morphemen als minimale Bedeutungsträger zugeordnet werden. Es entstehen deshalb komplexe Schriftzeichen mit einer sehr komplexen Bedeutungsstruktur. Da macht die Beschränkung keinen Sinn. Es ist aber ein gutes Beispiel, wie umgekehrt zu unserem Thema, die Schriftstruktur einer Sprache die digital basierte Kommunikation beeinflusst.

Nach meiner Beobachtung wurden in der Frühzeit der Nutzung von facebook und twitter kurze Texte favorisiert. Mittlerweile sind bei facebook die Nachrichten, die eine danach folgende Diskussion initiieren, oft schon sehr lang. Pointierte Verkürzungen, die auch ein entwickeltes Sprachbewusstsein und Sprachwissen voraussetzen, werden seltener und eher twitter vorbehalten. Die Reaktionen/Kommentare bleiben aber auch bei facebook meist kurz. Man kann außerdem systematisiert mit Emojis und Emoticons antworten, also nonverbal seine Einstellung ausdrücken.

(Emoticons ?? Emojis = fertige kleine Bilder)

Bei den vorgegebenen Emojis gibt es bekanntlich die Möglichkeiten: gefällt mir (erhobener Daumen), Love (ein Herz), Haha (ein lachendes Gesicht), Wow (ein Gesicht, das durch Nachempfinden der Artikulation Staunen ausdrückt), Traurig (ein weinendes Gesicht), Wütend (ein durch Zorn verfärbtes Gesicht). Wer facebook nutzt kennt das.

Emojis und Emoticons werden meist verwendet, um die Kommunikation zu verkürzen, sich das Tippen zu ersparen oder weil sie eine besondere Emotionalität ausdrücken.

Das Streben nach möglichst kurzen Texten und zur Ersparnis von "Tipparbeit" hat zu einer Reihe von usuellen Abkürzungen geführt. Es handelt sich entweder um Initialwörter, dann weichen sie eigentlich von Gewohntem nicht ab, wenn man die meist englische Grundlage vernachlässigt. Wir kennen den LKW, den PKW, die NATO und EU. Das Internet bietet uns neuerdings z.B. MfG, lg, LOFL (lying on the floor laughing). Eine Besonderheit ist aber, dass man nicht mehr nur an der Schreibung ausgerichtet abkürzt, sondern ebenso am Lautlichen. Dazu werden meist englische Zahlen oder die englische Aussprache von Buchstaben für Konsonanten herangezogen. Beispiele: 4YEO (for your eyes only), 4U (for you), L2P (learn to play – bessere Dich), Y (why), n8 (night) usw.

Findet man bei E-Mail-Kommunikation eigentlich fast alle Textsorten wieder, die in schriftlichen Korrespondenzen üblich waren, so sticht doch hervor, dass die Möglichkeit, schriftlich die zeitliche Distanz zwischen Nachricht und Antwort zu minimieren, sehr viel dialogische Kommunikation hervorbringt, vor allem in Sachfragen oder zur Organisation von Arbeit.

Versuche, so etwas zu fördern, gab es aber schon seit langem. Es ähnelt der Rohrpost. Und Anke Fläming-Wieczorek berichtet in ihrem Buch "Die Briefe an Friedrich Justin Bertuch. Eine Studie zu kommunikativen, sprachlichen und sozialen Verhältnissen im klassischen Weimar." (1996) von der Möglichkeit, kurze Mitteilungen, Fragen, Hinweise und dergleichen per Boten auf kleine Zettel geschrieben, zu übermitteln und sofort darauf eine Antwort zu bekommen, die der Bote wieder bringt. Goethe hat davon regen Gebrauch gemacht.

Die in Wiesbaden angesiedelte "Gesellschaft für deutsche Sprache" hat, wie eingangs erwähnt, bei forsa eine Umfrage zu "Sprachliche Kommunikation in der digitalen Welt" in Auftrag gegeben, mit durchaus interessanten Ergebnissen. Veröffentlicht sind die Ergebnisse, wie ich schon eingangs bemerkte, in der Zeitschrift "Sprachpflege" 62 (2018), Heft 4 – 5, S. 168ff. Ich gestatte mir jetzt etwas ausführlicher zu zitieren:

"Im Rahmen der Untersuchung wurden insgesamt 2001, nach einem systematischen Zufallsverfahren ausgewählte, Internetnutzer im Alter von 14 bis 60 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland befragt. Die Erhebung wurde vom 8. bis 29. Januar 2018 mithilfe des repräsentativen Panels forsa.omninet durchgeführt." (168)

"Die Untersuchung zeigt, dass Messenger-Dienste, das Telefon sowie E-Mails diejenigen Kommunikationsformen sind, die am häufigsten genutzt werden. Zudem zeigen sich in den Kommunikationsgewohnheiten mitunter deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen. So nutzt bei den unter 35-Jährigen beispielsweise fast jeder Befragte fast täglich Messenger-Dienste wie WhatsApp, den Facebook-Messenger oder Threema, während Telefonate in dieser Altersgruppe seltener geführt werden. Die Befragten ab 35 Jahren nutzen noch deutlich häufiger als die jüngeren Befragten das Telefon."

Hier möchte ich einschieben, dass auch das Telefon neue Dinge und neue Wörter gebracht hat. Die Teile und die Technik des Telefons sind das eine: Hörer, Wählscheibe, Anschluss, früher das Fräulein, Tätigkeiten das andere: verbinden, anrufen sowie neue Phänomene: besetzt und Grußformeln: auf wiederhören.

Zurück aber zur Befragung der GfdS: "Während bei der Kommunikation mit den Eltern, Großeltern sowie den beruflichen Kontakten am ehesten das Telefon genutzt wird, haben die Messenger-Dienste bei der Kommunikation mit Freunden die größte Bedeutung. Mit ihrem Partner bzw. Geschwistern treten die Befragten in gleichem Maße über das Telefon bzw. Messenger-Dienste in Kontakt. Auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Während die Personen unter 25 Jahren mit verschiedenen Personengruppen häufig über Messenger-Dienste kommunizieren, hat das Telefon bei den älteren Befragten eine größere Bedeutung. …

Die Mehrheit in allen Bevölkerungsgruppen verwendet als Ergänzung zum geschriebenen Text meistens Emojis, wobei diese von Frauen und unter 35-Jährigen noch häufiger verwendet werden als von Männern und älteren Befragten. Emoticons werden seltener als Emojis … aber trotzdem von einer Mehrheit der Befragten zumindest ab und zu genutzt." (169)

"Fast die Hälfte der Befragten stört es sehr (11%) oder eher (35%) (in Summe also 46%, PP), dass viele Menschen durch die digitale Kommunikation auch im normalen Sprachgebrauch immer häufiger sogenannte Anglizismen nutzen, also z. B. Wörter wie Apps, posten oder User. Eine knappe Mehrheit stört sich weniger (33%) oder überhaupt nicht (21%) (in Summe also 54%, PP) daran. Diese Spaltung im Bereich der digitalen Kommunikation entspricht dem allgemeinen Trend, demnach 39 Prozent der deutschen Bevölkerung die Verwendung von englischen Ausdrücken stört und 40 Prozent nicht (Hoberg/Eichhoff-Cyrus/Schulz, Wie denken die Deutschen über ihre Muttersprache und über Fremdsprachen, 2008: 37).

Dass sie sich durch den häufigen Gebrauch von Anglizismen sehr oder etwas gestört fühlen, geben die über 45-Jährigen deutlich häufiger an als die jüngeren Befragten" (GfdS, 171)

Zur Ablehnung von Anglizismen habe ich schon gesprochen. Wir müssen die nicht in sonderlichem Maße pflegen. Wenn sie den "treffenden Ausdruck" befördern, sind sie durchaus angemessen. Dass sie mit den Dingen und Phänomenen kommen, werden wir kaum verhindern können. Frankreich ist da aber deutlich rigider, ob man es dort deshalb leichter hat mit der Digitalisierung, sei dahingestellt. Immerhin mauserten sich die Anglizismen zu Internationalismen. Für junge Menschen drückt die Verwendung von Anglizismen auch ein Lebensgefühl aus.

Wo sie nur der Angeberei dienen und vor allem in der Werbung dem Produkt eine besonders exklusive und exquisite, weltoffene Note geben sollen, dafür oft auch künstlich geschaffene Worte verwendet werden, sollten wir ihnen allerdings skeptisch begegnen.

Die Situation sieht derzeit etwa so aus: Im Netz waren "1997 … 80% der Inhalte in englischer Sprache geschrieben. Mit der Ausbreitung des Netzes in alle Länder der Erde änderte sich das jedoch deutlich: Deutsch war im Jahr 2002 die nach Englisch am meisten verwendete Sprache im Internet (gefolgt von Französisch, Japanisch Spanisch und Chinesisch)." (zukunftsinstitut.de)

Besonders interessant bei der GfdS ist die Frage nach der Orientierung an Rechtschreibnormen:

"Die große Mehrheit der Befragten in sämtlichen Bevölkerungsgruppen hält sich in ihren digitalen Textnachrichten an die gängigen Rechtschreibnormen und achtet u. a. auf einen grammatikalisch korrekten Satzbau oder auf die korrekte Setzung von Satzzeichen, wobei die unter 25-Jährigen jene Rechtschreibnormen etwas seltener beachten als die älteren Befragten. Damit bestätigt sich für die digitale Kommunikation, was allgemein gilt: Nach einer repräsentativen IDS-Umfrage aus dem Jahr 2009 halten über 90 Prozent der Befragten Sorgfalt beim Sprechen und Schreiben für wichtig (Eichinger et al., Aktuelle Spracheinstellungen in Deutschland, 2009: 44)."

"Dennoch glauben vier von fünf Befragten, dass die digitale Kommunikation die deutsche Schriftsprache negativ beeinflusst. Hierbei wird z. B. befürchtet, dass gängige Rechtschreibnormen weniger beachtet werden und sich das Sprachvermögen von Kindern und Jugendlichen verschlechtert. Gleichzeitig spricht sich eine deutliche Mehrheit dafür aus, dass Schüler im Schulunterricht lernen sollten, auch im Internet korrekt zu schreiben.

Der Trend zu einer zunehmend negativen Sicht auf den Einfluss der digitalen Kommunikation auf die (Schrift-) Sprache scheint in den letzten 10 Jahren und aufgrund der rasanten Digitalisierung der Kommunikation zugenommen zu haben. Im Jahre 2008 gaben die Deutschen als Gründe dafür, warum die deutsche Sprache immer mehr zu verkommen drohe, u. a. zu 48 Prozent an, dass beim Austausch von SMS-Mitteilungen oder E-Mails wenig auf eine gute Ausdrucksweise geachtet wird (Hoberg/Eichhoff-Cyrus/Schulz 2008: 11), als negativer Einfluss wurde zu 33 Prozent das Internet und andere Medien angegeben." (GfdS, 171ff)

Wohlgemerkt: Das sind Meinungen und Absichten hinsichtlich der Auswirkungen digitaler Kommunikation auf die Sprachverwendung. Die Konfrontation mit umfassenden systematischen und statistisch validen Untersuchungen zur Wirklichkeit der Texte ist weit verstreut. Es gibt aber auch aktuelle Versuche der Zusammenfassung. Oft bleiben es Beobachtungen und Vermutungen stark an solcher Kommunikation beteiligter Linguisten. Da ist viel dran. Ich biete Ihnen jetzt eigene Beobachtungen und Vermutungen, die weder Vollständigkeit noch ausreichende Gewichtung beanspruchen, wohl aber zur Schärfe Ihrer eigenen Beobachtungen beitragen könnten. Ich konzentriere mich zunächst auf Fehlerquellen, die der Digitalisierung der Textproduktion geschuldet sein können. Aber die Fehler von Heute können die Regeln von Morgen sein. Da ist vor allem die Substantivdeklination in Frage gestellt (… von Polizist gestellt …)

1. Gerade in den Messenger-Diensten, in sozialen Netzwerken wie facebook und twitter, in denen oft sehr spontan und aktuell dialogorientiert kommuniziert wird, häufen sich Fehler, die meist, aber nicht immer als "Tippfehler" zu qualifizieren sind. Im Unterschied zu e-mails, die häufig eher Briefcharakter haben, werden hier die übermittelten Texte nicht so sehr auf sprachlich-orthographische Richtigkeit kontrolliert.

2. Störend ist die Häufung von sprachlichen Fehlern in den Printmedien. Sie haben vordergründig gar nichts mit digitaler Kommunikation zu tun, weil sie sich äußerlich nicht von den traditionellen Zeitungen unterscheiden, also analog angelegt sind. Sie werden aber digital produziert. Das heißt, heute schreiben Journalistinnen und Journalisten ihre Texte mit dem Computer. Die Texte werden dann nach Prüfung in der Redaktion direkt zum Druck geleitet. Macht der Journalist oder die Journalistin einen Fehler und man bemerkt ihn auch in der Redaktion nicht, so geht der Fehler in den Text des Druckes ein. Früher gab es einen längeren Weg vom Textautor/von der Textautorin zum Druck. Die Journalistinnen und Journalisten schrieben ihre Beiträge auf Maschine, brachten ihn dann in die Redaktion, dort wurde er gegengelesen, dann an die Druckerei weitergeleitet, gesetzt und gedruckt. Es gab auf diesem Weg professionelle Korrektoren, die vor Fehlern bewahrten. Die sind heute wohl abgeschafft.

3. Sowohl in den Fällen 1. als auch 2. verselbständigt sich der Computer oft. Für die Textproduktion gibt es Korrekturprogramme. Diese akzeptieren manche Wörter nicht und ersetzen sie durch andere, dem Computer bekannte. Man bemerkt das manchmal nicht. Das Resultat sind sinnentstellte oder sinnveränderte Texte, die Empfängern Kopfzerbrechen bereiten.

Ein Beispiel: Meine Frau heißt "Regine". In SMS-Texten korrigierte die Maschine diesen Namen lange auf "Regime". Ein guter Witz des i-phones auf Kosten des Familienfriedens.

4. Es gibt Fallen, die außerhalb der Digitalisierung aufgestellt wurden, durch die Benutzung von Computern aber richtig zutage treten. Die Orthographiereform sollte Rechtschreibung vereinfachen. Bei der Unterscheidung der Konjunktion "dass" vom Artikel oder dem Pronomen "das" hat sie uns einen Bärendienst erwiesen. Sie kommt schriftlich sehr viel häufiger vor, als bei der alten Regel. Die Verwechslung bzw. Nichtbeachtung bei der Schreibung ist durch den Wegfall von "ß" leichter geworden. Im Grunde hat das alles nichts mit Digitalisierung zu tun. Die Digitalisierung liefert aber eine bequeme, nur manchmal legitime Ausrede: "Da hat der Rechner das zweite "s" ausgelassen oder zweimal geschrieben." Früher hat man in solchen Fällen aus Unwissenheit einfach die falsche Taste gedrückt. Die Schweizer haben das Problem seit Langem gelöst. Mit der Schreibmaschine haben sie das ß einfach abgeschafft.

5. Häufiger als z.B. in förmlichen Briefen tritt in den sozialen Netzen der Dialekt in geschriebener Sprache auf. Dialekt oder hier noch besser Mundart kennt eigentlich keine normierte Verschriftlichung. Schreibt man Mundart, so geht das "nach Gehör". Die gelegentliche Verwendung von Dialekt in schriftlichen Texten folgt aber keiner orthographischen oder grammatischen Unsicherheit. Sie verbessert die Ausdrucksfähigkeit. Gerade in emotionalen Dingen bietet der Dialekt oft mehr und bessere Ausdrucksmöglichkeiten. Ist die Kommunikation weitgehend informell, so "entspannt" Dialekt Ausdrucksschwierigkeiten, die man im Standard hätte.

6. Gerade in sozialen Netzen wird die Kommunikation oft als nicht formell, nicht offiziell und als zwischen sozial symmetrischen Partnerinnen und Partnern aufgefasst. Das macht das "Du" in der Anrede zum Normalfall, auch bei einander nicht bekannten Personen. Nur selten bestehen Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem "Sie", meist dann, wenn sie sich, in einer konfliktären Beziehung sehen. Hier gibt es noch ein Problem: Die Kommunikation ist zwar dialogisch und tendenziell symmetrisch, aber nicht real face to face. Das ermuntert zu oft in Auseinandersetzungen zu vulgären, sexistischen und Hassposts. Dafür gibt es wenig Sanktionsmöglichkeiten. Weil außerdem de facto alle sozialen Schichten, Milieus und Gruppen beteiligt werden, werden auch alle Stilschichten von gehoben bis vulgär realisiert. Scheu geht verloren.

7. Das Internet bzw. das world wide web (www) ist zum Tummelfeld der Präsentationen, Newsletters und ausführlicher Werbung, der so genannten Webseiten geworden. Keine Partei, keine Initiative, kein Verein, keine Firma, die etwas auf sich halten, können heute noch auf die eigenen Webseiten verzichten. Dort gibt es dann ausführliche Informationen über Inhalte, Produkte und Personen sowie Angebote zur Kontaktaufnahme. Werbung im herkömmlichen Sinn mit kurzen Losungen und Bildern ist dort nicht typisch. Eher ist eine Verwandtschaft mit Prospekten zu erkennen.

8. Ähnliches gilt für den E-Mail-Verkehr und seine Nutzung für Petitionen oder mit Kritik an überwiegend politischen Verhältnissen verbundenen Aufrufen zu Demonstrationen. Ist man erst einmal in den einschlägigen Netzen wie z.B. Change.org oder campact oder SumOfUs bekannt, bekommt man fast jeden Tag eine Aufforderung, eine Petition zu unterschreiben. Die Textsorte Petition hat dadurch neue Impulse und professionellen Einfluss auf ihre sprachliche Gestaltung gewonnen. Petitionen und Aufrufe haben ihre Reichweite um ein Vielfaches vergrößert.

Privatpersonen präsentieren sich ähnlich wie in 7. und 8. in ihren Blogs.

9. Eine Besonderheit gibt es bei e-mails: die Aufforderung vor dem Text, den man schreibt, ein Betreff einzugeben. Das zwingt zur Konzentration auf den inhaltlichen Kern oder zur Preisgabe der Absicht. (Vgl. Crystal, S. 95) Das steuert die Aufmerksamkeit des Empfängers und beeinflusst sehr zeitig die Entscheidung, ob man den nachfolgenden Text überhaupt liest und wie man damit umgeht. (Ebenda, S. 97)

10. Was Zeitungen betrifft, hat die Digitalisierung noch weitere Folgen: Eine Untersuchung in den USA (vgl. mdr-aktuell vorige Woche) hat hervorgebracht, dass die Auflagen der gedruckten Zeitungen radikal sinken. Zeitungen, die früher eine Auflage von täglich um die zwei Millionen hatten, sind auf 200.000 gesunken. Dafür gibt es heute online-Ausgaben. Alles hat zur Folge, dass in den Printausgaben kaum noch aktuelle Nachrichten erscheinen. Es wird umgestiegen auf schöngeistige, auf unterhaltsame Texte, auf Ratgeber und Ähnliches. Die digitale Ausgabe bedient das Aktuelle. Weil es aber um Schnelligkeit geht, sind kaum noch tiefergehende Recherchen möglich. Das Geschäft braucht die schnelle Nachricht, auch wenn sie nicht ausreichend gesichert und sehr oberflächlich ist. Das Ganze betrifft aber nicht die Sprache selbst, wohl aber die "Fundstellen" für Textsorten und damit auch die wechselnden Zielgruppen für Print- und online-Ausgaben einer Zeitung.

Neuerdings, mit Lobin habe ich eingangs darauf hingewiesen, gibt es Computer, die sich dialogisch verhalten können. Diese Dialogfähigkeit verblüfft zwar, ist aber nicht grenzenlos wie bei Menschen, sondern immer noch abhängig von der Programmierung. Vor allem in der Werbung entfalten aber solche "digitalen Fähigkeiten" ihren Wert bei der Beantwortung von Kundenfragen.

Vorige Woche wurde ich beim Versuch einer Störungsmeldung bei Telekom von einer menschlichen Stimme abgefragt und musste sprechend antworten. Es funktionierte einwandfrei. Als mir aber beim Hinweis, dass ich mit etwa 60 Minuten Wartezeit rechnen müsste, ein "ach du Scheisse" entfuhr, gab es keine Reaktion, und es gab auch keine Möglichkeit mit der offensichtlich bedingt dialogfähigen Maschine in ein Gespräch über die unzumutbare Wartezeit überzugehen.

Wir alle nutzen im Auto die sogenannten Navis. Eine wunderbare Hilfe zur Orientierung und Zielführung. Die Informationen, die das Navi gibt, sind sprechsprachlich. Ein Dialog ist aber nur im weitesten Sinn möglich über die Pfade der Kommunikation, die das Navi bereit hält. Es gibt vorgesehene "Fragen", die man anklicken oder ebenfalls sprechsprachlich eingeben kann. Darauf gibt es dann "programmgemäße" Antworten. Allerdings sind beim Navi eine Reihe von Computern miteinander vernetzt, die untereinander kommunizieren.

Da ein Großteil unseres Bewusstseins mit Sprache verbunden und im Gehirn in dieser Verbindung gespeichert ist, setzte die identische Kopie von Sprach- und Sprechfähigkeit auf einem Computer eine derzeit unerreichbare Speicherfähigkeit voraus. Die vollständige Kopie eines einzelnen menschlichen Gehirns bräuchte einen Speicherplatz von einem Zettabyte, was der heute weltweit insgesamt gespeicherten Informationsmenge entspricht. (Vgl. Martin Koch, Bewusstsein ohne Gehirn. In nd, 15./16.September 2018, S. 25) Ein Zettabyte ist eine Maßeinheit für Speicherkapazität und steht für 10 hoch 21 Bytes. Das sind Sextillionen Bytes oder in Zahlen eine Eins mit 21 Nullen. (1.000.000.000.000.000.000.000)

Dennoch: Menschen schrecken vor nichts zurück und ich komme am Schluss meiner Ausführungen zu

3. Zusammenhänge zwischen literarischen Kunstwerken, also dem, was manche Schöne Literatur nennen, und der Digitalisierung.

Man könnte sich dabei schon ziemlich lange aufhalten. Schöne Literatur ist ein besonderer Umgang mit Sprache und warum sollte die Digitalisierung davor Halt machen? Ich möchte nur aufzählend, unterschiedliche Möglichkeiten dafür nennen.

Erstens wäre Literatur zu nennen, in der die Auswirkungen von Digitalisierung, tatsächliche und noch fiktive verarbeitet werden. Da gibt es fast schon unendlich viele Science-Ficton Romane sehr unterschiedlicher literarischer Qualität. Vielleicht bekanntestes, aber schon leicht veraltetes Muster: Perry Rhodan als unendliche Geschichte in kleinen Heftchen und Büchern sowie Raumschiff Enterprise als Fernsehserie.

In solchen Romanen und Serien tobt sich alles aus, was mit Computern, automatisierten Waffen, Robotern und Künstlicher Intelligenz auch nur ausdenkbar scheint. Sie haben mittlerweile Kultstatus, was genau den beabsichtigten kommerziellen Erfolg sichert.

Man kann jedoch auch andere einschlägige Literatur mit durchaus gesellschaftskritischem Anspruch finden. Hier sei exemplarisch genannte:

Marc-Uwe Kling, Qualityland, Berlin 2017.

Das ist ein Roman, klassisch erzählend und in zwei Versionen durchsetzt mit fiktiv-journalistischen Texten, in dem leibhaftige Menschen und leibhaftige Roboter um politische Macht konkurrieren. Menschen werden von Computern in Kasten eingeteilt, je nach ihrer Leistungsfähigkeit und nach ihrem Wert für die Gesellschaft. Sie sind damit einem allmächtigen Algorithmus ausgesetzt, der sie mit jenen Dingen versorgt, die ihnen je nach Kaste zukommen und von ihnen auch gewünscht werden, bevor sie diese überhaupt denken und sich vorstellen können. Der Roman ist eine bedrückende Vision einer nahen, "durchdigitalisierten und -ökonomisierten Welt, in der Androiden den Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen und eine, in der es keine Zufälle mehr gibt, … Protagonist Peter lebt in Qualityland, einer geschichtsvergessenen Version Deutschlands, wo "Hitler – das Musical" aufgeführt wird, rassistische Parteien auf dem Vormarsch sind und das Einkommen darüber bestimmt, welche ärztliche Versorgung einem zusteht. (spiegel.de)

Zweitens kennen wir alle die E-Books. Diese ermöglichen immerhin eine ganze Bibliothek auf Reisen mitzunehmen, ohne das Gewicht des Reisegepäcks in relevanter Weise zu steigern. Ich will nicht kulturpessimistisch auftreten, schade wäre aber doch, wenn durch E-Books das bisher gewohnte Buch als Gemeinschaftskunstwerk von Literatur, Buchdruck und Buchbindekunst ganz verloren ginge. Was wäre ein gemütlicher Wohnraum ohne Bücherwand oder diese gar durch eine Tapete ersetzt. IKEA hat das Billy-Regal bereits wegen Mangels von Büchern eingestellt.

Scheint aber doch nicht so schlimm zu sein. Erst letzten Sonntag (7.10. 2018) war in Bild am Sonntag auf Seite 33 zu lesen, dass laut Bitkom Research 80% der Bundesbürger zumindest noch gelegentlich in Büchern stöbern. Die Buchhandlungen sind ja auch voll von gedrucktem und gebundenem Lesestoff. Nur 25% lesen auch mit Hilfe elektronischer Geräte. Die Buchbörsen in Frankfurt am Main und Leipzig florieren. Ein Paradoxon besteht: die Leserzahlen sinken, mehr Bücher kommen auf den Markt.

E-Books ermöglichen aber auch noch etwas anderes, an das kaum wer denkt – die Erfassung von Nutzerdaten. Dies kann das Schreiben beeinflussen. Es entsteht "marktgerechte" Literatur, ausgerichtet an identifizierbaren Nutzergruppen. —— eigentlich eine ebenfalls kulturpessimistische Vorstellung für literarisch-künstlerisch interessierte Leserinnen und Leser – eine hoffnungsvolle Vision für Verlage und Buchhändler.

Da muss man sich wohl wehren

Ich komme zu Drittens. Dazu lese ich zunächst ein Gedicht vor:

"drumherum"

"um alle themen herum um bäume im feld herum um chemnitz herum um deutschland und bayern herum um europa herum"

Der Autor ist Hannes Bajohr, Autor und Sprachphilosoph. Er nennt den Ausgangspunkt für solch ein literarisches Produkt, "Sprechen mit Maschinen". Bajohr hat die Bundestags- und Bundesratsprotokolle von zehn Jahren digital nach der Phrase "um … herum" durchforstet, manuell und nach eigener Zielstellung welche ausgewählt und alphabetisch geordnet. Er ist Autor, freilich auch der Computer ist es. (vgl. Hannes Bajohr, Halbzeug.Textverarbeitung, Berlin 2018)

Ähnliches passiert, wenn Wortdateien, Tagebücher, Notizbücher und die Werke von Autoren durchforstet werden, um daraus ein nie stattgefundenes Interview mit dem Autor oder der Autorin zu schaffen. (vgl. Clemens Setz, Bot. Gespräche ohne Autor, Berlin 2018)

Am 9.10.2018 berichtete mdr-aktuell anlässlich der Buchmesseeröffnung in Frankfurt am Main von einem Verlag, der Software zur Beurteilung von Romanmanuskripten verwendet. Die Basis dafür ist ein großer Bestand von Sätzen, die für ihre Tauglichkeit in Romanen mit + / – / 0 markiert sind, und deren Auftauchen in den eingesandten Manuskripten per Computer kontrolliert wird. Die Sache ist höchst problematisch. Sie beurteilt Romane nach der Vorhersagbarkeit von Wiederholungen. Vorhersagbarkeit ist jedoch ein Kriterium von Kitsch.

Es gibt "Twitter Fiction Festivals". Da treffen sich Schreibwütige und professionelle Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die ihre Ideen austauschen; in Form von peu á peu übermittelten twitters, verknüpft mit Zitaten und Zwischenbemerkungen.

Am 8.10. 2018 berichtete Brisant über eine Veranstaltung in Hamburg, wo Schauspielerinnen und Schauspieler 32 Minuten lang Hassposts an Politiker und Politikerinnen verlasen. Der Hass wurde durch die Verfremdung des Verlesens noch sehr viel deutlicher.

So wird in experimenteller Versuchsanordnung Literatur geschaffen, die sehr viel über ihre Gegenwart erzählt. Das Internet ist Quelle und die Programme sind Instrumente des Schreibens. (Vgl. ausführlich Jonas Engelmann, das Verdauen von Textbergen. Über Literatur im Angesicht von Internet und künstlicher Intelligenz. In: Neues Deutschland, 22./23. September 2018, S. 23).

Viertens muss man noch erwähnen, dass literarische Experimente wie der Dadaismus, die konkrete Poesie oder die Oulipo Literatur (L' Ouvoir de Littérature Potentielle/Werkstatt für potentielle Literatur), die schon vor der Nutzung des Computers entstanden sind, großen Nutzen für sich aus der Computertechnik ziehen konnten. Dadaismus und Konkrete Poesie leben von der Umsetzung der lautlichen Eigenschaften von Sprache und in ihr aufgegriffenen Themen in das Artifizielle. Da kann der Computer mit seinem Zugriff auf Aussprachebeispiele im Standard und in den Dialekten sehr hilfreich sein.

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie der französische Autor Georges Perec, ohne Hilfe eines Computers 1969 seinen leipogrammatischen Roman La Disparition geschrieben hat, der auf seinen knapp 400 Seiten ohne ein einziges Wort mit dem Buchstaben "e" auskommt. Noch abenteuerlicher erscheint, dass Eugen Helmlé 1986 die Übersetzung ins Deutsche offensichtlich auch ohne ein Wort mit "e" schaffte. In den eigenen Werken, Im Nachtzug nach Lyon, Berlin 1993, und Knall und Fall in Lyon, Berlin 1995, gelang ihm der Verzicht auf die Buchstaben "r" und "e".

Leipogrammatische Literatur ist eben diese Literatur, in der Buchstaben vermieden werden, sie hat eine lange Tradition. Z.B. die Ilias des Nestor von Laranda aus dem 2. Jhdt. nach Chr.), in der in jedem Gesang auf einen Buchstaben verzichtet wird.

Eines will ich aber noch deutlich sagen: Haben sie keine Angst vor sprachlichen Neuerungen. Sie gehören untrennbar zur Sprache, sonst würde sie nicht funktionieren. Untrennbar gehört zur Sprache aber auch das Tradierte. Sprache verträgt keine plötzlichen Brüche und sie lässt auch keine zu, weil die Sprachgemeinschaft zwar in Gruppen mit ihren Soziolekten und Dialekten aufgespalten ist, was immer wieder zu Verständnisschwierigkeiten bis zum Nicht-Verstehen führen kann. Insgesamt funktioniert die Sprachgemeinschaft jedoch ebenso als Ganzes die das Neue oder Andere immer wieder ihrem System anpasst, sich gefügig macht. Natürlich ist dabei Sprachkritik ein permanent wichtiger Faktor – allerdings sine ira et studio. Nur so gelingt es, mit Sprache dem Gestern, Heute und Morgen gleichzeitig gerecht zu werden.

Es gibt den Weltmädchentag. Man sollte schon darüber nachdenken, wie groß die Aufregung über Versuche feministischen Genderns in der Sprache ist, obwohl es eigentlich nur wenige Änderungen und meist sogar nur die häufigere Nutzung vorhandener sprachlicher Möglichkeiten betrifft. Im Vergleich dazu richtet die Digitalisierung unendlich mehr Neuerungen an. Man lernt sie brav und fragt nur zaghaft, ob sie denn unsere Sprache verändern würden. Zugleich pflegt man aber das Stereotyp, dass Mädchen und Frauen weniger gut mit der Digitalisierung zurecht kommen als Männer und beschießt Frauen im Netz mit sexistischer Sprache

Veränderungen, durch die sprachlich Früheres unverständlich wird, brauchen eine sehr lange Zeit und viele Generationen von Sprecherinnen und Sprechern. Fach- und Sondersprachen muss man hinterfragen, wenn man sie braucht, ansonsten kann man sie getrost den Fachleuten und Sonderlingen überlassen. Je weniger man diese stört, desto weniger Einfluss werden sie auf die Sprache als Ganzes gewinnen. Hier hat allerdings die Digitalisierung – wie erwähnt – eine Sonderstellung. Wir brauchen sie, weil sie in alle Lebensbereiche eindringt. Das geht jedoch so schnell, dass wir sie im Alltag nur schwer sprachlich gefügig machen können.

Bleiben wir ruhig, aber nicht sorglos. Dazu noch zwei Zitate:

"Die zunehmende digitale Kommunikation hat positive Einflüsse auf die deutsche Sprache. Dies zeigt eine im Auftrag des Wissenschaftsjahres 2014 – Die digitale Gesellschaft durchgeführten repräsentativen Expertenumfrage unter Sprachwissenschaftlern. Insbesondere der Wortschatz werde durch die vermehrte Nutzung digitaler Medien reicher, meint die Mehrheit der 100 befragten Linguisten (44%)." (wissenschaftsjahr.de) und

"Fazit ist: Derzeit ist die deutsche Sprache entgegen aller Unkenrufe nicht in Gefahr. Auch im digitalen Raum und im Umgang mit der Technologie wird sie derzeit noch nicht vom Englischen verdrängt. Aber das kann sich sehr schnell ändern, wenn die Technologie in Kürze die menschliche Sprache beherrscht. Durch Fortschritte in der automatischen Übersetzung wird die Sprachtechnologie zur Überwindung der Sprachbarrieren beitragen, aber sie wird nur diejenigen Sprachen verbinden, die in der digitalen Welt überlebt haben. Wo sie vorhanden ist, kann die Sprachtechnologie auch kleineren Sprachen den Weiterbestand sichern – wo sie fehlt, kann selbst eine große Sprache unter Druck geraten." (meta-net.eu) Das galt/gilt aber genauso für die Verschriftlichung von Sprachen

Dabei will ich es jetzt bewenden lassen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit und ich habe hoffentlich noch genug Zeit für die Diskussion gerettet.